Mit offenen Augen

 


„Tzao gao!“

Simon rieb sich den Knöchel, den er sich eben gestoßen hatte und fluchte leise. Ohne den Blick von der weiten Landschaft abzuwenden, die sich draußen vor der Windschutzscheibe des kleinen Spaceshuttles erstreckte, lachte Jayne laut.

„Achtung, Doc, wenn du dich lebensgefährlich verletzt, ist niemand da, um dich wieder zusammen zu flicken.“

Simon gab mit subtiler Ironie zurück, die nicht weiter entfernt von Jaynes offenem Sarkasmus hätte sein können: „Ich glaube auch nicht, dass ich gerade dir vertrauen würde mich zu verarzten.“, und kam weiter nach vorn, um sich in den zweiten Sessel im Cockpit zu setzen.

Jayne flog eine unnötig scharfe Kurve um einen Felsen, der aus der Wüstenlandschaft herausragte, so dass der Arzt das Gleichgewicht verlor und unelegant in den Sitz fiel.

„Hey, habe ich je was gesagt, wenn du an mir rumgedoktort hast?“

„Nein,“, bestätigte Simon, fügte allerdings trocken hinzu: „Aber ich habe auch einen Amtseid geleistet, dem ich mich verpflichtet fühle, während du sogar deine Mutter für ein Hustenbonbon verraten würdest.“ Simon lächelte, als er Jaynes Stirn sich runzeln sah – zugegeben, seine Mutter wäre wahrscheinlich ausgerechnet die einzige, bei der ein Hustenbonbon als Ablöse nicht reichen würde – und war offensichtlich auf eine vor Sarkasmus triefende Antwort vorbereitet, die allerdings ausblieb.

Kein Wort über Ariel, wiederholte Jayne in seinem Kopf immer und immer wieder, kein Wort über Ariel. Angesichts Simons süffisanten Grinsens presste der Söldner allerdings seine Zähne so hart aufeinander, dass es knirschte, und verfluchte das kleine Shuttle dafür, dass es keinen Autopiloten hatte, der mal kurz übernehmen könnte, während er dem verdammt nervtötenden Schnöselarzt ein blaues Auge verpassen würde. Und ein paar weitere blaue Flecken auf der hellen Haut. Und vielleicht ein oder zwei leichte Verstauchungen, die abgeheilt sein würden, sobald sie Serenity wieder erreichen würden, die aber trotzdem schön weh täten. – Hey, es war eine Sache, ihn nie wieder an die Feds zu verkaufen, eine völlig andere, ihm nicht hin und wieder ein paar zu knallen...

Jayne grinste breit und schwieg, während er das Flugtempo noch etwas erhöhte und das kleine Shuttle die Wüste unter sich zurückließ wie ein Gemälde aus abstrakten Grautönen.

Die Beute von Ariel war dank der genauen Angaben Simons so reichlich gewesen, dass es Jayne nicht mal so sehr gestört hätte, dass sein Deal mit der Allianz geplatzt war – so reichlich das Geld auch gewesen wäre, die Erinnerung an den absoluten Horror auf Rivers Gesicht ließ ihn jetzt in Schweiß ausbrechen, als griffen jeden Augenblick Reaver an. Weil Mal allerdings den versuchten Verrat durchschaut hatte, war er nicht nur knapp einem Freiflug im All entgangen, er musste auch noch seinen Anteil an der Beute für lauter sinnlose wohltätige Gaben an die ahnungslose Crew und den ihn kaum noch aus den Augen lassenden Captain verschwenden. Kaylees Begeisterung für die frischen Erdbeeren war allerdings so groß gewesen, dass er auch vom nächsten Anteil einen kleinen Teil für die roten Früchte abzweigen würde.

Wegen dieses nächsten Anteils waren er und der Doc jetzt auch in dem zweiten Shuttle unterwegs, das die Serentity neben dem von Inara gemieteten noch besaß. Zoe und Mal erledigten mal wieder einen dieser nicht ganz freiwilligen Aufträge für Badger, so dass es Jayne und Simon zufiel, die Vorbereitungen für einen erneuten ertragreichen Raubzug zu treffen, so dass sie ein paar Tage später in der Hauptstadt wieder zusammentreffen konnten.

Die ewiggleiche Landschaft, über die sie gerade flogen, nannte sich Silver Hills und lag auf der südlichen Seite von Troilos, einem kleinen Nebenmond der Priam Planetenformation. Bei all der trostlosen Unkultiviertheit hätte man kaum glauben mögen, dass sich hier ganz in der Nähe, in Aesakos, ein medizinisches Forschungslabor der Allianz befand. Der Doc hatte in Erfahrung gebracht, dass dort ein rares Medikament entwickelt worden war, mit dem er hoffte, seine Schwester weiter heilen zu können. Der Arzt wusste aber sehr wohl, dass kein risikoreicher Aufenthalt auf einem so in der Aufmerksamkeit der Allianzkräfte liegenden Mond vom Captain genehmigt werden würde, wenn nicht großer Profit davon zu versprechen wäre. Die ebenfalls auf Troilos aufbewahrten vielversprechenden Verteilerpläne, die genau anzeigten, welches der Allianz-Krankenhäuser wann beliefert werden würde und welche Routen die Versorgungsschiffe nehmen würden, waren der Grund, aus dem sich Jayne – sehr zur Skepsis Simons und Jaynes Amüsement darüber – zu dieser Mission sogar freiwillig gemeldet hatte.

Jayne warf dem still gewordenen Doktor einen Seitenblick zu, der aus dem Fenster auf die Wüstenlandschaft guckte, als handele es sich hier um einen Stadtrundflug. Der Pilot hob verächtlich eine Augenbraue über den Gesichtsausdruck des jüngeren Mannes. Eben noch waren sie zwar über der relativ großen Hauptstadt Paris Capital gekreist, aber nun kam nur offenes Land. Der Doc betrachtete die unter ihnen vorbei rasenden Ansiedlungen und Viehherden mit fast staunendem Unglauben und leicht geöffneten Lippen, als könne er nach Monaten auf Serenity und dutzenden Landgängen entfernt von den Zentralplaneten immer noch nicht glauben, dass es wahrhaftig Leute gab, die nicht mit so hübschen goldenen Westen, strahlendweißen Hemden und einem verdammten silbernen Löffel im Arsch geboren wurden. Oder waren das goldene Löffel?

Jayne wollte gerade seinen Blick wieder der Route zuwerfen, als das milde Erstaunen von Erschrecken abgelöst wurde.

„Was?“, brummte der Söldner, und der Arzt gab sofort und nun ohne jeden Humor in der Stimme zurück: „Ai ya wo mun wan leh.“

Simons Tonfall beunruhigte Jayne, und als er gleich darauf eine weitere Kurve flog, sah auch er den Grund für die Besorgnis seines Copiloten: Sie wurden von einem Patrouille-Shuttle der Allianz verfolgt, das sich soeben neben sie gesetzt hatte, um sie zum Anhalten zu bewegen.

Noch hatten sie zwar niemanden überfallen und sich auf diesem Mond nichts zu Schulden kommen lassen (zumindest konnte sich Jayne an nichts erinnern), aber dennoch war der Doc ein gesuchter Flüchtling.

„Festhalten, Kurpfuscher!“, rief der Pilot also in einer Lautstärke, die mehr zu Kampfgeschrei auf einem Schlachtfeld passte als einer Dienstanweisung in der Luft, und legte den Turbo ein.

Aus den Triebwerken schossen gelbe Flammen und Serenitys Shuttle überholte sofort das Schiff der Allianz und raste davon. Der Radar zeigte jedoch mit einem deutlichen rot blinkenden Licht an, dass sich die Verfolger nicht so leicht abschütteln ließen. Die Blicke beider Männer sprangen von der Radaranzeige zu der vorbeirasenden Landschaft und zurück.

„Hwoon dahn!“, donnerte Jayne und Simon antwortete trocken: „Da kann ich dir ausnahmsweise nicht widersprechen.“

Der Arzt lehnte sich über das Amaturenbrett, bedacht darauf, Jayne nicht in der Sicht zu behindern und starrte angestrengt auf die verschiedenen Lichter. „Wieso sind die auf uns aufmerksam geworden?“

Obwohl Jayne sehr genau hinhörte, konnte er keinen gegen sich gerichteten Vorwurf raushören. „Ich war’s nicht.“, verteidigte er sich dennoch automatisch und lenkte das Shuttle tiefer, so dass sie nah über dem Wüstenboden flogen, hoffend, hinter den vereinzelten Felswänden genug Deckung finden zu können, um die Allianzbastarde abzuhängen.

„Das habe ich auch nicht behauptet.“, antwortete der Arzt in demselben neutralen Ton wie zuvor. Da Jayne sich nun voll und ganz auf seine Ausweichmanöver konzentrieren musste, begann Simon, automatisch alle paar Sekunden die Position der Allianz durchzugeben. Jedes Mal wieder zur Enttäuschung des Piloten.

Im wilden Flug durchquerten sie die Täler der Silver Hills, während die untergehenden Sonnen die Landschaft in ein silbernes Licht tauchten, das ihm den Namen gegeben hatte. Jayne wusste, dass das Fliegen ohne Licht hier bald unmöglich sein würde und er wusste auch, dass sie ihren Flug nach Sonnenuntergang rapide verlangsamen mussten, um nicht mit einem der Felsen zu kollidieren.

Er lenkte das kleine, wendige Shuttle direkt auf eine Felswand zu und lachte nur, als Simon ihm zurief, er sei wohl vollkommen verrückt geworden. Erst im letzten Moment drehte er bei und schrabbte fast mit der rechten Tragfläche an der rauen Steinoberfläche vorbei, als er unter ein paar Vorsprüngen her tauchte und einen schmalen Pfad einschlug.

„Wunderbare Idee, Jayne, wenn du uns vorher umbringst, können sie uns nicht mehr verhaften.“, kommentierte Simon bissig und setzte trocken nach: „Übrigens sind sie immer noch hinter uns und ich wette, jetzt sind sie richtig...“

„Angepisst?“, ergänzte Jayne. „Wenn ihnen das hier nicht passt, dann sollen sie sich doch...“

„Verpissen?“ schlug nun Simon seinerseits vor, seufzend über Jaynes Wortschatz, dann schüttelte er den Kopf: „Den Gefallen werden sie uns nicht tun, befürchte ich.“

Wie um das zu bestätigen, schossen im gleichen Augenblick weiße Laserstrahlen knapp an dem Shuttle vorbei, versanken nutzlos im Wüstensand und riefen ein zweistimmiges „Gos se!“ von den Flüchtenden hervor.

Im Halbdunkel jagten die beiden Schiffe in einer neuerlichen Runde um die Felsen, diesmal erleuchtet von der konstanten Laserbefeuerung der Allianz. Jayne versuchte, durch unvorhersehbares Zick-Zack-Fliegen einem Treffer auszuweichen, aber gerade, als er das Shuttle besonders nah an den silbrigen Wüstensand herangelenkt hatte, erwischte sie der Laser direkt über dem Cockpit.

„Wuh de tyen, ah!“ hörte er Simon noch neben sich fluchen und fasste das Steuer mit so festem Griff, dass seine Knöchel weiß hervortraten, aber er konnte das Shuttle nicht in der Luft halten. Sie landeten mit einem lauten Krachen und einer silbernen Wolke und Jaynes letzter Gedanke war, sich selbst dazu zu gratulieren, nicht gegen eine Felswand geflogen zu sein, bevor die Deckenamaturen über ihm zusammenstürzten und ihn unter sich begruben.


Laut, viel zu laut, leise, viel zu leise. So sehr sie sich auch bemühte, die Knie an sich gezogen und die vor Anstrengung gerunzelte Stirn darauf gestützt, sie konnte nichts mehr hören.

Dem Brummen und gleichmäßigen Dröhnen der Turbinen des kleinen Babys von Serenity war sie gefolgt wie einer dicken, behäbigen Hummel, fasziniert vom Rotieren der Kolben in den Zylindern, von den kleinen Schräubchen und Zahnrädern, die dieses Wesen zusammenhielten und lebendig machten. Ganz klein hatte sie sich gemacht, um nahe bei dieser großen Hummel zu bleiben und ihr zuzuschauen, hatte sich nicht ablenken lassen von dem Rütteln und Schütteln, selbst als es später stärker wurde, so stark, dass sie sich mit Augen und Händen festklammern musste. Und dann Krachen und Lärmen und plötzlich wollte Serenitys Baby nicht mehr fliegen und gerade als das gutmütige Brummen ganz verstummt war, stürmten Fremde und laute, unfreundliche Gedanken herein, dass sie sich die Ohren zuhielt und so tat, als sei sie gar nicht hier, unhörbar, unspürbar, unsichtbar.

Als sie die zierlichen Hände wieder von ihren Ohren nahm, ihre Zehen, die sich in den schweren Stiefeln zusammengerollt hatten, wieder tastend ausstreckte, hörte sie gar nichts mehr. Keine Hummel, keine fremden Gedanken, keinen Simon, niemanden. Sie legte den Kopf zur Seite und ihre Lippen öffneten sich als sie versuchte, den Raum um sie abzutasten nach Geräuschen. Nichts. Sie stand auf und streichelte über die nun still stehenden, riesigen Kolben: „Es wird alles wieder gut, alles wieder gut.“, sagte sie und lächelte, als glaubte sie selbst daran, nur um der kleinen Hummel Mut zu machen, wie Simon ihr immer Mut machte. Tapfer.

Sie kletterte aus dem Bauch der Hummel heraus, wo es dunkel war, hinein in ihren Kopf und sah durch ihr eines großes Auge hinaus in die weite, silberne Welt.

Serenitys Baby musste Kopfschmerzen haben, in seinem Gehirn herrschte ein furchtbares Durcheinander. „Alles wird gut, alles wird gut.“ wiederholte sie mit einem leisen Singsang in der Stimme und streifte ein bisschen durch das Chaos.

Ein Arm. Nicht Simons. Simon trug weiße Hemden, weiß wie Schnee. Dieser Arm war nackt, zumindest bis zum Oberarm. Sie kniete sich neben ihn und betrachtete mit ihren Fingerspitzen das rote Tattoo, das unter dem Ärmel hervorkrabbelte. Der Arm war kitzelig und das Tattoo gehörte Jayne.

Sie stand wieder auf und betrachtete den Berg an unnützen Maschinen, der sich dort auftürmte. Physik. Newton. Mikado. Sie neigte den Kopf zur Seite und rechnete aus, wie sie an das unterste Stäbchen kommen könnte. Eigentlich sagten die Regeln, dass sich keines der anderen bewegen durfte, aber sie würde hier eine Ausnahme machen. Ihre Augen rasten mit der Geschwindigkeit eines Hochleistungscomputers über das Chaos, dann zog sie ein Stäbchen heraus, wie eine Lawine fielen die anderen zur Seite und stapelten sich dort zu einem neuen Haufen, mit dem nun jemand anders spielen konnte. Sie lächelte.


Scheiße.

Verdammte, gottverfluchte, höllische Scheiße.

Aua.

Jayne brummte laut und wollte sich den schmerzenden Kopf halten. Scheiß-Idee. Nicht nur, dass sein verfluchter Arm gar nicht daran dachte, sich Richtung Kopf zu bewegen, er tat auch noch himmelschreiend weh. Jayne stöhnte erneut und begrüßte die langsam wiederkehrende Welt mit einem von Herzen kommenden: „Scheiße.“

Als er ein Auge, das linke, öffnete, erwartete er, entweder einen Riesen von Mann vor sich zu sehen, der ihm gerade mit seinem Baseballschläger eins übergezogen hatte, oder aber ein Meer von leeren Sakeflaschen. Oder beides.

Was er nicht erwartete, waren Kampfstiefel mit einer Schuhgröße passend für eine Puppe, in denen lange, nackte Mädchenbeine steckten. Er stöhnte wieder, öffnete auch das zweite Auge und sah die Beine hinauf, an kurzen, eng anliegenden Hosen vorbei, ein weites rosanes Hemdchen entlang in das von wilden braunen Locken umrahmte Gesicht von Docs nicht ganz dichter Schwester.

River.

Er stöhnte noch einmal.

River legte den Kopf schief und sah zu ihm herab, mit einem merkwürdigen Lächeln auf den Lippen, dann kam sie noch einen Schritt näher und hob einen Kampfstiefel vom Boden.

Ja scheiße, dachte Jayne, und machte sich gottergeben darauf gefasst, dass sein Kopf nun als Fussball gebraucht werden würde. Er hatte Mal ja gleich gesagt, dass es keine gute Idee war, die Bekloppte an Bord zu bringen.

River trat nicht auf seinen Kopf, sondern ihr Fuß landete zielsicher auf Jaynes breiter Schulter, die Reaktion des am Boden liegenden Mannes war diesmal ein Schmerzensschrei und eine Reihe seiner Lieblingsschimpfwörter in Chinesisch und diversen galaktischen Fremdsprachen.

„Bist du vollkommen verrückt geworden, du kleines, hinterhältiges Miststück von Frau?“, endete er vorerst.

River kniete sich neben ihn und sagte mit einem Tonfall, als spräche sie mit einem Kleinkind: „Deine Schulter war ausgekugelt.“

Jayne runzelte die Stirn, halb überrascht darüber, dass River einen kompletten Satz gesagt hatte, den er verstanden hatte, halb darüber, dass er jetzt plötzlich tatsächlich seinen linken Arm wieder ohne Probleme bewegen konnte.

„Oh.“, machte er.

„Oh.“, wiederholte sie in exakt demselben Tonfall und er wusste nicht, ob sie ihn nicht verstand oder ob sie sich über ihn lustig machte.

Trotz des wieder beweglichen Armes mit der Gesamtsituation mehr als unzufrieden, verzog Jayne das Gesicht und grunzte missmutig, dann stand er langsam auf, notierend, dass sonst nichts ausgekugelt, gebrochen oder abgetrennt war.

„Was zur Hölle machst du hier?“, fragte er, während er seine verspannten Glieder reckte.

„Hummeln.“, gab sie zurück und ignorierte seinen Gesichtsausdruck, der ihr mit etwa hundert Dezibel „Häh?“ entgegen schrie.

„Wo ist Simon?“, versuchte er es dann, denn er konnte ihren Bruder in dem kleinen Cockpit nicht entdecken. Diesmal gab sie nicht eine unverständliche Antwort, sondern gar keine und starrte ihn stattdessen mit einer Intensität an, als wollte sie seinen Nasenhaaren beim Wachsen zugucken.

„Scheiße.“, sagte er und meinte das auch so.

Er versuchte, aus dem Schrotthaufen, der im Cockpit rumlag und der ihn offensichtlich nur um Haaresbreite verfehlt hatte, herauszufinden, wo der Doc steckte und ob das Shuttle noch einsatzbereit war und nicht explodieren würde, sobald er es startete. River kletterte währenddessen bevor er sie aufhalten konnte leichtfüßig aus der offenen Tür des Cockpits, wanderte einmal um das liegende Shuttle und kletterte wieder zurück.

Jayne hob ziemlich willkürlich Einzelteile auf, hatte keine Ahnung, wofür zum Teufel die gut waren, wünschte sich Kaylee herbei und fluchte noch ein bisschen mehr, bis River plötzlich sagte: „Wir brauchen einen neuen 1/6 KM Flux Generator.“

„Ach ja?“, grunzte er ungläubig, „Ich denke, das Ding hier ist total schrottreif, nichtmal das Scheiß-Funkgerät funktioniert noch.“, und um dem Mädchen das deutlich zu machen, hielt er das Sprechgerät hin, das nun nicht mehr mit der Anlage verbunden war.

River machte sein Grunzen nach und erwiderte: „Man braucht kein Funkgerät, um fliegen zu können.“, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und kletterte wieder zur Tür hinaus. Als nur noch ihr Kopf von der Nasenspitze an zu sehen war, sagte sie: „Wir holen einen 1/6 KM Flux Generator.“, und sprang dann auf den silbernen Sandboden.

„Ich lasse mir ganz bestimmt nicht von einer Bekloppten Anweisungen geben.“, brummte Jayne, nun alleine im Cockpit, vor sich hin und starrte hasserfüllt das nutzlose Mikrofon in seiner Hand an. Das Shuttle nicht einsatzfähig (aus welchen Gründen auch immer, Jayne glaubte nicht an diese 1/6 Flux Was-auch-immer Theorie), das Mikro kaputt und der Snobdoc verschollen, fiel ihm aber auch kein anderer Plan ein, als das Shuttle einstweilen zurückzulassen und eine Stadt mit Funkmöglichkeit zu suchen.

Achtlos ließ er also das Mikrofon fallen, griff nach seinem Hut auf dem Amaturenbrett und stieg in die Silver Hills hinab, wo River schon mit beinahe komisch erwartungsvollem Gesichtsausdruck auf ihn wartete. Jayne verkniff sich ein weiteres von Herzen kommendes ‚Scheiße‘ und richtete seine Schritte zielstrebig gen Süden. Als sie ihm nicht sofort folgte, rief er ihr über die Schulter zu: „Waterfalls Town kann nicht weit von hier sein. Komm schon.“


Der silbrige Sand reflektierte das Licht der tausend Sterne am Himmel wie der Ozean, und River konnte sich kaum satt sehen am Funkeln der weißen Punkte am Himmelszelt in dieser klaren Nacht und fühlte sich wie ein Fisch im Wasser eines Meeres aus glänzendem Silber. Mit dem Kopf im Nacken und vor Staunen geöffnetem Mund lief sie neben Jayne her, driftete aber manchmal ein bisschen ab von seinem schnurgeraden Weg, drehte sich auf ihren Zehenspitzen, so dass es ihr schien, als tanzte nicht River Tam, sondern alle Sterne für sie.

Wenn seine Schritte leiser wurden – er ging nicht so schnell, wie er gekonnt hätte, das wusste sie, aber er würde auch nicht warten, damit sie sich beim Baden im Silberschein verlieren könnte – wenn seine Schritte leiser wurden, dann sah sie für ein paar Augenblicke auf den Wüstenboden, sah ihren Füßen beim Laufen zu und wie sie den feinen Sand aufwirbelten und war bald wieder an seiner Seite angekommen.

Es wäre einfacher gewesen, wenn sie seine Hand hätte fassen können, so wie sie nach Simons feingliedriger Hand griff, denn dann hätte sie sich treiben lassen können und es wäre dafür gesorgt gewesen, dass sie nirgendwo strandete, nicht unterging. Aber Jayne marschierte wie ein Soldat und River war sich ziemlich sicher, dass man mit Soldaten kein Händchen hielt.


Es war nicht schwer, Waterfalls Town zu finden, denn das Städtchen hatte seinen Namen von dem großen Wasserfall, der direkt hinter ihm einen Berg herunterstürzte und einen Heidenlärm machte. Jayne war noch nie dort gewesen, hatte das Kaff aber wenige Stunden zuvor mit dem Doc überflogen und hatte sich nicht geirrt, denn es lag nicht sehr weit von der Absturzstelle ihres Shuttles.

Im Gegensatz zu Paris Capital, der Hauptstadt Troilos‘, die etwa eine Flugstunde weiter südlich lag, moderne Standards und damit auch einen Allianz-Stützpunkt hatte, vermutete Jayne in der ziemlich erbärmlichen Ansammlung von Häusern am Flussbett nicht mehr als einen einzelnen, ahnungslosen Sherrif. Wie er feststellte, als sie sich der Stadtgrenze näherten, gab es offensichtlich nur zwei Hauptstraßen und einen kleinen Bahnhof. Der Zug, der eben an ihnen vorbeigefahren war und nun dort hielt, kam wahrscheinlich so etwa einmal pro Woche in dieses gottverlassene Nest.

River neben ihm versuchte seit einiger Zeit die Ursache für das ihr unerklärliche Rauschen in der Luft herauszufinden (was für eine Sorte von Genie sollte das wohl sein, fragte sich Jayne, die bei dem Namen der Stadt nicht von alleine darauf kam), und schaute deswegen mehr als zuvor auf die sich langsam zeigende Straße, so dass Jayne nicht befürchten musste, dass sie irgendwo gegen lief oder jemanden umrempelte. Das heißt, abgesehen von ihm selbst, als er abrupt stehen blieb, um sich zu orientieren. Automatisch folgte sein Blick Rivers ausgestrecktem Zeigefinger, der zielgerichtet auf einen kleinen Saloon wies.

Sie mochte ja nicht alle Tassen im Schrank haben, aber ein gutes Auge besaß sie dennoch, dachte er, als er mit beiden Händen die hölzernen Schwingtüren aufdrückte. Sie schlüpfte unter seinem Arm hindurch, neugierig wie ein kleines Kind und blieb dann direkt vor ihm stehen, um die neue Umgebung wie ein Schwamm aufzusaugen, so dass diesmal er um ein Haar in sie hinein gelaufen wäre.

„Verflucht, Mädchen, du läufst wie Schluckauf.“, brummte er mit gedämpfter Stimme und schob sie mit seiner großen Hand auf ihrem schmalen Kreuz in Richtung Tresen.

„Abend.“, grüßte er dann laut und als der Barkeeper, der kaum über den Tresen gucken konnte, ihm zunickte, bestellte er automatisch erstmal ein Pint.

Der glatzköpfige kleine Mann stellte sein Glas mit Schwung auf den Tresen, so dass etwas von dem frischen Schaum übergelaufen und auf den Tresen getropft wäre, wenn River ihn nicht mit dem Finger aufgefangen hätte. Vorsichtig steckte sie dann ihren eigenen Finger in den Mund, und als sie über den bitteren Geschmack das Gesicht verzog und die Zunge herausstreckte, verdrehte Jayne die Augen und beschloss, seine Aufmerksamkeit dem zwergenwüchsigen, aber dafür hoffentlich geistig gesunden Menschen ihm gegenüber zuzuwenden.

„Wo ist die nächste Funkmöglichkeit in Waterfalls?“ fragte er also und nippte an seinem Bier.

„Hier.“, antwortete der Barmann prompt, ohne seine Augen von dem Tuch abzuwenden, mit dem er den Tresen abwischte. „Zwei Dollar pro Ruf. Nur Ortsgespräche.“

Nur Ortsgespräche?! Jeder Mensch mit normalem Lungenvolumen bräuchte kein Funkgerät, um von hier bis zum anderen Ende der Stadt zu rufen.

„Nur Ortsgespräche?“, hakte Jayne ungläubig nach und empfing wieder ein Nicken ohne Blickkontakt von seinem Gegenüber.

„Bis nach Paris gegen Aufschlag, aber den Service gibt’s auch nur hier im Saloon.“ Der Stolz in der Stimme über diese Extraleistung erschien Jayne so fehl am Platze wie - - - naja, eben ziemlich fehl am Platze, und er grunzte mit kaum zurückgehaltener Verachtung über das Provinznest.

„Sie können ein Zimmer mieten und morgen abend nach Paris weiterfahren. Mit dem Zug. In Paris können Sie auch vom Mond runter funken. Wenn Sie das unbedingt wollen.“ Jayne hätte nicht übel Lust gehabt, dem Zwerg für den herablassenden Tonfall eine zu knallen, unterließ das aber dann doch nach guter Überlegung und gab die Variante eines unzufriedenen Brummens zurück, die soviel wie „Ja gut, was kostet das Zimmer und wo ist es?“ bedeutete.

Prompt holte der kleine Mann ein großes Buch unter dem Tresen hervor sowie einen Stift und einen Schlüssel, kritzelte etwas auf eine leere Seite und sah dann zum ersten Mal zu Jayne auf.

„Ein Doppelzimmer für Sie und Ihre... äh...“, er sah zu River und ließ seinen Satz mit einem großen, unübersehbaren Fragezeichen über seinem Kopf stehen.

„Frau.“, ergänzte Jayne automatisch. „Mr. und Mrs. Cobb. Frisch verheiratet.“ Für ein low profile der perfekte Plan, auch wenn er ursprünglich nicht von ihm, sondern von Mal stammte. Um seine Worte zu bekräftigen, verzog er sein Gesicht noch zu einem breiten, seiner Meinung nach perfekt zum Frisch-verliebt-sein passenden Grinsen.

Offensichtlich war sein schauspielerisches Talent ziemlich beeindruckend, denn nicht nur nickte der Barkeeper, sondern auch River sah ihn mit großen Augen an.

„Mr. und Mrs. Cobb.“, sprach sie nach und wiederholte dann leise noch ein paar Mal seinen Nachnamen wie um sich an seinen Klang zu gewöhnen. Dann senkte sich ihr Blick und sie sagte mit traurigem, leisen Tonfall: „Mum und Dad kommen nicht zur Hochzeit.“ Ihre Lider mit den langen Wimpern senkten sich einmal ganz über ihre Augen, dann öffnete sie sie wieder und strahlte Jayne an, als habe der ihr gerade ein Pony geschenkt.

„Mr. und Mrs. Cobb. Frisch verheiratet.“, und sie lachte so breit, dass Jayne angst und bange wurde. War vielleicht doch kein so perfekter Plan, wenn eine der Beteiligten die Spielregeln nicht verstand...

Er wurde durch das Klirren der Zimmerschlüssel auf dem Tresen von River abgelenkt, bezahlte die geforderte Summe und leerte sein Pint in einem Zug.

„Noch eins?“, fragte der zwergenhafte Mann und Jayne nickte: „Das und was zu essen.“

River hatte ihnen bereits einen der freien Tische in einer Ecke des Saloons ausgesucht und während Jayne zu hungrig war, um sich Sorgen zu machen, betrachtete River das Geschehen in der Bar mit interessiertem Blick, schien Holzdielen zu zählen, Hüte nach Farben zu sortieren und lernte nach wenigen Minuten des Zuschauens die Regeln des Tall Card Spiels am Nachbartisch, deren Spieler sie dann leise für ungeschickte Züge kritisierte.

Das Essen – irgendein Fleisch mit irgendeinem Gemüse – kam und Jayne begann sofort damit, große Mengen davon in seinen Mund zu schaufeln.

River wendete ihre Aufmerksamkeit nun ihm zu und sah ihm mit so intensivem Blick beim Essen zu, dass er ihr gerade sagen wollte, das gefälligst bleiben zu lassen, als sie schließlich doch auf ihren eigenen Teller schaute.

Sie nahm ihre Gabel in die zierliche Hand, drehte sie einmal um, so dass sie sie wie eine kleine Schaufel benutzen konnte und ihre Augen blitzen Jayne herausfordernd an, während ihre Wangen hamsterartig rund wurden, weil sie ebenso schnell aß wie er.

Dennoch – sein Mund war größer – gewann er diesen merkwürdigen Wettbewerb und schob fast triumphierend seinen Teller von sich. Schwungvoll stach sie daraufhin mit ihrem Messer in eines der ihr noch übrig bleibenden Fleischstücke und lud es vor ihm ab.

„Wir sorgen füreinander,“ , kommentierte sie das nüchtern, „sogar die Frau des Captains hat Essen für ihn gehabt, obwohl sie ihn später umbringen wollte.“

Während sie dann seelenruhig ihr letztes Fleischstück zerschnitt, hob er zunächst eine Braue, beschloss dann aber gar nicht erst zu versuchen, ihre nicht logische Logik zu hinterfragen, sondern aß ihr Fleisch.

Erst danach beugte er sich über den Tisch und zischte ihr leise zwischen den Zähnen zu: „Du hast schon kapiert, dass wir nicht wirklich verheiratet sind, oder?“

Rivers Reaktion war ein prustendes Lachen, so dass sie sich die Hand vor den Mund halten musste, um nicht Fleisch und Gemüse zu spucken. Als sie ihr Essen herunter geschluckt hatte, lehnte sie sich ebenfalls über den Tisch, so dass ihre Stupsnase beinahe an Jaynes Bart stieß, hielt sich einen Finger vor die Lippen und flüsterte daran vorbei: „Das Leben ist eine Bühne und wir sind alle nur die Schauspieler.“, dann kicherte sie und fügte hinzu: „Ich bringe dich nicht um, du bringst mich nicht um.“

Jayne schüttelte den Kopf in Irritation, bestätigte aber: „Jing-tsai. Guter Plan.“, und stand vom Tisch auf, nachdem er ein paar Dollarnoten auf den Teller geworfen hatte.

Nebeneinander gingen sie die hölzerne Treppe zu den Räumen hinauf und diesmal ließ sie ihm den Vortritt, als sie bei der Zimmertür angekommen waren.

Jayne scannte mit einem kurzen Blick den Raum – von rechts nach links das Doppelbett, ein Tisch unter dem Fenster, ein Waschbecken, ein Schrank, klein und sauber – schloss die Tür ab, kontrollierte das Fenster. River stand mitten im Raum und als er sich wieder zu ihr umdrehte, sagte sie: „Ich höre für heute auf mit dem Spielen. Gehe schlafen, bin bei Simon und Serenity.“

Dann zog sie ihre Stiefel aus, kletterte auf die eine Seite des Bettes und rollte sich zusammen wie ein Kätzchen. „Gute Nacht Jayne. Schlaf schön.“

Wieder blieb Jayne nichts anders übrig, als den Kopf zu schütteln und es ihr gleich zu tun – Hut ab, Stiefel aus, Cath, die kleine Schwester von Vera, unters Kopfkissen und abwarten, was der morgige Tag so bringen würde. Serenity wäre hervorragend. Simon wäre auch in Ordnung – das Kopfschütteln über diesen abstrusen Gedanken war das letzte, bevor Jayne einschlief.


Simon schaute von seinen Hausaufgaben auf und River sah, wie sich seine feinen Augenbrauen in Überraschung hoben. Während er sie so anstarrte und ein paar Augenblicke lang versuchte, sich alleine einen Reim aus dem Auftritt seiner Schwester zu machen (bevor er sie wie üblich lächelnd danach fragte), betrachtete sie eindringlich sein Gesicht, als könne sie ebenfalls ein Geheimnis daraus enträtseln, wenn sie nur genau genug hinsah. Aber seine geraden und dennoch weichen Züge, seine warmen Augen und die geschwungenen Lippen hielten kein Geheimnis, nichts, was er vor ihr verstecken würde.

„Mei mei, willst du so zur Tanzstunde gehen?“ fragte er und sie beide sahen an River herab. Sie hatte sich in ein weißes Laken gehüllt und auch der Welpe auf ihrem Arm trug eine kleine Toga. River schüttelte den Kopf: „Wir sind Abgesandte der Friedenskonferenz. Der Krieg zwischen der Unification, der Independence und den Dinosauriern muss endlich ein Ende haben.“

Simon lachte über ihre perfekte Imitation der Nachrichtensprecher, die über die Kriegslage berichteten. „Da hast du vollkommen recht. Aber was macht Jamie hier?“ Er kraulte dem Welpen den Kopf.

„Jamie ist Abgesandter der Dinosaurier.“, erläuterte River sofort und mit Selbstverständlichkeit in der Stimme ergänzte sie: „Die Dinosaurier sind zu groß, um in den Konferenzsaal zu passen.“

Simon lächelte und nickte: „Ah, ich verstehe. Sehr weise von ihnen, einen Hund als Parlamentarier zu senden. – Welche Partei vertrittst du und wer bin ich?“

River sah, wie seine Gesichtszüge älter wurden. Die eben noch kindlich gerundeten Wangen verloren an Fülle, die Konturen seiner Wangenknochen und seines Kinns traten deutlicher hervor, aber Simons verschwörerisches Lächeln blieb.

Sie waren nicht mehr in ihrem Wohnzimmer, sondern auf einer Wiese im Park. River hatte eine bunt karierte Decke ausgebreitet und sie hatten Früchte und Kuchen, Limonade und Tee darauf verteilt.

Jamie döste flach ausgestreckt im hohen Gras in der Sonne und Simon lag auf der Seite auf seinen Ellenbogen gestützt und nahm Mangostücke aus ihrer Hand, die sie für ihn klein schnitt. Sie sah zu ihren nackten Zehen, die über die Decke hinaus ragten und mit den Grashalmen spielten.

„Es ist so schön hier.“, sagte er, „Wir hätten viel häufiger hierher kommen sollen, den ganzen Sommer lang.“

Sie hörte die leise Melancholie in seiner Stimme und gab ihm ein weiteres Stück Mango: „Simon, wir machen das nächsten Sommer. Jeden Tag, den du frei hast, wenn ich in den Ferien zu Hause bin, kommen wir hierher und essen Früchte und du kleckerst auf dein Hemd.“

Er sah an sich herunter und rieb über die hellen orangenen Flecken, die der tropfende Fruchtsaft auf seinem Hemd hinterlassen hatte, dann lächelte er sie an: „Das machen wir. Es ist nur, dass ich den ganzen Sommer gelernt habe und jetzt, wo meine Prüfungen vorbei sind,“, seine Stimme wurde leiser, „verliere ich dich.“

River wusste, was sie gesagt hatte – dass er sie nie verlieren würde, dass sie ihm lange Briefe schreiben würde, darüber, wie aufregend es in der Akademie sein würde und dass sie ehe er sich’s versah wieder hier sitzen würden – aber sie konnte nichts davon sagen, bevor sich Simons Gesicht zunächst in Überraschung und dann in Horror verzog. Sie drehte sich um, eine Strähne ihrer langen Haare hin ihr im Gesicht und behinderte die Sicht, aber sie sah sie dort stehen. Two by two. Hands of blue.

River sprang auf, wollte Simon zurufen, dass er fliehen sollte, aber sie hatte keine Stimme, ihr Bruder bewegte sich nicht und sie hörte laut und klar seine Furcht in ihrem Kopf. Two by two.

Die Männer kamen näher, River starrte wie hypnotisiert auf ihre Hände in blauen Handschuhen, die das kleine todbringende Gerät vor sich hielten, und sie hörte den unerträglich hohen Ton, öffnete den Mund und konnte nicht schreien. Hands of blue.

„Die Ferien sind vorbei, River Tam.“, sagte die Stimme des einen Mannes und seine blaue Hand griff nach ihrer Schulter. Sie drehte sich zu Simon und Jamie um, sah den Horror in ihren Gesichtern, bevor der Ton sie zerstörte. Sie zuckten unkontrollierbar, schrien, schrien, ihre Ohren, ihre Nasen ihre Augen, ihre Augen! bluteten. River spürte die Implosion aller Blutgefäße, ihrer Herzen, ihrer Gehirne, schrie, war nicht zu hören, zitterte, war wie gelähmt, starb mit ihnen, war nicht tot.


River schrie so laut, dass Jayne vor Schreck aus dem Bett fiel. Fluchend rieb sich sein Hinterteil, auf dem er so unsanft gelandet war – bei der Liegefläche und der Geräuschkulisse war an Schlaf nicht zu denken.

Gerade als er soweit Herr seiner Glieder war, dass er aufstehen konnte – und er hatte wahrlich das Vorhaben, River an den Füßen aus dem Fenster zu hängen – hörte das Geschrei so abrupt auf wie es angefangen hatte.

Jayne rieb sich den Schlaf aus den Augen, fluchte aus Gewohnheit noch ein bisschen mehr und wollte sich gerade wieder hinlegen, als er das leise Schluchzen von der anderen Seite des Bettes hörte. Seine mittlerweile an das Halbdunkel gewöhnten Augen sahen River zu einem winzigen Ball zusammengerollt unter der dünnen Decke liegen, die zu ihrem Zittern kleine rhythmische Wellen schlug. Wenn er genau hinhörte, konnte er aus ihrem leisen Jammern einzelne Wörter ausmachen – „Nein.“, „Nicht.“, „Simon, Simon.“

Jayne seufzte tief. Jen dao mei.

Ein leise gesprochenes „Hey, River.“

Keine Reaktion.

Der Captain auf Raumlautstärke: „River, wach auf!“

Keine Reaktion.

Eine zugegebener Maßen nicht besonders gelungene Imitation von Docs Schmeicheltonfall: „Bao bay, es gibt Erdbeeren...“

Keine Reaktion.

Jayne seufzte noch einmal, dann streckte er seine Hand aus und klopfte ihr ungelenk auf die Schulter, nicht ganz sicher, ob er sie kräftig genug angestoßen hatte, um sie zu wecken, ohne aber irgendwas zu brechen.

River wachte auf wie vom Blitz getroffen und ebenso blitzartig zog er seine Hand zurück. Sie schnellte im Bett hoch und sah sich mich vor Furcht geweiteten Augen um, bis ihr Blick bei Jayne hängen blieb. Jayne starrte mit hoch gezogenen Brauen zurück. Rivers Augen wurden noch größer. Jayne wusste nicht, was der nächste Zug in diesem Spiel war.

„Ähm.“, machte er und starrte noch ein bisschen mehr, darauf wartend, dass sie irgendwann weggucken würde. Was sie nicht tat.

„Ähm ja,“, setzte er erneut an, „du hattest einen Albtraum. Nichts ist passiert. Schlaf weiter.“, und nur in Gedanken fügte er aus Gewohnheit ein „du verrücktes Huhn.“ hinzu und legte sich wieder hin.

Automatisch griff seine Hand im Halbschlaf zu Cath unter seinem Kopfkissen, als er wenig später die schmale Figur sich bewegen fühlte, zog die Waffe dann aber nicht, sondern erstarrte vor Überraschung, als er spürte, wie River sich neben ihm wieder zusammenrollte und ihren Kopf auf seine Brust legte. Ihre langen Haare kitzelten ihn am Hals.

„Hmpf.“, brummte er halb wach, „Sehe ich aus wie ein Federkissen?“

„Nein.“, gab ihre klare helle Stimme sofort zurück, „Zu hart für ein Federkissen.“ Dazu klopfte sie sachte auf seinen Brustkorb und das Tänzeln ihrer Fingerspitzen ließ ihn unwillkürlich schmunzeln.

„Zu hart, hm? Liegt daran, dass du verhätschelt worden bist als Baby.“, antwortete er, allerdings ohne die gewohnte Bissigkeit (zu müde, das war alles).

„Deine Mama hat dich auch verhätschelt.“, stellte sie mit für seinen Geschmack eindeutig zuviel Sicherheit in der Stimme fest. „Du magst bloß keine weichen Kissen.“ Sie kuschelte sich näher an ihn und er spürte leise Vibration auf seinem Oberkörper, als sie erneut sprach: „Ich auch nicht.“

Toll, was für eine unglaubliche Gemeinsamkeit, dachte Jayne sarkastisch, konnte sich aber dennoch ein zweites Schmunzeln nicht verkneifen. Sich geschlagen gebend, sagte er nur noch: „Hoffe, du sabberst nicht, wenn du schläfst.“

Er ließ Cath los, strich ein paar der kitzelnden Haare von seinem Hals dorthin zurück, wo sie hingehörten, und schloß die Augen wieder. Er schlief sowieso auf dem Rücken, wieso sollte sie da nicht liegen bleiben? Mm, warm.

Jayne nickte wieder ein, brummte im Schlaf, zufrieden mit der Wärmequelle und legte seinen Arm um ihre Schulter.


Er wachte auf, weil etwas mit der Heizung nicht in Ordnung war. Verfluchtes Stück Gosa, schimpfte er auf Serenity und deren ewig durchbrennende Sicherungen. Moment. Nicht Serenity. Er war in Waterfalls Town, Troilos. Und der Grund, aus dem seine rechte Seite so kühl war, war die Abwesenheit von River.

River!

Jaynes Augen schossen auf, die Zehntelsekunde, die es dauerte, bis er sehen konnte, betete er, dass das verrückte Mädchen nicht auf einen Streifzug durch die Stadt gewandert war. Geblendet vom Sonnenlicht zwinkerte er ein-, zweimal, konnte aber auch so schon zu seiner Erleichterung sehen, dass sie sich noch mit ihm im Raum befand.

„Morgen!“, trällerte sie prompt, ohne sich von dem Spiegel über dem Waschbecken, vor dem sie stand, umzudrehen.

„Hmpf.“, brummte er zurück, griff nach dem Kissen neben sich und stülpte es sich über sein Gesicht. Scheiße, das war also doch kein Traum gewesen.

Uneingeladen und plötzlich blendeten ihn wieder die Sonnen, da River ihm das Kissen weggezogen hatte. Sie hielt es mit beiden Händen an einer Seite fest, während er noch so reaktionsschnell gewesen war, es zumindest am anderen äußersten Zipfel zu greifen. Er guckte sie an, wie er meinte mit seinem grimmigsten Gesicht, aber sie lächelte nur breit, sagte „Aufstehen!“ und ließ abrupt los, so dass er sich das Kissen durch den Schwung selbst ins Gesicht schlug.

„Chur ni-duh.“, war sein Kommentar, aber er schwang die Beine aus dem Bett und stand tatsächlich auf.

Während sein Gehirn noch damit beschäftigt war, seiner allmorgendlichen Erektion mitzuteilen, dass es heute keine Erleichterung geben würde und seinem Magen, dass er auf Nahrung gefälligst noch ein bisschen zu warten habe (was beide eindeutig missmutig stimmte), stellte sich River vor ihn, sah zu ihm auf und sagte: „Wir brauchen einen 1/6 KM Flux Generator.“

„Wir brauchen ein Funkgerät.“, konterte Jayne.

Rivers zierliche Hände pressten ein Stück Papier auf seine Brust und sie wiederholte: „Flux Generator.“

Er griff automatisch nach dem Papier und faltete es auseinander. Eine Karte der südlichen Hälfte Troilos‘.

„Wo hast du die denn geklaut?“

River hob eine Augenbraue und sagte in einem Tonfall, als wäre er unglaublich begriffsstutzig (was er nicht war, vielen Dank): „Mitgenommen. Gestern. Aus dem Shuttle. Dummchen.“

Jayne brummte etwas Unverständliches und sah erneut auf die Karte. In Mals großzügiger Handschrift und in der zierlichen des Docs waren Koordinaten eingetragen, zusätzlich zu Lageplänen des Labors in Aesakos und der ursprünglichen ‚Einkaufsliste‘.

Das Forschungslabor war nicht weit von hier...

Er legte die Karte einstweilen beiseite und beugte sich in Gedanken über das kleine Waschbecken. Das kalte Wasser lief erfrischend über seine Hände und er hielt den Kopf unter den Hahn. Als er sich wieder aufrichtete, lächelte ihn sein Spiegelbild an. Eigentlich nicht wirklich sein Spiegelbild, sondern ein großer Smiley, der mit Zahnpasta auf die reflektierende Oberfläche gemalt worden war.

Jayne entfernte die Nase des Smilies und putzte sich mit dem Finger die Zähne und sah nachdenklich an den strahlenden Zügen des Zahnpastamannes vorbei auf River, die im Schneidersitz auf dem Bett wartete, die Karte studierte und momentan ziemlich zurechnungsfähig zu sein schien. In einem Tagesritt konnten sie es bis nach Aesakos schaffen, nebenbei auch noch die Sachen auf der Liste besorgen. Alles schneller, als hier auf den Schneckenzug nach Paris zu warten und nicht einmal zu wissen, ob Serenity schon zurück war...

„River, so‘n Flux-Generator, gibt es den häufig?“, fragte er beiläufig. „In Aesakos bestimmt.“, antwortete sie ebenso beiläufig und er fragte sich ernsthaft, ob sie seine Gedanken lesen könnte. Dann krabbelte sie über das Bett, griff unter das linke Kopfkissen und steckte sich die dort gefundene Cath in den Bund ihrer Hose. Im Vorbeigehen setzte sie ihm seinen Hut auf und sagte, bereits an der Tür: „Los?“

Was hätte er da erwidern sollen?

Sie verließen das Zimmer und da sie ohnehin durch den Saloon raus mussten, beschloss Jayne, dass er, wenn er schon darauf warten musste, dass der Zwerg ihm Brot besorgte, ebenso gut auch ein morgendliches Bier trinken konnte. Er war es einfach nicht gewohnt, Babysitter zu sein, deswegen bemerkte er erst, dass River sich fortgeschlichen haben musste, als sie schon zurück war und hinter der Schwingtür stand und seinen Namen rief.

„Wo warst’n du?“ brummte er und stellte das leere Pint auf den Tresen. Sie lächelte ihn rätselhaft an und blieb hinter der Tür stehen und blockierte so den Eingang. Seufzend erhob er sich also, zahlte, klemmte sich das Brot unter den Arm und wandte sich seiner persönlichen Verrückten zu.

Den Grund dafür, dass das Mädchen nicht zurück in den Saloon gekommen war, sah Jayne, sobald er die Schwingtüren aufstieß – sie hielt zwei gesattelte Pferde am Zügel.

„Häh?“ machte Jayne wenig intelligent und River warf ihm ein paar Zügel zu: „Jayne, das ist Bravado. Bravado, das ist Jayne.“

Jayne, der es grundsätzlich nicht einmal für nötig ersah, sich Menschen vorzustellen, beäugte skeptisch das ihm soeben bekanntgemachte Pferd und deutete dann mit dem Zeigefinger zwischen diesem und River hin und her, einen vollkommen verständnislosen Ausdruck im Gesicht.

River legte den Kopf zur Seite und sagte: „Ich habe uns Pferde gekauft. Wie sollen wir einen Ausflug machen ohne Pferde, hm?“ Als sei damit alles geklärt, lächelte sie kurz, dann stellte sie sich neben ihren Schimmel und streckte das linke Bein nach hinten aus. Jayne, der immer noch nichts zu sagen wusste, fand sich nun dabei wieder, ihr aufs Pferd zu helfen, bevor er selbst seinen Braunen bestieg.

Als hätte sie die Karte im Augenblick genau vor sich – was sie wahrscheinlich hatte, wenn man ihr fotografisches Gedächtnis bedachte – wandte sie ihr Pferd zielsicher gen Westen und ohne dass irgendeine Hilfengebung zu sehen gewesen wäre, versetzte sie ihr Pferd in einen leichten Galopp und ritt aus Waterfalls. Jayne blieb wenig anderes übrig, als das Frühstücksbrot einstweilen in den Satteltaschen zu verstauen und sein Reittier weniger subtil aber durchaus effektiv ebenfalls in Gang zu bringen.

Wie alles, auf das sie einmal ihren sprunghaft aufblitzenden Intellekt gesetzt hatte, verstand sie sich auch auf das Reiten perfekt.

Ohne Mühe hatte sie im fliegenden Galopp essen können, hatte einfach die Zügel fallen gelassen und ihr Brot mit beiden Händen in den Mund gestopft, und wäre der Schimmel nicht schnurgerade auf der vorgegebenen Route geblieben, durch ihre Schenkel gelenkt, so hätte man glauben können, sie habe das Reiten über das Essen ganz vergessen.

Die Landschaft war von hier unten ebenso karg und abwechslungslos wie sie es knapp 24 Stunden vorher aus der Luft gewesen war – weißer Sand, ein paar Sträucher, ein paar Felsen und zwei Sonnen am Himmel – so langweilig, dass Jaynes Blick von regelmäßigen Kontrollrundblicken immer wieder bei River hängen blieb.

Als die Mittagssonnen zu heiß wurden, beschloss er, dass es Zeit für eine Pause war, und sie banden ihre schwitzenden Reittiere im Schatten eines Baumes an. Sie aßen einen Hasen, den Jayne geschossen hatte, und warteten die größte Mittagshitze ab.

Schließlich begann Jayne damit, das Feuer, über dem sie ihr Mittagessen geröstet hatten, mit seinen schweren Stiefeln zu löschen. Währenddessen hatte River sich um ihn herum geschlichen und seinen Hut aufgesetzt, damit noch nicht genug, stellte sie sich ihm nun in den Weg und zog mit eleganten Fingern Cath aus seinem Gürtel.

„Was zum -,“ brummte er sie an und wollte nach seinem Hut greifen. Das Mädchen trat einen Schritt zurück, steckte Cath wie schon zuvor in den Bund ihrer Hose und legte einen Finger auf ihre Lippen. Dann flüsterte sie: „Kein Pirat ohne Waffe. Kein Überfall ohne Waffe. Schieße mit den Augen geschlossen.“, und sie schloss die Augen wie zum Beweis. Eine Sekunde später, in der Jayne sich vor Überraschung nicht gerührt hatte, öffnete sie die Lider mit den langen Wimpern wieder und sah an ihm herab: „Du hast Liz und Cordy und Tara.“, sie wies auf die Waffen, die zu seiner Grundsausrüstung gehörten. „Ich habe Cath, Hut und Moondancer.“ Sie lächelte ihrem Pferd zu und hielt den Hut auf ihrem Kopf fest.

Jayne schüttelte resignierend den Kopf: „Na los, aufs Pferd mit dir.“

Erst als sie beide wieder im leichten Galopp über die weiße Ebene ritten, drängte er seinen Braunen näher an Moondancer und rief ihr zu: „Man schießt nicht mit geschlossenen Augen.“

Als River ihn ohne jegliches Verständnis in den großen Augen ansah, zog er Cordy: „Siehst du den Ast da?“ Er wies mit dem langen Lauf der Waffe auf einen Baum in etwa fünfzig Meter Entfernung und als ihr Blick der Zielrichtung folgte, schoss er den obersten Ast ab.

„Augen offen. Kein Blinzeln.“, instruierte er. „Nur so kannst du treffen.“

Sie drehte sich zu ihm und lachte ihn an: „Ich ziehe schneller als mein Schatten.“

Einen Moment starrte sie auf den zu Boden gefallenen Ast, dann schloss sie die Augen. In einer einzigen flüssigen Bewegung zog sie Cath, schoß dreimal und ließ damit den Zweig in die Luft schnellen und dort zweimal tanzen. Dann steckte sie Cath zurück in ihren Gürtel und ritt weiter, ohne die Augen wieder geöffnet zu haben.

„Wuh de ma...“ murmelte er und erst ein paar Sekunden später fiel ihm ein, dass er seinen Kiefer wieder hochklappen könnte.


Schießen war Mathematik. Wissen, wo das Ziel lag, einmaliges Anvisieren, den Rest – die Errechnung der Flugbahn, des Einschusswinkels – alles trockene Mathematik. Langweilig, letztlich, wenn man es so machte, wie sie es tat.

River liebte Pferde. Pferde dachten nicht so viel und brachten ihren Kopf nicht durcheinander.

Die Gedanken des Captains waren schwer wie dunkler Rotwein, er machte sich Sorgen um Serenity, um seine Crew, hatte Albträume von nie endendem Krieg. Zoes waren wie alter Whisky – feurig und glasklar, Kämpfen war es, was ihre Gedanken antrieb. Außer wenn sie mit dem komischen Mann mit den bunten Hemden – Wash, Wash hieß er – zusammen war, dann dachten beide Liebe und Lust und, und, und – und River schwankte und taumelte. Kaylees waren prickelnder Sekt, River bekam Schluckauf von ihren Gedanken, auch wenn sie kicherte. Selbst der Priester und Inara– alle dachten trunken, alles zu kompliziert für ihre eigenen Köpfe, großes, großes Durcheinander in Rivers Kopf. Mix keine Getränke. Bier auf Wein, das lass sein. Kopfschmerzen. Kater.

Moondancer dachte laufenlaufenlaufen, River dachte laufenlaufenlaufen.

Ihre langen Beine umschlangen mühelos den Bauch ihres Pferdes, ihre zierlichen Hände ruhten in seiner Mähne und ihr Körper machte jede der fließenden Galoppbewegungen mit, als sei er angegossen, als sei sie Teil des Pferdes und nicht nur seine Reiterin. Sie beugte sich weit den weißen Hals herunter, ohne die geringste Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren, hielt sich in der vollen Mähne fest und sprach dem Pferd direkt ins Ohr. Leise Dinge, Unsinn wie manches, das Simon ihr ins Ohr flüsterte bevor sie schlief, beruhigend, charmant, zum Schmunzeln.

Ihre langen Haare wehten im Wind wie die Mähne ihres Pferdes, River spürte den Wind auf ihrer Haut, die frische Luft statt schwerer Gedanken, lachte, presste ihren Körper näher an das weiße warme Fell. Laufenlaufenlaufen. Sie brauchte keine Zügel, um die Richtung beizubehalten, ihre Schenkel lenkten den Schimmel.

Und Jayne war die ganze Zeit direkt an ihrer Seite, würde sagen, wenn die Richtung nicht stimmte. Sagte immer, was er dachte, kein Durcheinander in seinem Kopf. Sie drehte sich halb zu ihm um, ihre Haare und Moondancers Mähne und der Wind in ihrem Gesicht und sie sah, dass seine Augen auf ihr ruhten. Kein Zwinkern, kein Blinzeln.

Es begann zu dämmern, als sie die Felsformation erreichten, die auf der Karte als Aesakos gekennzeichnet waren.

„Hey, River, stopp.”, rief Jayne halblaut. Während River und ihr Schimmel vollkommen still standen, ließ Jayne seinen Braunen einmal auf und ab galoppieren, um das Gelände, das sie aus der Luft hatten einnehmen wollen, auf seine Zugänglichkeit zu Pferde zu überprüfen.

Wie die Karte zeigte, lag das Forschungslabor inmitten der in den Himmel aufragenden Felsen. Offensichtlich galten diese als ausreichender Sichtschutz, denn Jayne konnte nirgendwo Wachen auf den Felsvorsprüngen erkennen. Es wäre schwierig geworden, hier unbemerkt mit dem Shuttle zu landen, aber zu Fuß sah er nichts, was seinen Vormarsch auch nur wesentlich hätte verlangsamen können. Keine Stelle war zu steil, immer gab es genügend Deckung.

Jaynes vor Konzentration zusammengekniffene Augen streiften River, die nach wie vor vollkommen bewegungslos auf ihrem zur Statue erstarrten Pferd saß. Er sprang von seinem Braunen und winkte dem Mädchen, ihm zu folgen. Er führte sie bis zu einer kärglichen Ansammlung von vertrockneten Bäumen, die seiner Meinung nach genügend Schutz davor boten, dass die Pferde aus der Luft gesehen werden könnten.

„Absitzen, Amazone.“, brummte er und sie schwang mühelos und elegant ihre langen Beine vom Pferderücken.

„Amazonen haben sich die rechte Brust amputiert. Um ungehindert schießen zu können.“, sagte sie und flocht ein Zöpfchen in die Mähne ihres Schimmels.

Jayne guckte sie verwirrt an – einmal, weil er sich mal wieder keinen Reim darauf machen konnte, was zum Teufel sie ihm nun wieder damit sagen wollte, und dann: Frauen mit nur einer Brust?! Er schüttelte den Kopf, um diese ziemlich verstörende Vorstellung aus seinem Schädel zu bekommen, dann band er seinen Braunen an einen Baum und lehnte sich neben ihm an.

Sie mussten bis zum Einbruch der Nacht warten, die Tiere fraßen die Äste der Bäume, River flocht ihre Mähnen, so dass sie aussahen wie Puppenpferde, und summte dazu Melodien. Als die Sonnen ganz untergegangen waren und nur noch der silbrige Glanz des Sandes mit ihren goldenen Strahlen vermischt zwischen Tag und Nacht einen Augenblick zu verweilen schien, hörte Jayne sie leise singen: „Choose to chance the rapids and dare to dance the tide.“ Wie passend.

„River,“, sagte er leise und sie nickte: „Genau.“

Sich diesmal nicht irritieren lassend, stieß er sich von dem Baum ab und wiederholte: „River. Es kann losgehen.“

Sie drehte sich zu ihm um und setzte ihm den Hut auf, den sie bis dahin noch selbst getragen hatte, zog ihn etwas zu tief in die Stirn und sagte: „Viel Erfolg. Wir warten.“

Hm.

„Okay.“, sagte Jayne, griff sich ein Paar der Satteltaschen und machte sich auf den Weg.

Mühelos kletterte er die Anhöhen hinauf, immer in geduckter Haltung Schatten, die die Felsen warfen, als Deckung nutzend. Liz, seine mittelgroße Laserwaffe mit dem schweren Lauf, hielt er stets schussbereit in der Hand, trotz der schweren Stiefel und seiner Körpergröße machte er keinen Laut, bot kein Ziel.

Mal und Zoe hatten an die Unabhängigkeit geglaubt und waren für sie in den Krieg gezogen. Jayne kämpfte nicht für die Ideale anderer, wenn er auszog, dann für einen lohnenswerten Raub. Mal und Zoe waren erfahren in taktischen Manövern und konnten lange ausharren, sicherten sich stets gegenseitig, Jayne ging durch die Mitte, drängte auf Handlung, jetzt und sofort, und deckte niemanden.

Jayne hatte keine Skrupel, jeden zu töten, der sich ihm in den Weg stellte, wusste aber, wann es klüger war, keine Leichen zu hinterlassen.

Zum Beispiel, wenn die Alternativen entweder ein zu lauter Schuss oder eine Sauerei von Kehlenschnitt waren oder aber ein kräftiges Hallo mit dem Lauf von Liz.

Jayne fesselte den ersten bewusstlosen Wachmann mit dessen eigenen Handschellen, knebelte ihn und verstaute ihn hinter dem Felsen, an dem er gestanden hatte. Da waren’s nur noch – er musste einen Moment überlegen und fragte sich zugleich, ob es wohl Rivers Schuld war, dass er mitten in einem Job in Kinderreimen dachte – da waren’s nur noch drei.

Er hockte sich einen Augenblick zu dem bereits Ausgeschalteten und überblickte die Lage im Tal: Direkt vor ihm erstreckte sich ein kleiner Parkplatz für Shuttles, momentan nur von einem einzigen besetzt. Dahinter begann ein flacher, bungalowartiger Bau in unscheinbarem Hellgrau, Jayne konnte den Haupteingang sehen und den Wachmann, der sich direkt davor postiert hatte. Er wartete ein paar Minuten, bis ein weiterer Uniformierter, der offensichtlich Streife ging, vorbeikam, den an der Tür grüßte und dann erneut seine Runde antrat.

Wiederum den Schatten und das einzelne Shuttle als Deckung nutzend, schlich Jayne sich mühelos an den Patrouillerenden heran und schaltete ihn ebenso problemlos aus wie Nummer Eins. Nummer Drei hatte danach keine Chance mehr.

Die Feds waren wirklich absolute sagwa.

Jayne warf sich den bereits gefesselten Türsteher über die Schulter, lud ihn bei seinen Freunden Parkplatz und Rundgang ab und dachte einen Augenblick darüber nach, ob er ihnen zum Spaß auch noch die Hosen ausziehen sollte, entschied sich dann aber aus Zeitgründen dagegen. Er erleichterte Tür um seine Codekarte und nahm wegen der besseren Deckung den Seiteneingang.

Klick.

Eingang offen, kein Problem. Mit ebenfalls leisem Klicken schloss er die Stahltür wieder und orientierte sich einen Augenblick in dem langen Flur. Viele Türen, Sternenlicht, das von draußen durch die Fenster eindrang, und ein Wachmann übrig.

Der erwies sich als ebenso großer Vollidiot wie seine Kollegen – mal ehrlich, wer stampfte mit so einer Lautstärke durch die Flure, dass man ihn auf 50 Meter Entfernung hören konnte und sich bloß noch schlagbereit um die nächste Ecke stellen musste? Jayne fühlte sich ein bisschen um den lustigen Teil des Unernehmens betrogen, als er Nummer vier hinter der Tür „Reinigungsgeräte Süd“ verstaute.

Okay.

1. Labor: Medikament,

2. Lager: Flux-Dings,

3. Büro: Listen,

4. Überall: Chaos stiften.

Zur Sicherheit schaute Jayne noch einmal auf die Karte, auf die der Doc den genauen Namen des Medikamentes geschrieben hatte. Da Simon selbst nicht hier war, um die Güter einzusammeln, war Jayne sogar dankbar für die Pedanterie des Arztes und für den endlos langweiligen Vortrag, den Simon ihm noch im Shuttle über das Innere des Labors und den wahrscheinlichen Aufbewahrungsort des Zeugs gehalten hatte. So fand er ohne jede Probleme, was er suchte: Mehrere kleine Ampullen mit einer violetten Flüssigkeit, an die ein Computerchip geheftet war, der Zusammensetzung und Dosierung verraten würde.

Punkt Eins auf der Liste: check.

Jayne grinste breit, als er in dem kleinen Lagerraum des Labors stand. Verbohrte, betrügerische Arschlöcher mochten die Feds ja vielleicht sein, aber sie waren ordentlich. Er rechnete es ihnen hoch an, dass sie so zuvorkommend waren, sämtliche Lagerbestände sorgfältig zu beschriften, so dass das Besorgen des 1/6 KM Flux Generators eine Sache von einer Minute war. Sehr nett von ihnen; Jayne nahm sich vor, den vier Wachleuten auch auf dem Rückweg nicht die Hosen auszuziehen zum Dank dafür.

Punkt zwei auf der Liste: check.

„Büro“, zwar nicht mit einem so niedlichen Schild wie dem vor Kaylees Raum, aber nichtsdestotrotz beschriftet. Jayne grinste über sein Finderglück und schoss kurzerhand mit Liz den Türknauf weg und den Weg frei.

Akten. Akten. Akten.

Jayne fluchte leise. Den Kopf schräg legend las er die Beschriftung der Aktenordner im Regal, hoffend auf ein knallrotes “Nimm mich!”.

Hm.

„Auslieferung“ tat es wohl auch.

Er ging die ersten paar Seiten der Akte durch – Planeten, Krankenstationen, Daten, Versorgungsschiffe, Bingo. Nachdem er die benötigten Papiere rausgerissen hatte, warf er kurzerhand den gesamten Aktenschrank um, stieß dabei zu seiner Freude noch auf eine kleine Geldkassette und hakte in seinem Kopf auch Punkt drei der Mission ab.

Blieb noch Nummer vier.

Jayne grinste breit im Halbdunkel der Laborgänge, warf sich die mittlerweile wohl gefüllten Satteltaschen über die Schulter und rieb sich die Hände.

 

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