Kätzchen

 

 

Die halbrunden Fenster begannen erst fast unterm Dach der Krypta, so daß er den Kopf heben mußte, um hinauszuschauen – oder das zu tun, was er „hinausschauen“ nannte: Sie anzustarren und sich vorzustellen, er könne sehen, was hinter diesen in kleine Rechtecke unterteilten, schmutzstarrenden Scheiben lag, die voller Spinnweben waren und beinahe blind.

Wofür besaß eine Krypta Fenster? Für die Toten war es sowieso zu spät.

Und, zum Teufel nochmal, wozu hatte diese Krypta überhaupt Fenster, wenn man nicht hinaussehen konnte?

Dennoch konnte Spike die Regentropfen sehen, wie sie langsam die Scheiben hinunterrannen. Große, durchsichtige Perlen, die dick und voll waren und die nicht nachließen, an die Scheibe zu fallen und herabzukullern, lange Streifen im Schmutz hinterlassend, die wie von zittriger Hand gemalte Linien aussahen.

Dieser Regen war anders als der seiner Kindheit, so verschieden von dem, den er kannte... und liebte, mit dem er aufgewachsen war im kalten England.

Dieser hier war heftig, grob und ohrenbetäubend prasselte er auf die Erde und verwandelte sie in zähen Schlamm.

In seiner Heimat war dies anders gewesen. Nicht, daß er nicht auch manchmal heftigen Gewitterregen erlebt hätte – aber meist war der Regen sachte gewesen, sanft und leise rauschend zur Erde fallend, kein Niesel zwar, aber auch kein heftiger Regen.

Regen eben.

Der blonde Vampir starrte zum Fenster hinauf und beobachtete gebannt die Regentropfen, als wären sie von großem Interesse.

Und plötzlich war er wieder sechs Jahre alt, mit der Unbekümmertheit, die nur ein Sechsjähriger innehatte – und diesem gleichzeitigen Besorgtsein, das ein Kind in tiefste Verzweiflung stürzen konnte -, und saß am Fenster seines Kinderzimmers, starrte durch die mit Wassertropfen besprenkelten Scheiben hinaus in den Rinnstein, in dem der Regen die Gosse in ein schmales, schnell dahinfließendes Flüßchen verwandelt hatte.

Da war wieder die ungeheure Vorstellungskraft des kleinen William, die aus allem ein Abenteuer werden ließ, und er hatte vor Augen, wie er mit einem Ruderboot in diesem nur für ihn existierenden, riesigen, unberechenbaren Wildwasser herumwirbelte, mit schmalen Holzrudern gegen die entfesselte Strömung ankämpfend und den heftigsten Strudeln geschickt ausweichend, und wie er in einer dramatischen Aktion als tapferer Held das Leben einer armen, verzweifelten Frau rettete, die von den Fluten mitgerissen worden war.

Nur er, William der Held, war so geistesgegenwärtig gewesen, sich ein Boot zu nehmen und sich in das reißende, kalte Wasser zu wagen, während alle anderen nur am Ufer standen und dem Geschehen zuschauten.

Die Gaffer sahen mit offenen Mündern zu, wie er die Frau behende aus den Fluten zog und das Boot sicher zum Ufer steuerte – unter Aufbietung all seiner Heldenkräfte – wie er die Frau ans Ufer trug, die ihn, ihren Retter, bewundernd ansah, wie er sie ins Gras legte, seinen Mantel auszog und sie damit zudeckte...

Und er hörte hinter sich das glockenhelle Lachen seiner großen Schwester, die ihn wegen seiner immer wiederkehrenden Tagträume neckte – und er hatte nie ergründen können, woher sie jedes Mal gewußt hatte, was sich da in seiner Fantasie abspielte...

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

In seinem Kopf waren so viele Dinge vergraben, die ihm sein Dämon nicht hatte nehmen können. Gesten, Gesprächsfetzen, Gesichter, Gerüche, Stimmen, Gefühle... die Erinnerung an den Duft des Haferbreis, den ihm seine Mutter morgens vorgesetzt hatte mit der Auflage, nicht eher aufstehen zu dürfen, bis er aufgegessen hatte – und wie er es geliebt hatte, wenn sie ihm mit ihrem unvergleichlichen Lächeln beim Essen zusah, die freundlichen Augen seines Vaters und der Ausdruck in ihnen, wenn er ihn gelobt hatte und die unauffällige Geste, mit der seine Schwester sich immer dieselbe Haarsträhne aus dem Gesicht geschoben hatte.

Der erdige Geruch, wenn Regen einsetzte und die ersten Tropfen die Erde benetzten.

Das Flirren und Summen einer Blumenwiese an einem heißen Junitag und die wunderbar knarzige Stimme seiner Großmutter, wenn sie ihm alte Lieder vorgesungen hatte.

Kleine Dinge eben, die so erstaunlich klar und, wie es schien, unauslöschlich in ihm eingeschlossen waren – und unaufgefordert hervorkamen, wann immer sie beschlossen, dies zu tun – wie freundliche, kleine Besucher, die plötzlich da waren, unaufdringlich und trotzdem hartnäckig – und ebenso wieder verschwanden.

Die kleinen Dinge ohne Namen, die das Leben ausmachten, die für alle Zeit blieben und deren Existenz so überraschend war, weil sie so unwichtig erschienen – und doch so bewahrt wurden wie Schätze, die verschüttet in seinem Innersten bereitlagen...

„Spike!“, drang es zu ihm durch.

Der Angesprochene zuckte erschrocken zusammen, und während er sich vom Fenster abwandte, kam er wieder zurück ins Jetzt, indem er einen Kontinent und einen Ozean – und hundertfünfzig Jahre hinter sich ließ.

Und da stand es vor ihm, dieses Jetzt, naß wie ein begossener Pudel, und schaute ihm fragend in die überraschten Augen.

„Bist du taub? Ich habe dich *dreimal* gerufen! Wirkt sich der Chip jetzt auch auf dein Hörvermögen aus – oder weicht diese… Seenlandschaft hier so langsam dein Gehirn auf? Dachschaden mit Ansteckungsgefahr für Kryptabewohner.“, sagte Buffy grinsend und wies mit ausgebreiteten Armen auf  das Interieur der Krypta.

Tatsächlich hätte man dies als Seenlandschaft bezeichnen können, denn über den ganzen Raum verteilt standen verschiedene Gefäße – Schüsseln, Eimer, Blechbüchsen, tiefe Teller, Kochtöpfe und Pfannen – sogar ein alter, zerbeulter Sportpokal – , um das Regenwasser, das durch die undichte Decke eindrang, aufzufangen. Überall tropfte es, und Spike hatte es inzwischen aufgegeben, unter jede neue undichte Stelle ein Gefäß zu stellen – auch in Ermangelung weiteren Hausrats, der ihm inzwischen ausgegangen war. Aber größtenteils, weil er es satt hatte, ewig jedem Tropfen hinterherzurennen.

Sollte es doch tropfen!

Von ihm aus könnte dieser verfluchte Regen die ganze Krypta hinwegschwemmen – ganz Sunnydale gleich mit, wenn er schon mal dabei war!

Die Brauen hochziehend, antwortete er auf die Vorwürfe Buffys.

„Das wird´s wohl sein. Erst Dachschaden, dann aufgeweichtes Gehirn – irgendwann wird jeder von seiner Umgebung geformt... und von seinem Umgang. Aber das wolltest du wahrscheinlich gar nicht so genau wissen, oder? Was treibt denn die Jägerin höchstpersönlich durch den Regen zu meiner Krypta? Hattest du Sehnsucht nach mir, Süße?“, grinste er sein typisches Spike-Grinsen, und alle anderen Gedanken waren wieder verschwunden, tief vergraben unter dieser Bühnenrolle, die er in diesem Leben hier zu spielen hatte.

Buffy verdrehte die Augen – das hätte sie sich ja denken können.

Sie hatte die Idee, ihn zu dieser Sache zu befragen, von Anfang an blöd gefunden, aber Willow hatte gemeint, wenn einer darüber etwas wüßte, dann vielleicht Spike. Anya, die sie vielleicht auch hätten fragen können, war mit Xander unterwegs zu irgendeiner Brautmesse. Also war nur Spike geblieben.

Widerwillig war sie aufgebrochen und über den Friedhof gestapft, durch Pfützen, die halbe Seen waren, Schlamm und Matsch ausweichend so gut es eben ging. Durch diesen dummen, nicht endenwollenden Regen...

„Oh, Gott – kann man denn nicht *einmal* normal mit dir reden, Spike? Ohne diese bescheuerten Anspielungen?“, fragte sie ärgerlich zurück – und sah zum Anbeißen aus, fand er, als er sie so vor sich stehen sah.

Zwischen ihren Augen standen zwei senkrechte Zornesfalten, und das Haar, das wohl aus der Kapuze gerutscht sein mußte, hing ihr naß und wirr ins Gesicht. Das weite, blaue Regencape, das sie trug, war klatschnaß und tropfte, und um ihre aufgeweichten Schuhe herum hatte sich schon eine kleine Pfütze gebildet. Und obwohl nichts weiter von ihr zu sehen war außer diesem formlosen Regencape, fand er sie unwiderstehlich – wie immer, wenn sie wütend war. Oder auch, wenn sie nicht wütend war.

Sein Grinsen wurde breiter.

„Hmmmm. Warte mal – es regnet Scheiße und du kommst hierher – wie würdest du das nennen? Masochismus?“, schob er vergnügt nach.

Ihm war es egal, dieses Warum – sie war hier, und das genügte ihm. Und ihm fiel sofort wieder diese „Randy und Joan“-Geschichte ein, dieses kleine Stück Erinnerung, das ihm geblieben war von der Geschichte zweier Superhelden ohne Gedächtnis gegen den Rest einer unbekannten, erschreckenden und dämonischen Welt.

Und Küsse im Bronze.

Heiße Küsse im Bronze.

Buffy beachtete das eben Gesagte nicht. Sie seufzte und beschloß, gleich zum Thema zu kommen. ‚Diskutiere nie mit einem über Hundertjährigen! Der hat immer die besseren Argumente.’, ermahnte sie sich.

Und dann laut: „Der Regen. Du sagst es – es regnet Scheiße. Und das seit Stunden ohne nachzulassen. Deswegen bin ich hier. Willow meint... und ich auch, daß es... naja, du weißt schon. Sie denkt, das wäre irgendein Dämon oder ein Zauber... Vielleicht weißt ja *du* was darüber... oder deine Kätzchenpokerkumpel...?“

Spike runzelte die Stirn.

„Ach – es regnet also. Interessant. Und schon seit Stunden? Wer hätte das gedacht? Wie kommt ihr eigentlich darauf, daß dieser Regen *magisch* sein könnte oder das Werk eines Dämonen? Sieh´s ein – es ist nur Sauwetter, ganz ordinäres Dreckwetter – und auch in eurem Sonnige-Gemüter-Kalifornien ist es das, was es auch woanders ist: Scheißwetter!“, schnauzte er und fügte, für sich murmelnd ein erstauntes: „Zur Hölle, wieviele Worte es doch für Mistwetter gibt...“, hinzu.

Und lauter: „Eure Sorgen möchte ich haben!“

Was dachten die sich eigentlich? Mußte denn hinter jedem Ereignis – und wenn es nur sowas war wie Regen – eine böse Macht stecken? Ihm war nicht ganz klar, warum ihn das so auf die Palme brachte – ob es die Tatsache war, daß Buffy nicht seinetwegen gekommen war – oder diese alberne Theorie, die sie vorschob, um einen Grund zu haben, herzukommen?

Er wußte es nicht.

Spike schüttelte verständnislos den Kopf, als Buffy ihm antwortete – noch ungehaltener als er.

„Sag mal – hast du eigentlich *immer* was rumzusülzen oder gefällt dir auch mal was?“, blaffte sie zurück und stampfte mit dem Fuß auf, daß es platschte.

„*Du* gefällst mir!“, erwiderte er und musterte sie von oben bis unten.

Natürlich inklusive eines anzüglichen Grinsens.

Buffy blickte genervt zur Decke der Krypta und wünschte, sie wäre nicht hierhergekommen. Spike jedenfalls konnte ihnen wohl kaum weiterhelfen.

„Du bist widerlich, Spike.“, sagte sie nur und drehte sich zum Ausgang um, als er ihr eine Frage hinterherwarf.

„Warum?“

Buffy drehte sich überrascht wieder um.

„Warum was?“

„Warum denkt ihr, daß mit dem Regen etwas nicht stimmt?“

Verwundert blickte sie Spike in die Augen. Warum nur mußte er immer erst so ein Theater aufziehen, bevor er ansprechbar wurde?

Aber egal. Fragen konnte sie ja wenigstens – vielleicht hatte er ja in seinem schier unendlich langen Leben so etwas schon einmal gesehen, wer weiß?

„Er... gerinnt. Wenn er eine Weile irgendwo haftenbleibt, gerinnt er. Hier.“, und sie wischte mit der Hand über ihr Regencape, nahm die übriggebliebenen Regentropfen von vorhin mit auf und hielt sie ihm vor die Nase.

Erbsengroße, durchsichtige Kügelchen, die wackelten, wenn sie in Bewegung gerieten.

„Sieh´ mal, Spike – wie... farbloses Gelee. Das *kann* einfach nicht normal sein...“

„Oder wie Aspik. Oder wie Sülze – womit wir wieder beim Rumsülzen wären.“, antwortete Spike ironisch, aber sein Blick zeigte Besorgtheit.

„Zur Hölle – ich hab´s gerochen. Als es anfing zu regnen, da hat es nicht nach Wasser gerochen, sondern irgendwie... nach...“

„...etwas Gegorenem. Säuerlich. Ich weiß – wir haben´s ja auch gleich bemerkt. Jetzt riecht es nicht mehr, aber ganz am Anfang.“, half Buffy ihm auf die Sprünge, froh, endlich halbwegs normal sprechen zu können – ohne diese übliche Gereiztheit.

Spike nickte.

Fast tat es ihm leid, daß er sie eben so angeschnauzt hatte. Irgendetwas stimmte hier tatsächlich nicht.

Spike drehte sich zu dem zerbeulten Sportpokal um und tauchte den Finger ins „Wasser“ – um ihn schnell wieder herauszuziehen. Mit angewidertem Gesichtsausdruck hielt er seinen Finger hoch, an dem eine durchsichtige, glibbrige Masse haftete, die langsam in Richtung Handfläche rutschte, und roch daran.

„Igitt. Das ist ja wie Rotz! Vielleicht ist ja hier irgendwo ´ne Haribofabrik in die Luft geflogen – und jetzt kommen die flüssigen Gummibärchen in Form von Rotz wieder runter.“

Angewidert wischte er seinen Finger an einem herumliegenden T-Shirt ab.

„Dann wäre das Zeug ja bunt.“, antwortete Buffy trocken und grinste, als sie ihn so ansah. Er hätte ebensogut eine feine englische Lady sein können – mit diesem empörten Ausdruck im Gesicht – deren Hut in Ascot in einen Haufen Pferdeäpfel gefallen war.

Haaaach, James! Mein Hut!

Dann wurde sie wieder ernst und fügte hinzu:

„Aber wenn es so weiterregnet, wird sich niemand mehr auf die Straße trauen – die Leute rutschen jetzt schon darauf aus – und niemand kann mehr Autofahren, weil das Zeug wie eine Ölspur alle Straßen unbrauchbar macht...“

Wieder nickte Spike zu ihren Worten.

„Vielleicht weiß Clem... Ich müßte zu Willy.“, sagte er nachdenklich.

„Okay – ich komme mit. Wieder Kätzchenpoker, Spike? Ähm... nebenbei – wieso eigentlich Kätzchen – an ausgewachsenen Katzen wäre doch viel mehr... dran... Oder?“, fragte sie.

Der blonde Vampir schüttelte den Kopf.

„Erwachsene Katzen sind auch wehrhafter.“

Buffy kicherte los. Dämonen, die wehrhafte Katzen fürchteten.

Lächerlich. Waren das die Dämonen, vor denen die Wächterchroniken warnten? Die Bestien, die ganze Städte in Angst und Schrecken versetzen konnten?

Sie wußte es besser.

„Was gibt es da zu gackern, Jägerin?“

„Öhm... nichts. Gehen wir?“, erwiderte sie grinsend.

„Warte hier – ich muß noch meinen Mantel holen, ja?“, erwiderte Spike stirnrunzelnd und ging zur Bodenluke, um darin zu verschwinden.

Lächelnd betrachtete Buffy die mit Hausrat vollgestellte Krypta – sie hatte gar nicht gewußt, daß Spike so viel Krempel besaß – und nebenbei... wozu brauchte ein Vampir Töpfe und Pfannen... und einen zerbeulten Pokal?

Als sie vorhin eingetreten war, war ihr das zunächst gar nicht aufgefallen, sondern nur der Vampir, der wie festgewachsen dagestanden und zum Fenster hinaufgestarrt hatte. Der nicht auf das Klappen der Tür reagiert hatte – und auch nicht auf ihr Rufen.

Vollkommen abwesend hatte er dort gestanden, starr und wie in der Bewegung eingefroren, und sie hatte im ersten Impuls sofort umkehren wollen, weil sie sich vorgekommen war, als wäre sie in eine intime Besprechung hineingeplatzt, in eine Geheimsitzung, die nicht für sie bestimmt war.

Als er sich dann endlich umgedreht hatte, war für einen kurzen Moment etwas in seinen Augen gewesen, etwas Ungeschütztes, eine unbestimmte Sehnsucht, die sonst nur im Verborgenen existierte, verschüttet in den Tiefen seines Herzens, nur ihm zugänglich.

Aber sie hatte es gesehen, nur einen kurzen Augenblick lang, bevor die übliche Ironie in seine Augen zurückgekehrt war, die sie so gut kannte.

Und die Gereiztheit zwischen ihnen beiden, das Unausgesprochene, das so laut widerhallte, wenn sie einander begegneten.

Es hatte ihr, in gewisser Weise, Angst eingejagt.

Diese Verletzlichkeit, dieses... *Gefühl*, das sie wahrgenommen hatte, das ihn so menschlich machte, war genau das, wovor sie immer Angst hatte.

Nein, sie wollte nicht über Gefühle nachdenken, weder über ihre eigenen, noch über seine.

Nicht jetzt – und eigentlich nie.

Unbewußt schüttelte sie den Kopf.

„Was gibt es denn nun schon wieder?“, fragte Spike, der wieder vor ihr stand, ohne daß sie es bemerkt hatte.

„Ähm... was? Ach, nichts...“, erwiderte Buffy zerstreut, aber als sie ihn da sah, mußte sie wieder kichern. Er hatte doch tatsächlich einen Regenschirm in der Hand.

Spike mit Regenschirm.

Coolness trifft Wasserscheu.

„Du? Mit Schirm?“, kicherte sie.

„Ich bin Engländer. Engländer *haben* Regenschirme. Klar?“, erwiderte der blonde Vampir. „Außerdem habe ich keine Lust auf ein verfluchtes Schwuchtelhaargel.“, fügte er grinsend hinzu.

Ohne weiteren Kommentar schlug Buffy ihre Kapuze hoch und wandte sich  zum Ausgang.

Draußen vor der Krypta spannte Spike sofort den Regenschirm auf, denn noch immer regnete es Strippen. Das Gras, die Wege, sämtliche Grabsteine und Bäume glänzten in der Dämmerung des vergehenden Tages, mit einer durchsichtigen Glasur aus diesem eigenartigen Wabbelzeug überzogen.

Beinahe wie Eis sah es aus, denn von den Ästen der Bäume hingen lange Gebilde herab, durchscheinend und bizarr, und wenn der leichte Wind sie nicht bewegt hätte, hätte dies hier eine starre, vereiste Winterlandschaft sein können.

Vorsichtig stapften die beiden über den Friedhof, die tiefsten Pfützen umgehend, aber der Boden hatte sich in ein glitschiges, wabbeliges Etwas verwandelt, so daß sie nur langsam und mit Mühe vorankamen.

Und dann kamen sie überhaupt nicht mehr voran, als Spike plötzlich ausglitt, sich, wild mit den Armen und dem Schirm in der Luft rudernd, auf den Hintern setzte, während unter ihnen beiden der Boden nachgab und sie zusammen einen sich windenden, glitschigen schlauchähnlichen Gang hinabrutschten, ohne Halt zu finden.

Wie die Rutschbahn eines Spaßbades schlängelte sich diese, etwa zwei Meter im Durchmesser große Röhre nicht endenwollend abwärts, immer dunkler werdend, feucht und schlammig – und ganz und gar kein Vergnügen bereitend. Spike rutschte unaufhaltsam voran, noch immer den Schirm in der linken Hand, als würde der ihm Halt geben, dicht gefolgt von Buffy, die zuerst erschrocken aufgeschrien hatte, aber dann atemlos sich selbst und Spike bei ihrer Rutschpartie zusah.

Bis beide aus diesem Schlauch herausfielen und in einen halbdunklen Raum – oder was auch immer das war – plumpsten.

Buffy purzelte auf den der Länge nach auf dem Rücken daliegenden blonden Vampir mit dem Schirm und blieb wie betäubt auf dem Bauch liegen.

Einen Moment lang war Stille, dann hörte sie unter sich ein Knurren. Langsam hob sie den Kopf und blickte Spike an – und lachte los.

Der Vampir sah ziemlich mitgenommen aus. Sein Gesicht war schlammverschmiert, genau wie der Rest von ihm, und in seiner Hand hielt er den nun grotesk zerfledderten Schirm, als wäre es ein wichtiges Accessoir, das es zu schützen galt.

Und in seinen Augen blitzte der Zorn auf – zwischen dicken und weniger dicken Klumpen braunen Matsches, der wie... Kot aussah und malerisch über sein Gesicht verteilt war.

Wieder knurrte er.

„Was gibt es da zu lachen? Dein spitzes Knie steckt in meinen Lieblingsteilen, mein Schirm ist kaputt und wir sind irgendwo gelandet, wo wir wieder eine Ewigkeit brauchen werden, um zurück an die Oberfläche zu kommen – nach der Länge unserer verfluchten Reise zum Mittelpunkt der Erde zu urteilen. Und dir fällt nichts anderes ein, als auf mir rumzulungern und dein Backfischgekichere anzuschalten, Süße.“, brummte er jetzt.

„Von dem ganzen Dreck hier will ich lieber gar nicht erst anfangen.“, fügte er hinzu.

Als er sie da so auf sich liegen sah, so nah, vergaß er jedoch schnell, seinen Ärger – und erfreute sich an der Nähe der glitschigen, dreckverschmierten Jägerin, die ihn schmerzhaft in der Mitte festnagelte. Diesen Schmerz konnte er gut ertragen...

Naja, Schlammcatchen hatte er schon immer sehr anziehend gefunden, vor allem, wenn die Frau attraktiv war – und er der einzige Mann weit und breit.

Jetzt grinste er.

„Der Schlammlook steht dir gut, Spike.“, erwiderte Buffy, die anscheinend seine Gedanken erraten hatte, immer noch kichernd, als sie sich von ihm erhob.

„Dito.“, ließ der Vampir verlauten.

Stirnrunzelnd sah Buffy an sich herunter.

Das Regencape war bei der Rutschpartie hochgeschoben worden, und alles, was sich darunter befand – ihre Jeans und das Top, war mit Dreckklumpen behaftet, braun und verschmiert und unangenehm feucht. Ihre Schuhe hatten sich in zwei unförmige Klumpen verwandelt, in die ihre Beine mündeten.

„Na wunderbar! Wieder alles im Eimer.“, stellte sie resigniert fest.

Spike setzte sich auf, und auch er inspizierte seine Garderobe. Und was er sah, war nicht gerade ein Anlaß, um in Jubel auszubrechen. Die Sachen – der Mantel, das T-Shirt, die Jeans – die vorher schwarz gewesen waren, hatten nun die Farbe von bräunlicher Kloake angenommen. Er war von oben bis unten mit dunklem Schlamm beschmiert, der zäh und glitschig an der Oberfläche haftete und ziemlich hartnäckig aussah.

Der blonde Vampir seufzte tief und stand ächzend auf, den Regenschirm mit seiner Hand umklammernd wie einen Krückstock.

Dann sah er sich um.

Es war dunkel hier, aber nicht stockduster, wie es eigentlich in dieser Tiefe hätte sein müssen. Nirgendwo jedoch war eine Lichtquelle zu sehen. Von dem Raum, in den sie gefallen waren, gingen mehrere Gänge ab, und über ihnen waren auch noch mehrere Röhren, die in diesen Raum mündeten – gerade so wie die, aus der sie eben gefallen waren.

Ein ganzes Höhlensystem schien das hier zu sein, ohne Anfang und ohne Ende, eine Art Labyrinth.

Es roch eigenartig moderig, aber er konnte einen Luftzug spüren, der irgendwoher kam.

Und still war es hier. Bis auf Buffys Herzschlag war kein Geräusch zu hören, nichts, was ihm das Gefühl gab, daß, außer ihnen beiden, noch jemand oder etwas hier unten war.

Was war das hier? Und wieso hatte er davon nichts gewußt?

Eigentlich wußte er über alle Kanäle und Höhlen, über die gesamte unterirdische Welt Sunnydales Bescheid – und kannte jeden Winkel besser als seine Westentasche, denn nur so konnte man als... zahnloser... Vampir überleben, der mit der Jägerin zusammenarbeitete.

Wer, zum Teufel, hatte dieses Höhlensystem hier angelegt, ohne daß er davon wußte?!

Dann drehte er sich zu Buffy um.

„Hast du von diesen... Grabungen hier gewußt, Jägerin?“

Und er mußte grinsen, als er sie da so stehen sah – schlammverkrustet, mit wirrem, braungefärbtem Haar, die Arme und Hände – jeden Finger einzeln – im Ekel abgespreizt von ihrem Körper – mit jammervollem Gesichtsausdruck, angeekelt und sauer zugleich.

Als er ihren zornigen Augen begegnete, riß er sich zusammen und verkniff sich das Lachen.

Buffy runzelte die Stirn und verzog unwillig den Mund.

„Grabungen? Du hast ´nen Dachschaden, Spike. Schon immer gehabt... Und für Grabungen müßtest *du* ja der Experte sein –  vielleicht ist das hier ja zufällig ein Überbleibsel deiner Ring-von-Amara-Suche!“, blaffte sie ihn verstimmt an.

Der Kerl war einfach unmöglich! Sie hatte gewiß Wichtigeres zu tun, als sich in irgendwelchen unterirdischen Gängen herumzutreiben.

Spike dachte, er hätte sich verhört. Jetzt rührte sie im kalten Kaffe von vor Jahren! Was hatte denn der Ring von Amara mit diesem ganzen Modder hier zu tun?

„Ach nee – ich dachte, es geht um diesen verdammten Regen! Und außerdem wiederholst du dich, Süße – den Dachschaden hatten wir heute schon.“

Jetzt wurde Buffy richtig wütend.

„Du Idiot! Ich bin genauso wenig freiwillig hier in diesen Katakomben gelandet wie du! Sowas Blödes – ausgerechnet mit *dir* muß ich in so eine blöde Falle tappen! Sogar Bugs Bunny wäre mir lieber als du. Der lispelt zwar genauso wie du, wenn du deine Reißzähne ausgefahren hast, aber er ist wenigtens clever und einfallsreich!“, fauchte sie und stampfte mit dem Fuß auf – um gleich darauf im Matsch auszugleiten und schmerzhaft auf ihrem Hosenboden zu landen.

Aber sie hatte keine Zeit, ihr erneutes Hinfallen zu verfluchen, denn aus einer Röhre über ihnen schoß etwas heraus, ein unförmiger, dreckverschmierter Klumpen, der stöhnend auf den Boden neben Buffy fiel, die sich noch schnell beiseiterollen konnte, und dort liegenblieb.

Spike und Buffy sahen sich fragend an, und achselzuckend ging Spike auf den Klumpen, der sich nun langsam zu bewegen begann, zu und blieb neben ihm stehen.

Das unförmige Schmutzbündel drehte sich um, zwei kleine Augen öffneten sich, Schlammklümpchen beiseiteblinzelnd, und richteten sich auf den Vampir, der jetzt über ihm stand.

Spikes Brauen schoben sich hoch.

„Clem? Bist du das?“, fragte er erstaunt.

Nur ein Stöhnen antwortete ihm.

Der Vampir bückte sich und half dem unförmigen Wesen, sich hinzusetzen.

Es war ein Dämon, nicht sehr groß, aber ziemlich kräftig gebaut, mit spitz zulaufenden Schlappohren, einer von hängender Haut überlappten, schrumpligen Nase – und ziemlich faltigen, zu Wülsten geformten Hautlappen, die das, was von seinem Körper sichtbar war, größer erscheinen ließen als er in Wirklichkeit war. Als hätte es ein kleineres Wesen in eine zu große Haut verschlagen, in der es sich nun einrichten mußte.

„He – Clem, zu dir wollte ich gerade.“, stellte Spike, der nun neben dem Dämon hockte, grinsend fest.

„Schön. Jetzt hast du mich ja gefunden.“, erwiderte der dreckverschmierte Dämon mit einem freudlosen Lächeln.

Ein Augenverdrehen war die einzige Antwort, die er bekam, aber der Dämon beachtete es nicht, sondern war nur mit sich selbst beschäftigt.

„Oh, Mann, ich habe ein Kätzchen gesucht, das mir weggelaufen ist – und dann bin ich in so ein Loch gefallen... oder eigentlich gerutscht. Und nun... ähm... Was machst du denn hier, Spike... und sie dort?“, fragte der faltige Dämon mit einem Kopfnicken zu Buffy hin.

„Naja – wir haben eigentlich auch was anderes vorgehabt. Du weißt nicht zufällig, was das hier ist, oder?“, fragte Spike zurück, während er aufstand und Clem die Hand hinhielt.

Clem schüttelte stumm den Kopf, ergriff Spikes Hand und zog sich daran hoch, schwerfällig und laut ächzend.

Buffy, die die ganze Zeit auf dem Boden gesessen und zugehört hatte, was diese beiden -  anscheinend alten Bekannten – sich zu sagen hatten, stand nun auf und blieb direkt neben Spike stehen.

„Naja – wenigstens sind wir ja nicht die einzigen, die so blöd waren und in dieses Ding hier reingerutscht sind.“, ließ sie verlauten.

„Guten Tag, Jägerin.“, sagte Clem höflich, als würden sie sich auf der Straße treffen, und ein scheues Lächeln erschien auf seinem faltigen Gesicht.

„Naja, wenigstens ist er höflich... Na, Spike, willst du uns nicht offiziell vorstellen?“, fragte Buffy mit sarkasmustriefender Stimme. „Was soll das werden? Ein Treffen der Katzenfreunde? Oder können wir jetzt mal anfangen, einen Gedanken daran zu verschwenden, wo wir sind – und vor allem, wie wir hier rauskommen?“, fügte sie hinzu und blitzte Spike von der Seite her an.

Der ließ sich nicht beirren und erwiderte mit seiner üblichen Ironie:

„Naja – nicht alle Dämonen sind auch unhöfliche Monster... Oh – verzeih`, Jägerin – das hier ist Clement... Clem. Ihr kennt euch ja schon vom Sehen, oder? Und, nein, das ist kein Treffen der Katzenfreunde. Und zur dritten Frage – wir könnten natürlich das A-Team rufen oder uns von Scotty hochbeamen lassen... oder einen Erkundungsgang unternehmen. Das soll Wunder wirken, wenn man einen unbekannten Ort erforschen will... genauso aufschlußreich, wie einen ganz bestimmten, ungeliebten Vampir zu küs...“, und schneller als ein Blinzeln landete die Faust einer sehr ungehaltenen Jägerin in seinem Gesicht und ließ ihn rückwärts stolpern.

Clem nutzte die Gelegenheit und brachte sich in einigem Abstand zur Jägerin in Sicherheit. Noch immer war dieses schüchterne Lächeln in seinem Gesicht wie festgezurrt.

Auf keinen Fall wollte er sich in die Belange dieser beiden hier einmischen.

„Was sollte denn *das* nun wieder, Buffy?“, stieß Spike hervor und hielt sich die Hand vors schmerzverzogene Gesicht.

„Gestern noch haben wir uns geküßt – und jetzt geht das schon wieder los mit diesem ‚Hau drauf – es ist ja nur Spike, der Idiot’-Ding!“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und zog die Hand vom Gesicht, in dem sich Blut, das ihm aus der Nase lief, mit Schlamm vermischte.

Jetzt klappte Clems Kinnlade herunter, und alle Nichteinmisch-Vorsätze waren vergessen:

„Ihr habt euch *geküßt*?“, fragte er mit großen Augen – so groß, wie man es bei seinen  von Haut fast zugehangenen Schweinchenäuglein nie für möglich gehalten hätte – und schlug sich, sobald die Frage draußen war, erschrocken die Hand vor den Mund.

Uuuuuups!

„Das war kein Kuß! Das war Verwirrung, Verirrung, ein Versehen... was auch immer. Es hatte *nichts* mit dir zu tun – und wenn irgendjemand etwas davon erfahren sollte, dann bist du Vergangenheit, Spike!“, fauchte Buffy.

„Und du auch, Clem!“, fügte sie hinzu, als ihr der faltige Dämon einfiel, der sofort gehorsam nickte.

Nur ein schwacher Moment, nur eine schwache Minute, ein Ersatz für... Leben – und die wurde ihr zum Verhängnis, würde ihr ewig anhängen wie eine dumme Jugendsünde, die bei Familienfesten immer und immer wieder hervorgekramt und zum Besten gegeben wurde.

Hahaha! Unsere Buffy, ist das nicht niedlich?

Grrrrrrrrrrrrrrrrrr!

Er war einfach dagewesen, als sie sich einsam gefühlt hatte, war dagewesen, als Giles weggegangen war und sie sich verlassen gefühlt hatte, nichts weiter. Nach dieser leidigen Amnesie-Geschichte, die wieder einmal auf Willows Konto ging.

Wie... ein Ersatz für die Lieblingsschokolade, wenn man zwar Appetit, aber nur bittere zu Hause hat – dann ißt man eben die...

Und wer hatte denn gefragt, ob sie wieder in diese kalte, dunkle, gewalttätige Welt zurückwollte, wer konnte sich überhaupt vorstellen, wie sie sich fühlte, wie furchtbar es sich anfühlte, hier und jetzt... leben zu müssen...?

Und Spike war einfach nur dagewesen, nichts sonst. Genau wie nach diesem blöden Singeclub, den sie da mitmachen hatte müssen... diesem blöden, gefühlsduseligen, vollkommen überflüssigen Musical-Blödsinn!

Basta!

„Alles klar, Joanie!“, erwiderte der blonde Vampir jetzt grinsend.

Natürlich! Da war es wieder.

Da stand ein selbstzufrieden grinsender und... dreckstarrender Vampir, der nichts anderes zu tun hatte, als sie auch noch vor Dritten lächerlich zu machen.

Egal, wer oder was diese Dritten waren – es waren definitiv zuviele, die´s wußten.

Spike eingeschlossen.

Aber sie sah ein, daß das jetzt nichts brachte. Sie mußten schleunigst herausfinden, wo sie sich befanden – und schnell hier raus. Und dieser verrückte Regen würde auch immer noch auf sie warten...

Sie seufzte.

 

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