Entscheidungen

 

 

Es war ein Fehler gewesen.

Er hatte gleich dieses dumme Gefühl gehabt, das ihn immer beschlich, wenn irgendetwas nicht  stimmte.

Und diese Gestalten da vor dem Eingang zu „seinem“ Friedhof hatten  nicht „gestimmt“.

Ganz und gar nicht.

Eine ganze Gruppe „harmloser“ Menschen – mit einem in eine Mönchskutte gehüllten Dämonen im Hintergrund. Sofort hatte er gespürt, daß das kein Zufall sein konnte.

Aber dieses Wissen nützte ihm jetzt wenig – eigentlich überhaupt nichts, denn das änderte an der Situation, in der er sich befand, wohl kaum etwas.

Sein Gesicht war taub von den Schlägen, in seinem Schädel schienen eiserne Pingpongbälle hin- und herzurollen, und die Schmerzen in seinem ganzen Körper nahmen ihm schier den Atem – wenn er denn Atem gehabt hätte.

Bei jeder Bewegung, die er machte – und es waren nur spärliche Bewegungen, die ihm gelangen, um die Schmerzen erträglich zu machen, wenn er die Stellung wechselte – ging es wie ein Riß durch seinen Brustkorb.

Anscheinend waren ein paar Rippen gebrochen.

Er haßte das.

Und die Ketten, mit denen er gefesselt war, klirrten nervtötend und erinnerten ihn an die Schmach, in der er sich befand.

Das Sitzen war kaum möglich, denn die schweren Ketten waren über ihm angebracht und für stehende Gefangene vorgesehen, so daß seine Arme in Kopfhöhe in den Ketten hingen, wenn er auf der Erde saß.

Aber zum Stehen, auch wenn er sich dabei an die Wand hätte lehnen können, fühlte er sich einfach zu kraftlos.

Welch eine Schande!

Immer wieder schoß ihm dieser Gedanke durch den Kopf, daß Menschen das getan hatten.

Das waren Menschen gewesen!

Zur Hölle mit den Menschen!

Schwache Körper aus Fleisch und Blut, die ihm eigentlich lächerlich unterlegen waren.

Beute, nur zum Verzehr bestimmt.

Essen auf Beinen.

Normalerweise.

Aber seit dieser millionenmal verfluchte Chip die Amtsgeschäfte in seinem Kopf führte, war nichts mehr normal in seinem Leben.

Naja, in seinem Unleben.

Der Blutgeschmack in seinem Mund war ekelerregend – bei ihm eigentlich widersinnig, denn normalerweise war er verrückt nach Blut.

Aber nach seinem eigenen?

Seine Kehle war ausgedörrt, und er verspürte Hunger, nein, eigenlich nur Durst.

Natürlich.

Der Raum, in dem er sich befand – angekettet an dieser Mauer aus Feldsteinen auf dem kalten Steinboden mit dem Rücken zur Wand sitzend – war eigentlich eine Art Gewölbe und schien der Keller eines alten Gebäudes zu sein. Die Wände waren feucht und von Schimmel bedeckt, und es roch modrig. Mitten durch den Raum zog sich ein Metallgitter, das schon leicht angerostet war, aber noch immer stabil zu sein schien.

In der Mitte hatte das Gitter eine eingebaute, schwere Eisentür, durch die sie ihn wohl hereingebracht hatten.

Er selbst hatte davon nichts mitbekommen.

Nirgendwo waren Fenster zu sehen.

Der einzige Zugang zu diesem Raum schien eine schmale Steintreppe zu sein, deren Stufen in der Mitte durchgetreten waren, die gegenüber der Eisentür hinaufführte und im Schummerlicht kaum zu erkennen war.

Für einen Vampir jedoch klar und deutlich wahrzunehmen war.

Eine einzige Glühlampe, die von der Decke hing, spendete kaltes Licht, das mehr Schatten warf als Helligkeit verbreitete.

Er konnte nicht ausprobieren, ob die verrosteten Gitter, die den Raum teilten, stabil genug waren, seiner Kraft standzuhalten, denn die lästigen Ketten, die an ihm zerrten, sobald er sich bewegte, zwangen ihn dazu, an der Wand sitzenzubleiben, und er fühlte sich zu schlapp, um sie zu brechen.

Oder es auch nur zu versuchen.

Er seufzte, und langsam hob er den Kopf und sah zu seinem Wärter hinüber, der auf der anderen Seite des Gitters auf einem Stuhl saß und in einer Illustrierten blätterte –  bei diesem Licht bezweifelte er, daß der Idiot da überhaupt etwas lesen konnte – nur  ab und zu einen Blick zu ihm hinüberwerfend.

Ein Mann, noch jung, mit einem nichtssagenden, nicht besonders klugen Gesicht, in einer eigenartigen Wachuniform, wie von einer Wach- und Schließgesellschaft.

Ein Mensch.

Er konnte seinen ruhigen, regelmäßigen Herzschlag und sein fast lautloses Atmen hören.

Selbst das Anheben des Kopfes verursachte stechenden Schmerz, und es fiel ihm schwer, die geschwollenen Augen offenzuhalten. Sein ganzer Körper war mit Beulen und Platzwunden übersät, und seine Kleidung war verschmutzt und zerfetzt.

Er schloß wieder die Augen.

Er konnte seinen eigenen Geruch, der sich mit dem des muffigen Kellergewölbes mischte, kaum aushalten.

Aber das war nicht das Schlimmste.

Sie hatten ihn überwältigt.

Ihn einfach gefangengenommen, als wäre er ein hilfloses Kind, eine Beute, für die man sich nicht einmal die Mühe machen mußte, eine Waffe mitzuführen.

Und es waren Menschen gewesen.

Menschen, seine reguläre Jagdbeute, die doch *ihn* fürchten müßten, die einem Vampir voller Schrecken begegnen mußten.

Nur mit Fußtritten und Faustschlägen hatten sie ihn überwältigt, während dieser eigenartige Dämon im Hintergrund geblieben war. Nur einmal gelang es ihm, sich auf diesen Dämon zu stürzen, als die Aufmerksamkeit der Menschen etwas nachgelassen hatte. Er hatte an seiner Kutte gezerrt, sie an der Kapuze zerrissen, und einen kurzen Moment lang in dieses teuflische Antlitz geblickt.

Große, schwarze Augenhöhlen ohne einen Schimmer Weiß darin, die ihn unter einer vorgewölbten Stirn anblitzten, und gelbliche, ledrige Haut, von tiefen Furchen durchzogen, und statt einer Nase waren nur zwei Löcher mitten in diesem Gesicht gewesen. Der Mund – wenn man ihn denn als solchen bezeichnen konnte – war ein großes Loch mit fürchterlich aussehenden gelben Reißzähnen, viel zu groß für diese kleine Gestalt.

Aber das konnte er nur für diesen einen Moment sehen, bis ihn die Menschen wegzerrten und weiter auf ihn einschlugen, härter als zuvor.

Zwar hatte er versucht, sich zu wehren, aber der Schmerz, den der Chip verursachte, hatte ihn kleingekriegt, zermürbt und ihn immer schwächer auf seine Gegner einschlagen lassen.

Dann hatte er sein Glück in der Flucht versucht, als ihm klarwurde, daß sie nicht lockerlassen würden – und langsam die Überhand gewannen.

Aber als er sich gerade umdrehen wollte, traf es ihn mit voller Wucht.

Es war ein Schlag von hinten auf den Kopf gewesen, der ihn schließlich hatte zusammenbrechen lassen.

Vor seinen Augen war es schwarz geworden, und Spike war gestürzt wie ein gefällter Baum, hatte noch gespürt, wie er aufschlug, hatte noch die Stimmen seiner Widersacher gehört, die jetzt in höhnisches Gelächter ausgebrochen waren, entfernt und wie durch eine Wand aus Watte – und dann nichts  mehr.

In seinem Kopf pochte es, als wäre ein Vorschlaghammer darin, eine Abrißbirne, die ständig hin- und herschwang, und die stechenden Schmerzen hinter seiner Stirn brachten ihn fast um den Verstand – wenn davon noch etwas übrig war.

Sie waren schlimmer als die durch den Chip verursachten Schmerzen, wenn der „arbeitete“.

Schlimmer als er es jemals erlebt hatte.

Vorsichtig blinzelte er, dann blickte er auf.

Unter Stöhnen richtete er nun seinen Oberkörper auf – und wieder meldeten sich seine Rippen – und  zog die Beine an, und er sah, daß sein Wärter jetzt aufmerksam wurde und zu ihm hinüberblickte.

Als sich ihre Blicke trafen, erschien ein hämisches Grinsen auf dessen Gesicht, aber er sagte nichts. Das war auch nicht nötig, denn er konnte in seinem Gesicht die Verachtung – und Schadenfreude – dieses Bediensteten erkennen, aber er tat, als würde er es nicht bemerken und grinste zurück.

Der Typ bemerkte es nicht einmal mehr, denn er blickte jetzt wieder auf seine Zeitung.

Wenigstens spürte Spike, wie seine Heilkräfte einzusetzen begannen und sich seine Wunden langsam schlossen.

Ganz langsam.

Und trotzdem er dringend Blut brauchte, hatte sein geschundener Körper längst angefangen, sich zu regenerieren.

Auch wenn jetzt alles höllisch wehtat – er wußte, er konnte sich auf seine schnelle Heilung verlassen, und in ein paar Tagen wäre er so gut wie neu.

Wenn nur diese hämmernden Kopfschmerzen nachlassen würden...

Aber bis dahin mußte er herausfinden, was sie mit ihm vorhatten – schließlich hätten sie ihn ja töten können – und vor allem, wer *sie* überhaupt waren.

Und wer sagte ihm, daß sie ihn so lange am Leben lassen würden?

Warum hatten sie ihm aufgelauert und zu welchem Zweck hatten sie ihn entführt und hier eingesperrt?

Was, wenn diese Initiative nun doch nicht zerschlagen war und sie ihn wieder zu irgendwelchen Experimenten brauchten?

Er schüttelte leicht den Kopf – und bereute diese Bewegung sofort wieder, als eine Welle heißen Schmerzes durch seinen Schädel wogte.

Nein. Das hier war nicht die Initiative.

Ein Scheppern riß ihn aus seinen Gedanken, und er blickte erwartungsvoll auf den Fuß der Treppe.

 

************

 

Die „Magic Box“ war leer um diese Tageszeit, und Giles nutzte die Ruhe, um einmal die Bücher durchzugehen und ein paar Dinge zu ordnen.

Durch die ganzen Aufregungen in letzter Zeit war einiges liegengeblieben, und er hatte Anya freigegeben, damit sie ihn mit ihrem Geplappere nicht störte. Sollten doch ein paar Kunden in den Laden finden, würde er sie auch selbst bedienen können.

Die ganze Buchführung war ein lästiges „Nebenprodukt“ des Zauberladens, aber leider nötig.

Für einen Moment dachte er an seine Zeit als Bibliothekar an der Sunnydale High, und unwillkürlich mußte er lächeln.

Vom Bibliothekar zum Zauberladenbetreiber.

Eine wirklich großartige Karriere, die er da hingelegt hatte. Wer weiß, was die Zukunft noch so alles für ihn bereithalten würde...

Aber eines war er immer geblieben – ein Wächter.

Und er hoffte, ein guter für seine Jägerin.

Für eine ungewöhnliche, eine außergewöhnliche Jägerin wie Buffy.

Er wandte sich wieder seiner Buchführung zu und begann, sein Kassenbuch durchzugehen.

Eine wirklich lästige Angelegenheit, aber es mußte eben sein.

Gerade hatte er sich an einer schier unendlichen Zahlenkolonne festgebissen, als Buffy den Laden betrat.

„Hallo, Giles!“, rief sie schon an der Tür, und an ihrem Tonfall hörte der Wächter sofort, daß sie guter Stimmung war.

Was in letzter Zeit wirklich selten vorgekommen war.

Vor allem, seit Joyce Summers operiert worden war  – und Riley sie verlassen hatte.

Buffy hatte wahrhaftig gelitten in den letzten Wochen, und ihre fröhliche Stimme jetzt war ein Wohlklang in seinen Ohren.

Giles blickte von dem Buch auf.

„Hallo, Buffy. Na, ist die letzte Vorlesung denn schon zu Ende?“, fragte er.

„Ja – und ich habe ein ‚A’ von meinem neuen Geschichtsprofessor bekommen. Hätten Sie gedacht, daß ich jemals so etwas zu Ihnen sagen würde?“, fragte sie aufgeräumt.

„Nun... tatsächlich... ähm... Buffy, ich wußte immer, daß du klug bist. Und ich habe immer geglaubt, daß du eines Tages doch noch... ähm...“

Giles nahm verlegen seine Brille ab. Er wollte, daß seine Jägerin in diesem Hochgefühl blieb, solange es ging – und er suchte nach Worten, um es ihr nicht zu vermiesen.

„Nun, ich freue mich für dich, Buffy.“, sagte er dann und setzte seine Brille wieder auf.

Dann schüttelte er den Kopf.

Was sollten diese Höflichkeitsfloskeln?

„Nein – das meine ich nicht, Buffy. Ich wollte sagen... nun... ähm... ich bin sehr stolz auf dich, und ich bin stolz darauf, dein Wächter zu sein. Das war ich immer – und nicht nur, weil du jetzt ein ‚A’ in Geschichte...“, und er unterbrach sich verlegen, als er ihren erstaunten Blick sah – und die Freude in ihren Augen.

Viel zu selten kamen sie dazu, sich einmal diese Dinge zu sagen, viel zu selten waren sie sich so nah wie in diesem Moment. Beide sprachen nicht gern über ihre Gefühle, über das, was sie bewegte – und schon gar nicht über die Gefühle, die sie beide verbanden.

Giles räusperte sich.

Aber Buffy kam ihm zuvor:

„Giles – ich bin auch stolz darauf, daß Sie mein Wächter sind, sonst hätte ich mich niemals freiwillig noch einmal diesen Wächter-Jägerin-Pflichten unterworfen, wo ich sie doch schon längst abgeschüttelt hatte. Und Sie wissen das auch... ähm, hoffe ich jedenfalls.  Ich kann nur nicht immer so darüber sprechen...“

„Ich weiß, Buffy...“, antwortete der Wächter, als mit einem „Dingdong“ die Ladentür aufging und Willow schnellen Schrittes den Laden betrat.

„Hi, Leute!“, rief sie schon von der Tür aus – und blieb stehen, als sie in die Gesichter der beiden sah.

„Oh... Ich... ich wollte nur mal vorbeischauen... und ‚Guten Tag’ sagen... ähm... ich... ich kann ja wieder gehen, wenn ihr so ein wichtiges Wächter-und-Jägerin-Gespräch führen wollt...“, und damit drehte sich die Hexe verlegen wieder zur Tür um.

Sie wurde von Giles unterbrochen.

„Nein, Willow, bitte komm´ rein – wir sind ohnehin fertig... ähm mit diesem...“, und er sah Buffy in die Augen.

Als sich ihre Blicke trafen, konnten sie all die unausgesprochenen Gefühle darin erkennen, all dieses Urvertrauen, das sie ineinander setzten, und der Wächter und die Jägerin lächelten sich an und wußten, daß nichts auf dieser Welt dieses Gefühl des Vertrauens und der Zuneigung zerstören konnte.

Und dazu brauchte es keine Worte.

Willow stand jetzt schweigend vor ihnen.

Sie spürte, daß da etwas war und wollte es nicht unterbrechen.

Da klingelte das Telefon – und der Zauber des Moments war gebrochen.

Giles griff zum Hörer, wandte aber seinen Blick nicht von Buffy ab, als er anfing zu sprechen.

Mit einem warmen Lächeln auf seinem Gesicht meldete er sich:

„Magic Box – was kann ich für Sie tun?“

Dann wurde sein Gesicht ernst, und nachdem er eine Weile zugehört hatte, was am anderen Ende gesprochen wurde, nickte er und sagte nur kurz:

„Ja – ich sage es ihr. Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Summers, wir werden Dawn finden, ganz sicher.“, und dann legte er auf.

Stirnrunzelnd blickte Buffy ihren Wächter an.

„Was ist mit Dawn?“, fragte sie besorgt.

„Deine Mutter sagte, sie ist nicht von der Schule nach Hause gekommen – und bei ihren Freundinnen hat Joyce schon angerufen. Dort ist sie auch nicht.“

„Oh nein. Oh, Gott, hoffentlich hat Glory nicht...“, erwiderte Buffy bestürzt.

„Nun... bevor wir nichts Genaues wissen, sollten wir nicht das Schlimmste annehmen. Vielleicht ist sie ja auch nur einen Hamburger essen oder...“.

Giles brach ab, denn gerade fiel ihm etwas ein.

„Was denn, Giles?“, fragte jetzt Willow, und ihre großen Augen wurden noch größer, als sie ihn fragend anblickte.

„Nun... ich denke, sie... sie könnte bei einem bestimmten, uns allen wohlbekannten wasserstoffblonden Vampir in dessen Krypta sein...“

Noch bevor Giles den Satz zu Ende gebracht hatte, war Buffy schon an der Tür.

„Hätte ich mir ja denken können – Dawn findet diese englische Nervensäge so unheimlich cool. Wenn der ihr was tut oder ihr auch nur irgendwelche Flausen in den Kopf setzt, ist er Vergangenheit!“, preßte sie wütend hervor – und war verschwunden, noch bevor eine Erwiderung möglich war.

Willow und Giles blieben zurück und blickten sich erstaunt  an.

„Wow! Das... das war ja ein Abgang!“, ließ sich jetzt Willow vernehmen.

Giles nickte.

„Ja, sie ist sehr unausgeglichen in letzter Zeit und leicht aus der Fassung zu bringen. Vor allem ganz schnell... nun... auf der Palme.“, antwortete er nachdenklich.

„Hauptsache, Dawn ist auch wirklich bei Spike.“, sagte Willow besorgt.

„Nun, das hoffe ich auch. Naja, eigentlich auch wieder nicht... wenn man bedenkt, daß Spike... Tatsächlich möchte ich jetzt aber nicht in ihrer Haut stecken. Und in Spikes auch nicht.“, antwortete er lächelnd.

„Oh ja... ähm, ihr Zorn kann fürchterlich sein... Vor allem, wenn ich daran denke, was sie in letzter Zeit durchgemacht hat, jetzt, wo... wo Riley weg ist – und nach der Geschichte mit ihrer Mom...“, stimmte Willow ihm zu.

„Nun ja, Zorn kann wirklich katastrophal sein, Willow. Ich erinnere mich da an einen ganz bestimmten Tag, nachdem Oz dich verlassen hatte und du diesen... ähm... Willenszauber veranstaltet hast... Dagegen sind die Auswirkungen von Buffys Zorn... nun... nicht erwähnenswert.“

Willow war rot geworden, während Giles sprach, und verlegen senkte sie den Kopf.

Erst da bemerkte Giles seine eigene Unhöflichkeit.

„Oh, nun... ich denke, das ist ja zum Glück alles glimpflich ausgegangen, Willow. Und eigentlich... ähm, wenn ich jetzt hinterher so darüber nachdenke... Nun, tatsächlich ist ja niemand zu Schaden gekommen – und eigentlich ist es doch jetzt – im Nachhinein – etwas zum Schmunzeln...“, verbesserte er sich und sah aufmunternd zu Willow hinüber.

Seine Augen baten um Verzeihung – und Willow nahm dankbar an.

„Ja – und ich denke, daß es wahr ist, daß man aus Fehlern lernt. Jedenfalls...“, und jetzt mußte Willow lächeln, „weiß ich jetzt, daß ich mit ungeahnten Konsequenzen rechnen muß, wenn ich mal wieder in schlechter Stimmung bin. Ähm – und nicht nur ich...“

 

 

************

 

Da war das Quietschen einer sich öffnenden Tür, dann Schlüsselklappern, und dann waren von der Treppe her Schritte zu hören, die sich langsam näherten.

Der Wärter war jetzt aufgestanden und sah zur Treppe hin, auf der nun ein Mann mittleren Alters erschien, untersetzt, grauhaarig, im dunklen, maßgeschneiderten Anzug. Ihm folgte ein jüngerer Mann, auch im Anzug, aber größer und schlanker und mit geschmeidigeren Bewegungen.

Beide gingen zielstrebig auf die Eisentür zu, und der ältere Mann zeigte mit einer wortlosen Geste auf die Tür, die der Wärter sich nun diensteifrig beeilte, aufzuschließen.

Während er noch am Schloß hantierte, standen die beiden Männer abwartend da und blickten in Spikes Richtung.

Der blonde Vampir schob sich, ein Stöhnen unterdrückend, die Wand hinauf, so daß er stand, als die Männer den abgeteilten Raum betraten, hinter sich den Wärter zurücklassend.

Im Stehen konnte der Vampir die Arme hängenlassen, denn jetzt reichten die Ketten aus, damit er sich ein wenig bewegen konnte.

Nur ein wenig – aber er ging sparsam mit seinen Bewegungen um, denn der Schmerz, den es ihn gekostet hatte, aufzustehen, drohte ihn fast zu übermannen.

Aber das ließ er sich nicht anmerken.

Sein Gesicht zeigte keinerlei Ausdruck, als der ältere Mann vor ihm stehenblieb und ihn kalt anlächelte.

„Wir hoffen, wir haben Ihnen keine Umstände gemacht. Die Ketten sind leider nötig, damit Sie uns nicht verlassen... und aus anderen Gründen. Aber das ist ja in Ihren Kreisen nichts Ungewöhnliches, nicht wahr?“, dann stutzte er plötzlich.

„Ach – wie unhöflich von mir – ich  habe uns noch gar nicht vorgestellt: Das hier ist Lindsey MacDonald, einer der besten Anwälte von ‚Wolfram & Hart’, und mein Name ist Holland Manners. Wie ich sehe, haben Sie ausgeschlafen, Mister Spike.“, sagte er im Plauderton, und sein Lächeln war wie Eis.

Genau wie seine Stimme.

„Aber gewiß doch. Das ist ja hier auch ein Fünf-Sterne-Hotel für Masochisten. Und im Übrigen nennt mich niemand *Mister* Spike. Hört sich ja an wie ‚Mister Spock’. Und Spitzohren – nein, Schlitzohren natürlich – sind  wohl eher die Spezialität von Typen wie Ihnen.“

Holland lachte leise.

„Oh, Sie haben Ihren Humor nicht verloren. Leider waren unsere Angestellten nicht zu bremsen – wenn sie schon einmal einen Vampir verprügeln können, dann wird das mit Gründlichkeit erledigt. Aber da wir von allen unseren Mitarbeitern Gründlichkeit verlangen, können wir sie jetzt dafür nicht bestrafen. Nun...“, und er kam näher an Spike heran, so daß der seinen Atem auf dem Gesicht spüren konnte und musterte eingehend dessen zerschrammtes Gesicht, „so schlimm war´s wohl doch nicht, nicht wahr, *William*?“

Lindsey hatte sich jetzt rechts von Manners plaziert. Seine linke Hand hatte er lässig in die Hosentasche gesteckt, während der rechte Arm steif an seinem Körper hing. Sein Kopf war leicht gesenkt, und auch er lächelte.

Seine hellen Augen jedoch blickten ernst, und fast scheu – und sehr interessiert – musterte er den vor ihm an der Wand angeketteten Vampir.

Irgendetwas an der Haltung des jungen Mannes kam Spike eigenartig vor, aber auf den ersten Blick konnte er nicht sagen, was.

Aber Manners hatte er sofort als das erkannt, was er war: als einen hartgesottenen, skrupellosen – seelenlosen – Menschen, mit dem nicht zu spaßen sein würde.

„Oh, natürlich, sowas lassen Vampire jeden Tag mit sich machen, nur so zum Spaß... Sind Sie jetzt fertig mit Ihrem Höflichkeitsgetue? Dann können wir ja zur Tagesordnung übergehen, Holland. Nebenbei – soll das ein Name sein? Dann müssen Sie ja einiges von Käse verstehen. Was *wollen* Sie?“, erwiderte Spike ungeduldig.

„Oh, ich dachte, euch Engländern geht Höflichkeit über alles. Wie Sie wollen. Wir haben Sie zu uns... nun ja... eingeladen, damit Sie eine Sache für uns erledigen, wenn wir Sie wieder aufgepäppelt haben. Alles weitere werden Sie hier von Lindsey erfahren. Ich bin nur hier, weil ich neugierig darauf war, zu erfahren, wer es hundert Jahre lang mit Drusilla ausgehalten hat. Und wer schon zwei Jägerinnen auf dem Kerbholz hat.“

Sein Lächeln war jetzt spöttisch und herablassend. Mit kaltem Blick musterte Manners den Vampir, der sichtlich mitgenommen aussah und sich nur unter Aufbietung seiner gesamten Kräfte auf den Beinen hielt.

Und mit Hilfe der Wand, an der er lehnte.

„Und? Ist Ihre Neugierde befriedigt?“

„Oh, eine gute Frage, William.“, lachte der Anwalt.

Damit wandte sich Holland ohne Umschweife zur Tür und lief ohne ein weiteres Wort die Treppe hinauf.

Bald waren nur noch seine hallenden Schritte zu hören, dann schlug eine Tür zu, und es trat Ruhe ein.

In unveränderter Haltung stand Lindsey vor dem blonden Vampir.

Spike musterte ihn eingehend, und jetzt sah er auch, was ihm so eigenartig vorgekommen war an dem jungen Mann. An seinem rechten Arm fehlte die Hand. Stattdessen befand sich dort nur eine künstliche, steife Imitation.

Er spürte den Blick des jungen Anwalts auf sich, als er die künstliche Hand musterte, und seinen Kopf hebend, grinste Spike ihn an.

„Sie haben da was verloren, Mister Burger King oder wie Sie heißen.“, sagte er mit unverhohlenem Spott.

„Besser als zu sterben. Mein Name ist Lindsey MacDonald, William. Und das sage ich nur dieses eine Mal.“, erwiderte Lindsey ohne ein Anzeichen von Betroffenheit, drehte sich zu dem Wärter um und machte eine Geste zur Treppe hin.

„Holen Sie bitte das Blut für den Gefangenen.“, sagte er im Befehlston.

Der Wärter zögerte.

„Aber ich habe Anweisung, den Gefangenen nicht alleinzulassen...“

„Jetzt bin *ich* ja hier.“, wurde er ungeduldig unterbrochen.

„Der ist zu schwach, um einer Fliege was zuleide zu tun!“, fügte Lindsey aufgebracht hinzu.

„Aber...“, aber ein Blick des Anwaltes ließ den Mann verstummen.

Er legte die Zeitung auf den Stuhl und wandte sich, noch einen mißtrauischen Blick auf Lindsey werfend, der Treppe zu. Schnell war er ihren Blicken entschwunden.

Als das Geräusch der ins Schloß fallenden Tür verhallt war, wandte sich Lindsey wieder an den Vampir vor ihm.

„Ich habe nicht viel Zeit, William. Der wird bald zurückkommen“, sagte er im Flüsterton.

Erstaunt blickte Spike den Anwalt an und neigte stirnrunzelnd seinen Kopf.

Was wurde hier gespielt?

„Ich kann jetzt nicht alles erklären, aber ich will bei ‚Wolfram & Hart’ aussteigen, und vor allem will ich nicht mehr deren kranke Pläne ausführen. Erst recht nicht das, was sie jetzt vorhaben.“, flüsterte Lindsey mit nervösem Blick.

„Und? Was hat das mit mir zu tun?“, fragte Spike jetzt mit gespielter Gleichgültigkeit.

Sein Interesse war geweckt – vielleicht würde dieser Typ da ihm hier raushelfen.

Und das war alles, was ihn im Moment interessierte – außer Blut.

„Das tut nichts zur Sache. Ich will bloß, daß Sie mir vertrauen und tun, was ich Ihnen sage. Dann werden Sie unbeschadet hier herauskommen. Und mir helfen, ein Unglück zu verhindern.“

Jetzt hielt Lindsey einen kleinen Schlüssel in die Höhe und steckte ihn dann in Spikes vordere Hosentasche.

„Der paßt zum Schloß an den Ketten. Aber bitte befreien Sie sich erst davon, wenn ich Ihnen ein Zeichen gebe – und die Eisentür wird dann auch offensein. Lassen Sie sich nichts anmerken und bleiben Sie geduldig. Jetzt kann ich nichts weiter für Sie tun, erst wenn die Luft rein ist.“, sagte er eindringlich.

„Und, bitte, machen Sie zum Schein alles mit, was man von Ihnen verlangt...“, fügte er hinzu.

„Ach nee – und wer sagt mir, daß Sie nicht bluffen? Immerhin sind Sie ein verdammter Anwalt! Was für ein ‚Unglück’ wollen *wir* denn verhindern?“, blaffte Spike.

„Nur so viel: Sie sollen Ihre dritte Jägerin töten und damit eine Kette von Umständen auslösen, die diese Welt, so wie sie jetzt ist, in eine andere Welt verwandeln würde, in der das Gleichgewicht von Gut und Böse nicht mehr existiert. Und aus zuverlässiger Quelle weiß ich, daß auch Ihnen der Gedanke an eine andere Welt nicht behagt. Ich denke, daß Sie durch den Chip Erfahrungen gemacht haben, die Sie verändert haben, auch wenn Sie immer ein Dämon bleiben werden...“

Ein Geräusch ließ Lindsey herumfahren.

„Bitte helfen Sie mir, die Pläne zu verhindern!“, flüsterte der Anwalt eindringlich.

Spike nickte.

„Ich will die Jägerin nicht töten.“, flüsterte er schnell, selbst erstaunt über diesen Satz, den er da eben ausgesprochen hatte. Aber es war wirklich so...

Lindsey lächelte jetzt hoffnungsvoll.

Ja, das hatte er erwartet – und erhofft.

Er nickte dem blonden Vampir zu und hielt seinen Zeigefinger verschwörerisch vor seine Lippen, und die beiden wußten, daß es nun kein Zurück mehr gab.

Oben, am nicht sichtbaren Ende der Steintreppe, wurde die Tür wieder geöffnet, und Schritte kamen näher. Es war der Wärter, der jetzt einen Plastikbeutel bei sich hatte.

Er blieb vor der offenen Eisentür stehen und sah Lindsey fragend an.

„Jetzt noch nicht. Ich bin noch nicht fertig.“, sagte der Anwalt abweisend, woraufhin sich der Wärter abwartend zurückzog, aber seinen Blick nicht von den beiden abwendete.

Spike sah enttäuscht aus – er hatte die Mahlzeit schon vor seinem geistigen Auge gesehen, und vor Hunger und Erschöpfung erschien nun sein Dämonenantlitz, verschwand aber gleich wieder, als Lindsey weitersprach.

Seine Stimme war jetzt kalt und offiziell.

„William, der Plan sieht vor, daß Sie die Jägerin töten. Mehr nicht, dann können Sie ihr Leben weiterführen, und wir werden Sie nie wieder belästigen. Das müßte Ihnen doch sehr zusagen, nicht wahr?  Allerdings brauchen wir Ihre verbindliche Zusage. Und ohne Ihr Versprechen kommen Sie hier nicht mehr heraus.“, erklärte Lindsey in geschäftigem Ton.

„Jedenfalls nicht in fester Form...“, schob er drohend nach.

Spike hatte stumm zugehört, und seine Augen wanderten unruhig von Lindsey zum Wärter und wieder zum Anwalt.

Warum wollten sie die Jägerin töten? Und warum sollte gerade *er* es tun? Wußten die nicht, daß er keine Menschen mehr töten konnten...?

Doch das mußten sie ja wissen, sonst hätten sie wohl kaum diese Bande von menschlichen Schlägern auf ihn angesetzt, um ihn gefangennehmen zu können.

Warum hatten sie nicht einfach irgendwelche Dämonen auf die Jägerin angesetzt – ohne daß sie sich seiner Hilfe zu bedienen hatten? Wieso wollte dieser einhändige Typ ihm helfen?

Zu viele Fragen.

Und zu wenig Antworten.

Zu höllisch-verfluchte Kopfschmerzen.

„Ich kann die Jägerin nicht töten. Ich kann Menschen noch nicht einmal zwicken, ohne daß ich Probleme mit meinem Chip bekomme. Und die Jägerin *ist* ein Mensch.“, sagte Spike aufgebracht. „Wollen Sie mich verarschen, Sie Anwalt des Satans?“

Lindsey schüttelte den Kopf.

„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein, William. Meinen Sie, wir würden Sie in Ketten legen, wenn Sie so harmlos wären, wie Sie behaupten? Ihr kleines Problem haben wir längst aus der Welt geschafft. Und dafür können wir doch eine bescheidene Gegenleistung erwarten, nicht wahr? Für wie beschränkt halten Sie uns?“

Zur Hölle! Diese stechenden, pochenden Kopfschmerzen!

Spike konnte es nicht fassen.

Sein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen – und auf eine Art, die er sich nie hätte träumen lassen: Sie hatten ihn entführt und von dem Chip befreit – und er hatte es noch nicht einmal bemerkt!

Hatte es nicht gewußt.

Nicht einmal geahnt.

Welch eine Ironie...

Laut aufstöhnend hob er die Hände an den Kopf, wobei die Ketten wieder laut klirrten, und griff sich an die Stirn, und tätsächlich konnte er einen Verband ertasten.

„Verfluchte Hölle!“

Vollkommen überwältigt sank er in sich zusammen, glitt mit dem Rücken die Wand hinab und zog die Beine an, als er den Boden unter sich spürte. Sein Kopf sank nach hinten an die Wand, und er schloß die Augen.

Als er sie wieder öffnete, sah er in Lindseys blaßblaue Augen und fing einen warnenden Blick auf.

„Das Leben kann manchmal ungeahnte Überraschungen für einen bereithalten, nicht wahr?“, und der Anwalt sah sich beifallheischend zum Wachmann um, der die Szene aufmerksam beobachtet hatte.

Und jetzt ein schmutziges Grinsen aufsetzte.

Spike antwortete nicht.

In seinem Kopf wirbelten die Gedanken und Gefühle durcheinander.

Der Anwalt wandte sich wieder dem Gefangenen zu.

„Nun – geht jetzt nicht Ihr größter Wunsch in Erfüllung? Sie werden Ihre dritte Jägerin töten – und als Zugabe sind Sie diesen Chip los, William.“

Lindsey verdrehte jetzt die Augen und deutete mit einer verborgenen Geste stirnrunzelnd auf den Wächter, für dessen Ohren sie dieses Gespräch führten.

Der Vampir seufzte.

Warum hatte dieser Lindsey nicht schon vorher etwas gesagt?

Wieso wollte Lindsey ihm helfen – und wer sagte ihm, daß auch diese vermeintliche Hilfe nicht zu dem Plan dieser Anwaltskanzlei gehörte?

Spike hatte schon etwas von diesen Dämonen-Anwälten gehört, und anscheinend wurden sie ihrem Ruf wirklich gerecht: Die waren mit allen Wassern gewaschen und standen mit dunklen – höheren – Mächten in Verbindung.

Von ihrer eigenen Macht ganz zu schweigen.

„Nun, wie ich sehe, müssen Sie erst einmal die Neuigkeiten verdauen, William. Und natürlich wieder zu Kräften kommen, damit Sie Ihrer Aufgabe gerechtwerden können.“, sagte Lindsey jetzt mit Sarkasmus in der Stimme.

„Warum lassen Sie mich hier nicht raus? Ich werde tun, was Sie wollen – mit dem größten Vergnügen! Versprochen.“, sagte Spike laut und vernehmlich.

Er hatte sich soweit gefaßt, daß er auf dieses Gespräch eingehen konnte.

„Nun, wir trauen Vampiren nicht besonders und ziehen es deshalb vor, Sie sicher zu verwahren. Vorerst bleiben Sie hier in unserem Fünf-Sterne-Hotel, wie Sie es nannten. Zu gegebener Zeit werden Sie erfahren, was weiter passiert.“, sagte der Anwalt jetzt.

„Haben Sie mich verstanden?“, hakte Lindsey jetzt nach und sah ihm ins Gesicht.

„Habe ich eine verfluchte Wahl?“, fragte der Vampir zurück.

Lindsey lächelte.

„Nein.“, erwiderte er schlicht.

Seine hellen Augen sahen Spike verschwörerisch an, als er weitersprach.

„Der Zeitpunkt spielt eine wichtige Rolle für das Gelingen unseres Planes. Damit Sie bis dahin keine Dummheiten machen, werden Sie hierbleiben, bis es so weit ist. Und damit Sie die Jägerin nicht warnen können – falls Sie es sich anders überlegen sollten.“

Der Anwalt wandte sich jetzt an den Wärter.

„Jetzt können Sie die... Raubtierfütterung durchführen.“, sagte er ironisch lächelnd und ging zur Treppe.

Vor der ersten Stufe drehte er sich noch einmal um.

„Ach ja, ehe ich es vergesse. Sollten Sie unsere Erwartungen nicht erfüllen, werden wir Sie selbstverständlich zu Asche machen. Unsere Angestellten sind schon ganz heiß darauf. Vergessen Sie das nicht.“

Dann stieg er die Stufen hinauf.

„Wer sagt mir, daß Sie mich nicht sowieso pfählen – auch wenn ich tue, was Sie wollen, Lindsey?!“, rief Spike ihm hinterher.

Aber nur das Geräusch der zufallenden Tür antwortete ihm.

Da hatten sie ein schönes Stück Schauspielkunst für ihr Ein-Mann-Publikum hingelegt...

Obwohl seine Überraschung nicht gespielt gewesen war – und vielleicht war das auch der Grund dafür gewesen, daß Lindsey ihm vorher nichts von dem Chip gesagt hatte.

Der Wärter war jetzt an den Vampir herangetreten und holte eine Thermoskanne und eine Henkeltasse aus dem Plastikbeutel. Während er die Kanne aufschraubte, blickte er angewidert in das Gesicht des blonden Vampirs.

„Einen Dämonen mit Blut zu versorgen, ist so ziemlich das Letzte. Ich weiß nicht, warum ich das tue – und warum ich solche perversen Anweisungen befolge...“, sagte er verächtlich und goß jetzt die rote Flüssigkeit aus der Kanne in die Tasse und hielt sie Spike hin.

Der riß ihm die Tasse förmlich aus der Hand und trank gierig.

Im ersten Moment war er überrascht – es war Menschenblut, genau auf Körpertemperatur angewärmt. Anscheinend war das hier – wenigstens was das Essen betraf – doch ein Fünf-Sterne-Hotel...

Als er die Tasse absetzte, antwortet er auf die Bemerkung des Wärters.

„Weil du ein Befehlsempfänger bist, mein Junge. Noch ´ne Tasse!“

Der Wärter war so verblüfft über die Kaltschnäuzigkeit, daß er gehorchte, eine weitere Tasse füllte und Spike reichte.

„Sag ich doch – Befehlsempfänger“, grinste der Vampir, als er die ausgetrunkene Tasse zurückgab.

„Deine große Fresse wirst du noch bereuen, Vampir.“, zischte der Wärter, schraubte die Thermoskanne zu und wandte sich zur Tür.

„Hey – das war noch nicht genug!“, rief Spike ihm mit gespielter Empörung hinterher.

Aber der junge Mann kümmerte sich nicht mehr um seinen Gefangenen, sondern schloß die Eisentür hinter sich und machte es sich auf seinem Stuhl wieder bequem.

Und Spike verschwendete keinen weiteren Gedanken mehr an Essen.

Seine Gedanken kreisten jetzt nur noch um ein Thema: Buffy, Buffy, Buffy.

Er mußte hier raus, mußte sie warnen, mußte diese teuflischen Anwälte aufhalten...

Ein für alle Mal.

Selbst wenn *er* Buffy nicht tötete, so würden sie nicht von ihren Plänen lassen.

Das wußte er mit Sicherheit.

Es gefiel ihm nicht, daß er auf die Hilfe dieses Anwaltes angewiesen war. Aber vielleicht war sein Mißtrauen unbegründet – er hoffte es jedenfalls.

Den Schlüssel für die Ketten hatte er ja – wenn der denn paßte. Aber er wußte nicht, wie es am Ende dieser Treppe dort weiterging und wieviele Wachmänner sich noch hier befanden.

Die Beine ausstreckend, bewegte er sich.

Die Ketten klirrten, und er spürte wieder den Schmerz, den seine Verletzungen verursachten.

Besonders seine gebrochenen Rippen.

Und seinen Kopf.

Zu Kräften mußte er auch wieder kommen.

Bei dem Gespräch mit Lindsey hatte er fast vergessen, wie geschwächt er war. Seinen Kopf noch immer an die Wand gelehnt, blickte er jetzt an die schmutziggraue, mit Spinnweben überzogene Decke, aber er sah sie nicht.

Seine Gedanken schweiften wieder ab.

Und wieder wirbelte alles durcheinander.

Der Chip war Vergangenheit!

Seine Freude – und er wußte nicht einmal, ob es Freude war – wurde getrübt durch die Vorstellung, daß Buffy ihn nun wieder als Feind betrachten würde.

Aber Lindsey hatte recht gehabt: Er hatte sich verändert.

Noch immer – und für immer – war er ein Vampir, aber er liebte die Jägerin.

Allerdings war diese Liebe sowieso aussichtslos, ohne eine Zukunft, selbst wenn er noch immer diesen Chip in seinem Kopf hätte.

Er war ein Vampir, sie die Jägerin.

Die Jägerin.

Seine Jägerin.

Er dachte an ihren Duft, an ihre geschmeidigen Bewegungen, ihr seidiges Haar.

An ihr Lächeln, das er noch nicht oft gesehen hatte, ihn aber jedes Mal fast umwarf, so schön war es. Ihr wunderschönes Gesicht mit diesen tiefen, grünbraunen Augen, die so groß und ausdrucksvoll waren. Ihre schimmernde Haut, die glänzenden Lippen...

Buffy.

Ihm mußte etwas einfallen.

Erschöpft schlief er ein.

 

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