![]() Nachtgespräch Er war wütend, gedemütigt,
traurig. Er wollte sich rächen und dieser ewigen Erniedrigung ein Ende setzen.
Ein für alle Mal! Spike hob das Gewehr und legte
an. Er zielte genau auf ihr Herz, den Finger am Abzug. Dieses Mal würde sie nicht
davonkommen! „Hol tief Luft, Jägerin, es könnte dein letzter Atemzug sein!“,
dachte er grimmig. Dann entdeckte er ihre
Tränen. Und plötzlich war aller Zorn
verraucht, als er sah, wie sie weinte, wie tieftraurig und niedergeschmettert
sie aussah, wie einsam und verloren sie dort vor dem Haus stand. Nie zuvor war
sie ihm so klein und zerbrechlich erschienen. Mit einem Mal wußte er nicht
mehr, warum er noch einen Moment zuvor mit dem Gewehr auf sie gezielt hatte. Er
ließ den Lauf sinken, die Waffe fiel ins Gras, und Spike bemerkte es noch nicht
einmal. Er wollte nur noch eines: Daß dieser furchtbar deprimierte Ausdruck aus
ihrem Gesicht verschwand. „Zur Hölle“, dachte er, „ wie
weit ist es mit 'William dem Blutigen' gekommen, daß er sich
Gedanken um die verfluchte Jägerin macht!“ Er strich sich über sein blondes
Haar und verließ sein Versteck hinter den Sträuchern. Spike ging direkt auf Buffy
zu, die sich auf die Hintertreppe gesetzt hatte, den Kopf gesenkt und das
Gesicht in den Händen verborgen. Würde sie ihn nicht fortjagen? Für sie war er
doch nur ein Monster, niemand, der es wert war, daß man sich mit ihm abgab... Aber er konnte und wollte
sie so nicht sich selbst überlassen... Langsam ging er weiter. Ihm
würde schon irgendetwas einfallen, um sie von ihrem Kummer abzulenken. Als er
vor ihr stehenblieb, hob sie noch nicht einmal den Kopf. „Hallo, Jägerin, hätte nicht
gedacht, dich heute noch mal zu treffen.“ Sie antwortete nicht, und er
hörte nur ihr leises Schluchzen. Vielleicht hatte sie ihn ja auch gar nicht
wahrgenommen? Der blonde Vampir setzte sich neben sie auf die Treppe und
überlegte angestrengt, was er sagen oder tun könnte, um sie aus ihrer Lethargie zu erwecken. In seinem Kopf
war nur Leere, aber er war sich sicher, daß ihm schon bald etwas einfallen
würde. Eher würde die Hölle zufrieren, als daß ihm, Spike, die Ideen ausgingen! Für eine Weile saßen sie
schweigend nebeneinander, jeder für sich seinen eigenen, düsteren Gedanken nachhängend. Als Spike sah, daß sie fror, zog er seinen Mantel aus und legte
ihn ihr sacht um die Schultern. Instinktiv zog Buffy
abwehrend ihre Schultern nach vorn, dann jedoch ließ sie es einfach geschehen. „Jägerin“, sagte er, „es ist
nie alles so schlimm, wie es anfangs immer erscheint.“ „Spike, woher willst denn
ausgerechnet du das wissen? Du hast ja keine Ahnung!“, brauste sie auf. Er schluckte einen Fluch
hinunter und sagte: „Denkst du, ich hätte von nichts anderem Ahnung als vom Blutsaugen,
Morden und Foltern? Klar verstehe ich
was davon – ich bin ja schließlich ein Vampir, und ich hab` nie ein Geheimnis
draus gemacht. Von Anfang an hatte ich Spaß
am Vampir-Dasein, daran, ein richtig böser Junge sein zu können...“ Er stockte,
hatte angefangen, von seinem alten Leben zu schwärmen – und vergessen, wem er
das alles erzählte. Spike blickte ihr ins Gesicht und fuhr leise fort: „Und dann stell` dir vor, das einzige, was dir echt Spaß macht in
deinem Leben... na ja, fast das einzige... wird dir verwehrt. Seit die
‚Initiative’ mich „entschärft“ hat, führe ich das Leben einer Ratte.“ Er zögerte. “Sogar ich
habe Gefühle, und am Anfang wünschte ich mir fast, du würdest mich pfählen...“,
fügte er leise hinzu. „Das können wir ja
nachholen!“, sagte Buffy und hob den Kopf. Er grinste: „Mach`s mir
richtig, Kleines!“ Dann wurde er wieder ernst:
„Nein, wirklich, es war, als wäre ich in der Hölle für Vampire gelandet, wie Tantalos, der
dazu verurteilt war, im Wasser zu stehen, unter Zweigen voller herrlicher
Früchte und Durst und Hunger leiden
mußte. Nie zuvor in meinem Leben war ich so deprimiert und...“, er schluckte,“
einsam!“. „Und dann kam – ausgerechnet
von einer Seite, wo ich es am wenigsten erwartet hätte – eine Chance für mich. Wer hätte
je gedacht, daß Spike – William, der Blutige – mal mit der Scooby – Gang
zusammenarbeiten würde?“ Er hob den Kopf und sah, daß
der Morgen nicht mehr weit war. Er würde sie bald verlassen müssen, aber er
blieb sitzen. Sein Blick streifte ihr nachdenkliches und niedergeschlagenes
Gesicht. In dieser Stimmung konnte er sie schwer allein lassen..., na ja, er
hatte ja noch etwas Zeit, um sie aufzumuntern. „Wenn man so lange lebt wie
ich, ist es irgendwann so, daß man das Gefühl bekommt, als wäre alles schon einmal dagewesen.
Nichts macht mehr richtig Freude, keine Überraschungen, die nicht schon
einmal Überraschungen gewesen wären. Man beginnt, den „Zufällen“ ein wenig
nachzuhelfen... und man sucht immer mehr nach dem ‚Salz in der Suppe’ des Lebens ... äh, Unlebens... , nur um mal
wieder einen guten Tag, ja, nur einen schönen Moment zu haben. Und, Süße, du bist so was
wie dieses ‚Salz in der Suppe’, du bist was Besonderes, jedenfalls für mich,
Kind. Angel hat das sofort mitgekriegt...“ Ihm fiel ein, daß er wohl lieber
nicht von Angel sprechen sollte, und er fuhr fort: „Das Kämpfen gegen dich hat
vom ersten Moment an richtig Spaß gemacht,
Jägerin.“ Er lächelte: „... das Tanzen mit dir, meine ich.“ Sie zog die Brauen hoch:
„Aber du wolltest mich doch immer nur töten!“, entfuhr es ihr, und sie blickte
ihn erstaunt von der Seite her an. Er schüttelte langsam den
Kopf und grinste. „Glaubst du das wirklich? Als ich den Ring von Amara hatte,
wär`s ein Leichtes für mich gewesen, dich in die Hölle zu schicken“ „Klar, aber du hast es nicht
geschafft, weil ich ihn dir abgenommen habe. Du wärst beinahe verbrannt, Spike.“ Er blickte nach oben, rollte
mit den Augen und grummelte ungeduldig: „Was meinst du, warum wir beide, als du
mir den Ring vom Finger zogst, nur drei Schritte von der offenen Kellerklappe
entfernt waren? Ich wußte, daß ich es bis dorthin schaffen würde, ohne zu
verbrennen.“ Sie schaute ihn ungläubig
an: „Aber du hast halb Sunnydale nach dem Ring umgegraben, nur um mich endlich töten zu
können, und dann läßt du ihn dir absichtlich von mir abnehmen? Du bist verrückt, Spike.“ Er zuckte mit den Schultern,
„Vielleicht, aber vielleicht bin ich ja auch genial, und das alles gehörte zu meinem Plan – ich
hatte noch eine Rechnung mit Angel offen. Daß du ihm den Ring geben würdest, war mir klar –
und daß dieser grüblerische Gutvampir ihn nicht tragen würde,
natürlich auch. Ich hatte mal wieder Lust, ihm so richtig in den Hintern zu
treten!“ Sie war sprachlos: „Spike,
aber was für Mühen und Schmerzen, und alles nur für einen widersinnigen Plan!“ Er wandte sich ihr zu und
grinste: „Kind, wenn das Leben keine Überraschungen mehr für einen bereithält,
muß man ein bißchen nachhelfen. Und ich liebe es, wenn ein Plan gelingt. Es war einfach wunderbar,
Angel leiden zu sehen...“ Schon wieder Angel, er wollte sie doch aufmuntern,
was ihm mit diesem Thema wohl nicht gelingen würde. Ach, was sollte es,
irgendwann wäre auch Angel nur noch eine blasse Erinnerung für sie, oder? Und
außerdem hatte er sie ja inzwischen schon von ihrem eigentlichen Kummer
abgelenkt, und das war das Wichtigste. „Glaub` mir, er hat herrlich
gelitten..., aber dafür hat sein Folterknecht dran glauben müssen, und das
wiederum hat Angel bestimmt Spaß gemacht. Auf diese Weise hatte er auch was...
von meinem kleinen Arrangement. Und ich hatte sogar zwei gute Tage –
erst den Tanz mit dir, dann meinen Kick mit Angel.“ „Aber der Ring ist verloren.
Oz sagte, daß Angel ihn zerstört hat.“ „Oh“, sagte er mit
gespielter Betroffenheit, „na, das ist ja furchtbar!“ und grinste. Wieder ernst, machte er eine
wegwerfende Geste und fügte hinzu: „Der Ring war nur Mittel zum Zweck. Hast du
immer noch nicht geschnallt, daß nichts wirklich so ist, wie es scheint?“ Sie antwortete nicht, ihre
Gedanken schweiften ab. „Mein Gott“, dachte sie, „wie kann man sich so
täuschen?“ Der Vampir, der jetzt neben ihr saß, war nicht der, für den sie ihn
immer gehalten hatte. Eigentlich hatte sie ihn überhaupt nicht wahrgenommen –
denn sie „wußte“ ja von vornherein alles von
ihm, und Zweifel daran waren ihr nie gekommen... Oder war das alles nur
wieder seine übliche Angebertour? Sie sah ihn verstohlen von der Seite her an.
Er saß ruhig da, den Kopf gesenkt, die Unterarme auf die hochgestellten Knie
gestützt, hingen seine Hände mit den schwarzlackierten Fingernägeln herab. Sie
betrachtete sein Profil... „Interessant.“, dachte sie. Er drehte ihr sein
Gesicht zu, und sie sah in das tiefe Blau seiner Augen. Schnell wandte sie
ihren Blick ab, er sollte nicht bemerken, wie sie ihn beobachtete. Nachher
bildete sich dieser Kerl noch ein, sie würde sich für ihn interessieren... und
das wäre ja nun wirklich das allerletzte! Sie verfiel wieder in ihre
Grübeleien. „Wie konnte er mich so genau einschätzen, wie nur konnte er wissen,
was ich tun würde, wo ich es doch selbst nicht einmal wußte?“ Sie war verunsichert. „Und
wie ist es möglich, daß ausgerechnet er mir jetzt Trost spendet?“ Sie zuckte bei ihren
eigenen, verwirrenden Gedanken zusammen: „Trost? Spike?“, und wandte ihm erneut
ihr Gesicht zu. Vor ein paar Stunden noch hätte sie sich das nie eingestanden:
Sie war froh, daß er jetzt hier neben ihr saß, daß er da war und sie...
tröstete. Er hatte recht: Nichts ist
so, wie es scheint! Dann sagte sie zu Spike:
„Weißt du, mein Leben als Jägerin ist manchmal wirklich frustrierend. Ich würde
furchtbar gerne mal das Leben eines ganz normalen Menschen führen. Ich glaube, auch ohne das
ganze Töten, die Vampire und Dämonen hätte man schon genug an ‚normalen’ Problemen.“ Spike faßte sie an die
Schulter und sah ihr in die Augen: „Niemand kann sich aussuchen, als wer er
geboren wird, niemand kann sich seiner Bestimmung entziehen“ Er setzte sein diabolisches
Spike – Lächeln auf: „Es gäbe da aber noch eine Möglichkeit, wie du dem Leben
als Jägerin entkommen könntest.“ Für einen kurzen Moment wandelte sich sein
Gesicht zur Vampirmaske, „Ich könnte dir dabei helfen – und für dich würde ich
die Schmerzen schon ertragen!“ Gegen ihren Willen mußte
Buffy lachen: „Nein, danke, Spike, ich hätte dann nur andere Sorgen.“ Für eine Weile schwiegen sie
wieder. „Buffy, ich muß jetzt gehen, sonst habe ich bald überhaupt
keine Sorgen mehr.“ Er grinste: „Die Sonne wird bald aufgehen.“ Sie blickte zu ihm hoch, er
war aufgestanden und hatte sich schon halb zum Gehen gewandt, als sie ihn zurückhielt:
„Spike, ich wollte dir nur noch sagen, daß es mir leid tut, was ich da gestern
abend zu dir gesagt habe. Du weißt schon..., daß...daß“, sie schluckte, „...
daß du unter meiner Würde wärst. Das ist...“, sie holte tief Luft, „... das ist
nicht wahr. Ich war so furchtbar wütend – auf mich, auf mein Leben als Jägerin,
auf alle Vampire und Dämonen dieser ganzen Welt. Und du... warst gerade in der
Nähe. Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe.“ „Schon gut, Jägerin.“, sagte
er nur kurz, dann drehte er sich um und ging davon. Er hatte schon fast das
Gebüsch zum Nachbargrundstück erreicht, als Buffy feststellte, daß sie noch
immer seinen Mantel über den Schultern hatte. „Spike!“, rief sie „Du hast
deinen Mantel vergessen.“ und lief hinter ihm her. Als sie seinen Namen gerufen
hatte, war er stehengeblieben, hatte sich aber nicht zu ihr umgedreht. Sie
holte ihn ein und ging um ihn herum. Er versuchte rasch, sein Gesicht von ihr
wegzudrehen, aber sie hatte die Tränen
auf seinen Wangen schon gesehen. „Oh, Spike“, flüsterte sie
erschrocken. Dann, ohne zu überlegen, was sie tat, umfaßte sie mit ihren beiden
Händen seinen Nacken, zog sein Gesicht zu sich herunter und begann, seine
Tränen sanft wegzuküssen. Er stand da, ohne sich zu
rühren, hielt die Augen geschlossen und ließ es geschehen, während seine Arme
an den Seiten herabhingen wie Fremdkörper. Dann küßte sie ihn auf den
Mund. Zuerst zögerlich, fast schüchtern, erwiderte er ihren Kuß. Und als
ob er plötzlich aufgewacht wäre aus seiner Starre, schlang er seine Arme um
ihren Körper, zog Buffy an sich und küßte sie leidenschaftlich zurück. Nachdem sich ihre Lippen
wieder voneinander gelöst hatten, standen sie eng umschlungen, ohne sich zu
bewegen - beide waren verwirrt und... verlegen - und Buffy hatte ihren Kopf an
seine Schulter gelehnt. Da spürte er das
Morgengrauen. Er stöhnte vor Schmerzen auf, löste aber nicht ihre Umarmung. Sie
hob erschrocken ihren Kopf und flüsterte: „Spike, was hast du?“ “Buffy, die Sonne – gleich
werde ich in Flammen aufgehen. Bring` dich lieber in Sicherheit, bevor ich
verbrenne und du auch noch Feuer fängst!“ Er grinste, ganz der alte Spike,
„Aber wenigstens haben sich die letzten Minuten gelohnt, dafür zu sterben.“,
fügte er hinzu, und sein Grinsen wurde noch breiter. Sie blickte ihm in die
Augen, sah den Schalk darin und entdeckte noch etwas, das sie darin noch nie
erblickt hatte: Glück. Und plötzlich war sie sich ganz sicher: Alles würde
wieder gut werden, wirklich alles
würde sich zum Guten wenden! Mit fester Stimme sagte sie:
„Du kommst heute mit zu mir. Ich werde gleich die Vorhänge zuziehen.“ Und
lächelnd: „Ich will ja nicht schuld daran sein, wenn du verbrennst!“ Überrascht sah er sie an:
„Weißt du überhaupt, worauf du dich da einläßt?“ Sie lachte: „Klar doch, ich
bin ja die Auserwählte – wenn ich das
nicht weiß, wer dann?“ Und mit einem verschmitzten
Lächeln fügte sie hinzu: „Und ich weiß auch, wie sehr du es liebst, wenn ein
Plan gelingt...“, und ehe er etwas erwidern konnte, faßte sie ihn bei der Hand, und zusammen liefen sie über
den Rasen zum Haus – der eine vollkommen verblüfft, der andere dankbar und
voller Hoffnung. Kurz darauf fiel die Tür ins
Schloß, dann war es still. ~*~ Ende ~*~ |