Alles

 

Sie spürte seine Anwesenheit, noch ehe sie sich umdrehte. Und sie zögerte, bevor sie es tat. Ein Teil von ihr betete, es wäre nicht er. Jeder, nur nicht er. Ein anderer Vampir, einer, bei dem sie ihrem ersten Impuls nachgeben, einen Pfahl zücken und zustoßen durfte, ohne auch nur sein Gesicht zu sehen. Ein namenloses Häufchen Asche.

Er war es. Er schob sich durch die tanzende, sinnlos lachende Menge hindurch, als gehöre er dazu. Als habe er ein Recht hier zu sein.

Vor ihr blieb er stehen. Keiner von beiden lächelte.

"Was willst du?"

"Tanzen." Seine Hand grub sich in ihre Schulter, aber sie wußten beide, wer die Stärkere von ihnen war. Er konnte sie nicht zwingen, zu nichts. Und er versuchte es nicht einmal.

Alles wäre so einfach gewesen, wenn er es versucht hätte. Warum machte er es ihr so schwer?

"Willst du, Jägerin? Tanzen?"

Tanzen. Alles, was wir je getan haben.

Als ob es so einfach wäre. Als ob es sich darauf reduzieren ließe. Brüderchen komm tanz mit mir, einmal hin, einmal her, Ringelreihen hoppsassa. Du mit mir und ich mit dir. Du und ich, vor und zurück, und immer im Kreis. Das Leben. - Als ob. Nie.

Sie hielt ihm die Hand hin, er machte ein paar Schritte rückwärts und zog sie dabei hinter sich her auf die Tanzfläche, ehe er sie in den Arm nahm, sie an sich zog und sie beide sich im Takt der Musik zu wiegen begannen wie all die anderen Paare um sie. Wie ein ganz normales Pärchen.

Sie spürte, wie ihre Kraft sie verließ. Ihr Kopf sank wie von selbst nach vorn, gegen seine Schulter, gegen den unverwüstlichen schwarzen Mantel; sie roch den Duft von Leder, Zigaretten und - etwas anderem, das er war. Nur er. Seine Hände glitten über ihren Körper, drückten sie gegen seinen; er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, und ihr Herzschlag ging schneller. Die Finger ihrer rechten Hand wühlten sich in seine weißblonden Strähnen, ehe sie gemächlich abwärts wanderten; sie bohrte ihre Fingernägel in seinen Nacken. Er hob den Kopf und sah sie an. Seine Lippen leicht geöffnet, seine Pupillen geweitet und funkelnd, und sie küßte ihn. Hart und wütend, ihre Zunge brach sich fast gewaltsam Bahn in seinen Mund. Seine linke Hand glitt abwärts, über ihren Hintern, ihre Hüfte, strich an ihrem Schenkel entlang, preßte sie an sich. Sie konnte die harte Ausbuchtung in seinen Jeans spüren, die gegen ihren Bauch drückte. Als sie den Kuß abbrach und mit fieberfeuchten Fingern den Saum ihre Rocks so unauffällig wie möglich raffte, keuchte sie. Er nahm das Angebot an ohne zu fragen; seine Finger massierten ihren Oberschenkel, sie hob ihr Bein an und rieb sich an ihm, drückte sich an ihn, enger an das, was sie unter dem rauhen Jeansstoff spürte. Seine Finger schoben sich zwischen ihre Haut und den Stoff ihres Slips, und sie keuchte.

Abrupt packte sie beide seiner Hände und zog ihn mit sich, zwischen den auf und ab hopsenden Menschen auf der Tanzfläche hindurch. Sie rempelte einige an, stieß andere ungeduldig zur Seite, aber sie sah sie kaum. Sie warf sich fast gegen die Tür, um sie zu öffnen.

Draußen war es stockfinster. Die Luft war kühl, klar und so dünn, daß Buffy glaubte, an ihr ersticken zu müsen. Sie preßte ihre Lippen erneut gegen Spikes, schlang die Arme um seinen Nacken und umklammerte seine Hüften mit beiden Beinen. Er hielt sie, trug sie, bis sie spürte, wie er sie auf irgendetwas absetzte, um neuerlich ihren Rock über die Hüften emporschieben zu können. Sie zerrte an seinem Mantel, bis er endlich über seine Schultern zu Boden glitt, streifte ihm dann das schwarze T-Shirt über den Kopf. Ihre Finger gruben sich in seine Schultern, seine Arme, seinen Rücken, alles an ihm war so dünn, so schlank, so sehnig, als ob ein Monster so aussehen dürfte, auch er keuchte jetzt, er, der nicht einmal atmete, daß er es überhaupt wagte, er hatte gar kein Recht dazu. Seine Finger knöpften hastig ihre Bluse auf, schoben den BH zur Seite, er stülpte die Lippen über die Spitze ihrer Brust. Buffy warf den Kopf in den Nacken, durchwühlte mit der einen Hand sein Haar und ließ die andere zwischen seine Beine gleiten. Sie hörte ihn ächzen, als sie sich an seinem Reißverschluß zu schaffen machte. Er ließ sie los, drückte sie sanft ein wenig nach hinten, weiter zurück auf das Ding, auf dem sie saß - einer der Müllcontainer des Bronze war es wohl - und Buffy hörte, wie der Baumwollstoff ihres Slips unter einer ungeduldigen leichenkalten Hand zerriß.

Und dann war er in ihr, und die Welt hörte auf sich zu drehen.

Er bewegte sich langsam, über sie gebeugt, beide Hände neben Buffys Kopf auf den Deckel der Mülltonne gestemmt, die bei jedem seiner Stöße blechern widerhallte. Ihre Augen bohrten sich ineinander. Ein kaum sichtbares, triumphierendes Lächeln lag um seine Lippen, und Buffy konnte seine Gedanken mit Hände greifen.

Mein.

Ohne Vorwarnung bäumte sie sich auf, warf sich und ihn herum. Er keuchte überrascht auf, tat aber nichts, um sie aufzuhalten. Gemeinsam, noch immer verbunden, fielen sie, prallten hart auf den Asphalt. Die Tonne kippte und schepperte neben ihnen zu Boden.

Sie saß auf ihm, kniete über seinen Hüften und sah ihm in die Augen. Sein Lächeln war verschwunden. Gemächlich bewegte sie ihr Becken, zufrieden damit, ihn stöhnen zu hören. Sie nahm ihn tief in sich auf, massierte seinen Schaft mit ihren inneren Muskeln, molk ihn. Er griff mit beiden Händen nach ihren Brüsten, packte sie, knetete sie beinahe grob. Noch immer starrten sie einander in die Augen, aber jetzt wurde sein Blick starr und verschwommen zugleich; als Buffy den Rhythmus steigerte, sank sein Kopf in den Nacken, und er schloß die Augen zu schmalen Schlitzen. Seine kalten Hände wanderten ziellos über den Körper der Frau, die ihn ritt, Haar, Brüste, Nacken, Rücken, zuviel Haut, zuviel Wärme, zuviel Hitze, die es zu berühren, zu erkunden galt, und Buffy hörte sich keuchen vor Genugtuung darüber, daß sie dieses unverschämte, dieses siegessichere Grinsen aus seinem Gesicht weggewischt hatte. Sie wollte es ihm sagen, mit jeder Bewegung, jedem neuen Stoß, jedem neuen Schauder, der durch ihren Körper lief.

Daß sie ihn haßte.

Sie wollte ihm sagen, wie sehr sie ihn haßte dafür, daß er das - DAS - mit ihr tun konnte. Dafür, daß er sie so handeln, so fühlen machen konnte. Daß er in ihr sein konnte auf eine ganz andere Art als nur körperlich. Daß er sie erniedrigen konnte und verletzen, und daß er es wagte, durch alle Masken, hinter denen sie sich verbarg, hindurchzuschauen und das, was in ihr war und was zu sehen niemand ein Recht hatte, ans Licht zu zerren. Sie wollte ihn schlagen, sie wollte ihn pfählen, sie wollte ihn in die Sonne stoßen und ihn brennen sehen dafür.

Daß er es wagte. Monster. Kreatur. Daß er es wagte, ihr so nahe zu kommen.

Und dann öffnete er die Lider und sah sie keuchend an aus Augen, die vor Sehnsucht und Begierde schwarz waren. Abgrundtief ehrliche Augen, Augen, die bettelten, die nichts zurückhielten, hinter denen alles offen lag, was es zu sehen gab, und die für den Moment keinen Stolz, keine Angst und keine Scham mehr kannten. Nur ein unausgesprochenes Flehen.

Deine Entscheidung, Jägerin. Du hast den Pflock in der Hand; stoß zu oder nicht. Du weißt genau, daß ich längst aufgehört habe, mich zu wehren.

Und sie wollte ihn hassen dafür, daß sie ihn nicht einmal hassen konnte.

Sie spürte, wie ein Zittern seinen Körper durchlief, wie er sich anspannte, wie er die Arme um sie schlang, sie zu sich herab zog, sie an sich preßte und sein Gesicht an ihrer Brust barg, und dann brach es - ES - über sie hinein und rollte über sie hinweg wie eine Woge; sie hörte sich und ihn aufschreien, als er in ihr explodierte und sein kalter Same sie ausfüllte; sie brach über ihm zusammen, krallte sich in seine Schultern, und ehe sie wußte, was sie tat, biß sie mit stumpfen Zähnen hart in seinen Nacken.

Mein.

Wie konnte etwas, das so gut war, nur so falsch sein?

Als es vorüber war, rollte sie sich seitlich von ihm herunter. Unter sich spürte sie Steine und harten Asphalt. Die Splitter einer geborstenen Glasflasche schnitten ihr in die Haut. Gut so. Sie hatte es verdient.

"Jägerin?" Er keuchte noch immer, unverschämtes Monster, das er war. Als ob er den Atem benötigt hätte, den er da aus der Brust stieß. Seine Hand langte spielerisch nach Buffys Brüsten, liebkosend und lockend. "Meinst du nicht auch, es wäre nett, wenn wir's zur Abwechslung mal in 'nem Bett probieren?"

Sie sah ihn an, und hinter seinem Grinsen sah sie es. Denselben Ausdruck wie zuvor. Frage, Bitte. Rückhaltlos. Er bot ihr an, was er zu geben hatte. Alles.

Wie jedes Mal.

Sie sprang auf, strich hastig ihren Rock nach unten. "Geh nach Hause, Spike."

Er erhob sich gemächlich, zog den Reißverschluß seiner Jeans nach oben, bückte sich nach seinem Shirt.

"Du kannst dieses Spiel nicht ewig mit mir spielen, Buffy." Er zog sich das T-Shirt über den Kopf, strich sich mit fünf Fingern das zerzauste Haar notdürftig wieder glatt. Sie gab es auf, mit ihren zitternden Fingern ihre Bluse zuknöpfen zu wollen, und ließ sich stattdessen von ihm an den Schultern packen und herumdrehen, so daß sie gezwungen war, ihn anzusehen. Sein Gesicht war hart.

"Ich weiß nicht, wie lange du vorhast, dich noch selber zu belügen, aber eines weiß ich..." Er riß sie abrupt an sich und barg seinen Kopf an ihrem Nacken, preßte seine Wange gegen ihr Haar. "Ich weiß, daß ich es so nicht mehr lange ertrage, Buffy!"

Sie schob ihn zurück. "Geh nach Hause, Spike. Laß mich allein."

Er stieß einen bitteren Laut aus, der einem Lachen ähnlich war, bückte sich kopfschüttelnd nach seinem schwarzen Ledermantel und verschwand in der Dunkelheit.

Er drehte sich nicht mehr um.

Sie schaffte es endlich, den letzten Knopf ihrer Bluse zu schließen. Dann wischte sie sich die Tränen von den Wangen, die ohne ihr Zutun begonnen hatten zu fließen, und ging zurück ins Bronze.

***Ende***

 

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