Böser Besuch
Spike
schlenderte durch eine dunkle Gasse und wollte sich gerade eine Zigarette
anzünden, als sich ihm plötzlich Buffy entgegenstellte und ihm demonstrativ
einen Pflock vor die Nase hielt. Reflexartig warf Spike die Tasche mit sauer verdientem
Diebesgut hinter sich. Er wollte nicht riskieren, dass Buffy Wind von seinen
nächtlichen Aktivitäten bekam.
Angel
beobachtete die gesamte Szene aus sicherer Entfernung. Er stand auf einem Dach
direkt über ihnen. Er schien gelangweilt zu sein und interpretierte das
folgende Gespräch zwischen Buffy und Spike auf seine ganz persönliche Art und
Weise.
Zuvor sollte
vielleicht noch erwähnt werden, dass sich Angel ein wenig schlau gemacht hatte,
was die Ereignisse der letzten Zeit in Sunnydale betraf.
„Jägerin...
was willst du denn schon wieder?“, süffelte Angel im feinsten britischen
Akzent, womit er wohl Spikes Stimme immitieren wollte, was ihm allerdings nur
marginal gelang.
„Kann
ich nicht einmal einen ruhigen, kleinen Spaziergang im Dunkeln machen ohne zu
befürchten, dass du mir wieder auflauerst? Reicht es nicht, dass ich mit diesem
Chip bestraft bin? Muss ich auch noch ein freches, blondes Luder neben mir
haben, das mich immer wieder auf Schritt und Tritt verfolgt?“
Es
wurde lächerlich, als Angel versuchte, Buffys Stimme zu imitieren, denn so hoch
wie er sie hier machte, war sie wirklich ganz und gar nicht.
„Aber
Spikey, ist es nicht genau das, was du von mir immer willst? Deine Blicke
verraten doch, dass du mich liebst! Es tut mir wirklich schrecklich leid, wenn
ich jetzt deine Gefühle verletze, aber: Ich liebe dich nicht! Für
mich wird es immer nur einen geben, den ich wirklich liebe.....Angel! Er ist
einfach von einer anderen Klasse als du, Spikey!“
Bei
diesem Gedanken musste Angel lächeln. Natürlich war dies bloßes Wunschdenken,
aber warum sollte ein 244 Jahre alter Vampir nicht auch einmal vor sich hin
träumen dürfen? Schließlich hatte er in den letzten Jahren für seinen Geschmack
schon genug gegrübelt. Jetzt war das Träumen an der Reihe! Und das kleine
Sex-Abenteuer mit Cordelia stellte hier wohl nur den Anfang für ihn dar.
Jedenfalls
setzte Angel die schlechte Spike/Buffy-Parodie fort:
„Angel...
Angel, wenn ich schon den Namen höre, bekomm’ ich Syphilis. Buffy, wenn du
wüßtest, wie wir uns in meinen Träumen verstehen... Ich meine... wir probieren
alle denkbaren Stellungen aus...“
„Die
du alle von meinem Angel geklaut hast! Ich meine, wer hat dich denn als
Vampir ausgebildet?“
„Okay,
okay, ich verdanke ihm viel, aber trotzdem würd’ ich ihn um Längen schlagen,
wenn’s ums Bett ginge... und um das dafür nötige Gerät...“
Es wirkte jetzt noch unsinniger als es eh schon war, denn Buffy griff nach der
Tasche, in der Spike sein Diebesgut vom letzten Juwelierbesuch versteckt hatte.
Um die Parodie dennoch zu retten, versuchte Angel, dies noch mit einzubringen.
„Hey,
gib’ mir sofort die Tasche! Ich will sehen, ob ich davon was gebrauchen kann!
Hm... kein Zauberzeug, um Angel in mein Herz zurückzuholen, keine Handschellen
für gewisse Sexspiele mit Riley und... hehe... wie ich sehe auch keinen
Entferner für deinen Chip! Trotzdem nehme ich die Sachen besser an mich, wer
weiß, was du damit wieder vorhast.“
„Jägerin,
wenn ich erst einmal meinen Chip wiederhabe, wirst du dir wünschen, niemals
geboren worden zu sein!“
„Oho,
jetzt hab ich aber Angst! Du erinnerst mich an einen gewissen Vampir, der mal
mein Boyfriend war und jetzt ’ne Seele hat. Der wird auch nie mehr zubeißen
können...“
Jetzt hatte
Angel wohl endlich genug von dieser grausamen Parodie. Er fügte in ernstem Ton
hinzu: „Dass du dich da nur mal nicht irrst, Buffy. Auf dich warten ein paar
tolle Überraschungen. Eine verlorene Seele, ein Besuch von deinem alten Freund
Angelus... ach ja und ein furchbarer, qualvoller Tod...“
Angelus grinste diabolisch und zündete sich seelenruhig eine Zigarette an.
***********
Ja, er hatte
sich das Rauchen angewöhnt, weil er fand, daß sein Ich als Angelus damit viel
cooler wirkte – und außerdem wollte er diesen Geruch von Tod loswerden, der an
ihm haftete, seit er Cordelia – natürlich nach ihrer heißen Liebesnacht –
ausgesaugt und die Leiche im Heizungskeller verbrannt hatte.
Allerding mußte er noch etwas üben, denn da er nicht atmen konnte, ging der
eingeatmete Rauch immer woanders hin – meist trat er an Öffnungen zutage, die
er nie vermutet hätte.
Wie auch
immer: Nun war er wieder in Sunnydale und bereit, sich an Buffy und ihrer Bande
von Möchtegerndämonenjägern zu rächen. Mal sehen, mit wem er anfangen würde –
wessen Tod Buffy am meisten wehtun könnte...
Einen nach dem anderen, ganz in Ruhe, würde er sie sich vorknöpfen – und ganz
zum Schluß Buffy. Wenn sie bis dahin nicht schon an gebrochenem Herzen
gestorben sein würde...
Nun, da war Willow, ihre beste Freundin. Aber die war mit anderen Dingen
beschäftigt, und Angelus nahm an, daß die Verbindung zu Buffy wohl nicht mehr
so eng war.
Ach ja, apropos eng: Da war ja noch Riley, der Pappkamerad von dieser
widerlichen Antidämonen-Armee. Der lag ihr sicher am meisten am Herzen. Oh,
ja...
Die beiden da unten zankten sich jetzt um die Tasche, wie es aussah, und Buffy
holte plötzlich aus und schlug Spike mit der Faust ins Gesicht. Augenblicklich
ließ der blonde Vampir die Tasche los, taumelte rückwärts und hielt sich die
Nase.
Buffy lachte
nur, bückte sich nach der Tasche und ging sofort von dannen.
Spike sah
ihr einen Moment lang nach, schüttelte enttäuscht den Kopf, und Angelus sah,
daß er etwas sagte – und nach Spikes Gesichtsausdruck zu urteilen, war es nicht
gerade ein Kompliment, was er da von sich gab.
Dann trollte sich auch Spike.
Das diabolische Grinsen auf Angelus’ Gesicht wurde immer breiter, und er nahm
einen tiefen Zug von seiner Zigarette, warf sie über die Dachrinne und wandte
sich zum Gehen. Aus seinen Ohren trat Rauch aus, aber er bemerkte es nicht,
denn er arbeitete in Gedanken schon an einem gemeinen Plan.
Riley – er hatte ihn von Anfang an nicht gemocht – und Buffy liebte ihn. Das
könnte eine würdige Einführungsparty für Angelus werden! Schade nur, daß dieser
Waschlappen von Spike nicht mehr zur Menschenjagd zu gebrauchen war...
Jetzt stieg er durch die Dachluke, und er schüttelte dabei unmerklich den Kopf.
Ihm würde
schon noch eine Verwendung für Spike einfallen, ganz sicher.
***********
Am
Boden hatte Buffy währenddessen ganz andere Probleme. Nachdem sie Spike zum
Abschied noch einen schmerzhaften Nasenstüber verpasst hatte (den sein krankes
Hirn vermutlich wieder als Liebesbeweis deuten würde), schnappte sie sich die
Tasche mit der Beute, die der beißunfähige Vampir in dieser Nacht gemacht
hatte, drehte sich grußlos um und stapfte von dannen.
Wieder
einmal durfte sie sich überlegen, wie sie eine der Schandtaten, die Spike auf
seinem nicht vorhandenen Gewissen hatte, aus der Welt schaffen würde. – Was
hatte Giles gleich wieder als Grund angegeben, warum man Spike nicht pfählen
durfte? Ach ja, richtig. Nützlicher Informant. Und unfähig, zurückzuschlagen.
Daher kein sportlicher Kampf.
Pfff. Was hieß hier
Kampf. Gab ja auch noch so was wie den Gnadenschuß, nicht wahr?
Vielleicht konnte Riley die Tasche ja am nächsten Tag unauffällig
zurückbringen. Oder er konnte behaupten, sie auf der Straße gefunden zu haben.
Seinem grundanständigen Wesen und zutiefst ehrlichen Gesicht traute sicher
jeder Juwelier die Blödheit zu, Klunker im Wert von mehreren tausend Dollarn
treuherzig beim Besitzer abzugeben.
Mit leisem Seufzen bog sie um die nächste Ecke, als ein Geräusch – und ein
leises Kribbeln in der Magengegend sie abrupt verharren ließen. Buffys
Jägerinnen-Instinkte schlugen an und sagten ganz eindeutig 'Vampir'.
Sie drehte sich um, sah aber niemanden.
„Spike. Hör auf mit dem Versteckspiel. Die Tasche kriegst du nicht mehr, und
ich für meinen Teil kann wirklich darauf verzichten, auf Schritt und Tritt von
einem untoten Verehrer beschattet...“
„Aber Buffy“, kam eine vertraute Stimme von der anderen Seite. Die kleinen
Härchen in Buffys Nacken richteten sich auf bei ihrem Klang. „Habe ich mich
wirklich so verändert, daß du mich jetzt schon mit Spike verwechselst?“
Buffy drehte sich nach der hochgewachsenen, breiten Gestalt des Sprechers um,
und etwas in ihrem Magen begann vor Aufregung zu hüpfen wie ein hyperaktiver
Floh.
„Angel!“
***********
Und
wieder versank sie gegen ihren Willen in seinen samtenen, braunen Hundeaugen
und verlor sich darin. Seufzend versuchte sie, sich in den Griff zu bekommen
und sich zu erinnern, ob sie nun gerade mal wieder sauer auf ihn war oder
nicht.
Ach ja, ihr letzter Besuch in LA war nicht gerade zufriedenstellend verlaufen.
Jetzt konnte sie schön böse auf ihn sein, vor allem durfte sie sich nicht
anmerken lassen, daß sie in ihrem Innersten vor Freude bebte, ihn zu sehen...
Sie sah ihm direkt in die Augen - emotionslos, wie sie hoffte - und sagte kühl:
„Wie kommst *du* denn hierher? Hast du nicht ein paar spannende Marlowe-Fälle
zu lösen in der 'Stadt der Engel'?“
Der Vampir vor ihr rührte sich nicht, antwortete auch nicht auf ihre Frage, und
sie fing schon an, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil sie ihn so
schlecht behandelt hatte, als sie etwas ungewöhnliches in seinen Augen sah.
Irgendwie hatte er sich verändert, war er viel ernster – wenn ein Typ wie Angel
überhaupt noch ernster als gewöhnlich werden konnte.
Hatte er ein Problem, das er ohne sie nicht lösen konnte? Oh Gott, jetzt hatte
sie ihn mit ihren ersten Worten seit ihrem Streit in LA vor den Kopf
gestoßen...
Jetzt rührte sich Angel, kam immer näher an sie heran, bis er dicht vor ihr
stand. Sie konnte ihn riechen... aber Moment mal, das war eindeutig nicht der
Geruch von Angel!
Und dann schoß es durch ihr Hirn mit einer Wucht, die sie fast umwarf: Dieser
Vampir da war Angelus!
Und
da beugte er sich auch schon zu ihr hinunter und sah ihr im Abstand von nur ein
paar Zentimetern ins Gesicht:
„Nach deiner Herzfrequenz zu urteilen, hast du’s begriffen, Buffy. Ja, ich bin
wieder da – und ich werde nicht wieder fortgehen, ohne meine Marke gesetzt zu
haben.“, flüsterte er ruhig, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand
zwischen den Schatten wie er gekommen war.
Buffy
stand wie erstarrt; sie hatte nicht bemerkt, wie die Tasche ihr aus den Händen
geglitten war. Sie stand nur da mit einem Gesichtsausdruck, als wäre ihr ein
Geist begegnet – und das war auch gerade geschehen.
Oh
Gott, Angelus! Und die Erinnerung an das letzte Mal, als sie Angelus begegnet
war, raubte ihr fast den Verstand. Ihr Leben erschien ihr wie eine ewige
Achterbahnfahrt – und nun war sie mal wieder ganz unten angelangt.
Immer
noch stand sie da, die Tasche neben sich auf der Erde, als sie zusammenzuckte.
Wieder spürte sie die
Nähe eines Vampirs, und ganz plötzlich rissen sie ihre Sinne aus der Erstarrung
und ließen sie zu ihrem Holzpflock greifen.
Sie
wirbelte herum, kampfbereit mit jeder Faser ihres Körpers, blaß und
konzentriert – und hätte fast Spike gepfählt.
***********
Zu
der Zeit, als Buffy auf Angelus traf, geschahen gleich mehrere Dinge auf
einmal: Giles bekam einen Anruf von einem total aufgelösten und aufgeregten
Wesley Wyndham-Price, der ihm mitteilte, was geschehen war, Tara und Willow
zauberten in romantischem Kerzenlicht Miss Kitty Fantastico aus einem Zylinder,
Xander und Anya näherten sich gefährlich nahe dem Orgasmus, Riley bemitleidete
sich wieder einmal selbst, Joyce lag mit starken Kopfschmerzen im Bett und Dawn
war aus ihrem Zimmer ausgebüchst und auf der Party einer Freundin.
Giles
war so geschockt von Wesleys Schilderungen, dass er sofort eine Krisensitzung
im Zauberladen einberief. Dabei hätte sich Angelus keinen ungünstigeren
Zeitpunkt für seine Rückkehr ausdenken können, denn wie Giles im Verlauf des
Abends erfahren sollte, war er zum Sündenbock aller Scoobys geworden.
Die
erste, die sich beschwerte, war ausgerechnet Willow, die wütend in den Laden
stürmte und unbedingt wissen wollte, was so wichtig war, dass sie mitten in
einem intimen Rendezvous, von dem der doch recht konservative Giles am liebsten
nie erfahren hätte, gestört wurde.
„Tara
hatte nicht mal mehr Lust, mit hierher zukommen!“ hörte Giles Willow noch
sagen, als auch schon Anya mit Xander im Schlepptau hereinschneite.
„Sie
haben mir den Orgasmus versaut!“, fauchte sie Giles wutentbrannt ins Gesicht.
Xander, dem die Sache extrem peinlich war, fügte nur flüsternd hinzu: „Sie
müssen das verstehen, G-Man, bei solchen Sachen ist sie immer sehr
empfindlich...“
„Du hast gut reden, du hattest wenigstens noch deine Erektion.“, erwiderte Anya
sauer.
Riley
trudelte als Nächster ein und fragte Giles geradeheraus: „Na, was ist denn
bitte schön so wichtig, dass sie selbst mich
dazuholen?“
Giles sah ihn
nur verblüfft an und runzelte die Stirn.
So einen
undankbaren Haufen hatte er wirklich noch nie erlebt!
Er malte sich
gar nicht erst aus, was Dawn ihm wohl sagen würde. Warum sollte er auch
annehmen, dass Buffy inzwischen zu Hause war? Mit dem Anruf hatte er nur Joyce
aufgeweckt, die jetzt wahrscheinlich die halbe Stadt auf der Suche nach Dawn
auf den Kopf stellte.
„Was
ist nun los?“, fragte Xander in die Runde.
Giles,
der – wie immer zu solchen Anlässen – die Brille in der Hand hielt, antwortete
nur kurz und knapp:
„Angelus ist wieder da!“
***********
Angelus.
Der Name hing bedrohlich in einem plötzlich totenstillen Raum. Giles
schmunzelte grimmig. Mochte ja sein, daß er diesen ganz speziellen Vampir nicht
unbedingt zu seinen engsten Freunden zählte (und bei genauerem Überlegen gab es
überhaupt wenige Blutsauger, auf die dieser Begriff paßte), aber um diese
nervenaufreibende Ansammlung von hormongeplagten US-Amerikanern in den Griff zu
bekommen, dazu eignete er sich wirklich vortrefflich.
„Angelus“, wiederholte Riley schließlich zögernd. „Buffys Ex.“
Der Engländer nickte zur Bestätigung. Auch wenn ihm bei der Umschreibung „Ex“
für das blutrünstige, in höchstem Grad neurotische und vollkommen skrupellose
Monster, das Angelus war, insgeheim die Haare zu Berge standen.
„Oh“, machte Anya hörbar erfreut. „Ich habe gehört, er soll ein sehr
gutaussehender Vampir sein.“
„Oh ja, das ist er“, bestätigte Willow spontan.
Um, als von allen Seiten Blicke zu ihr glitten, hastig
hinzuzufügen: „Natürlich auf eine ganz unheimliche, ganz und gar widerliche
Art. - Eigentlich gar nicht unbedingt so wirklich gutaussehend. Überhaupt
nicht, wenn ich darüber nachdenke.“
„Eben“, sagte Xander und hakte seinen Arm sehr entschieden bei Anyas ein.
„Und außerdem bin ich jetzt lesbisch.“
„Und wie bitteschön hat Deadboy mal wieder seine Seele verloren?“ wandte Xander
sich wieder an Giles. „Nicht, daß es mich wirklich interessieren würde,
natürlich.“
„Ja, Sir?“ Riley fixierte den Rest der Gang mit funkelnden Blicken. „Wenn das
heißen soll, daß er und Buffy...-“
„Nicht Buffy“, verbesserte der Engländer. „Cordelia.“
„Was?“ machte Willow.
„WAS?“ schrie Xander.
„Aha!“ entfuhr es Riley. Er verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust.
„Das werde ich Madame Buffy erzählen, wenn sie heute nach Hause
kommt. Ihr Angel war ihr nicht nur untreu –
er hatte auch noch einen ‚Moment vollkommenen Glücks’ mit allem, was
dazugehört. Von wegen ‚vollkommenes Glück könnte sowieso nur ich ihm geben’ und
der ganze Käse. Da wird das Fräulein ein bißchen dran zu knabbern haben, möchte
ich meinen. – Wer ist diese Cordelia überhaupt?“
„Cordelia ist – oder vielmehr war – eine Mitarbeiterin Angels und nebenbei eine
Schulfreundin von Xander und Willow.“
„War?“ wiederholte Willow mit geweiteten Augen. „Heißt das...“
Giles nickte ernst.
„Ja. Cordelia ist tot. Und nach dem Anruf zu schließen, den ich
gerade eben aus L.A. erhielt, müssen wir uns darauf gefaßt machen, daß Angelus
unterwegs nach Sunnydale ist. Auf der Suche nach Buffy.“
***********
Spike ging niedergeschlagen vor sich hin, als er vor sich die
Jägerin sah, die unbeweglich mitten auf der Straße stand, die Tasche mit seiner
Beute unbeachtet neben sich auf der Erde.
Blitzartig kam ihm der Gedanke, sich von hinten anzuschleichen
und einfach die Tasche wieder an sich zu nehmen.
Aber die Sinne der Jägerin waren nicht zu überlisten, und gerade
als er sich herunterbeugte, um die Tasche aufzuheben, schnellte Buffy herum,
und der Pflock in ihrer rechten Hand verfehlte ihn nur um Millimeter – eben,
weil er sich heruntergebeugt hatte.
„Ähm, Jägerin, ich dachte nur, wenn du sowieso kein Interesse
daran hast, kann ich ja die Ta...“
Spike verstummte abrupt, als er in Buffys Gesicht sah, worin pure Verzweiflung
und tiefer Gram geschrieben standen.
Die beiden standen sich nun bewegungslos gegenüber, und keiner sagte ein Wort.
Dann zog Spike sie einfach wortlos an sich und hielt sie, ihr Haar streichelnd,
an sich gedrückt. So standen sie eine ganze Weile, bis Buffy sich aus seiner
Umarmung löste, ihn verlegen und traurig ansah und dann ohne ein weiteres Wort
die Tasche aufnahm und ging.
Wieder ließ sie ihn einfach stehen – aber dieses Mal hatte sie andere Gründe
dafür. Ihre Gedanken beschäftigten sich nur mit einer Sache: Sie mußte sofort
zu Giles, und sie mußten Angelus dieses Mal für immer aus der Welt schaffen.
Nichts anderes zählte, nichts hatte mehr eine Bedeutung als
diese eine Aufgabe, die vor ihr lag.
Sie kam auf ihrem Weg an einem Juweliergeschäft vorbei, und trotz ihres
dringenden Zieles bemerkte sie, daß die Ladentür offenstand und die Scheibe
zersplittert war.
Kurzentschlossen holte sie aus – und warf Spikes Tasche durch
die offene Tür auf den Ladentresen. Sie konnte sich jetzt nicht mehr mit
Lappalien wie der Rückgabe von Diebesgut abgeben... Die Tasche landete mitten
auf dem Tresen, rutschte längs der Kante entlang und prallte genau an die Kasse, was den Alarm auslöste.
Ohrenbetäubend schrillte die Sirene los, und über dem Laden ging
in einem Fenster das Licht an, und ein Mann im Schlafanzug erschien am Fenster.
Aber den sah Buffy schon nicht mehr, denn sie war bereits um die nächste Ecke
gebogen auf ihrem Weg zu Giles.
Wieder einmal hatte sie Spike einfach stehengelassen, und wieder einmal kam er
sich vor wie ein Vollidiot.
Im Grunde war er das ja auch, denn weder in seiner Welt noch in
ihrer wurde er noch für voll genommmen, und das alles hatte er diesem
verdammten Chip zu verdanken – der Initiative... und Riley, diesem
Pappkameraden.
Wütend auf sich selbst, auf das Pech, das an ihm klebte und auf den Rest der
Welt langte er vor seiner Krypta an. Die Tür stand offen, und er wurde umso
wütender.
Noch nicht einmal ein richtiges Zuhause hatte er mehr, jeder
Idiot konnte hier ein und ausgehen. Na warte, wenn er den erwischte, der sein
Heim ohne seine Erlaubnis betreten hatte!
Spike duckte sich und schlich durch die Tür, jedes unnötige
Geräusch vermeidend. Und da sah er auch schon den Eindringling, der mit dem
Rücken zur Tür stand, und irgendwie kam er ihm bekannt vor.
Und dann fing der auch noch an zu sprechen, und ohne sich
umzudrehen, sagte der Besucher:
„Hallo, Spike, du hast ja wirklich ein schönes Zuhause hier. Richtig gemütlich
für einen... Penner.“
Damit drehte sich Angelus um und grinste dem kleineren Vampir
böse ins Gesicht.
Der war erst geschockt – Angelus war zurück! – und dann wurde
ihm klar, warum Buffy eben so verzweifelt gewesen war.
Zur Hölle, diese Ausgeburt des Wahnsinns war zurückgekehrt! Aber
Spike bekam sich schnell unter Kontrolle, und er grinste zurück, als er
antwortete:
„Oh, welche Ehre, Angelus, hast du mal wieder Lust, deinen Dämon so richtig
rauszulassen?“
Ein finsteres Lachen ertönte, und Angelus kam auf den blonden Vampir zu.
„Dämon rauslassen? ICH BIN DER DÄMON! ICH lasse mich nicht RAUS! ICH BIN!“, und
damit streckte er seinen rechten Arm aus, packte Spike am Kragen, hob ihn in
die Höhe und schleuderte ihn an die entfernteste Wand, wo er mit einem Krachen
landete und liegenblieb.
Angelus’ Lachen steigerte sich noch, als er beobachtete, wie Spike ächzend und
stöhnend seine Knochen aufsammelte und sich mühsam an der Wand emporzog.
Verflucht – was hatte Angelus vor? Spike war schon wütend, als er hier
angekommen war, aber jetzt kannte sein Zorn keine Grenzen mehr, und, seine
Vampirfratze ausfahrend, drehte er sich zu Angelus um und sagte:
„Was willst du? Verpiß’ dich, wenn du nicht willst, daß ich auf deine Asche
pisse!“, und ging drohend auf ihn zu.
Aber Angelus lachte nur noch mehr.
„Du kleiner Chip-Vampir willst MIR drohen? Ha! Schon deswegen hat sich die
Fahrt hierher gelohnt!“
Dann wurde Angelus ernst und fragte:
„Was weißt du über Riley?“
Überrascht blieb Spike stehen. Seine menschlichen Züge erschienen wieder, und
erstaunt hob er eine Augenbraue. Was wollte Angelus von Riley? Und wieso fragte
er ausgerechnet ihn, der Riley lieber heute als morgen töten wollte?
Mißtrauisch fragte er zurück:
„Was willst du von Riley?“
„Ihn töten, was sonst? Und ich kann mir denken, daß du nichts dagegen hast...
Vielleicht kannst du mir dabei helfen, SPIKEY.“, erwiderte Angelus mit einem
bösen Blitzen in seinen Augen.
Er tastete seine Manteltaschen ab und schien etwas zu suchen.
„Ähm, Spike, hast du mal ’ne Zigarette?“
***********
Dawn
hatte ein komisches Gefühl in der Magengegend.
War
das wirklich so eine gute Idee gewesen, auf ausgerechnet diese
Party zu gehen? Ihr wurde gerade von ihrer Freundin Jennifer ein zweifellos
alkoholisches Getränk angeboten, als auch schon einige Schreie zu hören waren.
Wie sich herausstellen sollte, war ein Junge zusammengeklappt, der sich Heroin
gespritzt hatte.
Was
würde ihre Mutter wohl dazu sagen, wenn sie es erführe?
Jedenfalls
war die Party nicht im entferntesten so spaßig wie sie vorher von ihrer
Freundin angepriesen worden war, und schließlich ertappte Dawn sich dabei, wie
sie alleine in einer Ecke saß und sich wünschte, gar nicht erst hingegangen zu
sein – bis ein gewisser Eddie auftauchte und sich neben sie setzte...
Unterdessen
erreichte Buffy den Zauberladen. Sie war ziemlich überrascht, als sie alle ihre
Freunde – in einer Besprechung vertieft – vor sich sah.
Bevor
sie von den anderen bemerkte wurde, bekam sie noch ein paar Wortfetzen mit:
„Ich
habe es immer gesagt und werde es wohl auch immer sagen: Wir hätten Angel ein
für alle mal töten sollen, als wir die Chance dazu hatten. Cordelia würde mir
hierbei jetzt sicher zustimmen.“, sagte Xander, der sichtlich betrübt von der
Nachricht war, dass seine Ex von dieser Bestie getötet worden war.
Riley
schaltete sich ein: „Vampire sind wie räudige Hunde. Sie mögen manchmal nett
sein... oder handlungsunfähig – trotzdem werden sie irgendwann wieder beißen!
Wir sollten es keinem Vampir gestatten, lange unter uns zu weilen! Und das
würde auch Spike miteinschließen...“
„So
wie ich das sehe...“, unterbrach Anya, „... bleibt Buffy keine andere Wahl. Sie
muss ihn töten!“
„Und
das werde ich auch...“, fügte Buffy hinzu. Erst jetzt bemerkten die Scoobys
ihre Anwesenheit.
***********
Alle Gesichter wandten
sich Buffy zu, die noch immer an der Tür stand. Sie sah unheimlich traurig aus
– aber auch wild entschlossen.
Ja, sie würde das
„Problem Angelus“ lösen, ein für alle Mal, und zwar so schnell wie es ging.
„Wir sind uns bereits begegnet, und ich glaube, er hat etwas Furchtbares vor.
Wir müssen herausfinden, was – und wir müssen schnell handeln.“, sagte Buffy,
als sie vor ihnen stehenblieb.
Riley strich ihr mit der Hand über den Rücken.
„Ja, wir haben gerade darüber gesprochen, Buffy. Wir müssen ihn töten, bevor er
seinen Plan ausführen kann. Alle Vampire müssen ausgerottet werden. Ich hab’s
ja immer gesagt!“
Buffy wich seiner Handbewegung aus und erwiderte ärgerlich: „Diese Weisheit
hilft uns jetzt auch nicht weiter – und außerdem ist es gar nicht möglich, ALLE
Vampire zu vernichten, das weißt du ganz genau, Riley.“
Dann wandte sie sich an Giles: „Was meinen Sie, was er vorhat? Ich glaube,
dieses Mal wird er vor nichts zurückschrecken. Er will nur seine Rache – und
das bedeutet, daß keiner von meinen Freunden sicher ist, meine Familie in
Gefahr ist – und wir alle Kräfte aufbieten müssen, um ihn zu vernichten.“,
sagte sie ernst und gefaßt.
Riley hatte sich beleidigt abgewandt, und Willow schaute ihn betreten an – er
tat ihr einfach leid – und nickte ihm aufmunternd zu.
Giles schüttelte den Kopf.
„Wir können nur hoffen, daß Angelus keine Verbündeten hat, denn unsere beste
Chance ist, ...ähm.. ihn allein zu stellen und zu vernichten. Wir müssen
schnell herausfinden, wo er sich befindet, sein Versteck umstellen und ihn
nicht zum Zuge kommen lassen.“
Buffy nickte. Ja, das war ihr Wächter!
Sie sah ihn dankbar an,
bevor sie sich an die anderen wandte.
„Ja, Giles hat recht. Wir müssen ihn finden – und das sofort. Ich schlage vor,
wir ziehen los, immer zu zweit, und wir bleiben in Funkverbindung. Dann können
diejenigen, die ihn gefunden haben, sofort die anderen rufen. Unternehmt
nichts, bevor nicht wir alle zusammen vor Ort sind! Und, Riley - du hast doch
noch die WalkyTalkies, oder?“, wandte sie sich jetzt wieder an Riley.
Der war froh, daß sie ihn ansprach und nickte.
„Klar, alle Akkus sind aufgeladen und die Geräte funktionstüchtig – alle
draußen im Auto, Buffy!“
Angelus hustete hart, und aus seinen Ohren trat wieder Rauch aus. Vielleicht
sollte er das Rauchen ganz aufgeben – oder auch mehr üben. Ein wenig peinlich
war es auch, und er sah an Spikes Grinsen, daß er nicht eben Eindruck auf ihn
gemacht hatte.
Deshalb setzte er jetzt wieder sein diabolisches Grinsen auf und sah den
blonden Vampir drohend an, bevor er die Zigarette wegwarf.
„Hey, das hier ist mein Zuhause, paß ja auf mit deiner Zigarette!“, rief Spike
empört aus, als er sah, wie die Kippe auf einem seiner schwarzen T-Shirts
landete, das zerknautscht in einer Ecke lag.
„Wen interessiert das denn? Ich habe dich was gefragt! Was weißt du über
Riley?“, stieß Angelus hervor.
Spike
hatte nicht hingehört, sondern klaubte die glühende Zigarette von seinem
T-Shirt und warf sie durch die offene Tür hinaus auf den Friedhof.
„Hey, du Opfer der 80er Jahre, ich rede mit dir!“, und nun hörte sich seine
Stimme wirklich bedrohlich an.
„Ähm, ja, Angelus? Ach ja... ich weiß nicht viel über den Pappkameraden. Der
Kerl interessiert mich auch nicht – warum willst du ihn denn töten?“, fragte
der kleinere Vampir neugierig.
„Oh
Mann, das ist doch vollkommen egal, Spike. Ich werde sowieso alle töten,
einschließlich deiner geliebten Jägerin. Aber immer der Reihe nach, gaaaaaanz
langsam, damit die süße Buffy auch alles mitbekommt.“
***********
Spike
spürte plötzlich den unwiderstehlichen Drang, Angelus eins reinzuwürgen und
ehrlich gesagt hatte er ihn ja auch noch nie so richtig gemocht.
Leider
lag keine richtige Waffe in Reichweite, mit der er Angelus außer Gefecht setzen
konnte. So kam es gerade recht, als auf einmal Harmony auf der Bildfläche
erschien.
„Spike,
ich habe dir ein wenig Blut von meinem letzten Opfer mitgebracht... Oh... du
hättest mir ruhig sagen können, dass du heute Besuch bekommst. Dann hätte ich
mir noch schnell was anderes anziehen können...“
Angelus
grinste frech und ehe er etwas sagen konnte, plapperte Spike auch schon drauf
los: „Harm, wie oft habe ich dir gesagt, dass du vorher anklopfen sollst? Aber
gut, dass du da bist. Würdest du dich so lange um meinen Gast kümmern, während
ich weg bin?“
„Weg?“,
wiederholten Angelus und Harmony gleichzeitig.
„Wohin
willst du denn, Spike?“, fragte Angelus, der Lunte gerochen hatte. „Du denkst
doch nicht wirklich, ich bin so blöde, oder?“
„He,
das ist mein Haus, äh... meine Gruft und ich kann gehen, wann und wohin ich
will. Außerdem geht dich mein Privatleben überhaupt nichts an!“
Spike
wußte seltsamerweise einmal nicht, was er sagen sollte. Er ging einfach
schnurstracks zur Tür hinaus auf den Friedhof.
Harmony,
die wieder einmal nichts kapierte und nun alleine mit Angelus gelassen wurde,
stand mit offenem Mund da:
„Wo er Recht hat, hat er Recht.“
Als
dann auch noch Angelus durch die Tür verschwand, musste Harmony vollends
kapitulieren:
„Und
ich dachte immer, ich hätte eine anziehende Wirkung auf Männer!“
Gerade
als die Scooby-Gang, die sich in voller Montur bewaffnet und ausgerüstet hatte,
ausschwärmen wollte, betrat Spike den Zauberladen. Riley hielt ihm drohend
einen Pflock vor die Nase, doch der peroxydblonde Vampir konnte bei dem Anblick
dieses Weicheis, das einmal in seinem Leben männlich wirken wollte, nur müde
lächeln.
„Wenn
ihr Angelus sucht, er hat es sich in meiner Gruft gemütlich gemacht. Dieses
ewige Hin und Her; mal gut, mal böse, mal beides... das kann doch kein
Mensch... ähm... Vampir auf Dauer aushalten...“
***********
Riley
blickte ihn böse an, so, als würde er einen Plan durchkreuzt haben – und das
hatte Spike wohl auch. Insgeheim hatte der Soldat gehofft, auf diese Art auch
den lästigen Chip-Vampir loszuwerden, der – für Riley jedenfalls – langsam zu
einer Landplage geworden war.
Aber
anscheinend hatte sich der Vampir dazu entschlossen, auf ihrer Seite zu stehen
– oder war das nur eine Finte, und er wollte sie in eine Falle führen?
Riley
beschloß, immer ein Auge auf den Vampir zu haben, für alle Fälle.
„Ist Angelus immer noch in Ihrer Krypta, Spike?“, fragte jetzt Giles, der froh
war, wenigstens einen Fingerzeig zu bekommen. Es hatte sich wohl doch bezahlt
gemacht, den Vampir bei sich zu beherbergen – und ihn im Dämonenkampf auf
seiner Seite zu haben...
„Weiß nicht genau, aber weit kann er noch nicht sein, jedenfalls müßte er noch
in der Nähe sein – Harmony ist gekommen und hat ihn in ein Gespräch
verwickelt.“, grinste Spike.
„Glücklicherweise sind wir in der Übermacht.“, stellte Willow fest und
schwenkte die Axt, die sie in der Hand hielt.
„Das wird sich noch herausstellen!“, antwortete Riley mit einem mißtrauischen
Seitenblick auf den blonden Vampir.
„Wir
sollten besser aufpassen, daß wir nicht unterwandert werden.“
Buffy rollte genervt mit den Augen.
„Oh Gott, jetzt geht das schon wieder los!“, und sich an Riley wendend, fuhr
sie fort:
„Wir
wissen jetzt wenigstens halbwegs, wo Angelus sich aufhält – und das ist mehr,
als wir noch vor einer Minute zu hoffen wagten. Laß bitte deine
Eifersüchteleien zu Hause, Riley!“
Spike
grinste, als er sah, wie Riley rot wurde, aber er hatte sich zu früh gefreut,
denn jetzt wandte sich Buffy an ihn:
„Wenn Angelus bei dir war – was wollte er denn da? Alte Freundschaften
aufwärmen, Blondie?“
„Wir sind nicht befreundet – sind es nie gewesen – und mit dieser Schwuchtel
verbindet mich nichts, verflucht nochmal!“, erwiderte Spike wütend.
Dann
grinste er.
„Die Tunte wollte was über unseren Pappkameraden hier wissen. Könnte mir
vorstellen, daß ihr gut zusammenpaßt, GI Joe...“, und da landete auch schon
eine Faust auf Spikes Nase.
„Halt
die Klappe – und paß auf, daß du nicht plötzlich die Staubsucht bekommst,
Vampir!“, stieß Riley wütend hervor, aber bevor er noch einmal ausholen konnte,
wurde er von Buffy zurückgehalten.
„Riley, bitte, wir haben jetzt wirklich andere Dinge zu tun!“
Der Soldat ließ die Faust sinken, aber die Adern in seinem Hals waren vor Zorn
angeschwollen.
„Warum wollte er etwas über Riley wissen?“, fragte jetzt Giles. „Sie kennen
sich doch kaum, oder?“
Spike nickte zustimmend.
„Ja, aber wenn man jemanden töten will, muß man ja wenigstens etwas über ihn
wissen...“, und er grinste wieder über das ganze Gesicht.
„Bin ja hergekommen, um GI Joe hier sein mickriges Leben zu retten – aber wenn
er nicht will...“, und in gespielter Pose hob er bedauernd seine Hände.
Buffy sah ihn fassungslos an.
„Was? Angelus will Riley töten?“
***********
Die
Frage stand noch im Raum, als eine vertraute Stimme im feinsten britischen
Akzent, antwortete:
„Ja
und, wenn wir ihn nicht bald aufhalten, wird er sich jeden von euch einzeln
schnappen...“
Giles
war ein wenig geschockt, als er Wesley mit einem Motorradhelm in der Hand sah.
Zwar hatte er ihm gesagt, er wolle kommen und ihnen helfen, aber nicht, wie.
Dieses Motorrad erinnerte ihn an seine alte Ripper-Zeit,
als er noch mit Ethan zusammen durch die Stadt gefegt war und Unheil
anrichtete.
Niemand
von den anderen hätte wahrscheinlich vermutet, dass der gute alte Giles
Motorrad fahren konnte.
„Ich habe
Ihnen doch gesagt, dass wir zurechtkommen...“, sagte Giles ein wenig ablehnend.
Wesley fiel ihm ins Wort: „Ja, das mag sein, aber Sie können nicht erwarten,
dass ich seelenruhig zu Hause sitzen bleibe, während Angelus weiterhin sein
Unwesen treibt. Ich werde es mir nie verzeihen, was mit Cordy passiert ist.“
„Nun
gut, haben Sie eine Waffe?“, fragte Riley, dem es in den Fingern juckte, diese
Bestie von einem Vampir zu Staub zu zerfetzen.
Wesley
ging zu seinem Motorrad und kam mit einer Axt wieder.
Willow
lächelte müde und fragte:
„Gleicher Hersteller?“
Erst
jetzt bemerkte Wesley, dass sie auch eine Axt in der Hand hielt, die seiner
verblüffend ähnlich sah, doch antwortete er nicht mehr auf ihre Frage.
Stattdessen
ergriff Spike plötzlich das Wort: „Also, ich weiß echt nicht, wie ihr es immer
wieder geschafft habt, mich zu besiegen! So eine Gurkentruppe ist mir selten
begegnet. Ihr solltet weniger reden und langsam mal zur Tat schreiten!“
Xander
unterstützte ihn, sprach allerdings zu Buffy gewandt: „Er hat Recht, Buff.
Beseitigen wir unser ewiges Problem ein für allemal!“
Buffy
reagierte nicht. Sie war tief in Gedanken versunken. Würde sie es schaffen,
ihre Liebe endgültig zu töten? Und wenn sie es tat, würde es dann endlich für
immer und ewig sein? Sie war in ihrem schlimmsten Alptraum gefangen, aus dem
sie erst erwachen würde, wenn Angelus zu Staub zerfallen war.
Als
sie sah, dass die anderen anscheinend eine Art Startschuss brauchten, sagte sie
wütend:
„Ausschwärmen und töten!!!“
Buffy
fügte noch lächelnd hinzu (an Riley gewandt):
„So
oder so ähnlich ging es doch in der Initiative zu, oder?“
***********
Sofort, als dieser Eddie hereinschneite, war er Dawn
aufgefallen. Er stach von den anderen ab, war cool und sah vor allem verdammt
gut aus.
Als ihre Freundin mit ihm auf sie zukam, wurde sie ganz
aufgeregt, denn er schaute sie sehr interessiert an – und ließ sich gleich
neben ihr auf einen Stuhl fallen, ohne sich weiter um die anderen zu kümmern.
Interessanter Typ, dachte sie.
„Was bist du denn für ein Betthäschen, Kleine? Und wie kommt so ein attraktives
Ding dazu, mit Spike anzubandeln?“, fragte Angelus.
Er war, nachdem er nicht mehr feststellen konnte, wohin Spike so schnell
verschwunden war, wieder in dessen Krypta zurückgekehrt, wo er immer noch die
ratlose, stehengelassene Harmony vorfand.
Geschmeichelt antwortete die Vampirin: „Oh, das ist eine lange Geschichte.
Eigentlich sind wir nur vorübergehend zusammen... ähm, bis ich etwas anderes
finde als das hier...“, und zeigte mit einer ausholenden Geste ihre
„Behausung“.
„Wo kommst du denn her? Kennst du Spike schon lange? Was für eine Wohnung hast
du denn? Für Vampire ist es wirklich nicht leicht, etwas passendes zu finden,
vor allem, wenn man Ansprüche stellt. Und dann kann man ja auch ganz schön
hereinfallen mit den Frischlingen, die man kreiert – die haben’s doch echt
manchmal drauf und verbünden sich gegen eine gestandene Vampirin wie mich!
Nicht, daß ich darauf angewiesen wäre, hier bei Spike mein Leben... ähm,
Unleben, zu fristen... Oh, nein, ich bin vollkommen freiwillig hier, weil ich
ein großes Herz habe und es einfach nicht mitansehen kann, wie mein
Blondiebärchen so einsam sein eingeschränktes Leben fristen muß...“, plapperte sie
drauflos und bemerkte dabei gar nicht, wie sich Angelus’ Miene immer mehr
verfinsterte.
Was war das nur für eine Fregatte?
Er hätte es wissen müssen: Spike hatte schon immer einen ganz
abnormen Geschmack gehabt, was Frauen betraf...
Angelus unterbrach abrupt Harmonys Ausführungen über die Schwierigkeiten der
Wohnungssuche von Vampiren, indem er kurzentschlossen ausholte – und sie mit
einem gutgezielten Schwinger in die Ecke beförderte.
„Du redest entschieden zuviel, Mädchen, und wenn du nicht
willst, daß diese versiffte Krypta noch staubiger wird, dann halte endlich dein
Plappermaul!“, brüllte er wütend und wandte sich wieder zum Ausgang.
„Aber ich
wollte doch nur einen Freund von meinem Blondiebärchen willkommen heißen und
nett behandeln. Wieso...?“, aber ein Blick von Angelus ließ sie augenblicklich
verstummen.
Gerade als Harmony sich mühselig aufraffte, hörten sie beide ein Geräusch, das
durch die offene Tür in die Krypta hineindrang.
Beide
blickten sich erstaunt an, und Harmony rief schnell:
„Spike, bist du das? Ich muß schon sagen – deine Freunde sind nicht gerade eben
höflich Damen gegenüber!“
***********
Spike betrat
die Krypta. Er hatte mit den anderen vereinbart, dass er als Vorhut die Lage
erkunden sollte und dann ein Zeichen geben würde.
Die
Scooby-Gang lag etwas weiter entfernt auf der Lauer.
Anyas
Ungeduld vermischte sich mit Langeweile, weswegen sie das Thema „Spike“
anschnitt: „Ich weiß gar nicht, was ihr alle gegen ihn habt! Immerhin steht er
jetzt auf unserer Seite – wie Angel damals. Sozusagen ein Schmalspurvampir.
Ungefährlich und harmlos wie ein...“
„Häschen?“
Xander erwähnte Anyas größte Furcht und hoffte, sie so zum Schweigen zu
bringen, doch Anya plapperte unbeeindruckt weiter:
„Immerhin
hat er uns alle gewarnt und hierher geführt. Er will nicht, dass Riley gekillt
wird – oder Harmony. Das macht ihn doch menschlicher, oder?“
Anya wandte
sich mit der Frage an Giles, der nur den Kopf schüttelte und sich die Brille
zurecht rückte.
„Ich denke,
wir sollten Harmony ebenfalls töten.“, warf Riley ein, doch Buffy lehnte dies
entschieden ab. Sie konnte kaum glauben, was sie als Nächstes sagte:
„Nein, Spike
hatte den Plan und nimmt die ganze Gefahr auf seine Kappe. Wir sollen Harm fürs
erste verschonen, also werden wir dies auch tun. Er wird sie herausschicken und
wir rühren sie nicht an, ist das klar?! Am wahrscheinlichsten wird es eh sein,
dass Angelus verschwunden ist und Harm alleine ’rumhängt. Dann können wir mit
der Suche fortfahren...“
„Ohne unschuldige
Vampire zu gefährden?“, fragte Riley, der es damit auf den Punkt brachte, wie
lächerlich ihre Situation war, wenn sie schon Vampiren zu vertrauen glaubten.
Wesley
stimmte Riley zu. Am liebsten hätte er wohl alle Vampire zu Staub zerfallen
gesehen, so offensichtlich war sein Zorn, der ausgelöst wurde durch Cordelias
frühen Tod.
***********
Spike erfaßte sofort die Situation, als er Harmony mit ihrer
blutigen Nase in der Ecke sitzen sah und Angelus’ grimmigen Blick auffing.
Als ob nichts geschehen wäre, grinste der blonde Vampir nun und hielt eine
unangebrochene Schachtel Zigaretten in die Höhe:
„Hey, Kumpel, wenn du mir meine ganzen Lunten aufrauchst, muß ich für Nachschub
sorgen!“, und mit einem Blick auf Harmony fügte er hinzu:
„Habt ihr euch also schon kennengelernt, ihr beiden? Sie kann manchmal eine
echte Plage sein, aber im Bett ist sie einmalig, Angelus.“
Angelus hatte sich nicht gerührt, sondern stand mitten in der Krypta und sah
mißtrauisch von Harmony zu Spike und wieder zurück. Die beiden waren wirklich
ein komisches Paar, aber er sollte nicht zu leichtsinnig sein und sie als
harmlos abschreiben.
„Was sollte das, Spike? Wieso verkrümelst du dich erst so blitzschnell, als ob
du wer weiß was wichtiges vorhast und läßt mich mit dieser Labersuse hier
zurück – und dann warst du angeblich nur Zigaretten holen... Für wie dumm
hältst du mich eigentlich?“
Und der dunkle Vampir ging drohend auf Spike zu.
„Meinst du, ich wüßte nicht, daß du mit Buffy unter einer Decke steckst?“
Spike grinste nur noch breiter, antwortete aber nicht sofort.
Dann riß er die Packung Zigaretten auf, fingerte sich eine heraus und hielt die
Schachtel Angelus hin.
„Hey, ich weiß nicht, wie du darauf kommst – ich habe nichts als
Ärger mit der Jägerin – frag’ Harmony hier, die kann’s dir bestätigen!“
Harmony, die jetzt aufgestanden war, nickte.
„Oh ja, nichts als Ärger! Diese dumme Pute kommt hier jeden Tag vorbei und haut
Spike auf die Nase, nur so zum Spaß. Und ihr komischer Soldatenfreund ist
wirklich ätzend – der ist dafür verantwortlich, daß Spike nicht mehr beißen
kann und so. Und dann kannst du dir gar nicht vorstellen, was sie uns alles
angetan haben – meine ganzen Frischlinge mußten dran glauben. Die Jägerin ist
wirklich böse... Ähm, naja, eigentlich bin ja ich diejenige, die richtig böse
ist, aber manchmal siegt eben das andere Böse über das Böse... und man muß
zusehen, wo man bleibt...“
„Harm!“, unterbrach Spike ihre endlosen und sinnleeren
Plappereien, und mit einer Geste zur Tür weisend, brüllte er:
„Hau ab, ehe ich mich vergesse!“
„Aber ich wollte doch nur...“, maulte sie, als Spike ihr einen warnenden Blick
zuwarf, und sie unweigerlich gehorchte und sich schnell zur Tür wandte und auf
dem Friedhof verschwand, nicht ohne noch einmal neugierig zu Angelus
hinzusehen, der mit wachsendem Interesse die Szene verfolgt hatte.
„Du kannst zwar nicht beißen, aber deine Weiber hast du wohl im Griff, Spike.“,
sagte Angelus mit gespielter Anerkennung in der Stimme.
Spike war selbst noch ganz erstaunt, daß Harmony so schnell
gehorcht hatte – für ihre Verhältnisse war das wirklich absoluter Rekord
gewesen.
Noch immer hielt er dem größeren Vampir die Zigaretten hin, der
nun eine davon herauszog und mit seinem silbernen Feuerzeug anzündete.
Anscheinend hatte er geübt, denn er blies den Rauch aus Nase und Mund
gleichzeitig aus, als er den ersten Zug nahm.
„Spike, hast du nicht Lust, deine Zelte hier abzubrechen und wieder mit mir
durch die Welt zu ziehen, wenn wir hier fertig sind?“, fragte er.
„Womit fertig? Haben WIR denn irgendwas vor, Angelus?“, fragte Spike, um Zeit
zu gewinnen. Gleich würde hier die Hölle losbrechen, denn Harmony war ja schon
vor einigen Minuten entschwunden und hoffentlich in Sicherheit. So lästig sie
ihm auch manchmal war, irgendwie würde er sie doch vermissen, wenn es sie nicht
mehr gäbe. ‚Anscheinend wissen wir erst etwas wirklich zu schätzen, wenn wir
wissen, daß wir es verlieren könnten.’, dachte er flüchtig – und bei diesem
Gedanken mußte er unwillkürlich lächeln.
Angelus
mißdeutete dieses Lächeln und sagte:
„Naja – wir waren ja kein schlechtes
Team, früher, wir vier: Darla und ich, Drusilla und du... Wir könnten ja dein
Plapperhäschen mitnehmen, wenn du willst – und mir versprichst, daß sie mich
nicht besoffenquasselt... und dann Dru einen Besuch in Brasilien abstatten. Und
diesen Chaos-Dämon zum Teufel schicken...“
Angelus hob den Kopf.
Anscheinend hatte er etwas gehört, und er sah lauernd zu Spike hinüber.
Der tat so, als hätte er nichts gehört und grinste wieder.
„Naja, wenn DU Dru zurückhaben willst... Ich kann drauf verzichten, damit bin
ich fertig!“, erwiderte Spike und blickte sich unauffällig zur Tür um. Sie
schienen im Anmarsch zu sein...
Angelus stand jetzt dicht vor ihm, und als Spike eine Bewegung zur Tür hin
machte, ergriff er ihn am Ärmel.
„Du willst doch nicht schon wieder verschwinden, ‚Blondiebärchen’“, knurrte er
finster mit vor Sarkasmus triefender Stimme.
***********
Dawn hätte nicht erwartet, dass der Abend so eine unerwartete,
positive Wendung nehmen würde. Sie sah hinauf zum Sternenhimmel und fühlte
etwas, was sie noch nie zuvor in ihrem Leben gefühlt hatte.
War sie etwa verliebt – so richtig mit allem drum und dran?
„Sollen wir nicht lieber wieder reingehen?“, fragte Eddie etwas
zaghaft, doch Dawn lächelte nur. Sie hatte inzwischen so viel von ihm erfahren,
dass sie glaubte, ihn besser zu kennen als er sich selbst, aber natürlich war
dem nicht so – vielmehr war es reines Wunschdenken, beeinflußt von Gefühlen und
Hormonen.
„Nein, es ist so schön kühl hier draußen.“
Eddie lächelte jetzt auch und kam ihr bedrohlich nahe, als er
vor Nervosität ein wenig wankte. „Sorry.“, entschuldigte er sich und wollte
schon ein wenig Abstand von ihr gewinnen, als sie nur den Kopf schüttelte und
über beide Ohren grinste:
„Nein, ist schon gut...“
Genau in diesem Moment wollten sie sich küssen. Alles schien
perfekt zu sein: Die Sterne funkelten, der Wind blies milde um ihr Gemüt und
alles andere war zur Nebensache geworden, während die Zeit um sie herum
stehenblieb... – doch dann kam der alles vernichtende Schlag der Realität!
Joyce Summers, aufgebracht und wutentbrannt, rannte auf ihre
jüngste Tochter zu, die es – für ihren Geschmack – erschreckend eilig damit
hatte, erwachsen zu werden.
Kaum eine Sekunde später packte sie Eddie, den sie wie alle
Jungs in seinem Alter für einen hormongesteuerten Triebtäter hielt, an der
Hand, und zerrte ihn zurück ins Haus.
„Nimm’ deine dreckigen Finger von meiner Tochter!“, schrie sie
nahezu hysterisch, als sie auch schon wiederkam und selbiger gegenüberstand.
„Was...?“
Dawn waren die Worte im Munde steckengeblieben. Sie stand
fassungslos da und fühlte sich wie von einer Horde wildgewordener Elefanten
überrollt.
„Du kommst jetzt mit mir! Ich erwarte eine gute Erklärung von
dir, wenn wir wieder zu Hause sind. So viel ist schon einmal sicher!“
Joyce nahm sich nun die anderen Partygäste vor:
„Und ihr anderen könnt’ euch euer Gaffen ruhig sparen! Noch nie
eine Mutter auf tödlicher Mission gesehen?!“
Jetzt speziell zu Jennifer:
„Ich bete inständig für dich und dein weiteres Seelenheil, dass
deine Eltern Bescheid darüber wissen, was in ihrer Abwesenheit hier so alles
vor sich geht.“
Wieder an alle gerichtet:
„Von mir werden sie es jedenfalls als erste erfahren und es tut
mir leid, dass ich jetzt in euren Augen vielleicht etwas uncool wirken mag,
aber so ist eine echte Mutter nun einmal: uncool und pflichtbewußt. Findet euch
damit ab! Von den ganzen Drogen hier will ich erst gar nicht anfangen! Ich
schlage vor, die Party so schnell wie möglich zu beenden, ansonsten rufe ich
die Polizei!“
Zwar hatte Joyce gewiß übertrieben, aber es verfehlte nicht
seine Wirkung: Alle verschwanden so schnell sie konnten von diesem finsteren
Ort, an dem eine erbarmungslose Mutter als dunkle Fürstin regierte.
***********
Angelus hielt noch immer Spike am Ärmel seines Mantels fest, als
eine schmale Gestalt in der Tür erschien. Buffy blieb darin stehen, die Arme in
die Seiten gestemmt, und sah schweigend in den Raum hinein.
Jetzt grinste Angelus, und den sich verzweifelt wehrenden Spike am Arm hinter
sich herziehend, ging er auf sie zu.
„Oh, die Kavallerie – ich muß wohl das Angriffssignal überhört
haben!“, sagte er mit Sarkasmus in der Stimme, und sein diabolisches Lächeln
wuchs, als sie antwortete:
„Du hast so einiges überhört und übersehen, Angelus. Deshalb zum Mitschreiben:
Deine letzte Stunde hat geschlagen, und dann wirst du in die Hölle umsiedeln,
und zwar für immer! Mach’ dich bereit!“
Angelus lachte auf.
„Du bist genauso, wie du immer warst, Buffy. Du weißt nicht, wen du
herausforderst und unterschätzt deine Gegner. Und du bist erpreßbar.“
Und damit holte er einen Holzpflock aus seiner Manteltasche und hielt dem in
seinem eisernen Griff dastehenden blonden Vampir die Spitze an die Brust.
Spike zuckte zurück, aber der Griff um seinen Arm lockerte sich
nicht.
„Hey, erst willst du mit mir Reisen unternehmen – und dann willst du mich
pfählen, Angelus... Mit einem Haufen Asche macht man keine Reisen.“,
protestierte Spike – und plötzlich war er aus seinem Mantel herausgeschlüpft,
und Angelus hielt nur noch das Kleidungsstück in der Hand – und den Pflock, der
nun keine Bedrohung mehr darstellte.
Blitzschnell huschte der blonde Vampir um Angelus herum und stand nun
kampfbereit in dessen Rücken.
Buffy lachte nun.
„Ach ja – ich bin also erpreßbar? Da mußt du schon schwerere
Geschütze auffahren. Und wenn du Spike gepfählt hättest, dann hättest du mir
nur Arbeit abgenommen. Wen kümmert schon ein Vampir mehr oder weniger?“,
spöttelte sie.
„Siehst du, Spike, wohin das führt, wenn man der Jägerin traut? Die schert sich
einen Dreck um dich. Wenn’s drauf ankommt, läßt sie einen fallen wie eine heiße
Kartoffel!“, erwiderte Angelus, ohne den Blick von Buffy abzuwenden.
„Ja, so ist das nun einmal – wie schade nur, daß du das letzte Mal aus der
Hölle zurückgekommen bist!“, antwortete Buffy mit einem grimmigen Lächeln, als
Spike plötzlich von hinten auf den dunkelhaarigen Vampir zusprang und mit
beiden Beinen sein Genick traf.
Angelus taumelte kurz, fing sich aber schnell, drehte sich um
und wollte Spike, den er noch immer hinter sich vermutete, pfählen. Aber der
war inzwischen nach einer Rückwärtsdrehung wieder auf den Beinen gelandet, um
seinen Kontrahenten herumgeschnellt und schlüpfte jetzt neben Buffy durch die
Tür hinaus auf den Friedhof.
Buffy folgte ihm sofort ins Freie, und da standen auch schon
alle im Halbkreis um den Eingang der Krypta, um ihren Gegner würdig zu
begrüßen.
Sie waren wahrhaftig die Kavallerie, wenn auch ohne Pferde.
In ihren Gesichtern stand Entschlossenheit, und wenn sie auch in
überwältigender Überzahl waren, so war sich doch jeder einzelne von ihnen
dessen bewußt, daß dieser Kampf nicht leicht werden würde, daß Angelus ein
gnadenloser Gegner war – und ein erfahrener Kämpfer.
Und da erschien er auch schon mit ausgefahrener Vampirfratze in
der Tür, blitzschnell warf er eine Axt – woher hatte er die so schnell? – auf
Xander, der ihm gegenüber am nächsten stand. Die Waffe drehte sich in der Luft
und kam bedrohlich nah an ihr Ziel, als Spike in die Höhe sprang und die Axt
auffangen wollte – aber in der Drehung blieb die Schneide in Spikes Schulter
stecken. Der blonde Vampir brüllte vor Schmerz auf und fiel auf den Boden, wo
er liegenblieb. Angelus schnellte auf Spike zu, zog die blutige Axt aus dessen
Schulter und beugte sich über ihn, um ihn zu pfählen.
Aber er kam nicht dazu, denn Buffy schlug ihm den Pflock mit einem gezielten
Fußtritt aus der Hand, woraufhin Angelus sich umdrehte und, die Axt schwingend,
auf sie losstürzte.
Das alles hatte sich in blitzartiger Geschwindigkeit zugetragen,
daß die anderen wie betäubt dagestanden und dem Schauspiel nur zugesehen
hatten.
Jetzt war es, als erwachten sie aus ihrer Erstarrung, und als
sie den großen Vampir mit der Axt auf Buffy losgehen sahen, kamen sie endlich
in die Gänge.
Nur Xander stand noch immer wie erstarrt, hinter sich Anya, – und es war, als
sähe er noch immer die blitzende Axt auf sich zufliegen.
Willow sprang von der Seite mutig auf Angelus’ Rücken und versuchte, sich
krampfhaft mit einem Arm daran festzuhalten, während sie ihre Axt hob – was ihr
nicht gelang, denn der Vampir schüttelte sie ab, als wäre sie nur eine lästige
Stubenfliege und holte aus, um Buffy zu köpfen.
Aber die Jägerin wich geschickt aus, wobei sie versuchte, ihn
von Willow wegzulocken, die beim Herunterfallen mit dem Kopf an einem Grabstein
aufgeschlagen und betäubt liegengeblieben war.
Währenddessen hatten Riley und Giles sich im Rücken des Vampirs
in Stellung gebracht und feuerten gleichzeitig ihre Armbrüste ab.
Leider trafen sie ihren Gegner nur in die Schulter und den Hals,
aber diese Verletzungen trugen dazu bei, den Vampir langsamer zu machen und
abzuklenken, und vor Schmerz aufjaulend, ließ Angelus seine erhobene Axt
sinken.
Aber noch war er nicht am Ende, noch war er gefährlich.
Während Giles und Riley ihre Armbrüste wieder mit Bolzen bestückten, stand
Buffy Angelus gegenüber, und plötzlich holte sie zu einem Rundumschlag aus und
trat ihm mit voller Wucht in die Weichteile.
Angelus stöhnte auf, krümmte sich nach vorne, während er aus dem Augenwinkel
heraus beobachtete, wie Buffy sich wieder in Angriffstellung begab.
Er nutzte die Pause und zog sich die Bolzen aus seinem Körper
und lachte dabei wieder grimmig aus seiner Vampirfratze.
„Wieviel von euch sind nötig, um einen wie mich zu bekämpfen?“,
zischte er.
„Nur einer, Angelus!“, sagte Wesley, der die ganze Zeit in Lauerstellung
zugesehen hatte, und mit einer schnellen, kaum wahrnehmbaren Bewegung stand er
jetzt direkt vor Angelus, der sich wieder aufgerichtet hatte.
Er blickte dem Vampir eiskalt in seine gelben Augen, als er weitersprach:
„Und das hier ist für Cordelia. Fahr zur Hölle, Angelus!“, flüsterte der
ehemalige Wächter und stieß den Holzpflock, den er verdeckt in seiner rechten
Hand gehalten hatte, genau in das Herz des verblüfften Vampirs.
Einen schier unendlichen Moment lang sah Angelus auf seine Brust hinunter, in
der der Pflock steckte, und seine menschliche Züge erschienen wieder auf seinem
Gesicht, dann hob er den Kopf, und das letzte, was er sah, waren Wesleys Augen,
die traurig und triumphierend zugleich beobachteten, wie der Vampir zu Staub
zerfiel.
Einen Augenblick lang war es still, dann kam ein Stöhnen aus der
Richtung, wo der verletzte Spike lag – und ein Stöhnen aus Willows Richtung,
die in eben diesem Moment aus ihrer Ohnmacht erwachte.
Jetzt traten Xander und Anya heran, und ungläubig starrten die
beiden auf die Asche, die dort lag, wo Angelus eben noch gestanden hatte.
Es war so schnell gegangen, daß sie nicht mehr in den Kampf
hatten eingreifen können.
Und jetzt sank es auch bei den anderen ein: Angelus war tot.
War Asche, war zu Staub zerfallen.
Konnte sein zerstörerisches Werk nicht mehr fortsetzen.
Würde nie wieder seine grausamen Spielchen spielen können...
***********
Spike schrie laut auf: „Hey, ich weiß zwar nicht, warum ich euch
gerade den Arsch gerettet habe, aber könntet ihr endlich mal wieder zu euch
kommen und mir helfen? Jaja, ich weiß Angelus ist tot – oh mein Gott, wir
haben es wirklich getan!
Dann wird aus dem Satz plötzlich eine Frage: Oh mein Gott,
was haben wir nur getan?!
Und ehe ihr euch verseht... Oh mein Gott, das hätten wir doch
nicht tun dürfen!
Hey, ihr Spaßvögel, bleibt mal auf dem Teppich! Angelus war
böse... und ist jetzt nur noch ein Häufchen Asche. Aber zum Glück lebt ja der
gute alte böse Spike noch, zwar schwer verwundet – aber immer bereit, sein
Leben für eine Gruppe Vollidioten zu opfern, die nichts, was er tut, honoriert
oder gar respektiert. Hey, ich könnte ein gemütliches Leben als Vampir fristen,
aber stattdessen?“
Spike unterbrach seine eigene Rede, als er merkte, dass ihm niemand
so richtig zuhörte.
Xander half der am Boden liegenden Willow auf.
Spike ließ er dagegen links liegen.
„Hey, was soll das? Sie hat viel geringere Verletzungen als
ich!“
Erst nachdem Xander Willow gefragt hatte, ob alles in Ordnung
sei, widmete er sich dem Blondschopf.
Giles sah sich die Wunde genau an und sagte dann schließlich:
„Also, ähm, ich bin sicher, das wird schnell verheilen. Vampire
haben ähnliche Heilkräfte wie Jägerinnen. Wir sollten ihn am besten nur in
seine Krypta tragen, damit er morgen keinen... nun, ähm... Sonnenbrand bekommt,
und ihn seinen Heilkräften überlassen. Xander und Riley, bitte faßt doch mal
mit an.“
Die beiden sahen sich an, zuckten mit den Schultern und taten,
was Giles sie geheißen hatte.
Xander ächzte, als er den Vampir an seinen Beinen anhob.
„Oh, Mann, ist der schwer. Sieht man dir gar nicht an, Spike –
so, wie du durch die Luft geflogen bist...“, grinste Xander.
„Um einem Milchgesicht wie dir das Leben zu retten...“,
erwiderte der sichtlich mitgenommene Vampir mit einem Kopfschütteln.
Riley, der immer noch nicht besänftigt war, hatte auf diesen
Moment nur gewartet. Er ließ plötzlich an seiner Seite los, sodass der
Blondschopf direkt auf den Boden krachte (natürlich mit der verwundeten
Schulter zuerst) und laut aufschrie.
„Willst du mich
umbringen?“, fauchte Spike und Rileys Blick verriet ihm, dass seine Antwort
„Ja“ gewesen wäre.
Wesley und Buffy sahen in der Zwischenzeit immer noch auf Angels
Asche herab.
„Ich hoffe, er findet endlich seinen Frieden. Er hat solange
danach gesucht.“, sagte Wesley betrübt und niedergeschlagen.
Buffy kullerten Tränen aus den Augen. Sie war hin- und
hergerissen zwischen ihren Gefühlen für Angel und Angelus, doch schließlich
konnte sie nur noch an die gute Seite von ihm denken.
„Das hoffe ich auch.“, antwortete sie; vielleicht noch betrübter
und niedergeschlagener als Wesley.
Buffy erreichte das Summers-Haus einige Stunden nach
Mitternacht.
Joyce war noch hellwach. Sie fiel sofort über Buffy her:
„Oh, Madame lässt sich auch nochmal hier blicken? Ich dachte
schon, meine beiden Töchter wollten gar nichts mehr mit mir zu tun haben.“
Erst jetzt bemerkte Joyce das zerknirschste und verheulte
Gesicht von Buffy.
Was war denn nun schon wieder los? Die eine Tochter hing auf
irgendwelchen Drogenparties herum und machte den schlimmsten Jungs die
schönsten Augen, während die andere Vampire jagte und täglich den grausamsten
Geschöpfen im Kampf gegenüberstand.
„Oh, Buffy, was ist denn passiert?“
„Angel.“, würgte Buffy hervor, während Dawn langsam die Treppe
herunterkam.
Joyce wusste inzwischen, dass der Name Angel nur Ärger
bedeutete. Dawn sah, wie ihre Mutter Buffy umarmte, und sagte, sich auch nach
ihrer Zuwendung sehnend:
„Mum, es tut mir leid. Ich hätte nicht einfach so verschwinden
sollen.“
Joyce lächelte und löste sich aus Buffys Umklammerung.
„Wollen wir nicht alle zusammen die Couch erobern?“
Jetzt lächelten auch Dawn und Buffy.
Joyce saß zusammen mit ihren beiden Töchtern auf der Couch.
Links neben ihr saß Dawn, rechts neben ihr Buffy und beide
umarmte sie.
Eine Weile schwiegen sie sich an und dachten darüber nach, was
geschehen war.
Für einen kurzen Moment fühlten sich Dawn und Buffy wieder so
geborgen wie in ihrer Kindheit, und schließlich entschlummerten sie friedlich
ins Reich der Träume...
~*~ Ende ~*~

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