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![]() Entweder Der Tag ist fast vorüber.
Oder *hinüber*? Wenigstens dämmert es schon. Zum Glück. Bald bricht die Nacht herein
– und *sie*. Hoffe ich jedenfalls. Fürchte ich. Oder? Fast kommt es mir so vor,
als ob ich am Tag zwanzig Stunden wartete – nur auf sie, auf diese heimlichen
Treffen, die mich am Leben erhalten – und tot hinterlassen. Warten. Ein weiterer toter Tag. Als wäre ich die meiste Zeit
tot... um dann für den Rest des Tages lebendig zu werden. Quicklebendig! Durch dieses
Miststück. Tot bin ich sowieso. Und
nicht erst seit gestern. Wer früher stirbt, ist
länger tot. Komische Weisheiten, die mir
da durch den Kopf gehen. Weisheiten? Keine Ahnung. Vielleicht ist
das nur ein dummer Spruch, der sich weise anhört. Weise? Eher wie Ironie, die sich
einen Dreck schert um Respekt vor dem Tod. Oder vor dem Leben. Seit dem späten Nachmittag
stehe ich hier und lausche. Durch die Tür der Krypta. Wie jeden verfluchten Tag. Da ist das Blätterrauschen,
wenn der Wind in die Bäume hineinfährt. Das Rascheln des Laubs auf dem Rasen,
manchmal das Zwitschern eines Vogels oder die Schritte eines Menschen, der
seine Toten besucht hat und schnell davonhastet, als wäre er auf der Flucht vor
sich selbst. Zögerlich betreten sie alle
diesen Ort – um ihn dann fast fluchtartig wieder zu verlassen. Wer mag schon auf Friedhöfen
verharren – außer Nekrophilen, Vampiren, Gruftie-Spinnern... oder Harold und
Maude? Aber so schrecklich sind sie
nicht, diese Orte des Todes, schlimm sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns
herumtragen, die hervorgekrochen kommen, ohne um Einlaß zu bitten, wie es
Gespenster tun. Im Wort „Friedhof“ ist ja
schon etwas Hoffnungsvolles enthalten. Frieden. Tod ist Ende. Ende und Anfang. Gevatter Tod kann ein Freund
sein. Oder ein grausamer
Sensenmann, der Leben nimmt ohne Gnade. Aber nicht grausamer als die
Liebe, die einem keine Wahl läßt. Die unerbittlich von einem
Besitz ergreift, einen an sich kettet und nicht mehr aus ihren Klauen entläßt,
bis man dem Tod begegnet. Scharfe Klauen, klingenbewehrt, die sich tief ins
Fleisch krallen und Spuren hinterlassen, die nicht mehr verheilen, egal, wie
lange man lebt. Ha! Die Klauen der Liebe... Wenn ihr mich fragt, ist die
schrecklicher, als der Tod je sein könnte. Sie fragt nicht, wie es mir
geht oder was ich will. Sie nimmt sich, was sie braucht und geht wieder. Immer
wieder. Und ich gebe es ihr. Das ist pure Romantik, würde
ich sagen... Verfluchte Romantik. Mein Tip: Wehrt euch erst
gar nicht – das macht alles nur schlimmer... Längst bin ich kein Mann
mehr. Und auch kein Dämon. Ich entwickle mich zum
wertvollen Mitglied der Dienstleistungsgesellschaft des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Zum Blitzableiter, immer
bereit, das unerwartete Gewitter zu empfangen, bloß daß es bei mir ein
*erwartetes* Unwetter ist. Immer wieder. Bin ein Anbieter von
Diensten, eine Hure, die ihren einzigen Freier bedient. Und selbst Spaß dran hat. Solange es dauert. Diskret, ohne zu fragen,
ohne Konsequenzen. Meine Dämonenwürde geht den
Bach runter. Mein Verstand leidet, und
mein Stolz... Stolz? Wo kein Stolz ist, kann auch
nichts gekränkt werden. Oder? Hier gibt es zu viele
verdammte Oders! Wo sind die Entweders? Wenigstens geht´s meinem
besten Freund so gut wie lange nicht mehr. Ha! Da gibt´s kein Oder. Sex. Das ist Leben. Gewalt auch. Brutalität. Wenn Blut fließt, heißt das
Leben. Jeder Fausthieb ist es.
Jeder Fußtritt, jedes Schimpfwort von ihr... Alles andere hat keine
Bedeutung. Auch Schmerzen sind Gefühle,
und jedes Gefühl ist besser als Leere. Ich bin genau das, was sie
jagt. Beute. Was sie tötet. Gnadenlos. Nur, daß sie es bei mir
langsam tut, ganz langsam. In Zeitlupe, mit Genuß. Mit Hilfe der gnadenlosen
Liebe, die mich heimgesucht hat wie eine Krankheit. Eine unsterbliche Krankheit. Und daß ich es freiwillig
geschehen lasse. Weil alles andere noch
horrender wäre. Abgerichtete Beute, zum
Abschuß freigegeben, mitleidig verschont und benutzt. Kotz. Zum ersten Mal bin ich froh,
kein Spiegelbild zu haben. In die Augen könnte ich mir
längst nicht mehr blicken. Wenn ich ihren Körper haben
kann, ist das immer noch besser als nichts, oder? Oder! Schon wieder. Kaum ist ihr Wächter über
alle Berge, schon ist sie auf Abwegen. Auf Abwegen? Neeeeeeeeeee. Auf Spike! Jaaaaa! Jetzt ist es schon Nacht,
und lange muß ich wohl nicht mehr warten. Leute, ihr solltet euch mal langsam
auf die Socken machen... Ich lausche. Meine Ohren können alles
hören, sie sind für die Jagd gemacht. Ich kann das Gras wachsen hören – öhm...
nicht, daß ich Gras jagen würde, Kinder! – oder das Tippeln von Spinnenfüßen in
meiner Krypta. Den Herzschlag eines Menschen, der am anderen Ende des
Friedhofes steht. Das Atmen der Menschen einer
ganzen Stadt ist für mich wie das Brausen eines starken Windes, der übers Land
fegt. Schon bevor sie den Friedhof
betritt, kann ich sie hören. Sie verliert keine Zeit, geht schnurstracks auf
ihr Ziel zu. Schreitet über weichen Rasen, unter dem die Toten ihre letzte Ruhe
gefunden haben, als wäre der Friedhof ihr Gutshof und sie die Herrin. Naja, das ist sie ja auch.
Die Herrin über die Wesen der Dunkelheit... Wütende Schritte, hastig und
ohne Zögern, kommen näher. Zu mir! Meine Beine reagieren
zuerst. Blitzschnell springe ich zum
Fernseher hinüber, zappe ihn an und fläze mich in den Sessel davor. Seit Stunden sitze ich hier
und schaue fern. Hochinteressiert. Sieht man doch, oder? Cartoons flimmern über den
Bildschirm. Tom und Jerry. Das paßt. Wie ihre Faust auf mein
Auge. Ha! Jerry-Buffy kommt
grußlos herein, zornig wie immer. Müde Züge im Gesicht. Und
Trauer. Ekel vor sich selbst. Ich weiß es, habe es
erwartet – aber es trifft mich immer wieder. Direkt ins Herz. Jedes verfluchte Mal. Sie geht schnurstracks auf
Tom-Spike zu, greift mein T-Shirt und zerrt mich ungeduldig zu sich heran, bis
ihre Lippen auf meinem Mund landen. Warm und weich und wütend
und grob. Und plötzlich ist es da. Das, worauf ich den ganzen
Tag gewartet habe. Schnell, schnell. Die Zeit
flieht vor mir. Leben. Zu viele Sachen am Körper.
Das müssen wir ändern. Schnell! Zornige Küsse. Heiß und
atemlos. Gierig. Brutal. Unbarmherziges Verlangen. Eine Flutwelle ergreift
mich, reißt mich mit sich und gibt mich nicht mehr her, und ich spüre, wie das
Leben mich berührt, wie es mich aufnimmt, mich wärmt und aufrichtet wie einen
gestrauchelten Marathonläufer, dem die Hand hingestreckt wird. Die Hand, auf die ich so
lange gewartet habe. Ihr seid noch hier? Findet
ihr das nicht ein wenig indiskret? War nett, mit euch zu
plaudern, Kinder, aber der alte Spike hat jetzt keine Zeit mehr. Das ist nur für Erwachsene. Und Jerry gewinnt immer –
das wißt ihr doch! Macht´s gut... und da ist
die Tür! He – was ist denn noch? Was? Ich könnte *Nein* sagen? Für wie bekloppt haltet ihr
mich eigentlich? Bei mir gibt es keinen Ruhetag! Verpißt euch! ~*~ Ende ~*~ |