Lektionen

 

 

Erste Lektion: Überraschungen

 

Wütend hieb er seine Hand mit voller Wucht auf den Fernseher.

Für einen kurzen Augenblick hielt das Bild sich, dann spulte es wieder ab wie ein Laufband, und Spike wurde immer wütender. Gerade jetzt, wo gleich seine Lieblingssendung anfing, mußte dieses alte Ding von Fernseher seinen Geist aufgeben.

Und keine Abhilfe in Sicht.

Früher wäre ihm so etwas nie passiert.

Da hätte er sich einfach ein Opfer gesucht, sich dessen Fernseher – oder Kreditkarte – geschnappt, und die Sache wäre erledigt gewesen, obendrein noch verbunden mit einer leckeren Mahlzeit.

Menschenblut. Wie lange hatte er diesen Geschmack nicht auf der Zunge gehabt!

Er ließ vom Fernseher ab und richtete sich auf. Sein Blick war verhangen, und in seiner Fantasie spielte sich wieder und wieder dieselbe Vorstellung ab.

Spike schloß die Augen.

Blutsaugen. Hmmmm. Menschenblut.

Die Angst des Opfers spüren.

Und wie der Herzschlag erst die höchste Frequenz erreicht, dann  langsamer wird, immer langsamer, bis dieser einzigartige Muskel namens Herz für immer verstummt und schweigt.

Dieses rauschende Getöse in den Adern der Menschen machte ihn noch immer verrückt, weckte seine Gier und die Lust danach, diesen Lebenssaft zu trinken, in sich hineinzusaugen. Es war nicht einfach für ihn, sich mit diesen Scoobies abzugeben.

Jeden Tag ihre Herzschläge hören zu müssen, das verlockende Rauschen in ihren Adern.

In ihrer Naivität konnten sie sich bestimmt nicht im geringsten ausmalen, wie sehr ihre Nähe ihn reizte, an seinen Nerven zerrte, ihn schier verrückt machte.

Aber sie waren sein letzter Anker in dieser Welt, jetzt, wo es ihm nicht mehr möglich war, Menschen zu jagen...

Er schüttelte den Kopf, als könnte er damit diesen lästigen Gedanken abstreifen.

Nein, es hatte sowieso keinen Sinn, sich etwas Unerreichbares vorzustellen. Er mußte geduldig sein.

Und Zeit hatte er ja im Überfluß.

Wenn man ewig lebt, konnte man auch mal ein paar Jahre warten – aber vielleicht würden es auch nur Monate sein, wer weiß? – bis dieser elende Chip seinen Dienst aufgeben würde. Oder aber er eine andere Lösung für sein Problem finden würde.

Er hatte die Ewigkeit für sich. Da konnte man auch mal ein paar Minuten ans Bein binden, um so einen Scheiß-Fernseher zu richten (... oder auch nicht).

Oder eine Sendung verpassen. Es würde sowieso alles wiederholt werden.

Irgendwann, immer.

Er schlug noch einmal hoffnungslos auf den Fernseher, dann gab er es auf.

Spike hatte sowieso nie verstehen können, wie die Menschen ihre Zeit mit Fernsehen verschwenden konnten. Wenn man nur sechzig, vielleicht achtzig Jahre zur Verfügung hat, wie kann man da Stunde um Stunde vor dem Fernseher rumhängen, um sich irgendwelche Hirngespinste von irgendwelchen Autoren reinzuziehen? Wie konnten diese Menschen so verschwenderisch mit ihrer Zeit umgehen, indem sie nächtelang vor Computern saßen und sich die Finger wundschrieben, einsam und müde vor einem Bildschirm sitzend für irgendwelche Fanfiction-Geschichten, die dann sowieso niemand las?

Als hätten auch sie die Ewigkeit für sich und nicht nur diesen kleinen Moment – aus seiner Sicht - , den man „Leben“ nennt...

Diese Menschen wußten nicht, was wirklich zählte.

Vögeln zum Beispiel.

Oder Spaß haben, was, wenn er darüber nachdachte, auf dasselbe hinauslief.

Aber niemals einsam sein – das wären sie noch lange genug nach ihrem Tod.

Grinsend dachte er, daß, wer früher stürbe, wohl länger tot wäre, und er hatte auf einmal Lust, diesen tristen Ort zu verlassen und sich ein bißchen Spaß zu gönnen.

Vielleicht würde er irgendwo einen dummen Dämonen treffen, der nicht schnell genug vor ihm weglaufen konnte. Ein wenig Gewalt war jetzt genau das Richtige.

Oder er könnte nach der Jägerin Ausschau halten und sie ein wenig reizen, wenn das auch manchmal nach hinten losging und in einer Demütigung endete.

Allerdings konnte er wohl kaum noch tiefer sinken, und die Jägerin war allemal gut für ein richtiges Streitgespräch...

Wenn ihm auch etwas anderes mit ihr mehr Spaß machen würde...

Aber diesen Gedanken schob er schnell beiseite, *ganz* schnell... Denn diese Demütigung wäre wohl dann wirklich zu viel, selbst für einen hartgesottenen Vampir wie ihn.

Wieso mußte ihm das auch noch passieren, daß er sich in die Jägerin verliebte? Reichte der Chip nicht aus?

Nein, nur nicht dran denken!

Er schaltete den Fernseher aus und drehte sich um, um seinen Mantel vom Sarkophag zu nehmen. Den schwarzen Ledermantel überstreifend, wandte er sich zum Ausgang.

Nun, dann würde er heute mal ausgehen zur Abwechslung.

Der blonde Vampir lief langsam zur Tür und blieb davor stehen.

Dann drehte er sich noch einmal um und ließ den Blick durch die Krypta schweifen.

Sein Zuhause.

Soweit er sich erinnern konnte, hatte er nie unter solchen Umständen gelebt, jedenfalls nicht in den letzten hundert Jahren. Während seines gesamten Daseins als Meistervampir hatte er nie, wirklich *niemals*, unter so unwürdigen Bedingungen gelebt.

Und schon gar nicht so allein.

Sein Blick blieb an den Spinnweben über dem Sarkophag hängen, und er schüttelte angewidert den Kopf.

Was war nur aus ihm geworden? Aus ihm, William, dem Blutigen, dem Meistervampir, dem gefürchteten Blutsauger...?

Er seufzte unmerklich, zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder langsam zur Tür, als diese plötzlich mit einem Ruck gewaltsam von außen  aufgestoßen wurde, an seinen Körper knallte – eine volle Breitseite – und  den unvorbereiteten Vampir quer durch die Krypta über den Sarkophag katapultierte, hinter dem er benommen liegenblieb.

Einen Moment lang war Stille, dann hörte er leise Trittgeräusche und Buffys Stimme.

„Hey, Spike, bist du zu Hause? Wo hast du dich versteckt?“, schnauzte sie, wie üblich in seiner Nähe, übelgelaunt.

Er antwortete nicht, hoffend, daß sie ihn in seiner peinlichen Lage nicht entdecken würde. Außerdem war er noch viel zu benommen und konnte sich vor Schmerzen kaum rühren.

Sollte dieses – zugegebenermaßen sexy – Miststück  ihn doch suchen!

Buffy betrat zögernd die Krypta und ließ aufmerksam ihren Blick wandern.

Nein, anscheinend war Spike nicht da. Sie sah sich zur Tür um und schloß diese hinter sich.

Nun, dann würde sie die Zeit nutzen und mal inspizieren, ob dieser lästige Vampir nicht wieder was im Schilde führte. Man konnte ja nie wissen...

Sie ging auf den Fernseher zu und berührte ihn kurz. Das Gerät war noch warm, also konnte Spike noch nicht lange fortsein.

Gut, dann hätte sie Zeit.

Noch einmal drehte sie sich um, suchte mit den Augen die Krypta ab, um dann zögernd das schwarze T-Shirt, das zerknüllt neben dem Fernseher lag, aufzuheben.

Von seinem Platz auf dem Boden neben dem Sarkophag aus beobachtete Spike jede ihrer Bewegungen mit wachsender Aufmerksamkeit, ohne sich zu rühren.

Was tat sie da?

Sie drehte den Kopf, als hätte sie Angst, jemand könnte sie beobachten; dann führte sie das Kleidungsstück an ihre Nase und roch daran. Tief einatmend sog sie seinen Geruch ein. Ihre Augen waren abwesend, dann schloß sie sie, und plötzlich verbarg sie ihr Gesicht in dem weichen Stoff und seufzte tief.

„Oh, Spike.“

Immer noch benommen, konnte Spike den Blick nicht abwenden. Seine Benommenheit machte grenzenloser Verblüffung Platz, und mit einem Mal war er sich dessen bewußt, daß sie unter keinen Umständen herausfinden durfte, daß er sie bei ihrem eigenartigen Treiben beobachtete...

Spike ließ langsam seinen Kopf wieder auf die Erde sinken und schloß die Augen.

Das war einfach der Hammer, und er war mehr darüber erstaunt, daß ihn, den gestandenen Vampir, noch etwas so verblüffen konnte als über die Tatsache, daß... ja, was passierte da überhaupt?

Naja, bei Licht betrachtet, roch die Jägerin gerade an seinem T-Shirt.

Seine sonst so gesunden Instinkte versagten ihm den Dienst, und er wußte nicht, wie er diese Tatsache auswerten sollte.

Aber, und daran blieb kein Zweifel, sie interessierte sich für ihn.

Und er beschloß für sich, nun mit dem Versteckspiel ein Ende zu machen und stöhnte leise, aber vernehmlich.

Ihr Kopf schoß nach oben, und im selben Moment ließ sie das T-Shirt fallen, als hätte sie sich daran verbrannt. Buffy schnellte herum und sah jetzt den Vampir auf dem Boden liegen, und ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Scham und Ärger. Zu ihrem Kummer wurde sie auch noch rot, und sie wäre liebend gerne im Boden versunken.

Aber wenigstens hatte er sie wohl noch nicht entdeckt, denn Spike öffnete  erst jetzt langsam die Augen und richtete schwerfällig und unter leisem Stöhnen seinen Oberkörper auf.

Buffy holte tief Luft und versuchte, ihre Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen. Und „normal“ war im Zusammenhang mit Spike immer entweder voller Verachtung, zornig oder einfach nur gleichgültig.

Sie entschied sich für ersteres.

„Ist dir was runtergefallen oder macht es dir einfach Spaß, dich im Dreck zu wälzen?“, fragte sie mit Verachtung in ihrer Stimme. Ihre Augen waren immer noch unsicher und beschämt, so daß sie im Widerspruch zu dem standen, was sie da eben gesagt hatte.

„Wenn du wenigstens *einmal* in deinem Leben anklopfen würdest, bevor du buchstäblich mit der Tür ins Haus fällst, könnte man annehmen, du hättest eine gute Erziehung genossen, Jägerin. Aber selbst *das* ist wohl bei dir zu viel verlangt.“, erwiderte Spike und zog sich währenddessen am Sarkophag hoch, so daß er nun direkt vor ihr stand.

„Bei deinem gewaltsamen Einmarsch in meine Gefilde hast du die Tür als ‚Vampirkatapult’ benutzt.“, fügte er vorwufsvoll hinzu, und seine hochgezogenen Augenbrauen erreichten dabei fast seinen Haaransatz.

Sie wich einen Schritt zurück und hatte sich nun so im Griff, daß ihr Gesicht einen verächtlichen Ausdruck annahm – und ein langsam aufkommendes, schadenfrohes Grinsen darauf erschien.

„Jägerinnen brauchen keine Manieren Vampiren gegenüber – sie jagen sie nur. Keine Zeit für Höflichkeiten. Kampf, Pflock, Staub, fertig.“, sagte sie patzig, froh, daß alles beim alten schien und sie mit den üblichen Floskeln alles beiseiteschieben konnte.

Spike blickte ihr fest in die Augen, und er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er ihr antwortete: „Ach ja? Und was ist mit Jägerinnen, die sich in Vampire verlieben? Und was will eine Jägerin überhaupt in der...“, und dabei machte er mit seinem Arm eine ausholende Geste, „Behausung eines Vampirs, wenn sie ihn nicht gleich pfählen will?“, hakte er nach, offen lassend, ob er vorher Angel gemeint hatte oder sie wissen ließ, daß er ihre kleine Heimlichkeit gesehen hatte.

Bestürzt bemerkte sie, daß sie wieder rot wurde und wandte den Blick ab.

Zufällig sah sie in der Ecke vor sich eine Axt liegen, und ihr kam ein erlösender Gedanke.

„Die Axt.“, sagte sie hastig, „Du hast mir die Axt nicht zurückgegeben nach unserem letzten Kampf gegen diesen... wie hieß er nochmal, dieser Dämon? Und nun wollte ich sie mir holen, du König aller Platinblonden!“, spöttelte sie und gewann wieder ihre Fassung zurück.

Seine blauen Augen waren nun voller Spott.

Sie wollte sich also nicht erwischen lassen, und er mußte sich zusammenreißen, um nicht noch eins draufzusetzen. Stattdessen nahm er willig ihre Ausrede – wohl wissend, daß sie an den Haaren herbeigezogen war – an und ging darauf ein. Denn auch für ihn war es irgendwie heikel, mit dieser neuen, sehr unerwarteten Situation umzugehen, wenn er auch innerlich vor Glück jauchzte.

„Na klar, Goldlöckchen, nimm, was dir gehört!“, erwiderte er lässig und machte eine wegwerfende Handbewegung zur Waffe hin.

Sich umwendend, bückte sich Buffy nach der Axt und nahm sie am Stiel auf.

Mit der blinkenden Axt in der Hand stand sie nun vor ihm, ihre Verlegenheit hinter einem frechen Grinsen verbergend. Sie sah ihn an, ihn, an den sie seit Wochen unentwegt dachte, gegen ihren Willen, um den sich ihre ganzen Fantasien rankten – und nun stand sie vor ihm, wie so oft, aber er war unerreichbar...

So nah, so vertraut – und doch so fern.

Tabu.

Wie hätte sie das ihrer Familie, ihren Freunden und vor allem Giles erklären sollen, wo sie doch selbst keine Erklärung für ihre... was war das bloß? – Schwärmerei? Verliebtheit? Leidenschaft? – hatte. Ja, das war´s wohl: Leidenschaft mit starker Betonung auf „Leiden“.

Sie war sich nicht sicher, ob er etwas davon mitbekommen hatte, wie sie – im wahrsten Sinne des Wortes – geschnüffelt hatte. Seinen Geruch, seinen Duft in sich aufgesogen hatte. Und wieder von ihm fantasiert hatte...

Aber er hatte wohl glücklicherweise so viel abbekommen, daß es zu einer Ohnmacht gereicht hatte, und bei dem Gedanken mußte sie unwillkürlich lächeln.

Wieder einmal hatte sie ihn k.o. geschlagen, wenn auch unwissentlich.

„Was gibt es denn da zu grinsen?“, fragte er. Sein Blick war noch immer auf sie gerichtet, und wenn sie es nicht besser gewußt hätte, hätte sie schwören können, daß darin eine Art wirklichen Interesses lag.

Aber das konnte wohl nicht sein.

Er haßte sie, und das war die natürlichste Sache der Welt.

Vampir haßt Jägerin.

Bloß, daß die Jägerin dieses Mal nicht den Vampir haßte, im Gegenteil.

Oh, Gott, wo würde das noch hinführen? Sie schüttelte leicht den Kopf, und dann streckte sie ihren Rücken, hob das Kinn und erwiderte seinen Blick.

Ach was, auch das würde sie überstehen.

Es war wie eine Krankheit, wie eine leichte Grippe. Was konnte ihr, Buffy Anne Summers, der Jägerin, eine kleine, dumme Verliebtheit schon anhaben?

Sie hatte alles unter Kontrolle, wie immer.

Noch immer standen die beiden sich gegenüber und sahen sich an.

Seine Frage hatte sie nicht beantwortet, und für eine reguläre Antwort war inzwischen bereits zu viel Zeit verstrichen. Also ließ sie es ganz bleiben.

Ihr Gesicht nahm jetzt wieder einen gleichgültigen Ausdruck an, und sie machte eine leichte Bewegung in Richtung der Tür.

Die Axt in der rechten Hand hin- und herschwenkend setzte sie sich in Bewegung, während Spike jede ihrer Bewegungen beobachtete. Ihr Körper war zierlich und wirkte fast zerbrechlich, aber er wußte, wie stark sie war. Mit gleichmäßigen und federnden Schritten ging sie auf die Tür zu und blieb kurz davor stehen. Sogar von hier aus konnte er ihren Herzschlag hören, und er wußte, daß sie aufgeregt war. Spike ließ seine Augen über ihren Körper wandern, und die Grazie, mit der sie sich bewegt hatte, ließ ihn nur noch mehr nach ihr verlangen.

Zögernd drehte sie sich noch einmal um. Sie wußte, daß er sie die ganze Zeit angeblickt hatte, war jetzt aber trotzdem überrascht von der Intensität seines Blickes. Dieses Meeresblau seiner Augen strahlte, trotz des Dämmerlichtes, das in der Krypta herrschte, bis zu ihr hinüber, und sie bekam fast zitternde Knie bei der Vorstellung seiner Umarmung.

Huch, da war schon wieder eine dieser blödsinnigen Fantasien!

Sie atmete tief durch, drehte sich ohne ein weiteres Wort wieder zur Tür um und zog an deren Griff.

Irgendetwas klemmte.

Sie ruckelte an der schweren Eichentür, aber diese rührte sich nicht im geringsten. Buffy versuchte es noch einmal, aber selbst unter Zuhilfenahme all ihrer Kräfte wollte die Tür sich nicht öffnen lassen.

„Hey, Spike, was hast du mit der Tür gemacht?“, blaffte sie nun verärgert und blickte sich wieder zu ihm um. Der blonde Vampir stand noch immer neben dem Sarkophag und sah sie nur an. Seit er aufgestanden war, hatte er sich nicht fortbewegt, und ihr wurde die Verrücktheit ihrer Frage bewußt.

„Jägerin, warum denkst du eigentlich immer, daß *ich* hinter jedem Hindernis stecke?“, fragte er zurück und ging nun kopfschüttelnd auf sie zu, schob sie beiseite und faßte nach dem Türgriff.

„Na, weil du *immer* hinter allem steckst, Spike.“, erwiderte sie gereizt.

Er rüttelte an der Tür.

Aber auch bei ihm gab sie nicht einen Millimeter nach – es war, als wäre sie im Türrahmen festgeklebt.

Jetzt standen beide ratlos vor der Tür.

Die Situation war einfach lächerlich, und beiden war dies auch bewußt.

Spike rollte mit den Augen.

„Vielleicht sollten wir es beide zusammen mal probieren, Süße. Das kann doch nicht wahr sein, daß wir diese verfluchte Tür nicht aufkriegen!“, schlug er vor.

Buffy holte tief Luft, lehnte die Axt an die Wand neben der Tür und stellte sich direkt neben ihn. Zusammen umfaßten sie den Griff, wobei seine Hände unter ihren lagen, und der Metallgriff unter ihrer beider Hände verschwand.

Mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften zogen, zerrten und hingen sie ächzend an dem Griff, aber die Tür ließ sich nicht öffnen...

... bis sich plötzlich der Griff löste und die beiden mit der ganzen Wucht ihrer Kräfte nach hinten in Richtung Sarkophag flogen, wobei ihre hilflos rudernden Arme und Beine durcheinanderwirbelten, und sie endlich auf den staubigen Boden der Krypta krachten.

Alles geschah gleichzeitig wie in Zeitlupe und ganz schnell.

Um das Paar herum hatte sich beim Aufprall eine Staubwolke gebildet, die sich langsam nach unten senkte und ein Bild vollkommenen Durcheinanders von Armen, Beinen und Körpern freilegte.

Bei ihrem ungewollten Sturzflug war Spike auf der Jägerin gelandet, ihre Beine waren um seinen Körper gewickelt, und seine Arme stützten sich auf beiden Seiten ihres Körpers ab, waren aber angewinkelt, so daß er mit dem Gesicht direkt auf ihrer linken Brust lag.

Buffy spürte sein ganzes Gewicht auf sich, war aber nicht in der Lage, ihn einfach von sich herunterzuschieben.

Irgendetwas hielt ihn fest.

Oder hielt *er* sich etwa an ihr fest?

Sie versuchte, ihren Oberkörper anzuheben, aber das Gewicht des Vampirs – unglaublich, wie schwer dieser schockblonde 80er-Jahre-Typ war! – drückte sie auf den Boden wie ein Stein.

„Geh runter von mir, du Schwein!“, fauchte sie ihn an.

Er hob erstaunt den Kopf und sah ihr ins Gesicht.

„Würde ich liebend gerne tun, Jägerin, aber – nur für den Fall, daß du es noch nicht bemerkt hast – du krallst dich gerade an meinen Schultern fest.“, antwortete er grinsend.

Oh.

Ja, tatsächlich, ihr Blick glitt hinüber zu ihren Händen, die sich in das weiche Material seines Ledermantels gekrallt hatten, als wäre dies ihre letzte Rettung.

Augenblicklich ließ sie los, und langsam, viel zu langsam, drückte Spike seinen Oberkörper nach oben. Dann stockte er mitten in der Bewegung, und sein Grinsen wurde noch breiter.

„Ach ja, noch etwas, meine Süße, deine Beine klemmen mich ein.“, fügte er hinzu, mit dem Kopf nach unten weisend. „Nicht, daß mir das was ausmachen würde – ich bin immer für eine kleine Nummer zwischendurch zu haben – aber wenn du Wert auf Abstand legst, müßtest du eventuell deine Beine breit...“

Er konnte nicht weitersprechen, denn sie hatte gleichzeitig ihre Beine von ihm gehoben und mit der Faust zu einem gewaltigen Kinnhaken ausgeholt und zugestoßen. Obwohl es schwierig war, richtig Schwung zu bekommen – bei *der* Nähe - , flog der Vampir förmlich von ihr herunter.

Kaum von seinem Gewicht befreit, drehte sie sich um und stand auf, ohne den blonden Vampir eines Blickes zu würdigen. Dabei trat sie auf etwas Metallisches, und als sie danach sah, entdeckte sie den abgerissenen, verbogenen Türgriff und bückte sich danach, um ihn aufzuheben. An sich herabsehend, stellte sie fest, daß sie voller Staub war, und ärgerlich versuchte sie, wenigstens das Gröbste abzustreifen.

Auch Spike rappelte sich langsam auf und, ihre vergeblichen Reinigungsbemühungen belustigt beobachtend, blieb er vor ihr stehen.

„Scheint so, als ob jetzt *du* diejenige wärst, die sich gerne im Dreck wälzt, Goldlöckchen.“, ließ er mit amüsierter Stimme vernehmen.

Ärgerlich über seinen Sarkasmus – und über sich selbst, daß sie sich in solch eine Situation gebracht hatte – was hatte sie hier überhaupt zu suchen? – sah sie zu ihm herüber und schnauzte: „Anstatt hier dumme Sprüche loszulassen, überleg dir lieber, wie wir diese blöde Tür aufkriegen, du Billy-Idol-Verschnitt!“, und zornig schleuderte sie den Türgriff, den sie noch immer in der Hand gehalten hatte, in seine Richtung.

Aber Spike wich geschickt aus und lachte nur.

„Diese Tür geht nicht mehr auf, bis ich den Bann löse, meine lieben Kinder.“, kam plötzlich eine fröhliche Stimme aus dem Hintergrund.

 

 

Zweite Lektion: Begegnung

 

Blitzschnell drehte Buffy sich um, während Spike nur seinen Kopf nach links wandte.

Da saß ein Mann.

Er saß da in malerischer Pose unter den herabhängenden Spinnweben.

Ein kleiner, fetter Mann unbestimmbaren Alters, fast nackt bis auf ein windelartiges, weißes Tuch um seine wabbeligen Hüften, die fetten Beine mit den Knubbelfüßen herunterbaumelnd, einen Köcher mit Pfeilen quer über dem Rücken und einen winzigen Bogen in seinen kurzen Wurstfingern.

Lächelnd sah er die beiden an, sich wohl seines überraschenden Auftritts bewußt, und neigte den Kopf. Seine Augen waren himmelblau, und um seine Pupillen herum schienen kleine, goldene Sonnen. Rosa Wangen und eine kräftige rote Nase zeigten an, daß er wohl dem Wein nicht abgeneigt war, und sein weißer Körper saß dort lässig auf einer abgebrochenen Säule aus hellem Marmor, die vorher auch nicht dagewesen war.

Blonde Locken ringelten sich um seinen runden Kopf und wurden von einem schmalen Band zusammengehalten. Er hatte eine kurze Stubsnase, und sein Mund war klein und dicklippig, und als dieses triumphierende Lächeln auf seinem Gesicht erschien, vergrößerte sich sein gewaltiges Doppelkinn.

Alles in allem war dieser Mann ein eigenartiger Anblick – hier in Spikes Krypta - , fast grotesk und gleichzeitig irgendwie so gewöhnlich.

„Nun, da seid ihr platt, was? Jaja, auch mich wundert es manchmal, wohin mein Gewerbe mich so treibt.“, sagte er freundlich, strahlte die beiden an und fuhr fort, ohne eine Reaktion abzuwarten.

„Aber ich muß zugeben, daß ich eine Schwäche für effektvolle Auftritte habe – und wenn sich die Gelegenheit bietet, kann ich nie widerstehen.“, und er kicherte in sich hinein, als er die verblüfften Gesichter der beiden sah.

Weder Spike noch Buffy hatten sich gerührt, seit sie ihn entdeckt hatten, und beide sahen mit ihren vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen und den halboffenen Mündern nicht gerade intelligent aus.

Nun rührte sich der blonde Vampir.

Mit einer plötzlichen, sehr schnellen Bewegung sprang er auf die Gestalt zu und holte aus... um gegen eine unsichtbare Barriere zu prallen, als er gerade zuschlagen wollte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht taumelte Spike zurück und rieb sich fluchend seinen Arm.

„Zur Hölle, was soll das? Wie kommen Sie dazu, hier einzudringen? Das ist Privatbesitz!“, stieß er wütend hervor und sah den fetten Mann empört an.

Der Eindringling schüttelte verständnislos den Kopf, als hätte er es mit unartigen Kindern zu tun und antwortete: „Nun, man muß schon ziemlich ungebildet sein, um mich nicht zu erkennen, mein lieber Spike. Aber, nun ja, ich bin ein höflicher Gott und stelle mich euch gerne vor. Gestatten, mein Name ist Cupido.“, ließ er mit gönnerhafter Miene verlauten und machte eine elegante, ausholende Geste mit seiner linken Hand, während er seinen Kopf nach vorne beugte.

Recht flink für einen Mann seines Umfanges, sprang er von seinem erhöhten Sitzplatz und ging auf Spike zu, der immer noch seinen schmerzenden Arm rieb.

„Nichts für ungut, mein Junge, aber ich bin für deinesgleichen unantastbar.“, sagte er freundlich und legte dem Vampir seine kleine Hand auf die Schulter, wobei er sich ziemlich recken mußte.

„Zur Hölle, ich bin nicht Ihr Junge! Und wieso gibt es Sie überhaupt? Ich dachte, Sie wären eine Legende.“, sagte Spike mürrisch, nichts Gutes ahnend bei der Vorstellung, hier leibhaftig vor dem Gott der Liebe zu stehen.

„Ha ha ha, das ist wirklich lustig, wenn man von einem Vampir als Legende bezeichnet wird.  Du siehst nicht nur zum Anbeißen aus, mein Süßer, du bist zudem auch noch wirklich amüsant!“, lachte Cupido und wurde dann ernst.

„Sind nicht auch Vampire nur Legenden?“, schob er nach und sah fragend zu Spike auf.

Der schüttelte den Kopf, immer noch ungläubig staunend über diese Begegnung.

„Klar doch – und wir Vampire selbst haben diese Mär in die Welt gesetzt, um ungestört jagen zu können. Aber ich dachte immer, Cupido wäre... naja..., wenn es ihn denn überhaupt gibt,  ein Kind...“

Cupido seufzte.

Manchmal war seine Arbeit wirklich kein Zuckerschlecken, vor allem, wenn man bedachte, mit wievielen Vorurteilen er immer zu kämpfen hatte.

„Nun ja, das wurde so überliefert, um von meiner wahren Identität abzulenken... Ähm, ich glaube, du hast da eben etwas ähnliches über diese Vampirlegenden gesagt. Nun, dann kannst du dir ja vorstellen, wie Legenden so entstehen – und was daran Wahrheit ist und was Dichtung, mein Liebling.“, und damit sah er Spike schelmisch an.

Buffy, die die ganze Zeit nur schweigend dagestanden hatte, verblüfft und fassungslos, setzte sich nun in Richtung der beiden in Bewegung. Sie sah stirnrunzelnd auf den kleinen Mann, und sie wunderte sich. Offensichtlich hatte Spike schon einmal von diesem – wie hieß der noch gleich? – Typen gehört, während sie mal wieder aus dem Mustopf kam.

Ach, hätte sie doch in der Schule mehr aufgepaßt!

Sie blieb vor den beiden äußerlich so grundverschiedenen Männern stehen.

„Was für ein komischer Gott sind Sie denn?“, fragte sie, an den kleineren Mann gewandt.

Der rollte nun mit den Augen und seufzte tief, bevor er Buffys Frage beantwortete.

„Meine liebe Buffy, vielleicht kannst du ja mit meinen anderen Namen mehr anfangen. Zum Beispiel werde ich auch Eros genannt oder Amor. Wenn das nicht hilft, dann bleibt nur noch dieses Wort, das ich so gar nicht mag, weil es so gewöhnlich ist: Liebesgott. Aber weil du noch so jung bist, mein Kindchen, werde ich dir deine Unwissenheit verzeihen.“

Die Jägerin zog die Brauen hoch. Was sollte das? Dachte der Kerl vielleicht, sie wäre total ungebildet? Was fiel ihm ein, so mit ihr zu sprechen – schließlich war sie die Jägerin!

Von wegen Kindchen! Und wenn er hundertmal ein leibhaftiger Gott war – was hatte das alles mit *ihr* zu tun?

„Sind Sie hier, um mir Nachhilfe zu geben und Ihr ganzes Kauderwelsch an den Mann zu bringen? Sollten Sie – wenn das alles stimmt – nicht jetzt irgendwo bei einem Liebespärchen sein und Liebe stiften oder so?“, schoß es aus ihr heraus, und jetzt war sie noch wütender auf diesen kleinen, komischen Mann als zuvor auf Spike.

Sein strahlendes Lächeln reizte sie noch mehr, und sie sah an Spikes Gesichtsausdruck, daß auch er nicht gerade erfreut über diesen kleinen Kerl war.

Der aber ließ sich nicht aus der Fassung bringen und wandte sich jetzt an die beiden.

„Mein Kind, deine Fragen will ich dir gerne beantworten.“, sagte er ruhig.

„Ja, ich bin hier, weil ihr beiden ‚Nachhilfe’, wie du es so treffend genannt hast, braucht. Liebe zu stiften, ist hier nicht mehr nötig, oh, nein, wenn ich das auch liebend gerne täte... ähm, nebenbei gesagt, am liebsten ist mir ja die Liebe unter Männern...“, und sein Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an, als er sich an Spike wandte.

„... ach, mein schöner Junge, was für eine Verschwendung! Was wärst du doch für ein wunderbarer Gespiele für einen Mann wie mich... Hach, ich wünschte, du wärst vom anderen Ufer...“ Seine himmelblauen Augen blickten schwärmerisch gen Himmel, und seine Stimme nahm einen zärtlichen Klang an, als er das sagte. Für einen Moment musterte er Spike von oben bis unten – dem dies sichtlich unangenehm war - , und in seinen Augen funkelte heißes Begehren.

Er seufzte tief.

Dann besann er sich.

„Ach ja. Ähm, nun, wo war ich...? Nein, die Liebe hat hier schon Wurzeln geschlagen, dafür braucht ihr mich nicht. Aber, nun ja, wie soll ich es sagen? Ich will euch ein wenig helfen, mit dem Versteckspielen aufzuhören, ihr beiden. ‚Carpe diem’, würde ich die Lektion nennen, um mal bei Nachhilfe zu bleiben. Was sagt ihr dazu?“, und er sah abwechselnd vom einen zum andern – mit einem triumphierenden Ausdruck im Gesicht, als wäre er der Lottomann, der ihnen gerade die Millionen überbrachte.

Bloß mit dem Unterschied, daß die frischgebackenen „Millionäre“ ihren Gewinn gar nicht wollten.

Im Gegenteil.

Mit bestürztem Gesicht faßte sich Buffy an die Stirn.

Sie hatte sofort begriffen, was dieser fette Typ meinte, aber noch immer hoffte sie, sich zu täuschen. Sie schaute zu Spike hinüber, und auch der blonde Vampir mußte nicht aussprechen, was er dachte: Es stand ihm ins Gesicht geschrieben, daß er lieber überall auf der Welt sein wollte, als hier, in diesem Moment, an diesem Ort eine „Lektion“ erteilt zu bekommen.

Wieder seufzte Cupido tief, als er seine so wenig begeisterten Probanden ansah.

Da würde noch ein Haufen Arbeit auf ihn zukommen.

Aber, unb bei diesem Gedanken richtete er sich auf, er hatte schon ganz andere Problemfälle gelöst!

 

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