Morgen

 

„Die Idylle ist Vollglück in der Beschränkung.“

Jean Paul

 

Buffy hat eine große weiße Decke so um sich geschlungen, dass nur das leise Klappern ihrer Absätze auf der Steinterrasse verrät, dass sie bereits angezogen ist. Mit der Hüfte schiebt sie den hölzernen Lehnstuhl etwas zur Seite, um nicht die Zipfel ihres Umhangs aus Wolle loslassen zu müssen, dann lässt sie sich hineinfallen. Sie zieht die Beine zu sich nach oben und umschlingt sie mit beiden Armen. Wie eine aquarellierte Skizze hebt sich nur noch ihr Gesicht vom weißen Hintergrund ab, zierliche und klare Züge, die sich nun der Landschaft zuwenden, die hinter der niedrigen Stuckmauer beginnt.

Morgendlicher Nebel schwebt noch über dem Gras und windet sich um die Stämme der Olivenbäume, obwohl die Sonne bereits zu sehen ist und am Himmel einen warmen Tag verspricht. In einem der Bäume, die dem Haus am nächsten stehen, raschelt es in den Ästen und lautes Vogelgezwitscher ist zu hören. Als einige Blätter auf den Steinfußboden und auf ihre weiß umhüllte Gestalt fallen, blickt Buffy auf. Sie verzieht in einer Miniatur von Ärger und Schmollen den Mund, und auf ihrer sonst glatten Stirn bilden sich zwei Falten, die ihren Unwillen darüber ausdrücken, dass zwei Streithähne ihre Morgenidylle stören. Einen Moment lang scheint sie aufspringen zu wollen, um wie gewohnt für Ordnung zu sorgen, aber die Tatsache, dass es sich hier weder um Dämonen noch um Highschool-Schüler handelt und dass sie außerdem dafür ihre Decke zurücklassen müsste, bringt sie von dem Vorhaben wieder ab.

Stattdessen schickt sie einen strafenden Jägerinnen-Blick in die Baumkrone und das genügt offenbar. Noch einmal wird das Gezeter lauter, ein paar Blätter werden von den knorrigen Ästen geschüttelt, dann flattern zwei große Vögel in unterschiedliche Himmelsrichtungen davon.

Buffy blickt dem einen der beiden nach, der über die Wiese und die Bäume fliegt, bis sie ihn vor den Weinbergen am Horizont nicht mehr erkennen kann. Unter der Decke verharrt ihr Körper nun ruhig, keine kleinen Wellen mehr auf der weißen Oberfläche. Die Vögel zwitschern weiter und der Wind lässt die Bäume und Gräser rauschen und sich wiegen, streift über die Terrasse und fährt durch Buffys blonde Locken, aber sie bleibt still. Nur ihre runden Augen werden größer und schimmern lebendig vor Gedanken.

Statt das Stilleben katalonischer Landschaft zu betrachten, erscheinen Szenen aus Sunnydale, Kerry, Los Angeles, dem Rest der Welt, die nur vor ihrem inneren Auge, nur von ihr gesehen werden können. Erinnerungen, aufgereiht auf einer scheinbar willkürlich entstehenden Gedankenkette, und Buffy schaut sie alle mit leicht geöffneten Lippen und großen grünen Augen an, fast als ob sie über die Vorführung ungläubig erstaunt wäre.

Hin und wieder zucken ihre Mundwinkel mal nach oben mal nach unten, bis sie ihren Kiefer plötzlich zusammenpresst wie nach einem überraschendem Treffer des Gegners im Kampf. Nicht nur Schönes. Erst scheinen sich ihre Augen noch mehr zu weiten, dann zwinkert sie ein paar Mal, wie um zu weit auseinanderdriftende Enden wieder zueinander zu bringen. Der Hauch von plötzlichem Entsetzen, und schlimmer noch, Melancholie, weicht einem entschlossenen Buffy-Gesicht und in der Stille der Landschaft kann man fast hören, wie sie ihr Unterbewusstsein mit derselben Leichtigkeit ironisch zurechtweist, mit der sie ihre Gegner auf Patrouillen verbal attackiert.

Dann lehnt sie sich in ihrem Stuhl zurück und schaut dem Morgennebel dabei zu, wie er sich zunächst in Tau verwandelt und dann ganz dem Tag weicht. Keine harte nächtliche Jagd liegt hinter ihr, kein anstrengender Arbeitstag vor ihr und Buffy lächelt still vor sich hin.

Als die Sonne so hoch am Himmel steht, dass ihre Strahlen bis zu ihr vordringen, schält sie sich aus der Decke wie aus einem Kokon. Sie streckt sich und legt die Füße auf das kleine Mäuerchen, nachdem sie achtlos die Designerschuhe abgestreift hat, über deren Fund sie sich gestern eine halbe Stunde lang gefreut hat. Ihr Lächeln wird zum nach innen gerichteten Schmunzeln und gedankenverloren kaut sie auf den Bändchen am Ende des Ärmels ihres weißen Hemdes. Fast genießerisch schließt sie die Augen und räkelt sich so, dass ihr Körper trotz seiner Zierlichkeit überall über die Grenzen der Decke und des Stuhles zu ragen scheint.

Aus den Bergen löst sich die Silhouette eines Reiters, dessen Pferd sogleich mit hoher Geschwindigkeit über die Ebene galoppiert und schnell größer wird. Es ist ein Andalusier, der sich grauweiß von erdigem Grün abhebt und die zweite Jägerin auf seinem Rücken trägt.

Sein kurzer, gedrungener Körperbau und der mächtig gewölbte Hals strotzen vor geballter Energie, gleichzeitig bewegen sich seine schlanken, langen Beine mit müheloser Schnelligkeit und harmonisieren Kraft und Eleganz. Mähne und Schweif flattern im Rhythmus seiner donnernden Galoppsprünge ebenso im Wind wie die langen braunen Haare von Faith. Schnaubend schüttelt das Pferd den Kopf und sie lacht über seinen Übermut. Leicht lässt es sich aber nach diesem Sprint wieder bändigen und pariert sogleich zum Schritt durch, als sie es darum bittet.

Das Pferd streckt seinen Hals aus und schlägt in entspanntem Tempo den Weg zur Hazienda ein, während die junge Frau die Zügel gänzlich fallen lässt, die Arme von sich streckt und sich dann mit einer großzügigen Geste durchs Haar fährt um ihre eigene Mähne wieder zu bändigen. Sie verschränkt die Hände hinter dem Kopf und greift erst wieder zum Zügel, als der Andalusier die Gestalt vor dem Haus entdeckt und die kleinen Ohren spitzt. Er läuft gutwillig weiter, als Faith ihm den Hals tätschelt und wendet sich wieder den Bäumen und dem Gras zu. Der Blick der Jägerin bleibt jedoch auf der Terrasse und mit einer Drehung ihres Handgelenkes veranlasst sie ihr Pferd zu einer Richtungsänderung.

Ein paar Meter vor der Stuckmauer bleibt sie stehen und betrachtet das Bild vor sich. Ihre Augen fahren an Buffys bloßen Füßen die nackten, braun gebrannten Beine und den rosé schimmernden Stoff ihres Rockes herauf, über ihre weite Leinenbluse und die goldenen Haare bis zu den Augen, die sie anblinzeln.

„Guten Morgen, Schlafmütze.“, sagt Faith und imitiert schemenhaft mit dem rechten Arm einen galanten Reitergruß.

„Guten Morgen.“, grüßt Buffy zurück, ohne sich zu erheben. Mit einer Geste zu dem ruhig wartenden Pferd fügt sie neckend hinzu: „Konntest du deine Finger wieder nicht von den spanischen Männern lassen?“

Faith grinst breit und schwingt ihre Hüfte vieldeutig, worauf der Hengst mit einem Schritt rückwärts und einem Kopfschlagen reagiert.

Buffy lacht auf. „Zumindest ist er ein Gentleman. Da kann ich schon verstehen, wieso es dich mitten in der Nacht aus dem Bett treibt.“

Noch einmal lässt Faith die Augenbrauen süffisant nach oben schnellen, dann blitzen aber ihre Augen mit echtem Enthusiasmus auf und sie sagt: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie genial das ist morgens da draußen! Du musst unbedingt mitkommen.“

„Besser als Jagen?“, fragt die Blonde augenzwinkernd zurück.

Faith winkt ab, ohne das kommentieren zu müssen, meint dann aber doch lachend: „Mal sehen, vielleicht kann ich ihn ja zu meinem Streitross machen, dann kommt er mit auf Streife.“

Buffys Lippen verziehen sich zu einem mokierenden Schmollen, das sie um Jahre jünger erscheinen lässt: „Du willst lieber mit ihm als mit mir?“

Die Reiterin verdreht zunächst theatralisch die Augen, dann legt sie ihre Hände auf den breiten Mähnenkamm, ihren Kopf darauf und zwinkert Buffy von dort aus zu. Diese nimmt das offenbar als Friedensangebot an, ihre eben noch schmollenden Lippen verwandeln sich in das Pendant zum Lächeln der anderen Jägerin.

Schließlich beendet der Hengst durch Schnauben und ungeduldiges Aufstampfen mit dem Vorderhuf das Schweigen und den Blick.

Faith richtet sich wieder auf und räkelt sich erneut: „Mein Ross will frühstücken.“ Sie zuckt entschuldigend mit den Schultern. „Wo wir gerade dabei sind –“

Buffy unterbricht sie: „Lass mich raten: du könntest ein Pferd essen?“

„Hm, das ist wie Jagen und das macht mich hungrig und –“, Faith stoppt, als Buffy anfängt zu kichern und sie mit einer Geste wegschickt.

Die Reiterin zuckt mit den Schultern und lässt ihr Pferd zum Abschied steigen, bevor es auf der Hinterhand wendet und davongaloppiert.

„Angeberin.“, sagt die Zurückbleibende leise zu sich selbst ohne auch nur den Hauch von Kritik in der Stimme.

Trotz der Anspielung auf Frühstück verweilt sie an ihrem Aussichtsplätzchen und genießt die Sonnenstrahlen, bis es sich im Haus zu regen beginnt. Gedämpfte Schritte von Sportschuhen auf Steinboden sind zu hören und Xander bleibt mit den Händen in den Hosentaschen hinter Buffys Stuhl stehen und folgt ihrem Blick ins Grüne.

„Morgen Buff.“

„Morgen Xan. Gut geschlafen?“

Er brummt nur, das aber mit genug Zufriedenheit in der Stimme, dass dies als Ja zählen darf. Als er noch ein ausgiebiges Gähnen hinterherschiebt, fragt sie augenzwinkernd: „Ist’s spät geworden gestern?“

Xander rechnet einen Moment lang und gibt dann zurück: „Giles hat um zwölf aufgegeben und Andrew hat noch so zwei Stunden gebraucht, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.“, er grinst breit, „Dann hat er einen Lex-Luthor-mäßigen Anfall von Größenwahn gekriegt und wir sind schlafen gegangen.“

Die blonde Jägerin sieht beeindruckt aus und meint: „Weltherrschaft, ja? Und ich war schon stolz, wenn Sunnydale halbwegs unter Kontrolle war.“

„Ja, aber nur deinetwegen konnte man es auf dem Höllenschlund aushalten.“, erwidert er. Sie setzt sich auf und sieht an ihm herauf, als über seine Züge ein Hauch Ironie huscht und er fortfährt: „Andrew hat in seinem Stratego-Imperium wahrscheinlich eine Weltpolizei aus lebendig gewordenen He-Man Actionfiguren. Und ob die so sonderlich vertrauenserweckend sind...?“

Beide lachen, dann wechselt sie das Thema und schaut ihn forschend an: „Du bist so schick heute! Hast du was besonderes vor?“

Er schmunzelt und zuckt mit den breiten Schultern: „Nur ein ausgedehntes Frühstück mit meinen Lieblingsfrauen.“

Sie schenkt ihm ihr breitestes Lächeln und blitzendweiße Zähne, schaut dann an ihm vorbei zur Terrassentür und ergänzt: „Und mit Andrew.“

Wieder folgt Xander ihrem Blick und wiegt scheinbar abwägend den Kopf, als er den Angesprochenen, schwer beladen mit Essensvorräten, herauskommen sieht: „Eigentlich hatte ich Andy mitgezählt...“

Buffy hält es nicht für nötig, Xander für diesen Kommentar einen Knuff in die Seite zu geben, da Andrew schon begonnen hat, jeden seiner Schritte am großen Tisch breit zu erläutern, auch wenn nur die Hälfte für die beiden Freunde verständlich ist.

Aus dem Wohnzimmer dringt ein lautes Scheppern und Buffy ist bereits auf dem Sprung, als ein Schreckenslaut Dawns zu hören ist. Doch Xander ist schneller. Er fasst unter das bedrohlich schwankende Tablett in Dawns Händen und nimmt es ihr zur Sicherheit gleich ganz ab. Nur zwei Orangen kullern über den Boden.

„Danke!“, seufzt die große Dunkelhaarige erleichtert und während Xander ihr nur zunickt, erntet sie von Buffy hochgezogene Augen á la Strenge-Schwestern-Art.

Dawn kichert. „Hallo Buffy. Magst du eine Orange?“ Unschuldig weist sie auf das Fallobst am Boden.

Buffy verdreht die Augen und gibt zurück: „Du bist so geschickt wie Giles, als er Hörner hatte und grün war. Und Haare auf den Ohren hatte der auch. UND der hat gerotzt!“ Die Jägerin schüttelt sich bei der Erinnerung mit übertriebenem Ekel.

Dawn verzieht das Gesicht: „Haha, ich bin aber nicht diejenige, die in jedes Auto eine Beule fährt, du Albtraum aller Landstraßen.“

„Hey, das war nicht meine Schuld. Da ist mir so ein Schokojunkie reingefahren! Außerdem ist das ewig her!“ verteidigt Buffy sich.

Ihre Schwester beendet das, indem sie ihren Kopf schüttelt, aber die Früchte wieder auf hebt und zum Tisch trägt. Der füllt sich nach und nach mit den besten Voraussetzungen für ein großes Frühstück. Der Duft frischer Brötchen, schwarzen Kaffees und britischen Tees vermischt sich in der Luft, das dunkle Landbrot liegt aufgeschnitten neben einer Reihe von Honig- und Marmeladengläschen.

Buffy legt die gewebten Sets auf das dunkle Holz, die Dawn gestern wegen ihrer leuchtend gelb-orangenen Farben ausgesucht und Xander hat bezahlen lassen. Dawn selbst verteilt das Geschirr und hört dabei Andrew zu, wie er absatzweise aus einem seiner Reiseführer zitiert und immer noch nicht zufrieden ist mit der Obstdekoration, die er in der Schüssel immer wieder umverteilt: „Die Banane passt da einfach nicht rein. – Wusstet ihr, dass hier total lange Araber gelebt haben – oder war das mehr im Süden? – Bananen sind total bescheuerte Früchte. – Jedenfalls hatten die Araber riesige Städte und total fortschrittliche Wissenschaft, die waren auch sicher viel offener für Dämonologie und so. – Menno, wo kommen denn jetzt diese Orangen her?“

Xander kommentiert diese Ausführungen freundlich-ironisch, während er Milch und Käse auf einen Beistelltisch in den Schatten stellt und so entwickelt sich schließlich eine Unterhaltung über den Obstanbau in Spanien, an deren Ende Buffy verblüfft feststellt, dass Andrew kein einziges Mal die Worte „Comic“, „Star Trek“ oder „Xena“ benutzt hat. Dawn und Xander lachen und auch Andrew schmollt nur kurz, blättert aber schon wieder in einem der Bücher, als sich die vier gesetzt haben.

„Ich hab heute morgen eine Mail von Willow bekommen. Sie hat Fotos mitgeschickt!“ Dawn schaut in zwei interessierte Gesichter und nimmt daraufhin einige Computerausdrucke vom Tablett und platziert sie mitten auf dem Tisch.

Xander, der rechts neben ihr sitzt, dreht sie ein bisschen, damit Buffy nicht so sehr den Kopf verrenken muss, und meint, das erste Foto betrachtend: „Ich wusste gar nicht, dass Schafe mit zu dem Haus gehören.“

Buffys Blick wird weich, als sie die kleinen Lämmchen sieht, aber Dawn gibt mit Fingerzeig auf Kennedy nur zurück: „Und Ziegen!“

Ein Blick zu ihrer Schwester verrät ihr, dass diese es nicht schafft, erzieherisch-kritisch zu wirken, weil sie über das ganze Gesicht grinsen muss, obwohl sie sagt: „So redet man aber nicht über Wills Freundin, Schwesterherz.“

>„Wieso hat sie das denn mitgeschickt?“ unterbricht Xander und deutet, ein Stück Apfel in der Hand, auf das nächste Bild. „Wir wissen doch, wie ihr Wohnzimmer aussieht.“

Auch Buffy betrachtet den Ausdruck näher, die satten, bunten Farben des hohen Raumes kommen ihr ebenso bekannt vor wie der von Xander renovierte Kamin und die Wicca Gegenstände überall, aber Dawn zeigt zielsicher auf einen Punkt in der Mitte des Bildes: „Na, da! Das ist die neue Kitty Fantastico. Ist die nicht süß?“

„Vielleicht fehlt mir ja nur die Tiefenschärfe,“ entgegnet Xander, „Aber ich sehe da nur einen schwarzen Fleck. Unser Drucker kleckst.“

Ohne aufzuschauen stößt Dawn ihn tadelnd an. „Sehr komisch, Xander. Ich hab die Katze doch schon gesehen. Die ist noch ganz klein und hat riesige grüne Augen.“ Unter dem belustigten Blick ihres Tischnachbarn veranschaulicht Buffys Schwester das mit weit ausholender Gestik und Mimik, die eines Pantomimen würdig wären.

„Ah, Nahrung!“, schallt es über die Veranda. Die vier sehen auf zu Faith, die in großen Schritten das Essen ansteuert. Morgendliche Grüße werden gewechselt, nur Buffy schaut kritisch an ihr herab und meint: „In Stiefeln und Chaps zum Frühstück? Ich wette, du hast dir nicht mal die Hände gewaschen.“

Die dunkle Jägerin nimmt den Kommentar so scherzhaft wie er gemeint war, entgegnet: „In der Tränke, B.!“, und wedelt zum Beweis ihre noch nassen Hände in Richtung Buffy, so dass diese sich vor fliegenden Tropfen schützend die Hände vors Gesicht hält und kichert.

 

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