![]() Ein kleiner Streifzug durch die bunte Fangirlwelt und Warum Fangirls Berge versetzen können
von Kati
A rose by any other name would smell as sweet. William Shakespeare
Diese Warum-Frage stellt sich ja eigentlich gar nicht, weil es so offensichtlich ist, aber trotzdem werde ich mich hier mal damit beschäftigen, denn es fasziniert mich immer wieder, was Fangirls so alles bewegen können. Ich glaube nämlich, das könnte interessant werden, auch für die „Außenwelt“. Selbst wenn am Ende vielleicht überhaupt nichts dabei herauskommt. Oder vielleicht auch nur ein Plauderstündchen, was aber nicht heißen soll, ich nähme das nicht ernst.
Was ist überhaupt ein Fangirl?
Nur mal so – gibt’s eigentlich ein deutsches Wort, das dem Wort „Fangirl“ gleichkommt? Hm. Anhimmlerin? Anschwärmerin? Anbeterin? Anbetungsmädchen? Anhängerin? Habe mal nachgeguckt, was „fan“ eigentlich heißt, wissenschaftlich und wortwörtlich und langenscheidtlich, meine ich. Da gibt’s das „fan the flame“ – Öl ins Feuer gießen. Das trifft zu – wir übertreiben gerne maßlos, am liebsten pausenlos und ohne jede Scham. Dann das „fan out“, was „sich fächerförmig ausbreiten“ oder „ausschwärmen“ bedeutet – na gut, es kann schon mal passieren, daß sich Fangirls fächerförmig ausbreiten. Stimmt also auch. Außerdem wird „fan“ auch mit „entfachen“ übersetzt. Stimmt natürlich auch wieder – wir können von einem Moment auf den anderen entfacht werden. Ich kann das nur bestätigen. – Dann kann’s auch „umfächeln“ oder „jemandem Luft zufächeln“ heißen – stimmt haargenau. Die Angebeteten können ganz schön bedrängt werden, was? Allerdings ist das, was die da zugefächelt bekommen, wohl eher heiße Luft als Erfrischung. Könnte natürlich auch ganz erfrischend für das Ego des Schauspielers sein. Dann kann’s auch „anwedeln“ bedeuten – gut, das stimmt auch, denn wo ein Angebeteter ist, wedelt auch (mindestens) ein Fangirl herum. Was wohl auf dasselbe wie „Schwärmen“ hinausläuft. Also ist ein Fangirl eine Schwärmerin, eine Verliebte – und der Schauspieler oder die Kunstfigur, die angebetet wird, ist der Schwarm. Jetzt fehlen bloß noch Motten und Licht , dann ist alles perfekt. Noch Fragen?
Fangirlwerdung und Träumereien
Meine erste bewußte Fangirl-Erinnerung, also mein erster Schwarm (oder meine Fangirlwerdung?), ist meine Begegnung mit Fletcher Christian in der „Meuterei auf der Bounty“ . Ich war etwa acht Jahre alt, in den Sommerferien auf Rügen, und im einzigen Kino des Ortes haben die den Film gespielt (Ich durfte sogar in die 20-Uhr-Vorstellung! Und ich vermute, daß mein Mutter-Fangirl dafür eine plausible Erklärung hat. *g*). Der Film hat mich umgehauen (Meine Freundin aus Dresden nicht minder – und es ist doch schön, wenn man eine Gleichgesinnte haben kann, nicht wahr?). Tagelang, wochenlang, noch Monate danach war Marlon Brando lebendig in meinem Kopf – natürlich war’s ja nicht Brando, sondern Fletcher Christian, und ich malte fortan nur noch Südseeinseln, Palmen und Segelschiffe (Ich bin fest davon überzeugt, daß meine Affenliebe zu Segelschiffen von diesem einen Film herrührt und vielleicht auch meine Vorliebe für die Farbe Blau. Soviel zur Prägung in der Kindheit.), und ich war bis über beide Ohren verliebt, ohne mir dessen überhaupt bewußt zu sein. Zur damaligen Zeit – zumal im Osten – war an Videos nicht zu denken, nicht an Zeitungen, in denen dieser Film besprochen wurde, nicht einmal an Fotos aus diesem Film wäre ich rangekommen. Plakate? Was’n das? Fanartikel? Häh? Internet gab’s weltweit noch nicht, die Kinos spielten nur das, was sie durften – also nur ins Weltbild passende, sehr wenige Amifilme und ansonsten DEFA, Russen- und sonstige Ostblockfilme (Nichts gegen Ostblockfilme, aber wenn es keine Alternative gibt, ist es da ziemlich grau!). Mir war nicht einmal bewußt, daß der Film damals bereits viele Jahre auf dem Buckel hatte. Es hätte sowieso keinen Zweck gehabt, Dinge zu suchen, die mich meinem Schwarm nähergebracht hätten. Aber ich wäre auch so nicht – niemals! – auf die abwegige Idee gekommen, nach Brando zu „forschen“, nach anderen Filmen mit ihm Ausschau zu halten, denn er war ja der erste Offizier der Bounty (und nicht das wandelnde Whiskyfaß, zu dem er später wurde *g*). Und der, genau dieser Mensch, lebte in mir, und ich starb hunderte von Toden mit ihm, immer wieder abends in meinem Bettchen, kurz vorm Einschlafen. Nach einmaligem Sehen des Films. Ohne Wiederholung. Ohne das obsessive „Reinziehen“ der Lieblingsszenen, ohne Fanfiction, ohne alles. So lebendig, als wäre ich selbst mittendrin gewesen in dieser Meuterei, in der Südsee und in den Palmenhainen (ich hatte damals in meinem ganzen Leben nicht mal eine Palme in natur gesehen...) – und es spielte gar keine Rolle, daß er am Ende des Films gestorben war, im Gegenteil, das machte alles nur umso romantischer. Das war also Schmachten ohne Hilfsmittel wie DVD, Video, Internet, Bücher, Zeitschriften, Bilder, Poster. Einfach nur in meinem Kopf. – Meine Güte, was habe ich heute für ein komfortables Fangirlleben! Natürlich kamen nach Fletcher Christian noch andere Helden, Serienhelden, Filmhelden, Romanhelden. Sexy Antihelden und attraktive Bösewichte, lebendige, tote, untote, halbtote Typen. Immer wieder. Inzwischen ist das eine ganze Völkerschar – nee, Heldenschar! –, die in mir lebt. Klar ist dann meist nur ein Hauptheld aktuell, eventuell zwei, manchmal drei (Slash!), aber die anderen bewahre ich in mir, pflege sie und erfreue mich an den lebhaften Erinnerungen unserer gemeinsamen Abenteuer.
Das (vermeintlich) Schlechte in der Fangirlwelt
Weil ich ja nicht nur schwärmen und schönmalen will, lege ich mal mit den, für mich, negativen Aspekten des Fangirldaseins los – ja, da gibt’s auch was Negatives in unserer Welt. Zum einen fällt mir immer wieder auf, daß es diese Anti-Fans gibt, also die, die alles, was die Fans gut finden, schlechtmachen. Das ist für mich eher eine Art Die-Trauben-sind-mir-viel-zu-sauer-Reaktion als ein *richtiges* Gefühl, denn meist kennen sich gerade diese Leute im Fandom kaum aus – oder nur sehr oberflächlich und voller Vorurteile – und wissen rein gar nichts über die Freude und Beweggründe der Fans. Da kann ja jeder kommen und die Nase rümpfen – ich glaube, wir selbst können das aber noch viel besser! Die können sich gar nicht vorstellen, wie himmlisch Anhimmeln sein kann… Zum zweiten gibt’s noch diese – für mich höchst albernen – Shipper-Aggressivitäten, was heißen soll: außer *meinem* Lieblingspärchen gilt kein anderes – und die Shipper-Slasher-Rivalitäten nicht zu vergessen. Das gab’s und gibt’s bei Buffy (Buffy/Spike gegen Buffy/Angel etc. – ach ja, Angel/Spike forever! *g*) genauso wie bei PotC (Will/Elizabeth gegen Jack/Elizabeth usw.) und wahrscheinlich in jedem anderen Fandom. Und alles dreht sich nur um das persönliche einzig wahre Paar. Leute, darf ich euch mal was verraten? Jedem Tierchen sein Plaisierchen. Leben und leben lassen. Und was sagte unser großer Preußenkönig, der alte Fritz, so schön? „Ein jeder soll nach seiner Façon glücklich werden.“ Toleranz kann wunderbar sein, die macht nämlich die Fangirlwelt erst vielfältig, bunt und schön. Ich nehme an, bei diesen Shipperkriegen sind die Beteiligten meist ganz junge Fans, die erst noch lernen müssen, warum dem einen sin Uhl dem andern sin Nachtigall ist. (Es kann natürlich sein, daß ich mich da irre und es keine Altersbeschränkung für Dummheit gibt, aber ich glaube an das Gute im Menschen und daß er sich noch entwickeln kann.) Es geht eben nicht darum, daß es für sein geliebtes Paar nun unbedingt den meisten Zuspruch gibt – oder geben muß –, sondern darum, was man liebt und als genau richtig empfindet – ohne dessen „Gegenteil“ herabzumindern, weil es nicht dem eigenen Geschmack entspricht. Sicher ist es schön, viele Gleichgesinnte zu haben, aber es gibt nunmal auch Leute mit anderen Vorlieben. Es gibt sogar Fangirls, die lieben beides – Uhl *und* Nachtigall. Dieses verbissene Drauf-Bestehen entspricht nicht der „Moral“ unserer Fangirlwelt, in der man auch mal über seinen Liebling Witze reißen kann und nicht alles so verflucht ernst nimmt. Sicher gibt es auch bierernste Fandoms, denen Augenzwinkern fremd ist, aber in diesen verkehre ich nicht, kann also wenig dazu sagen. Zum Glück ist in den Welten, in denen ich mich bewege, sowas eher die Ausnahme. Es geht ja gerade um den Spaß an der Sache, an dem gesamten Universum, und der geht verloren, sobald man vernagelt rangeht. Klar soweit? Und dann gibt’s da noch die vermeintlich schmuddlige Welt der Conventions, die für Außenstehende immer etwas Lächerliches hat. Alternde, für Nicht-Fans fast unbekannte Schauspieler werden bejubelt und geben Autogramme, weil sie mit einer bestimmten Rolle Ruhm erlangt haben – und sonst nichts weiter Erwähnenswertes (was keine Abwertung ist – im Showgeschäft ist das nunmal so, und eine Serie kann schnell zur Einbahnstraße für einen Schauspieler werden – genau wie sein Gesicht zum Markenzeichen einer einzigen Rolle/Serie.). Bei Conventions zu Science-Fiction-Serien laufen Fans ohne jeden Hauch von Scham in Außerirdischen-Verkleidung herum. Übergewichtige Mädels in Polyesteranzügen, unscheinbare Jungs mit Leuchtschwertern und Mütter und Väter in merkwürdigen Verkleidungen treiben sich in Massen auf diesen Veranstaltungen herum, völlig losgelöst und dabei beneidenswert glücklich, weil sie sich mitten unter Gleichgesinnten in ihrer Traumwelt befinden. Unverständlich und lächerlich für Außenstehende. Normal für alle Fangirls und Fanboys, die das Glück haben, sich ihre Freude und Begeisterung für etwas bewahrt zu haben, das einfach Spaß macht, die das Kind in sich wieder und wieder neu entdecken und gut behandeln. Ich war nie auf einer Convention – heimliche Fangirls wie ich eines bin (Erklärung weiter unten) machen sich nicht auf die Socken, um sich in aller Öffentlichkeit zu ihren Lieblingen zu bekennen. Außerdem wäre mir das viel zu genierlich, mich da in einer Reihe anzustellen, um vielleicht mal eine Sekunde mit „Jayne“ zu quatschen oder eine Unterschrift von Joss „Gott“ Whedon einzuheimsen und ihn im Vorbeigehen mal eben anzubeten – oder gar ein merkwürdiges Foto mit James Marsters schießen zu lassen, auf dem der Kerl gleichzeitig verlegen und blendend aussieht und das ungelenke Fangirl aufgeregt strahlt. Obwohl ich mir vorstellen kann, daß so eine mehrtägige Convention auch ganz unterhaltsam und abenteuerlich sein kann. Die meisten, die auf einer Convention waren, sagen, daß es nicht das wichtigste ist, die Schauspieler zu treffen, sondern daß es das schönste ist, wenn man mit Gleichgesinnten zusammenkommt, einfach mal quatschen, sich von Angesicht sehen, zusammen lachen und seine Ansichten austauschen – oder bestätigen – kann. Und das ist genau das, was wir suchen: das gemeinsame Verliebtsein, das zusammenschweißt... Das schönste und witzigste Beispiel für die „Schmuddelecke“ Convention ist wohl der wunderbare Film „Galaxy Quest“ Wer ihn gesehen hat, weiß, was ich meine. Der Film nimmt einerseits das allzu verbissene Ernstnehmen einer Serie, eines Phantasieprodukts, auf die Schippe, andererseits zeigt er liebevoll, wie das geht mit dem Fansein... und was es den Menschen geben kann. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist wohl auch eine der wunderbaren Seiten der Fanwelt. Die Fans werden automatisch zu (weltweiten) Freunden, allein durch ihre gemeinsame Liebe zu ihren Lieblingsserien, ihren Lieblingsgeschichten, ihren Ikonen (Ich glaube fast, das hat doch was mit Religion zu tun…). Und da kann es dann schon einmal passieren, daß die Grenzen zwischen den virtuellen Universen und der realen Welt verwischt werden. Aber glaubt mir, diese Menschen sind in der wirklichen Welt ganz normale Mitbürger. Man kann sie höchstens an ihren Geheimzeichen erkennen. Wenn man weiß, welche das sind. Das war’s nun zu den vermeintlich negativen Seiten der Fanwelten – mehr fällt mir dazu nicht ein, und ich finde, so negativ war’s ja auch wieder nicht. Nur wird das Fansein an sich immer in eine Schmuddelecke gestellt…
Die Vielfalt in der Fangirlwelt
Und nun zu meinem Lieblingsthema, dem bunten, abenteuerlichen Leben der Fangirls. Mir ist selbstverständlich bewußt, daß es nicht allen Fangirls so geht wie mir, nämlich daß mich ein Charakter, eine Figur (Spike! Spike! Spike!) umhauen, fesseln und so in seinen/ihren Bann ziehen kann, daß ich kaum noch an anderes zu denken fähig bin (oder anders: Das reale Leben wird zur Nebensache.), mich jedoch der jeweilige Darsteller (oder sagen wir mal der *wirkliche* Mensch dahinter – James Marsters… naja…) dann herzlich wenig interessiert, sondern eher kaltläßt oder mir sogar peinlich sein kann. Oft ist es wohl so, daß wir Fangirls die Faszination des jeweiligen Charakters auf den Schauspieler übertragen, was ja naheliegt. Sicher gehört so einiges dazu, einen Charakter glaubwürdig darzustellen, so daß er so wunderbar rüberkommt, daß man sich in ihn verlieben kann. Allerdings ist das ja der Beruf eines Schauspielers, der so tut, als ob und „zum Anschauen spielt“ – und wenn er es gut kann, hat er Erfolg – und in seinem Falle wird er (manchmal) dafür angebetet. Natürlich reicht es auch manchmal, wenn jemand gut aussieht. Oder böse, sexy Rollen spielt. Oder witzig ist. Oder britisch redet. So einfach ist das. Wenn das Thema auf jemanden kommt, der einen Schauspieler (oder „Star“) anbetet, sagt ein Freund von meinem Süßen immer, daß es vollkommen schnurzpiepegal ist, ob jemand berühmt oder ein Star ist oder sonstwas, denn die haben auch mal harten Stuhlgang und sitzen dann genauso wie wir alle verzweifelt auf dem Klo und drücken wie verrückt – stöhnend, ächzend und mit zusammengekniffenen Augen in einem hochroten, schmerzverzerrten Gesicht. Soviel zu den Angebeteten. Aber es gibt eben auch die oben genannte Variante von Fangirls (Sind wir etwa in Kategorien einteilbar? Hm. Da fällt mir spontan die normale Konsumiererin ein, dann die Heimlichtuerin, die Enthusiastin, die Alles-Schönfinderin, die Herauspickerin, die Ständig-Verliebte, die Nichts-infrage-Stellerin, die Missionarin, die Überzeugende, die Diskussionsfreudige, die Moralisierende, die Kämpferin, die Träumerin, die Philosophin…), deren Interesse (und Liebe – denn eine solche Schwärmerei hat auch immer was von Frisch-Verliebt-Sein, finde ich) sich allein auf einen Charakter bezieht, auf die Darstellung desselben – ohne sie als „Darstellung“ so richtig wahrzunehmen. Die Figur ist einfach die Figur, eingewoben in die jeweilige Geschichte, den Verlauf des Films, die Entwicklung der Serie. Sie führt ein Eigenleben als Charakter, inklusive Umfeld, Vorlieben, Abneigungen und Taten und was so dazugehört, eine Figur „lebendig“ zu machen. Und wird in Tag- und Nachtträumereien natürlich weitergesponnen, was eine ganz besondere Spezialität von Fangirls ist. Für uns wird in Kino und Fernsehen immer nur die halbe Geschichte erzählt. Wenn ich Filme sehe – wenn ich mir also Geschichten erzählen lasse, denn das ist es ja, was man eigentlich will, stimmt’s? –, dann sehe ich nicht erfundene Figuren, sondern richtige Menschen mit allem Drum und Dran. Ich mag’s einfach, „betrogen“ zu werden, und ich will dann, wenn’s mir gefällt, auch gerne alles glauben, was die mir weismachen wollen. Das bringt ja den Spaß an der Sache, daß man sich fallenläßt, mittendrin teilnimmt und dieses Leben dort oben (oder drin) mit(er)lebt. Daß man mitleidet, mitlacht, auslacht, mitweint, zu einem Teil der Geschichte wird und sich selbst dabei völlig vergessen kann. Dort gehören die Schauspieler hin.
Willkommener Betrug – Fangirls und das echte Leben
Im echten Leben kann ich Schauspieler manchmal jedoch ziemlich peinlich finden (vor allem, wenn die zu irgendwelchen populären Themen was zu sagen haben – oder sich zumindest einbilden, etwas sagen zu müssen und dann den größten Schrott ablassen), aber als gespielte Figur sind die, die ich liebe, einfach nur himmlisch und schaffen es, mich in den Fangirlhimmel reinzuholen. In jeder ihrer Rollen – wobei sich das Umpolen auf eine andere Rolle für mich überhaupt nicht widerspricht. Sie sind dann dieselben – nur in einem anderen Leben, Rahmen, in einer anderen Geschichte und Zeitebene. Logik hat im Fangirlleben nichts zu suchen, davon gibt’s genug im richtigen, nicht ganz so angenehmen Leben. Nicht, daß ich nicht auch mal voller Neugier in der IMDB stöbere, Fakten raussuche – wie Geburtsdaten (Ist der älter oder jünger als ich?) oder Körpergröße (Mann, ist das aber’n laufender Meter!) und all diese Berge von unnützem Wissen (Was? Der ist Australier?), die solchen Spaß machen, aber das ist einfach eine Unterstützung für meine Phantasie – und Nahrung für mein Fangirlherz. Und nicht, daß ich nicht auch mal die Hintergründe über einen Film oder Dreh recherchiere und mir die zusätzlichen Ostereier auf den DVDs angucke, einfach nur, weil es Freude macht, mich mit meinem „Liebling“ zu beschäftigen und jedes Fitzelchen an Informationen einzuheimsen – und herauszufinden, in welchen Filmen er mitgespielt hat und mich auf diese Art leichter auf einen Colin-Firth-Trip, eine Sean-Bean-Weltreise oder eine Gerard-Butler-Abenteuerkiste begeben kann – wohlgemerkt mit deren gespielten Figuren. Wenn das auch oftmals schlimme Filme betrifft, die man nur einmal mit Müh und Not zu Ende guckt und dann nie wieder, so ist aber ab und zu mal eine Perle darunter (z.B. „Lieber Frankie“ mit Gerard Butler). Da kann’s schonmal passieren, daß man festgestellt, der Film ist Mist, aber mein Liebling war einfach umwerfend („Attila“ mit Gerard Butler *g*)! Es kann aber auch umgekehrt sein, daß mein Liebling Mist gebaut hat (oder sogar völlig talentfrei spielte *g*) und der Film nicht so übel ist. Überraschungen kann man immer wieder erleben. Wohingegen Klatsch und Tratsch über das Privatleben von sogenannten Stars kein Interesse bei mir wecken. Das gehört in die Kategorie der peinlichen und sinnleeren Informationen – für meine Wenigkeit zumindest. Sicher nehme ich das wahr, aber es kommt einfach nicht bei mir an. Außerdem finde ich das oft mehr als daneben. Es geht mir um so kleine, feine Details wie beispielsweise die wunderbare Bemerkung des Regisseurs Andrew Davies der BBC-Verfilmung von „Pride and Prejudice“, der Colin Firth die Notiz ins Drehbuch schrieb, er solle sich, während sein Darcy in Netherfield der verschwitzten und zerzausten, „wilden“, mit Modder besudelten Lizzy begegnet, vorstellen, daß der eine Erektion hat. (In einem Interview, das „Bridget Jones“ mit Colin Firth führt, ist das erwähnt – hier auf deutsch auf der wunderschönen Seite „Darcymania“) Ist das nicht einfach klasse? Davies wollte, daß die Figuren in dem Film lebendiger werden, nicht so zugeknöpft und unnahbar bleiben, sondern dreidimensional und menschlich. Und genau das Wissen um diese winzige Notiz ist es, was dann Spaß macht, wenn man die Szene das nächste Mal sieht... und was einen alles dann mit ganz anderen Augen sehen läßt.
Von heimlichen Fangirls
Auch wenn ich, wie ich gestehen muß, zu den faulen und feigen Fangirls gehöre, so führe ich doch ein herrlich buntes Leben mit meinen Schwärmen. (Ich wurde als kleines Mädchen mal gefragt, ob wir einen Farbfernseher hätten, und ich habe das aus tiefster Überzeugung bejaht, weil alles, was ich da gesehen habe, für mich einfach bunt und schillernd und lebendig war. Und dabei war in Wirklichkeit alles Schwarzweiß, weil wir selbstverständlich keinen Farbfernseher unser eigen nannten. Und selbstverständlich wurde ich dann der Lüge bezichtigt und als Angeberin bezeichnet. Argh – die hatten ja keine Ahnung!) Ein faules Fangirl bin ich, weil ich niemanden aus meiner Umgebung von meinen Lieblingsserien und –filmen überzeugen will, niemanden missionieren mag (außer meine lieben Internet-Freundinnen, die aber allesamt Fangirls sind, für die ich keine großartig überzeugenden Argumente heranziehen muß, außer daß es mir gefällt. Sie verstehen. Und wissen.), niemanden versuche zu begeistern, sondern einfach nur... konsumiere. Wahrscheinlich liegt das auch daran, daß ich keine Lust habe, lang und breit zu erklären, was, warum und wieso... Ich will meine Zeit mit meinen Helden verbringen, und zwar schnell! – Und ein feiges Fangirl bin ich, weil ich zu feige bin, im *richtigen* Leben zu meinem Leben als Fangirl zu stehen. Ich würde nie ein Spike-T-Shirt tragen. Und ich würde nie in Piratenverkleidung zu PotC ins Kino gehen. Ich geniere mich einfach. Wahrscheinlich würde ich sogar „Buffy“ verleumden, wenn jemand über die Serie herzieht. Glücklicherweise bin ich nie in die Verlegenheit gekommen. Na gut, die Kombination von faul und feige ergibt sich dann automatisch. Könnte man vielleicht ein „heimliches Fangirl“ nennen – klingt zumindest nicht negativ, sondern sogar ziemlich aufregend. Also führe ich nun (mindestens) zwei Leben. Man könnte es auch Doppelleben nennen, wenn das nicht so zweideutig wäre. Ein „richtiges“ – oder eher *reales* – und ein kunterbuntes Fangirldasein. Macht meine Welt irgendwie farbiger, glaube ich, wenn’s auch manchmal ziemlich schwierig ist. Aber es klappt. Ist nur eine Frage der Organisation und des Managements.
Weltbewegende Fangirls
Und warum nun können Fangirls Berge versetzen? Ganz einfach: Sie lieben und leben ihre (Fern-)Liebe. Wenn ich kein Fangirl wäre, hätte ich vielleicht nie mit dem Schreiben angefangen. Und nun kann ich schon einen ganzen Batzen Geschichten vorweisen. Und ich hätte nie damit begonnen, Geschichten im englischen Original zu lesen – oder Filme, die nicht synchronisiert sind, zu sehen und sogar zu bevorzugen, nur um die originalen Stimmen meiner Lieblinge zu hören, deren Dialekte und deren Nuancen zu genießen. Wäre ich kein Fangirl, hätte ich nie (ganz sicher nie!) eine eigene Webseite gebastelt, HTML gelernt, alles mögliche dazu erforscht, probiert, verworfen, angelesen, mich so reingekniet in diesen trockenen Stoff. Aber das bin ja nicht nur ich, die so viel für ihre Fangirlwelt „arbeitet“ – da draußen sind Millionen Mädels (Okay, ein paar Jungs gewiß auch. *g*), die wunderschöne Dinge zaubern – und sich das Wissen, das dies voraussetzt, aneignen. Eines der besten Beispiele sind die kleinen Mädchen, die den neuesten Harry-Potter-Band im Original lesen. Und das nicht etwa, weil sie so gerne Englisch lernen, sondern weil sie’s nicht abwarten können, bis das Buch auf deutsch erscheint. Das nenne ich mal einen Bildungsschub! Sehr anschaulich wird das weltbewegende Leben eines Fangirls in dem wunderschönen Film mit Kathy Bates, Rupert Everett und einer umwerfenden, sehr präsenten Zwergin „Wer tötete Victor Fox?“ gezeigt. Augenzwinkernd, melancholisch, perfekt. Das ist ein so wunderbarer Fangirlfilm! Und er zeigt sehr vergnüglich und spannend, was Mädels für ihren Schwarm zu tun bereit sind… und wie abenteuerlich so ein Leben sein kann. Wozu soll man sich mit trockenen Gebrauchsanweisungen für irgendwelche Programme beschäftigen, wenn man nicht vorhat, das phantasievollste PotC-Icon, das schönste Sparrington-Wallpaper, die *geilste* Spike-und-Angel-beim-Sex-Manipulation zu basteln? Es gibt da draußen Fangirls, die können besser mit Photoshop & Co. umgehen als studierte Graphiker. Wozu soll man sich stundenlang, tagelang mit irgendwelchen Video-Schnitt-und-Zusammenfüg-und-Komprimier-Programmen abquälen, wenn es nicht für das tollste Sawyer-Video aller Zeiten wäre? Da gibt es Fangirls, die machen so professionelle Videos, daß sich „richtige“ Filmemacher Scheiben von deren Kunstfertigkeit und Geschmack abschneiden könnten. Und da sind Mädels, die schreiben so packende Geschichten, daß es ein (sogenannter) Bestseller-Autor schwer hätte, gegen ihr Können zu bestehen. Diese Liste von Fähigkeiten und Fangirl-Produkten könnte ich endlos fortsetzen. Aber es ist ja bereits klar, was ich damit sagen will... Wir Schwärmerinnen sind verliebt, und Verliebte tun alles für ihren Geliebten. So einfach ist das. Sie entfalten ihre Talente, die sie wahrscheinlich ohne ihre(n) Angebetete(n) nie entdeckt hätten. Sie überwinden ihre Vorbehalte gegen Technik und komplizierte Computerprogramme – und hätten dies wahrscheinlich nie getan, wenn sie es „gemußt“ hätten, sondern nur freiwillig und um ein Ziel zu erreichen. Sie lernen ständig dazu.
Fangirl-Belohnungen
Ist das wirklich ein „Zeitverplempern“, wie’s so mancher Außenstehende (mit gerümpfter Nase) zu sehen gewillt ist? Ist das *wirklich* Zeitverschwendung, für sein Fandom Zeit zu „opfern“? Wenn ja, dann wäre jedes Spiel auch Zeitverschwendung, jedes Puzzle, jedes „Hobby“ wäre nur Vergeudung von Lebenszeit. Ist Kreativität nun etwas Schlechtes, wenn sie nur durch eine vermeintlich billige, zweitklassige Fernsehserie angeregt wird? Ich finde das überhaupt nicht. Für mich ist mein Fangirlleben eine inzwischen unentbehrliche Bereicherung meines Alltags. Und vieles von dem, was ich in meinem geheimen Leben als Fangirl gelernt habe, kann ich auch im realen Leben gebrauchen. Dann gibt es noch einen weiteren wunderbaren Aspekt in der Fangirlwelt: Das Teilen. Das Teilen seiner Schwärmerei mit einem Heer von Gleichgesinnten, das uns das Internet bietet. Dabei ist es nicht so wie mit einem *wirklichen* Geliebten, den man auf keinen Fall teilen will, sondern genau umgekehrt. Je mehr Fangirls es zu einem Fandom gibt, desto schöner. Desto größer ist die Zahl der Kunstwerke, die man bewundern (und sammeln) kann, desto größer die Auswahl an Geschichten, die man dazu entdecken und verschlingen kann. Man teilt seinen geliebten Angebeteten mit anderen (Oh, Schreck, ich wollte wirklich nicht nach Religion klingen! *g*), kann zusammen schwärmen, sich an Details hochziehen, zusammen etwas Neues entdecken, gemeinsam schmachten und sich aufregen oder auch trauern, und es spielt dabei keine Rolle, was die anderen im *wirklichen* Leben sind, wie alt sie sind, welcher Herkunft, welcher Nationalität sie angehören, sondern es zählt nur das gemeinsame Interesse – die einzig wahre Sprache. Das macht die Fangirlwelt reich und vielseitig, und es macht Fangirls zu Freundinnen und nicht zu Konkurrentinnen. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid ist halbes Leid. Wie wahr, wie wahr! Ich glaube, im Internetzeitalter hat sich dieses Sprichwort erst so richtig bestätigt, denn hier finden wir genau die Freunde, die auch unsere „speziellen“ Interessen teilen, unsere Vorlieben und Schwärmereien. Denn die Suche findet ja gar nicht statt – es ist ein Treffen und Finden ohne Suchen. Die Fangirls treffen sich eben an den Stellen, die für sie wichtig sind, auf den Fanseiten, im LiveJournal, in Foren, in Chats, überall, wo über ihre Lieblinge gesprochen, gelästert, hergezogen, geschwärmt, gegackert wird, wo Serien und Filme durch die Mangel gedreht werden, wo Ansichten zusammenkommen und sich gegenseitig ergänzen, wo Fanficiton zu lesen ist und Fanart zu bewundern. Überall dort, wo *mein* Fandom zu Hause ist, bin auch ich zu Hause – und kann meine anderen Fangirls genau dort finden, treffen und mich mit ihnen über genau das unterhalten, was uns alle interessiert. Familie und Freunde in einem. Was kann es schöneres geben? Das klingt fast, als hätten wir alle so überhaupt kein Privatleben. Nee, das klingt, als wäre unser reales Leben eine Art Nebenleben. Aber ich neige dazu, das Fangirlleben als mein kleines Paralleluniversum zu sehen. Was für andere der Porno ist, ist für uns das Schwärmen. Wenn ich einen meiner Lieblingsfilme konsumiere, ist das wie das Abtauchen in eine Welt, die nur für mich gemacht ist – immer wieder. Wenn mein Süßer in seinen geliebten Rennradzeitschriften und Katalogen studiert, dann sagt er, er liest gerade seine Pornos. Und das ist wahr. Kommt immer nur auf die Sichtweise an – was Spaß macht, ist eben Porno, sogar wenn’s dann *richtiger* Porno ist. Und macht die Welt viel, viel schöner.
Fangirl-Abenteuer im wahren Leben
Ein Beispiel: Mein Süßer und ich im Kaufhaus in der Haushaltsabteilung, zwischen all dem Porzellan, Töpfen, Schüsseln, Bestecks und rasiermesserscharfen kleinen, mittleren und großen Messern, Hackebeilen und Filetierklingen. Typisch für das Gemüt meines Liebsten, gibt er sofort seine gefährlichen Gedanken zum besten: Man müsse immer wachsam sein, besonders bei so vielen Mordwerkzeugen um einen herum, denn die Welt wimmele ja nur so von Attentätern, Amokläufern, Psychopaten und Mördern, die in Kaufhäusern nur zulangen müssen, um die richtigen Werkzeuge zu bekommen, und wer hier arbeite, der lebe wirklich gefährlich. Usw. Ehe ich die Augen verdrehen und ihm irgendwas von wegen „Sei doch nicht immer so negativ!“ antworten konnte, fiel mir Firefly ein. Die „Bushwacked“-Szene, in der Wash zu Jayne sein sarkastisches „You are a very up-person.“ losläßt. An die habe ich gedacht, im Original (Ich habe die Serie nie synchronisiert gesehen). Und plötzlich war alles ganz anders. Dieser eine Satz ließ mich vergessen, mich zu ärgern, und plötzlich ging neben mir Jayne, und ich grinste ihn nur an. Für den Rest des Tages war ich gut drauf, und alles nur wegen Firefly und weil ich ein Fangirl bin und mein Leben zum Roman umgestalten kann. Als ich zum neunten Mal in PotC AWE ging (mein Süßer dachte, es wäre höchstens so um das fünfte Mal und ich ließ ihn auch in dem Glauben – oder er wußte es und ließ mich in dem Glauben, er wisse es nicht *g*), und es mir fast peinlich war, als ich dann ins Kino aufbrach… meinem Süßen gegenüber zuzugeben, daß es mich wieder zu Jack, Barbossa & Co. zog (er hatte die anderen Male nur sein *greises* Haupt geschüttelt und in seiner unendlichen Geduld mit mir die Augen zum Himmel erhoben *g*), da sagte er plötzlich etwas Wunderbares: „Mein Lieb muß wieder in sein Zauberland.“, und mein Herz machte einen stolzen, fröhlichen Hüpfer. Also, Leute, ab in eure Zauberwelten! Zum Abschluß könnte ich jetzt mit Marx sagen: Fangirls aller Länder vereinigt euch! Aber das ist nicht nötig. Das sind wir schon.
August 2007 ~*~*~*~*~*~*~*~ |