After all that Shit

 

Kapitel 1 – Just leave me alone – Lass mich einfach in Ruhe

 

Lindsey war die ganze Nacht hindurch ununterbrochen gefahren. Inzwischen stand die Sonne schon wieder hoch am Himmel. *Es muss also so um die Mittagszeit sein, vielleicht auch etwas später.*, spekulierte er.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren, seitdem er LA verlassen hatte.

*Gestern. Es muss gestern gewesen sein.* Denn länger als eine Nacht war er noch nicht unterwegs.

Er rieb sich über die brennenden Augen, die Sonnenbrille half schon lange nicht mehr. Gegen die Sonne schon, aber nicht gegen die Müdigkeit, die ihn immer wieder blinzeln ließ.

Es half nichts, er musste eine Pause einlegen.

Lindsey lenkte seinen Pick-up an den Rand der Küstenstraße, Staub wirbelte bei der Vollbremsung auf, die er hinlegte, weil er sich verschätzt hatte, was die Länge der Haltebucht anbelangte. *Ein Wunder, dass ich noch keinen Unfall gebaut habe. Naja, wäre vielleicht für alle besser so.*

Langsam öffnete er die Tür und stieg aus. Seine Cowboystiefel schlurften über den staubigen Boden. Er musste sich die Beine vertreten. Deshalb ging er ein paar Mal hin und her, kickte ungeduldig Steinchen.

Doch eigentlich wollte er so bald wie möglich viele, viele Meilen zwischen sich und das goddamn LA bringen.

Bis seine Aufmerksamkeit auf einen - Luftlinie nicht weit entfernten - Strand gelenkt wurde.

Lindsey ging auf den Klippenrand zu, die Augen stur auf dieses paradiesische Stückchen Land gerichtet, und stieß prompt mit dem Knie gegen die Absperrung. „Damnit!“, fluchte er und sah hinunter, um nachzusehen, was ihn da aufhielt.

*Uuuh. Das hätte ins Auge gehen können.* Die Absperrung war nicht besonders hoch und direkt dahinter ging es abwärts. Die zerklüftete Küste fiel hier besonders steil und scheinbar endlos ab.

Er starrte mehrere Augenblicke in die Tiefe - *So schnell könnte es vorbei sein...* -, doch dann schüttelte er, ärgerlich über diesen Gedanken, den Kopf.

Nein, diese Genugtuung würde er weder W&H noch Angel geben. Das war keine Lösung.

Lindsey machte schnell einen Schritt rückwärts und stellte einen Fuß auf die Absperrung, um den Abstand zu halten, während sein Blick wieder zu dem Strand glitt.

*Vielleicht sollte ich dort einen kleinen Zwischenstopp machen, bevor ich weiter fahre nach...*

Er überlegte angestrengt, ihm fiel aber kein Ort ein, an dem er gerne sein würde.

Er war einfach losgefahren. Gestern. Nur weg aus LA. Weg von seinem alten Leben.

*Konnte man das wirklich Leben nennen? Wohl kaum.* Er lachte bitter auf.

Schnell wandte er sich wieder dem Strand zu, bevor die düsteren Gedanken überhand nahmen. Er wollte doch alles hinter sich lassen und vergessen.

Lindsey wunderte sich, wie leer dieser atemberaubende weiße Sandstrand war. Ideal zum Rasten.

Eilig drehte er sich um und stiefelte zurück zu seinem Truck.

Diesmal wesentlich schnelleren Schrittes. Je eher er dort ankam, desto eher würde er eine Dusche und ein Bett bekommen.

*Schlafen...* Dieser Gedanke beflügelte ihn und er raste die gewundene Küstenstraße mit einem Tempo entlang, das er seit sehr langer Zeit nicht mehr gewohnt war. In LA ging es nie schnell voran. Nie. Weder am Wochenende, noch während des Tages und schon gar nicht in der Rushhour.

Letztere hatte er - Glück für seine Nerven - nicht oft erlebt, weil er meist bis spät in die Nacht im Büro über irgendwelchen Akten gebrütet hatte. Wegen seiner dämlichen Karrieregeilheit...

Lindsey fuhr zuerst sehr konzentriert, beide Hände am Steuer, doch schnelles Fahren verlernte man anscheinend nicht, genau wie Radfahren, also entspannte er sich allmählich wieder.

Schließlich lehnte er sogar den linken Ellbogen aufs Fensterbrett und fuhr einhändig. Genoss das berauschende Tempo und den Fahrtwind, der ihm durch das offene Fenster um die Nase wehte.

Bei dieser Hitze konnte man es anders nicht aushalten in dem alten Truck, der selbstverständlich nicht über eine Klimaanlage verfügte.

Er stammte ja auch noch aus einer Zeit, in der man so etwas nicht kannte. 1956. Da war Lindsey noch nicht mal am Leben gewesen.

Die Straße wand sich immer tiefer ins Tal und führte direkt in den Ort, wo auch dieser sagenhafte Strand sein musste.

Lindsey drosselte das Tempo, als er das Ortsschild passierte und fuhr gemächlich durch das Kaff.

*Anscheinend für Touris.*, dachte er abfällig. Das passte ihm überhaupt nicht.

Doch extrem viel war auch nicht los. *Ist ja auch keine Ferienzeit.*

Er folgte noch eine Weile der Hauptstraße, betrachtete die Hotels, Motels und Absteigen und konnte sich trotz seiner Müdigkeit nicht dazu durchringen, eins davon anzusteuern.

Er wollte Ruhe und keine kreischenden Kinder und sonnenverbrannte fette Touristen.

Außerdem wollte er zuerst an diesen Strand. Dann konnte er sich immer noch entscheiden, ob dieser es wert war, die Touris in Kauf zu nehmen oder nicht.

Ehe er sich versah, hatte er den Ort bereits wieder verlassen und suchte nach einer geeigneten Wendemöglichkeit. Doch als er endlich eine Straße zum Drehen gefunden hatte, gab er stattdessen einem inneren Instinkt nach und folgte dieser.

Einige Minuten geschah nichts. Links und rechts gab es nur Staub und verdörrte Sträucher. Keine Menschenseele begegnete ihm. *Um so besser.*

Plötzlich war er am Ende angelangt und musste scharf bremsen. Die Straße endete im Nichts, wie es schien. Lindsey schaltete den Motor ab und stieg aus.

Und da sah er ihn. Er lehnte die Arme auf die offene Tür und starrte direkt auf diesen weißen, feinsandigen, dünenreichen Strand, der in beide Richtungen reichte, soweit das Auge sah.

Lindsey lief um die Tür herum, kickte sie mit dem Fuß zu und lief darauf zu. Atmete tief die salzige Meeresluft ein und genoss für ein paar Augenblicke die Ruhe.

*Das ist genau der richtige Ort!*, entschied er und stapfte durch den Sand auf das glasklare Wasser zu. Prüfend sah er sich um. Es war kein Mensch zu sehen.

Obwohl links von ihm in einiger Entfernung die Häuser des Ortes begannen, schien auch dort wenig los zu sein.

Lindsey entschied sich, ein bisschen Spazieren zu gehen. Aber nicht in Richtung der Häuser. Weg davon. Weg von der vagen Möglichkeit, jemandem zu begegnen.

Er verspürte keinerlei Lust auf Konversation oder irgendeinen anderen Kontakt zu irgend jemandem.

 

******

 

*Es kann wohl nicht viel los sein, sonst hätte Jim die anderen Bungalows längst vermietet.*, dachte Riley froh und lehnte sich entspannt in seinem erst gestern erworbenen Liegestuhl zurück.

Was für ein Komfort! *War wirklich lästig vorher.*

Gedankenverloren kratzte sich Riley irgendwo zwischen Hüfte und Hintern, in Erinnerung daran, wie und wo der feine Sand in Verbindung mit seinem Schweiß überall an ihm geklebt hatte.

Bis gestern. Da war es ihm zuviel geworden.

Nach der Arbeit hatte er auf dem Heimweg einen Stopp eingelegt und bei einem der unzähligen Touristenshops diesen herrlichen Liegestuhl erstanden.

Auch wenn es andere Dinge gab, die er dringender gebraucht hätte.

Aber andererseits... *Was ist wichtiger als sandfreies Faulenzen?*

Seufzend lehnte er sich noch ein bisschen weiter zurück, zog das Basecap tiefer in die Stirn und kreuzte die Arme hinter dem Kopf.

Gerade wollte er die Augen schließen, um ein kleines Nickerchen zu machen, als er eine Bewegung links von sich wahrnahm.

Riley drehte den Kopf in die Richtung und erkannte einen Mann, der auf ihn zukam.

*Oh nein! Muss das sein?*, fragte er sich genervt und zog hastig sein T-Shirt wieder an, das er - es war noch keine fünf Minuten her - erst ausgezogen hatte.

Lindsey beobachtete die Szene und fragte sich: *Warum so schüchtern? Bist doch kein Weib.* Irritiert schüttelte er den Kopf, ging aber weiter auf den jungen Mann zu, der hier zu wohnen schien.

Als er vor fünf Minuten diese Bungalow-Gruppe gesichtet hatte, war ihm endlich klar gewesen, warum er schon seit einer halben Stunde am Strand entlang gewandert war; so müde wie er war.

*Ideal! Das ist der Ort, den ich gesucht habe.*

Als er dann den großen Mann gesehen hatte, der aus einem der Bungalows heraus gekommen war, atmete er erleichtert auf.

Es hätte ja auch sein können, das bei näherer Betrachtung, die Häuser nur noch Ruinen waren. Oder aus irgendeinem anderen Grund unbewohnbar.

*Geh weiter. Geh einfach weiter!*, befahl Riley in Gedanken dem näher kommenden Mann, der so gar nicht hierher zu passen schien.

Immerhin trug er lange Jeans - *Bei dem Wetter!* - und seine Füße steckten in Cowboystiefeln. *Er muss darin umkommen vor Hitze.*

Zügig ging Lindsey auf den jungen Mann zu und blieb direkt vor ihm stehen. Er sah zu ihm hinunter ohne etwas zu sagen. *Erst mal abwarten.*

Riley ignorierte ihn. Versuchte es zumindest trotzig. Er wollte seine Ruhe. Es reichte schon, wenn er auf der Arbeit irgendwelchen Leuten Freundlichkeit vorheucheln musste und sinnlose Smalltalks führen musste. *Hier nicht auch noch!*

Der Strand war seine... seine... heilige Stätte der Ruhe und Abgeschiedenheit, die dieser Mistkerl gerade durch seine bloße Anwesenheit störte.

„Hi. Entschuldige, aber kannst Du mir vielleicht weiter helfen“, meldete sich Lindsey zu Wort.

*Jetzt redet er auch noch. Verdammt!*

„Hm?!“, knurrte Riley unwillig.

*Uuuh. Sag nur nicht zu viel. Dir könnten Fliegen in den Mund...* Lindsey dachte nicht weiter. Gehässigkeit brachte ihn hier sicher nicht zum Ziel.

Also unterdrückte er die aufkommende Gereiztheit und sagte betont höflich: „Ich habe gesehen, dass Du hier wohnst. Kann man die Bungalows mieten?“

„Ja.“

*Kürzer ging die Antwort wirklich nicht mehr.* Lindsey grummelte kurz vor sich hin, warf einen Blick aufs offene Meer hinaus und fragte sich, womit er diesen Idioten verdient hatte.

Dann wandte er sich abermals an den vor ihm liegenden jungen Mann, der immer noch seine Sonnenbrille auf hatte und auch keine Anstalten machte, sie abzunehmen.

Lindsey hatte seine eigene sofort von seiner Nase gezogen, als er das erste Wort an den Fremden gerichtet hatte. Er empfand es als sehr unhöflich, wenn jemand mit ihm sprach, dem er dabei nicht in die Augen sehen konnte.

*Gut, bist Du eben unhöflich. Kann ich auch sein.*

„Bei wem?“, fragte er also knapp.

„Bei Jim... Baker.“

„Und wo finde ich den?“ Langsam aber sicher war Lindsey nun doch genervt. *Muss ich diesem... diesem Kind denn alle Würmer einzeln aus der Nase ziehen oder was?*

„Er wohnt im Ort. Wenn Du wieder zurück gehst, wo Du her gekommen bist, zirka eine Stunde immer geradeaus, kommst Du an einer kleinen Strandbar vorbei. Es ist das gelbe Haus direkt dahinter.“

*Wow! Das war aber ‘ne lange Rede von dem Einsilbigen.*

„Danke.“, antwortete Lindsey, drehte sich um und lief wieder in die Richtung, aus der er bekommen war.

*Hoffentlich schreckt ihn das ab.* Es war zwar keine Stunde, aber in der prallen Sonne und durch den tiefen Sand... Riley grinste zufrieden, während er ihm hinterher sah.

Doch dann wurde er unsicher. Schließlich musste dieser Kerl auch eine ziemliche Weile gelaufen sein, um von wo-auch-immer hier her gelangt zu sein. *Verdammt!*

 

******

 

Es hatte sich heraus gestellt, dass Jim der Besitzer der Strandbar war. Das kam Lindsey doch sehr gelegen, so konnte er etwas essen und gleichzeitig über den Preis für den Bungalow verhandeln.

Nachdem sie sich geeinigt hatten, hatte Jim ihm glücklicherweise verraten, er könnte auch mit dem Auto dorthin gelangen. Noch einmal hätte er diesen Stundenmarsch heute nicht hinter sich bringen können. Noch dazu mit Gepäck.

Er parkte seinen Truck und ging die paar Schritte zum Strand hinunter, sah sich orientierend um. Ah! Keine zehn Meter von ihm entfernt waren die Häuser ja. Wunderbar.

Er kehrte zu seinem Wagen zurück und nahm sein Gepäck von der Ladefläche.

*Eine Dusche und ein Bett. Mehr brauche ich nicht, um wunschlos glücklich zu sein. Vielleicht auch nur das Bett...*

Riley bemerkte den sich nähernden Mann von vorhin aus den Augenwinkeln und drehte den Kopf, um sich zu überzeugen. *Verdammt! Er hat es tatsächlich getan. Was will er nur hier?*

Als er die Gitarre sah, die der Fremde auf seinem Rücken trug, war ihm alles klar. *Ein Musiker auf der Flucht vor den Groupies. Na das hat mir gerade noch gefehlt!*

Genervt stand er auf und wollte ins Haus gehen, doch der Fremde war schneller.

„Hi.“, rief er schon von weitem. Da konnte Riley schlecht weggehen. „Hallo.“, antwortete er deshalb, als Lindsey nah genug war und sah ihn dann gleichgültig an.

Lindsey nahm wieder seine Sonnenbrille ab und blickte den größeren Mann an.

„Du hättest mir ruhig sagen können, dass es mehrere gelbe Häuser gibt. Ich bin erst mal wie ein Idiot von einem zum nächsten gelaufen und hab überall geklingelt.“, klagte Lindsey den anderen Mann an.

Riley zuckte nur mit den Schultern, also sprach Lindsey weiter. „Oder, dass Jim der Besitzer der Strandbar ist. Wäre ebenfalls hilfreich gewesen.“

„Uuuh. Ich dachte, sie hätte heute geschlossen.“, antworte Riley scheinheilig, grinste aber leise in sich hinein. *Geschieht ihm recht, diesem Schnösel.*

„Na, wie dem auch sei.“ Lindsey sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an und forschte in Rileys Gesicht. Hatte er nicht eben ein Lächeln bemerkt?

Riley hatte sich aber schon wieder unter Kontrolle und blinzelte ihn unschuldig an.

„Ich habe es ja auch so geschafft. Nicht wahr?“ Lindsey gähnte herzhaft. „Gott, bin ich müde. Mal sehen, wo Jim mich einquartiert hat...“

Er versuchte an seine Hosentasche zu gelangen, aber mit dem Seesack auf der einen Seite und der Gitarre auf der Schulter, kam er nicht dran.

Er ließ den Sack von seiner Schulter rutschen und zog den Schlüssel aus der Tasche. „Nummer 6. Weißt Du vielleicht...?“, setzte er an, Riley zu fragen und blickte sich gleichzeitig selbst um.

„Ah. Vergiss es. Hab’s schon gesehen.“

Riley hatte überhaupt nicht vorgehabt, zu antworten. Innerlich verfluchte er Jim, weil er dem Fremden den Bungalow neben seinem vermietet hatte.

*Hätte er ihm nicht einen weiter weg geben können? Zum Beispiel den am anderen Ende.* Da lagen wenigstens fünf Stück dazwischen.

Jetzt würde Riley diesem Typen ständig über den Weg laufen. Diesem arroganten Kerl.

*Er hat wahrscheinlich keine Ahnung vom wirklichen Leben. Als Musiker ist das ja auch kein Wunder. Der weiß bestimmt nicht, was es für Kreaturen auf dieser Welt gibt und wie schlimm das Schicksal einem mitspielen kann.*, dachte Riley bitter, als er dem Fremden nach sah.

Als Lindsey an seinem neuen Zuhause ankam, ließ er abermals den Seesack fallen, um die Tür aufzuschließen.

Bevor er eintrat, warf er noch einen Blick zu seinem Nachbarn, der mit verschränkten Armen an der Hauswand gelehnt stand und in seine Richtung guckte.

Er schien ihn aber nicht wirklich zu sehen, starrte eher Löcher in die Luft.

Lindsey fand, er sah in diesem Moment genau so aus, wie er selbst sich fühlte.

Völlig fertig, desillusioniert, vom Leben um ein paar gute Jahre betrogen.

*Aber was mache ich mir eigentlich Gedanken um ihn, habe ich nicht selbst genug Probleme?*

Sonst machte er sich doch auch nichts aus fremden Menschen. Was war bloß los?

Entschieden kickte er den Seesack durch die Tür, folgte ihm und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

 

*Warum musste er nur hierher kommen? Warum bin ich hierher gekommen?* Riley starrte abwesend auf die Stelle, wo der Fremde eben noch gestanden hatte.

*Vielleicht hätte ich doch nach Belize gehen sollen...?*, grübelte er weiter. *Aber ich konnte ja nicht so weit von Sunnydale weg gehen. Nicht zu weit weg von Buffy.* Für diesen Gedanken hätte er sich selbst ohrfeigen können. Er wollte doch nicht mehr an sie denken.

Doch im nächsten Moment fragte er sich, was sie wohl gerade tat.

Seufzend drehte er sich um und betrat seine Bleibe, in der es angenehm kühl war im Gegensatz zu draußen. Aber auch verdammt einsam...

Er machte das Küchenfenster auf, sodass in Verbindung mit der offenen Terrassentür Durchzug entstand.

Während er an der kleinen Küchenzeile herumhantierte, die lediglich aus dem nötigsten Mobiliar bestand, hörte er aus dem Nachbarbungalow plätschernde Geräusche.

Der Fremde stand wohl unter der Dusche, was er auch gesehen hätte, sofern er einen Blick aus dem Fenster geworfen hätte.

Aber stattdessen holte er aus einem der Schränke unter der Theke eine Schüssel hervor, in der er den Salat für das Abendessen putzen wollte, stellte sie in die Spüle und drehte den Wasserhahn auf.

Heraus kam nur ein dünnes Rinnsal. *Na toll! Auch das noch. Warum ich?*

Er warf einen flehenden Blick gen Himmel und sah dann zurück auf das klägliche bisschen Wasser, dass sich mittlerweile in der Schüssel gesammelt hatte.

Seufzend drehte er den Hahn ab und beschloss zu warten, bis sein dreimal verfluchter Nachbar mit dem Duschen fertig war.

 

Lindsey stand reglos unter dem kühlen Nass und genoss es einfach. Nach all dem Straßenstaub und Sand sowie der Hitze, tat es einfach gut, die verschwitzten Klamotten, die an ihm geklebt hatten, vom Leib zu bekommen und stattdessen Wasser auf seiner bloßen Haut zu spüren.

Aber langsam wurde ihm kalt und er drehte das heiße Wasser ein bisschen mehr auf. Seine von der Fahrt verspannten Muskeln begannen sich allmählich zu lockern.

Seine Beine fühlten sich allerdings noch immer wie Gummi an, weshalb er endlich sein Duschgel zur Hand nahm und sich rasch einseifte.

Der letzte Song, den er vorhin im Autoradio gehört hatte, fiel ihm wieder ein und kreiste so lange in seinem Kopf ohne Ruhe zu geben, bis er ihn zuerst leise, dann immer lauter sang.

Er mochte ihn nicht einmal besonders, allerdings war es eindeutig ein Ohrwurm. Und schließlich war es auch ganz egal.

Er fühlte sich endlich einmal wohl - seit langem. Entspannt und frei von allen Gedanken. Da konnte er auch singen. Und es hörte schließlich niemand...

 

*Oh damn! Jetzt singt er auch noch. Das darf nicht wahr sein. Kann er sich nicht einfach nur beeilen, damit ich endlich wieder Wasser habe?*

Riley stand vor der Spüle und wartete ab. Anfangs genervt, musste er aber feststellen, dass er immer ruhiger wurde. *Komisch? Der Fremde hat eine wirklich gute Stimme, so... weich.* Ein anderes Wort fiel ihm beim besten Willen nicht ein.

Er kannte den Song zwar nicht, aber er gefiel ihm. Zumindest in dieser Performance und zusammen mit dem Geplätscher der Dusche.

Riley grübelte noch einen Moment darüber nach und schob es schließlich darauf, dass er selbst kein Radio besaß und außer auf der Arbeit - und da auch nur, wenn der Chef gut drauf war - keine Musik hören konnte.

Wobei er sich allerdings auch noch nie besonders viel aus Musik gemacht hatte. Jedenfalls nicht mehr seit der Initiative. Vorher, als Teenager und auch danach noch, hatte er immer Musik gehört. Was gerade so in war. Nichts besonderes.

Aber seit die Initiative sein Leben und sein Weltbild so völlig verändert und über den Haufen geworfen hatte, schließlich hatte er zuvor nicht gewusst, dass es Dämonen und Vampire wirklich gab, waren solche Dinge zur absoluten Nebensächlichkeit geschrumpft.

Doch jetzt, nach ein paar Monaten in Freiheit und in Anbetracht dieser Stimme, die aus dem Nachbarbungalow leise an sein Ohr drang, spürte er ganz deutlich, wie sehr die Musik ihm fehlte.

Deshalb nahm er sich fest vor, von seinem nächsten Lohn ein Radio zu kaufen.

Wenigstens ein ganz kleines. So eins mit Batterien, das er auch mit zum Strand nehmen konnte.

 

******

 

Riley verbrachte den nächsten Tag, einen Sonntag, auf seiner Terrasse mit Lesen. Ab und zu warf er einen Blick aufs Meer, das ziemlich ruhig war.

Das glasklare Wasser spülte träge an den Strand und wieder zurück, was in etwa so spannend war, wie das Buch vor ihm.

Irgendein langweiliger Krimi, der ihn nicht zu fesseln vermochte. Vielleicht lag es aber auch gar nicht an dem Buch, sondern daran, dass der Fremde sich den ganzen Tag noch nicht hatte blicken lassen.

Riley riskierte wieder einen flüchtigen Blick auf den Nachbarbungalow. Zuerst auf die Tür, dann auf die Fenster, die er von hier aus sehen konnte. Immer noch nichts.

*Sollte ich mir Gedanken machen? Quatsch.* Ärgerlich schüttelte er den Kopf und sah in sein Buch zurück. Doch als er die Zeile, bei der er gerade war, wieder gefunden hatte, wanderten seine Augen bereits zur Terrassentür hinüber.

Dieses Spielchen wiederholte sich so lange, bis es Riley zu blöd wurde und er, ärgerlich über sich selbst, aufstand, um den Platz zu wechseln.

Wenn er sich auf den anderen Stuhl setzte, konnte er nicht um die Ecke sehen. *Besser. Viel besser.*

Er lehnte sich entspannt zurück und las weiter. Äußerlich die Gleichgültigkeit in Person.

Doch der Stuhl war heute recht unbequem heute, weshalb Riley unruhig hin und her rutschte. Schließlich beugte er sich vor, nahm das Buch in beide Hände, stützte die Ellbogen auf die Knie und versuchte krampfhaft seine Augen an Ort und Stelle zu halten.

*Wem mache ich hier eigentlich was vor*, fragte er sich und gab es auf.

Er lehnte sich noch ein bisschen weiter nach vorn und schon konnte er wieder um die Ecke sehen.

Es tat sich immer noch nichts. *Ob ich vielleicht doch besser nach dem Rechten sehe?*

Er harrte einen Moment in dieser Position aus, bis sein Nacken sich schmerzend meldete, dann lehnte er sich wieder zurück.

*Vielleicht ist er gar nicht da. Oder er schläft und ich wecke ihn. Oder ich mache mich einfach nur lächerlich. Dann denkt der Kerl noch, ich habe nichts besseres zu tun, als ihn zu beobachten.*

Erneut sah er auf sein Buch. Doch nach einer halben Minute warf es ärgerlich beiseite und blickte stattdessen aufs Meer. Das hatte ihn bis jetzt noch immer beruhigt.

Es half nicht. Vielleicht wenn er ein bisschen näher ran gehen würde?

Riley stand auf und ging bis zum vorderen Rand der Terrasse, stützte sich aufs Geländer und starrte weiter.

Sein Ohr wurde immer größer, als er leise Geräusche von nebenan hörte. *Doch alles okay.*

 

Lindsey streckte sich genüsslich und tastete mit geschlossenen Augen nach der Armbanduhr auf dem Nachtschränkchen. Er ließ sie auf seine nackte Brust fallen - *Uuuh kalt.* - und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht, um richtig wach zu werden.

Nach einem Blick auf die Uhr - *Gott, schon so spät!* - sprang er mit einem Satz aus dem Bett und hastete ins Badezimmer. Er würde zu spät kommen.

Erst als er eine Weile unter der kalten Dusche gestanden hatte, fiel ihm ein, wo er war und vor allem, wohin er nicht musste. Er schlug die flache Hand gegen seine Stirn und drehte das Wasser ab.

Nach dem Zähneputzen und Anziehen meldete sich sein Magen. Kein Wunder, er hatte die ganze Nacht und den größten Teil des Tages verschlafen.

Als Lindsey durch die Terrassentür nach draußen trat, schlug ihm sofort die Nachmittagshitze entgegen. *Ich muss mir unbedingt neue Klamotten kaufen*, notierte er sich im Geiste. *Aber der Hunger ist erst mal wichtiger.*

Er schloss die Tür ab und drehte sich um. Und sah direkt in die Augen seines Nachbarn, der jedoch seinen Blick nach einem kurzen Kopfnicken eilig abwandte.

 

Das war jetzt doch schneller gegangen, als Riley erwartet hatte. Kaum war das Wasserrauschen verstummt, war der Fremde auch schon raus gekommen. Oder hatte er tatsächlich länger als gedacht hinüber gestarrt?

So schnell, wie sein Nachbar ihn gesehen hatte, hatte Riley seinen Blick jedenfalls nicht senken können.

Nun tastete er nach seinem Buch, das zugeschlagen auf dem Tisch lag und blätterte hektisch darin herum.

*Was ist ihm denn jetzt schon wieder peinlich?*, fragte sich Lindsey und schmunzelte amüsiert, während er langsam zu ihm hinüber schlenderte.

„Hi. Schöner Tag heute, nicht?“

Riley antwortete lediglich mit einem knappen Nicken.

„Was liest Du da?“

Riley hielt ihm das Buch hin, sodass er den Titel selbst lesen konnte.

„Und, ist es spannend?“

„Geht so.“ Riley hätte auch eine entsprechend vage Geste mit der Hand machen können, aber er wollte nicht, dass der Fremde dachte, er wäre irgendwie komisch.

„Uuuh. Du redest ja doch. Ich meine, ich weiß, dass Du es kannst, aber Du scheinst es nicht besonders zu mögen. Oder liegt es an mir?“

*So eine Frage musste ja kommen. Verdammt!* Riley verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

„Sorry. Aber ich bin die ganze Zeit allein gewesen. Und das aus gutem Grund.“

Mehr sagte er nicht und Lindsey hatte zum jetzigen Zeitpunkt keine Lust nachzuhaken. Deshalb wechselte er das Thema.

„Ich bin hungrig. Wo kann ich denn ein Frühstück bekommen?“

„Nirgends.“

„Wieso?“ Lindsey sah seinen Nachbarn verwirrt an, bis der auf sein Handgelenk deutete.

„Ach so. Klar. Ich dachte schon, Du meinst... Naja. Egal.“ Er winkte ab. „Kannst Du mir ein Restaurant oder so was empfehlen. Bei Jim war es ja ganz nett, aber ehrlich gesagt, ist mir jetzt eigentlich nicht nach pappigen Sandwichs.“

Sein Magen meldete sich geräuschvoll. „Lieber was handfesteres. Ein Steak oder so.“

Riley lag auf der Zunge zu sagen: *Eben wolltest Du noch frühstücken.* Doch er verkniff es sich und erwiderte stattdessen: „Auf der Hauptstraße gibt es ein paar gute Läden. Du kannst sie nicht verfehlen. Ob die Steak haben, weiß ich allerdings nicht.“

Er unterbrach sich für einen Moment, bevor er hinzu fügte: „Aber ich denke schon.“

Der Fremde musste ja nicht wissen, dass er nur zweimal Essen war und sich ansonsten immer selbst versorgte. Das war einfach billiger.

Bei dem miesen Job den er hatte, verdiente er nun mal nicht allzu viel.

Aber es war harte, ehrliche Arbeit und hatte nichts mit den Schreckenskreaturen zu tun, mit denen er noch bis vor ein paar Monaten ständig konfrontiert worden war. Und das war gut so.

„Na dann ...uhm... Danke für die Auskunft und die vielen Worte, die Du über die Lippen gebracht hast.“, sagte Lindsey mit einem Hauch Ironie in der Stimme und hob die Hand zum Gruß, bevor er sich auf den Weg machte.

Als Lindsey ein gutes Stück weit weg war, wandte Riley den Blick von ihm ab und sah wieder aufs Meer hinaus. *Arroganter Kerl.*

Aber wenigstens war er gegangen. Und würde wohl auch so schnell nicht mehr zurück kommen. Er ging schließlich zum Essen.

Riley zog sich aus und rannte zum Meer. Er musste noch seine täglichen Bahnen absolvieren. *Besser jetzt, als später*, dachte er. Nur für den Fall, dass der Typ doch früher zurück kehren sollte.

Lindsey drehte sich noch einmal um, die Stirn gerunzelt. *Das ist vielleicht ein merkwürdiger Typ.* Warum er sich darüber überhaupt Gedanken machte, war ihm zwar schleierhaft, aber er konnte es auch nicht ändern.

Und als er den jungen Mann jetzt nackt zum Wasser rennen sah, war er noch erstaunter. Über ihn. *Ich dachte, Du bist so schüchtern...?!*

Und über sich. Denn was er aus dieser Entfernung sehen konnte, gefiel ihm.

„Jetzt dreh ich durch.“, murmelte er und drehte sich hastig um.

 

******

 

„Hey!“

Riley schrak zusammen. Er hatte in seinem Liegestuhl gedöst, die letzten Sonnenstrahlen des Tages ausnutzend und mit nichts gerechnet. Und schon gar nicht mit dem Fremden.

*Er ist zurück? Jetzt schon? Er ist doch noch gar nicht lange weg.*

Hastig schnappte er sein T-Shirt und zog es über, während er ärgerlich dachte: *Der muss aber auch im unpassendsten Moment auftauchen!*

Unwillig sah Riley zu dem Störenfried hoch und grüßte knapp zurück, wobei er bemerkte, dass er ihn verwirrt musterte. Der Ausdruck verschwand aber gleich darauf wieder.

„Weißt Du, was mir eingefallen ist?“, fragte Lindsey lässig, seine Verständnislosigkeit über Rileys Anziehaktion überspielend, und machte dann eine Pause, um ihm die Chance zu geben, nach zu haken.

Doch Riley sah ihn nur fragend an. Immerhin besser als gar keine Reaktion.

*War ja auch nicht anders zu erwarten. Jetzt kenne ich Dich erst seit gestern und weiß genau, wie Du reagierst. Bist Du so berechenbar, oder ist das der scharfe Blick eines Anwalts?*

Das alles hätte er in diesem Moment gerne gefragt. Doch stattdessen rollte er innerlich die Augen. Einerseits über Rileys Verklemmtheit und andererseits über sich. Wieso machte er sich über diesen wildfremden Typen überhaupt Gedanken?

„Als ich so beim Essen saß.“, fuhr er fort. „Die hatten übrigens Steaks, fiel mir ein, dass wir uns einander noch gar nicht vorgestellt haben. Ich bin Lindsey.“ Er streckte Riley feierlich die Hand hin.

„Riley.“, antwortete er knapp, nahm die dargebotene Hand, schüttelte sie und zog sie so hastig wieder weg, als ob er Eine gewischt bekommen hätte.

Riley hatte irgend etwas gespürt und das hatte ihn erschreckt. So ein Kribbeln. Tatsächlich war das Gefühl einem Stromschlag gar nicht unähnlich gewesen.

Lindsey musste es auch bemerkt haben, denn sein Gesichtsausdruck hatte sich plötzlich verändert. Er sah irritiert aus, runzelte leicht die Stirn, fing sich aber rasch wieder und sein smarter Gesichtsausdruck kehrte zurück.

Das einzige Zeichen seiner Unsicherheit war ein kurzes Räuspern.

„Schön Dich kennen zu lernen, Riley.“, sagte er gelassen, obwohl er sich ganz und gar nicht so fühlte. Er spürte immer noch dieses erschreckende Ziehen tief in seinem Bauch.

Riley musste etwas unternehmen. *So kann das nicht weiter gehen. Ich will schließlich allein sein. Meine Ruhe haben. Abschalten. Vergessen. Und keine Freundschaften knüpfen, die ja doch irgendwann zwangsläufig auseinander brechen, weil...*

Bevor seine Gedanken ganz abschweiften, schüttelte er heftig den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen, und wandte sich - ein wenig unwohl darüber, was er jetzt sagen musste - an Lindsey.

„Hör zu ...Lindsey. Ich will ja nicht unhöflich sein oder so was. Aber ich hab’s Dir vorhin schon gesagt. Ich bin hier nicht ohne Grund. Allein. Und ich würde es sehr zu schätzen wissen, wenn... wenn Du...“

Er geriet ins Stocken. Wie sollte er ihm das nur erklären? Lindsey hatte ihm schließlich nichts getan. Er musste sonst was von ihm denken.

*Ich muss es ihm begreiflich machen.*, dachte Riley und konnte selbst nicht verstehen, warum ihm das so verdammt wichtig war. Schließlich hatte er doch bereits seine Meinung über Lindsey gefasst. Und die war nicht besonders positiv.

Aber er musste nicht weiter sprechen. Lindsey hob beschwichtigend die Hände und sagte: „Schon gut. Ich hab’s kapiert. Und ich kann Dich verstehen. Mir geht’s genauso. Ich dachte nur... Ach, egal. Ich geh dann jetzt. Bye.“

Er wartete nicht auf eine Antwort von Riley, sondern drehte sich einfach um und ging.

Riley schaute ihm blinzelnd nach. *Ist er jetzt eingeschnappt?*

Er tat die Frage mit einem Schulterzucken ab und führte sich stattdessen noch einmal die Gründe vor Augen, warum er Lindsey nicht leiden konnte.

*Musiker. Eingebildet. Auf der Flucht vor seinen Groupies. Arrogant. Geschwätzig. Lästig. Blauäugig. So blaue Augen... Stiehlt mir meine Ruhe. Geht mir auf die Nerven. Taucht in den unmöglichsten Momenten auf. Hab ich noch was vergessen? Ach ja. Gutaussehend...*

 

Lindsey war nicht eingeschnappt. Riley würde schon einen guten Grund haben, hier in dieser Abgeschiedenheit zu leben. Vielleicht war es sogar etwas ganz ähnliches wie bei ihm.

Aber das ging ihn schließlich nichts an. Er würde es respektieren und Abstand zu ihm halten. Konnte ihm ja nicht schwer fallen, er wollte doch selbst allein sein.

Aber dieser Riley hatte irgend etwas an sich, dass ihn... ansprach. *Blödes Wort.* Dass ihn neugierig machte. *Besser. Unverfänglicher.*

*Anwaltsinstinkte bestimmt.*, tat er sein Interesse schließlich ab, warf die Einkaufstüte mit den Shorts, die er sich vorhin gekauft hatte, achtlos auf den Küchentisch und zog sich bis auf die Boxer aus. Es war einfach zu warm hier drin.

Vielleicht hätte er doch ein paar Fenster gekippt lassen sollen, als er gegangen war. Zu spät für solche Überlegungen. Jetzt half nur noch, alle Fenster weit aufzureißen und eine kalte Dusche zu nehmen.

Und letzteres nicht nur wegen des heißen Wetters. Die Wärme schien von innen heraus zu kommen. *Nur nicht weiter darüber nachdenken.*, mahnte sich Lindsey und stieg mit einem großen Schritt in die Badewanne und drehte das kalte Wasser auf.

Danach ging es ihm besser. Er konnte wieder klar denken und entschied nüchtern, Riley aus dem Weg zu gehen.

Soweit das eben möglich war, wenn man nebeneinander wohnte.

*Ich brauche keine Freunde, sondern Ruhe, um mir über meine Zukunft klar zu werden!*, hielt er sich trotzig vor Augen und fragte sich: *Was geht mich dieser Provinzler an?*, bevor er sich ins Bett legte, jeden weiteren Gedanken bis auf Weiteres abblockend.

 

*Das ist doch jetzt bestimmt die Ruhe vor dem Sturm*, dachte Riley, als er das Licht im Schlafzimmer von Lindsey relativ kurz nach seinem Verschwinden ausgehen sah.

Er seufzte tief, als er sich die tausend Groupies vorstellte, die sicher bald kreischend hier auftauchen würden, um ihm den letzten Nerv zu rauben.

Dann wäre es mit seiner Ruhe endgültig aus und vorbei und er würde vielleicht sogar umziehen müssen. Nur wegen diesem ...Kerl!

*Vielleicht passiert aber auch gar nichts. Wenn ich viel Glück habe, lässt mich Lindsey in Ruhe und alles wird wieder so, wie vorgestern.*

Aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, glaubte er nicht an Letzteres. Wie vorgestern würde es nicht mehr werden. Das fühlte er instinktiv.

Nach einem Blick auf die Uhr erhob er sich, sammelte sein Buch, das Handtuch und den Liegestuhl ein und schleppte alles in seinen Bungalow. Auch wenn hier nicht viel los war. Sicher war sicher.

Riley musste so langsam ins Bett. Das Wochenende war leider schon wieder um und Morgen würde er wieder um halb sieben aufstehen müssen.

Mit dem Fahrrad brauchte er eine gute halbe Stunde für den Weg zur Arbeit. Und sein Chef nahm es mit der Pünktlichkeit sehr genau.

*Ist ja auch sein gutes Recht. Schließlich bezahlt er mich nicht fürs zu spät Kommen sondern fürs Arbeiten*, hielt er sich vor Augen und rollte dann mit denselben.

Genervt über sich selbst, weil er immer noch wie ein Befehlsgeber dachte, statt wie der Befehlsnehmer, der er nun einmal jetzt war.

Aber es machte ihm nichts aus, hart für sein Geld zu arbeiten. Er war es gewohnt. Inzwischen.

 

******

 

Die nächste Woche verstrich ereignislos. Lindsey frönte seinem neuen Hobby Faulenzen am Strand und Riley ging jeden Tag zur Arbeit.

Die Beiden sahen sich kaum, nur abends kurz, wenn Lindsey vom Strand zurück kam und Riley auf der Terrasse oder im Liegestuhl im Sand saß.

Sie wechselten kaum ein Wort, außer einem gelegentlichen Hallo und Bye. Meistens nickten sie sich jedoch nur höflich-distanziert zu.

Als wieder Samstag war, stellte Lindsey überrascht fest: *Huh? Ich bin schon eine Woche hier.*

Er saß an seinem Strand, die Beine angezogen, Ellbogen auf die Knie gestützt und sah hinaus aufs Meer.

*Wenn ich schon länger bleibe, kann ich mich auch genauso gut ein bisschen häuslicher einrichten*, beschloss er, stand auf und nachdem er seine Sachen zusammen gesammelt hatte, machte er sich auf den kurzen Heimweg.

 

Riley lag in seinem Liegestuhl und als er Lindseys Näherkommen bemerkte, zog er rasch sein T-Shirt über den Kopf.

Er hatte es extra mitgenommen und nicht im Bungalow liegen lassen, wie er es noch vor einer Woche getan hätte.

Aber er kannte seinen Nachbarn inzwischen gut genug, um zu wissen, dass er immer etwa um diese Zeit von wo-auch-immer zurück kam.

Warum er nicht - wie Riley selbst - hier blieb, in der Nähe des Hauses, wo er wohnte, war ihm ein Rätsel. Wie so vieles an ihm...

Lindsey machte sich keine Gedanken mehr über Rileys erneute Anziehaktion. Die Nummer kannte er ja mittlerweile zur Genüge. Vielmehr dachte er darüber nach, ob der Kleine keine Freunde hatte.

Seit er hier eingezogen war, hatte Riley noch kein einziges Mal Besuch gehabt.

*Dabei ist dieser Ort hier doch geradezu ideal, um wilde Partys zu feiern.*

Riley quälte sich immer noch mit seinem Krimi, bis er Lindsey überdeutlich wahrnahm. Nur in Boxers, Strandtuch lässig über der Schulter, Sonnenmilch und eine knallrote Taschenbuchausgabe von Stephen Kings ES in einer Hand, kam er langsam näher.

*Was findet er nur an King? Es gibt schließlich genug Schlimmes auf der Welt. Aber das weiß er ja nicht*, fiel ihm wieder ein. *Der Glückliche!*

Nass glänzende Haare, Sonnenbrille, barfuss. Trotzdem ging Lindsey lässig durch den tiefen Sand, als ob es ihm nicht die geringste Mühe bereiten würde.

All das und noch viel mehr nahm Riley wahr, als er Lindsey beobachtete.

Die vielen geschmeidigen Beinmuskeln, die durch die kurzen Shorts nicht verdeckt wurden und bei jedem Schritt deutlich arbeiteten; die Oberkörpermuskulatur, leider halb verdeckt durch das Strandtuch, dafür aber frei von jeglicher Behaarung; die golden gebräunte Haut, die durch das Eincremen matt glänzte.

Das alles fiel Riley auf, bevor er sich darüber klar wurde, was er da eigentlich machte.

Er starrte einen fast Fremden an, wie ein Teenager, der zum ersten Mal eine nackte Frau sah!

*Schnell wegsehen*, dachte er erschrocken. *Bevor Lindsey sieht, wie ich ihn mit offenem Mund anstarre.*

Außerdem musste er einfach wegsehen, bevor diese Gedanken Überhand nahmen.

Als Lindsey fast bei ihm war, zog er schnell sein Basecap tiefer in die Stirn und tat so, als ob er schlafen würde. Bis ihm klar wurde, wie lächerlich er sich benahm, schließlich hatte er eine Sonnenbrille auf der Nase!

Riley öffnete die Augen also wieder und beobachtete Lindsey verstohlen. *Nicht den Kopf drehen!*, mahnte er sich, obwohl er gerne genauer hin gesehen hätte. Jetzt, wo er endlich nah genug war, um mehr Details zu erkennen.

„Hi Riley.“, grüßte Lindsey knapp und winkte ihm zu, bevor er durch die Terrassentür in sein Haus verschwand.

Riley wartete noch einen Moment, bis er Wasser laufen hörte, dann zog er sein T-Shirt aus und entspannte sich allmählich wieder.

So lange er Lindsey nicht sah, bekam er auch nicht dieses Kribbeln in seinen Handflächen, das ihn an ihre kurze Berührung vor einer Woche erinnerte. Und alles war in Ordnung.

*Jetzt duscht er wieder.*, dachte Riley und rollte die Augen, sich selbst vormachend, darüber genervt oder wenigstens gelangweilt zu sein. *Lindsey ist ja so berechenbar.*

Doch eigentlich würde er auch da gerne ein genaueres Auge auf ihn werfen. *Na wunderbar!*

Wo war denn dieser Gedanke so plötzlich her gekommen?

Zum wiederholten Mal hielt er sich vor Augen, dass er seinen arroganten Nachbarn doch überhaupt nicht leiden mochte. Obwohl von arrogant längst keine Rede mehr sein konnte.

Schließlich waren weder Groupies noch ein Manager in der letzten Woche aufgetaucht.

*Noch nicht einmal Freunde. Komisch?!*

Aber trotzdem! Er wollte nichts mit ihm zu tun haben, weil... weil...

Ihm fiel so spontan kein vernünftiger Grund ein. Er würde sich darüber ganz in Ruhe Gedanken machen müssen. *Später...*

 

******

 

Lindsey kam vom Einkaufen zurück und schleppte den Karton mit der kleinen Anlage sowie drei CDs, die oben drauf lagen und die er mit seinem Kinn festklemmte, von seinem Truck zum Bungalow.

Nach einem prüfenden Blick auf das Nachbarhaus stellte er fest, dass Riley wohl noch nicht von der Arbeit zurück war.

Um so besser, so konnte er die Anlage auf ihre Leistungsfähigkeit hin testen.

Er baute sie in der Nähe der Terrassentür auf und stellte die Boxen an die offene Tür.

Nach Durchsicht der CDs fiel ihm die Entscheidung, welche er nehmen sollte, leicht. Er war jetzt ganz eindeutig in Creed-Stimmung.

Die anderen beiden Alben warf er nachlässig auf die Kommode. Garth Brooks und Linkin Park.

Komische Mischung. Aber was Besseres hatte er in diesem Kaff einfach nicht auftreiben können.

Sicher, er hätte auch nach LA oder Frisco fahren können.

Aber erstens hatte er keine Lust, bei der Hitze länger als nötig im Auto zu sitzen und zweitens nach LA wollte er auf keinen Fall und wenn er ehrlich zu sich selbst war, auch nicht nach Frisco.

Er wollte in überhaupt keine Stadt in nächster Zeit.

Dass er außer normalem Pop überhaupt etwas bekommen hatte in diesem Provinz-Laden, grenzte an ein wahres Wunder.

 

Scott Stapp fragte gleich im ersten Song Are you ready for what’s true come? und Lindsey nickte automatisch, während er sich bis auf die Boxer auszog und es sich anschließend auf der Terrasse bequem machte.

Genau die richtige Musik zum Entspannen. Und genau das tat er auch!

Er las nicht, er beschäftigte sich auch mit nichts anderem, er dachte nicht nach, sondern zog sich den zweiten Stuhl heran, legte die Beine hoch und entspannte sich, während er aufs Meer sah.

Irgendwo zwischen dem dritten und sechsten Song stand er kurz auf, um die Lautstärke ein bisschen weiter aufzudrehen. Schließlich musste das Meeresrauschen übertönt werden.

Lindsey lauschte der Musik, ohne auf den Sinn oder die genauen Worte zu achten und wunderte sich darüber, wie viel Kraft und Energie er allein aus Rhythmus und Stimme schöpfen konnte.

Aber es war tatsächlich so. Er fühlte sich ...besser.

Der Sänger hatte aber auch eine unvergleichliche Stimme, die er ständig zwischen kraftvoll und sehnsüchtig bewegte. Und genauso fühlte er sich jetzt.

Voller Energie und gleichzeitig sehnsüchtig. Ohne zu wissen, was genau er wollte.

Dass Riley exakt in dem Moment auftauchen musste, als Scott Stapp

 

With arms wide open - under the sunlight

welcome to this place - I show you everythin’

With arms wide open - now everythin’ has changed

I show you all - I show you everythin’

 

sang, war Lindsey fast peinlich.

Denn irgendwie fühlte er sich gerade genau so, als er für den Bruchteil einer Sekunde bewundernd den durchtrainierten Körper des anderen Mannes wahrnahm. Erschrocken wandte er den Blick ab.

Doch Riley hatte es nicht gesehen, noch hatte er auf die gesungenen Worte geachtet.

Als er um die Ecke geradelt war, hatte ihm die überlaute Musik entgegen geplärrt und er hatte lediglich einen Gedanken im Kopf: *Ich hatte doch Recht. Jetzt ist es mit der Ruhe aus!*
Innerlich stellte er sich schon darauf ein, eine Horde Idioten an seinem Strand herum tollen zu sehen, doch dem war nicht so.

Verwundert blickte er sich nach allen Seiten um und sah dann nur Lindsey, der auf der Terrasse saß und ihm zögernd zuwinkte, bevor er aufsprang und im Haus verschwand. Offensichtlich, um die Musik leiser zu drehen, wie er gleich darauf feststellte.

Lindsey kam wieder raus und verzog den Mund zu einem schiefem Lächeln. *Soll wohl eine Entschuldigung darstellen*, interpretierte Riley.

Lindsey nahm seinen alten Platz wieder ein und achtete nicht weiter auf Riley. Er war viel zu sehr mit seinen wirren Gedanken beschäftigt, die sich in seinem Kopf überschlugen.

Bis er sie mit einer durchaus einleuchtenden Erklärung zum Schweigen brachte. *Es hat nur an der Musik gelegen. Weiter nichts.*

Das beruhigte ihn tatsächlich, bis Riley plötzlich neben ihm auftauchte und ihn ansprach.

„Uuuh. Ich hoffe, ich hab Dich nicht gestört.“, sagte Lindsey, der Rileys Worte nicht richtig verstanden hatte, weil er zwischen den Boxen saß.

Riley sah ihn verständnislos an und Lindsey stand auf, um Creed endgültig den Hahn abzudrehen. Als er zurück kam, fragte er: „Entschuldige. Was hast Du gesagt?“

„Du kannst die Musik ruhig laufen lassen. Mich stört’s nicht. Im Gegenteil. Ich wollte mir sowieso von meinem nächsten Lohn ein Radio kaufen. Aber...“ Über seine eigenen Worte irritiert - *Warum habe ich ihm das jetzt gesagt?* -, verstummte er abrupt und setzte dann neu an.

„Also, mich stört’s jedenfalls nicht.“ Er nickte Lindsey kurz zu, drehte sich hastig um und ging auf seinen Bungalow zu.

Dabei hatte er es so eilig, dass er beinahe über sein Fahrrad gestolpert wäre, beim Versuch, es durch die Tür nach drinnen zu schieben.

Lindsey lächelte amüsiert. *Na wenigstens geht es nicht nur mir so...*

 

******

 

Nach diesem Tag war Lindsey nun doch neugierig auf den anderen Mann geworden.

Er beobachtete ihn, das lenkte ihn wenigstens von seinem eigenen verkorksten Leben ab.

Er machte einen regelrechten Sport daraus.

Jeden Morgen, außer am Wochenende, verließ Riley das Haus früh morgens und radelte davon.

*Klar, er geht zur Arbeit.*, dachte Lindsey.

Abends, kurz vor Sonnenuntergang kam er zurück, winkte ihm zu und schob sein Rad ins Haus.

Dann passierte eine Weile nichts. *Vielleicht macht er sich was zu essen?!*, spekulierte Lindsey.

Und wenn die Sonne schon fast mit dem Horizont verschmolzen war, kam er raus, nur in Shorts.

Als Lindsey das zum ersten Mal sah, wunderte er sich darüber, weil er kein T-Shirt trug. Aber es war ja auch schon fast dunkel, sodass er nicht mehr viel erkennen konnte außer schemenhaften Umrissen. *Damnit!*

Riley ging aufs Wasser zu, befreite sich kurz davor von seinem letzten Kleidungsstück und rannte nackt - *Anscheinend ist er doch nicht so verklemmt wie ich dachte.* - ins Meer, wo er mindestens für eine halbe Stunde schwamm. Soviel konnte Lindsey gegen den rötlichen Horizont erkennen.

Immer parallel zum Strand und nicht allzu weit draußen. *Wegen der Haie.*, vermutete Lindsey.

Am Wochenende hielt er es ein bisschen anders. Wenn Riley das Haus verließ, dann immer mit T-Shirt. Auch wenn er am Strand in der Sonne lag. *Warum nur? Sehr merkwürdig.*

Aber andererseits, was interessierte es ihn überhaupt, ob der Typ vor sich hin schwitzte, nur weil er sich offensichtlich schämte, sich auszuziehen?

*Na ja, es sei denn, sein Geruch weht bis zu mir herüber. Dann - und erst dann - muss ich mich dafür interessieren und etwas dagegen unternehmen. Dann zerre ich ihn ins Meer und...*

 

*Warum geht er nicht zu seinem Platz*, fragte sich Riley währenddessen und warf einen prüfenden Blick auf die Terrasse seines Nachbarn.

Ihm war nämlich ziemlich warm und er hätte gerne das T-Shirt ausgezogen, aber das konnte er nicht, solange Lindsey dort saß und ihn - er konnte sich nicht helfen - hinter seiner Sonnenbrille beobachtete. Er fühlte ganz deutlich den Blick des Fremden auf sich ruhen.

*Vielleicht sollte ich eine Runde schwimmen?*, überlegte Riley, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Dann müsste er sich ja auch ausziehen.

Es war noch zu hell dafür. Er musste warten, bis die Sonne untergegangen war. Sonst könnte Lindsey vielleicht all seine Narben sehen.

Und das wollte er nicht. Auch wenn Lindsey sicherlich nicht wüsste, dass es sich um Vampirbisse handelte. Es war Riley einfach zu peinlich.

Er schämte sich schon genug, wenn er sie jeden Morgen im Spiegel sah.

Er spürte kurz Ärger auf Lindsey in sich aufsteigen, doch er fasste sich rasch wieder. Lindsey konnte schließlich nichts dafür.

Und außerdem war er ja ganz nett, wie sich inzwischen heraus gestellt hatte. Er ließ Riley meist in Ruhe. Und eine Gefahr stellte er sicher auch nicht dar. *Jedenfalls ist er kein Vampir.*

 

Teil 2