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Interview mit einem Vampir (oder richtiger: der Versuch, eines zu
führen) Er ließ sich ihr gegenüber auf die Couch
sinken und legte die Hände in den Schoß. "Du willst also ein Interview mit
mir machen."
"Das habe ich doch gesagt." Sie
malte probeweise mit dem Kugelschreiber ein paar Kringel auf ihren Block. "Und wozu?" "Einfach nur so. Zum Spaß." "Schöner Spaß", grollte er
schlecht gelaunt. Dann beugte er sich nach vorne, stützte die Ellenbogen auf
die Knie und sah sie eindringlich an. "Hör mal, Kleines, wenn du schon
unbedingt schreiben willst, solltest du dann nicht endlich diese
Valentinsgeschichte zu Ende bringen? Die Challenge läuft ja nicht ewig." "Mir fällt aber im Moment nichts
ein. Und überhaupt - woher weißt du denn davon?" Er lehnte sich zurück. "Ich weiß es
eben." "Du hast schon wieder auf dem Forum
von 'Forever' rumspioniert!" empörte sie sich. "Hab ich nicht. Würde ich nie. Ich
war nicht mal in der Nähe von deinem Computer." "Natürlich nicht." "Also hör mal! Ich bin ein Vampir,
okay? Ich bin böse. Kreatur der Nacht und Geschöpf der Finsternis und so
weiter. Als ob ich Fanfiction lesen würde. Das glaubst du ja wohl nicht im
Ernst. Und noch dazu diese ganzen Angel-Buffy-Schmachtschnulzen, die es da
gibt. Ist ja widerlich." "Laß mich raten: du stehst mehr auf
die Spike-Buffy-Schmachtschnulzen." "Eine Geschichte, in der ich
auftrete, kann gar nicht schnulzig sein." "Wie du meinst." "Es sei denn natürlich, du hast sie
geschrieben." "Hey!" "Ich verstehe noch immer nicht, was
du mit diesem Interview anfangen willst." "Es ist für Kati." "Kati?" "Die, die 'Sinn und Unsinn'
geschrieben hat. Und 'Geisterstunde'. Und 'Lektionen'." "Ach ja, diese eine Story, in der
Cupido aufgetaucht ist." Er gluckste. "Tolles Ding. Wenn Joss Whedon
sich mal so 'nen Plot einfallen ließe, würde die Sache zwischen mir und Buffy
viel besser laufen, das sage ich dir." "Also machen wir jetzt das
Interview?" "Na schön. Weil es Kati ist."
Er holte eine Zigarette aus der angebrochenen Packung auf dem Couchtisch, schob
sich das Ende zwischen die Lippen und ließ sein Feuerzeug schnippen, aber bevor
er noch dazu kam, das Flämmchen der Zigarettenspitze zu nähern, traf sein Blick
auf zwei demonstrativ in die Höhe gezogene Brauen ihm gegenüber. Er seufzte, verdrehte die Augen und
steckte die Zigarette zurück in die Packung. "Fein", strahlte sie.
"Dann können wir ja anfangen." "Und zwar pronto, wenn ich bitten
darf. Worüber willst du mich denn ausfragen?" "Hm, so genau weiß ich das auch
nicht... wie wär's mit der letzten Folge von Buffy, die am Mittwoch gelaufen
ist?" Er sah sie empört an. "Das war
'Checkpoint'. In der Folge hatte ich bloß 'n paar mickrige Szenen." "Und in einer davon hast du Buffy
gegen einen Vampir geholfen." "Ja", grollte er. "Ich hab
ihr verdammt nochmal das Leben gerettet." "Naja..." "Und was macht die doofe Tussi zum
Dank? Sagt mir mehr oder weniger, ich soll mich zum Teufel scheren! Weißt du,
darüber solltest du mal 'nen Artikel schreiben. Darüber, wie mich diese
Schlampe dauernd behandelt! Oder noch besser: warum machst du nicht ein
Interview mit ihr? Und dann frag sie einfach mal, was ein Kerl eigentlich noch
alles tun muß, damit sie mal die Güte hat, ihn zu bemerken. Und wieso sie nicht
endlich kapiert, daß ich bloß versuche, nett zu sein." "Könnte es vielleicht was damit zu
tun haben, daß du ihr, als du nett sein wolltest, gesagt hast, sie würde
vorzeitig altern und darum würden sämtliche Jungs das Interesse an ihr
verlieren?" Er sah sie verwirrt an. "Meinst du
wirklich?" Diesmal war die Reihe an ihr, die Augen
zu rollen. "Schön. Reden wir von der zweiten
Szene. Das war ja auch so eine Art Interview." "Ach ja. Mit dieser verklemmten
englischen Wächterin." Er grinste. "Die Alte hat mich verdammt an
dich erinnert, Schätzchen." "Vielen Dank, Spike. Dein Charme ist
heute mal wieder umwerfend." "Weiß ich doch. Diese alte englische
Jungfer konnte mir ja auch nicht widerstehen." "Um mal kurz Buffy zu zitieren: Du
bist widerlich." "Das klingt bei der Jägerin schon
nicht so richtig überzeugend, weißt du? Aber bei dir..." "Themenwechsel. Szene Nummer
drei." Er verzog das Gesicht. "Hatte ich
denn noch eine?" "Natürlich hattest du noch eine,
Spike. Die wichtigste von den dreien." "Welche meinst du?" "Das weißt du genau. Als Buffy ihre
Familie zu dir bringt." "Ach so." Er starrte an die Decke.
"Hatte ich ganz vergessen." "Komm schon, tu nicht so. Es hat dir
doch wirklich viel bedeutet, daß Buffy dich um Hilfe gebeten hat. Du warst
verdammt stolz darauf." "Stolz? Wie kommst du denn darauf?
Pfff. Stolz. So ein Blödsinn. Genervt vielleicht, ja. Ich meine, sie hätte
wenigstens vorher anrufen können, bevor sie mir ihre ganze Sippschaft auf den
Hals hetzt. Verdammt unhöflich von ihr, oder etwa nicht? Ich hatte nicht mal
Zeit, aufzuräumen." "Du räumst doch nie auf, und du hast
gar kein Telefon." "Was hat das damit zu tun?" "Vampirlogik. - Aber du gibst doch
wenigstens zu, daß du Joyce und Dawn ziemlich gut leiden kannst." "Ich geb' gar nichts zu",
knurrte er mißmutig. "Du hast dir mit Joyce gemeinsam
'Passions' angesehen." "Na und? Die Lady hat eben
Geschmack." "Ja, und zwar offensichtlich
schlechten..." "He, sag nichts gegen meine
Lieblingsserie! Du hast sie ja noch nicht einmal gesehen." "Nein, dem
deutschen Fernsehen sei Dank. Was ich drüber gehört habe, reicht
mir." "Das nenne ich Vorurteil, Schätzchen." "Könnten wir vielleicht wieder auf
Buffy zurückkommen?" "Von mir aus. Ich habe nicht
angefangen, das Thema zu wechseln." "Weißt du, daß du echt Nerven
kostest, Spike?" "Ich bin nun mal böse, Süße." "Wer's glaubt..." "Was soll das denn wieder heißen?" "Daß ich dich allmählich
durchschaue. Du bist nicht mal halb so böse, wie du tust." "Ah. Und darf ich auch fragen,
woraus du das schließt?" "Daraus, daß du wahrscheinlich
barfuß einmal rund um den Globus durch Weihwasser laufen würdest, wenn's eine Chance
gäbe, daß Buffy dich dann endlich erhört." "So ein Schwachsinn!" fuhr er
auf. Um nach einer Weile nachdenklich hinzuzufügen: "Meinst du wirklich,
das könnte sie beeindrucken?" "Siehst du?" "Was? Das war nur eine theoretische
Frage. Rein interessehalber." "Klar doch." "Weißt du, was dein Problem ist,
Schätzchen? Ihr wollt es alle einfach nicht wahrhaben. Ich bin böse. Ein
Killer, ein Blutsauger. Ein einsamer Wolf auf Beutefang. Skrupellos.
Gewissenlos. Eiskalt. Lautlos wie ein Schatten. Hart wie Stahl..." "Richtig. Du bist eine eiskalte
Kampfmaschine." "Sag ich doch." "Mit 'nem Chip im Gehirn, einem
Gemüt weich wie Butter und einer Vorliebe für heiße Schokolade und dämliche
Seifenopern." "'Passions' ist nicht dämlich!" "Gib's schon zu, Spike. Du würdest
zumindest Joyce niemals was antun, sogar wenn du könntest. Du magst sie." "Das ist eine unverschämte
Unterstellung." Er verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich
zurück in die Sofakissen sinken. "Nächste Frage. Zu dem Thema sage ich
nichts mehr." "Nein." Sie klappte den Block
zu und legte ihn samt Bleistift auf den Tisch. "Das reicht." Er sah ihr verblüfft nach, als sie
aufstand. "Was? Schon Schluß? Was ist denn jetzt mit dem Interview?" "Ich hab keine Lust mehr. Mit dir
kann man ja doch nicht vernünftig reden." "Was soll denn das wieder heißen?
Wieso bin ich jetzt schon wieder schuld?" Er erhielt keine Antwort. Als sie in dem
winzigen Kämmerchen, das ihr als Computerzimmer und Büro diente, den PC
einschaltete, trottete er ihr hinterher und lehnte sich auf der Schwelle des
Zimmers gegen den Türrahmen. "Was machst du denn jetzt?" "Ich gehe ins Internet." Er knurrte. "Ah. Alles klar. Du
gehst wieder auf dieses dämliche Messageboard und himmelst diesen
Marsters-Typen an." "Ich weiß gar nicht, wovon du redest",
sagte sie und wurde leicht rot dabei. "Aber ich. Ich meine diese eine
Webseite, wo du und ein paar Dutzend andere durchgeknallte Hühner sich ständig
gegenseitig vorschwärmen, ach wie toll doch dieser James Marsters ist." Er
verdrehte die Augen zur Zimmerdecke und seufzte in schwärmerisch gedehnten
Falsett-Tönen: "Oh, James, oh, o mein Gott, er hat sein Hemd ausgezogen,
oh James..." "Ach, halt die Klappe, Spike." "Ich weiß echt nicht, was du an dem
Typen findest." "Ich mag einfach die Leute auf diesem
Board. Und James Marsters ist ein toller Schauspieler." "Aber sicher doch, Schätzchen. Und
zwar umso toller, je weniger er dabei an hat, nicht wahr?" "Das hat damit überhaupt nichts zu
tun. Und wieso interessiert dich das überhaupt?" "Weil mich dein dauerndes Gesabber
über diesen Typen aufregt." "Ich sabbere n-..." "Und abgesehen davon kann ich den
Kerl nun mal nicht ab. Ehrlich, ich weiß nicht, wie sie darauf kommen konnten,
daß ausgerechnet der mich spielen soll. Er macht einen totalen Waschlappen aus
mir. Wenn er so weitermacht, sehe ich am Ende aus, als wäre ich eine schlimmere
Schwuchtel als sogar mein alter Sire." "Das ist überhaupt nicht wahr. Und
ich habe jetzt keine Lust zu streiten. Geh raus und rauch eine Zigarette." "Klar. Damit du hier drin ungestört
sabbern kannst." Wütend stand sie auf und zog die bislang
geschlossenen Vorhänge vor dem Fenster zur Seite. Er sprang vor dem
hereinströmenden Sonnenlicht hastig zurück in den halbdunklen Flur. "Der Typ ist doch'n Weichei. Eine
totale Flasche." "Gib jetzt Ruhe, Spike." "Soviel Goldkettchen und Ringe, wie
der trägt, und so, wie er aussieht, ist er wahrscheinlich sowieso schwul." "Spike." "Außerdem hat er 'ne Freundin, nur
zu deiner Information..." Wortlos schlug sie ihm die Tür vor der
Nase zu. "Und diese Szene hast du
geklaut", drang seine Stimme, jetzt etwas gedämpft, unter der Tür
hindurch. "Und zwar aus 'Crush'. - Wenn Mel das spitzkriegt, kriegst du
'nen Anschiß ersten Grades. Das war nämlich ein Spoiler!" Sie seufzte tief. ***Ende***
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