Nachtstudio

 

Konjugation in deutscher Sprache

Ich persönlich liebe

du liebst irgendwie

er betätigt sich sexuell

wir sind erotisch eingestellt

ihr liebt mit am besten

sie leiten die Abteilung: Liebe

 

Kurt Tucholsky, 1929

 

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Die Uferpromenade der kleinen Stadt war menschenleer um diese Zeit, und mit den Menschen waren auch die Dämonen von diesem sonst so belebten Ort verschwunden.

Keine Beute – keine Dämonen, der natürliche Lauf der Dinge.

Die kleinen Läden und Boutiquen hatten nur ihre spärliche Nachtbeleuchtung an, und es war still und friedlich. Nur die leichte Brandung war zu hören, kaum daß ein sanfter Wind das leise Plätschern der Wellen zu ihm hinübertrug. Ein Wind, der über leere Bänke und Natursteinmauern strich und Salzduft mit sich brachte.

Halbhohe, geschwungene Laternen, die alle paar Meter standen und aussahen wie steife, überdimensionale Glockenblumen, strichen alles mit gelber Farbe an, die das, was sich nicht in ihrem Lichtkegel befand, nur noch mehr ins Dunkel tauchte.

Wie den Vampir, der im Schatten an einer Mauer lehnte und aufs Meer hinaussah, von Zeit zu Zeit an seiner Zigarette zog, deren Glut der einzige bewegliche Punkt in diesem wie von Zauberhand angehaltenen Szenario war.

Da waren nur die Pinselstrichwolken, die langsam über den nachtschwarzen Himmel krochen, eine silberne Mondsichel, das Meer... und Spike.

Dort, wo die Strahlen des Mondes auf die Wasseroberfläche trafen, blitzten die Wellen fahlsilbern auf, in ständiger Bewegung, und in seiner Vorstellung verwandelte sich das sich auf den Wellen spiegelnde Mondlicht in tausende von glänzenden Fischleibern, die wimmelten, zappelten und ihre schuppigen Körper aneinanderrieben.  Ein Bild, das, wenn man es sich nur lange genug vorstellte, in diesem fahlen Mondlicht Konturen annahm, und für den blonden Vampir erschien das Meer in diesem Moment wie ein Wunder.

Ein wimmelndes Zauberwesen, das ihm seinen Reichtum preisgab, nur in diesem Moment, nur ihm, nur dort, wo die Mondstrahlen sich mit dem Wasser vereinigten.

Spike blickte selbstvergessen auf dieses visuelle Spiel, das seine Fantasie mit ihm trieb, und er ließ sich treiben, fasziniert von diesem Augenblick, der so still war, daß er tief in sich selbst diese Ruhe spüren konnte, die pure Zufriedenheit in uns auslöst. Seine Lippen waren leicht geöffnet, und in seinen Augen glomm ein entrücktes, unbewußtes Entzücken.

Bis er zusammenzuckte, als die Glut der Zigarette seine Finger erreichte.

„Aua!“, entfuhr es ihm, und er schnippte den Stein des Anstoßes wütend fort.

Dann seufzte er.

Die guten Augenblicke im Leben sind wohl immer die, die uns nicht bewußt sind... oder in denen uns unsere eigene Existenz nicht bewußt ist.

Jedenfalls waren das momentan diese kleinen Auszeiten, die er sich ab und zu nahm. Weit nach Mitternacht kam er hierher, wenn er wußte, daß niemand sich mehr an diesem Ort aufhielt, daß er allein sein konnte – mit sich und seinen Gedanken und dem Meer in immer wieder anderen Variationen.

Unbeabsichtigt führten ihn seine Schritte immer häufiger hierher. Er hatte sich schon immer gefragt, warum der Anblick des Meeres so eine Faszination auf die Menschen ausübte. Jetzt wußte er es: Weil dieser Anblick einen selbstvergessen machte, die riesige Fläche des Wassers führte einem – wenn auch unbewußt – vor Augen, was für ein Wassertropfen man selbst doch war.

Spike lächelte.

Natürlich – das ließ selbst sein Unleben und die Unbilden darin unwichtig erscheinen.

Allerdings waren diese *Unbilden* momentan wirklich eine Ablenkung wert.

Nur widerwillig dachte er an die letzte Nacht zurück, und er haßte diesen Pappkameraden seitdem noch viel mehr als vorher. Nicht nur, daß sein Heim zerstört war, dann war auch noch Buffy gekommen und hatte Schluß mit ihm gemacht.

Naja, Schluß kann man ja nur machen, wenn es etwas gab, womit man Schluß machen konnte – hier war es nur ein *Hobby* gewesen, mit dem die Jägerin abgeschlossen hatte.

Nein, er wollte nicht daran denken!

Nicht an dieses Mitleid in ihren Augen, nicht an dieses völlig überflüssige „William“, das sie an ihren Schlußstrich angehängt hatte, als ob ein „William“ es nur halb so schlimm gemacht hätte.

Nicht an ihren Abgang durch die Trümmer seiner Krypta, nein, er wollte nicht daran denken, wie er da gestanden hatte.

Allein, verlassen, benutzt und weggeworfen, entsorgt, ein Ding, das man nicht mehr braucht.

Ein böses, abscheuliches Ding.

Und sie hatte es umweltgerecht entsorgt.

Spike schüttelte den Kopf.

Der Wind frischte auf, und die Wellen brachten jetzt Gischt mit sich, die hell auf dem dunklen Wasser leuchtete. Wie immer, wenn er Gischt sah, fiel ihm dieses wunderschöne, so herzzereißend traurige Märchen ein von dieser kleinen Meejungfrau, die für ihre so tiefe und unerwiderte Liebe ihr ewigwährendes Leben geopfert hatte, um für immer zu Gischt zu werden. Zu Meeresschaum, von niemandem beachtet.

Ob wohl daher der Spruch „Träume sind Schäume“ kam?

Träume von Liebe, die zu Schäumen wurden...

Eigentlich hatte er mit diesem Abstecher zur Uferpromenade diese Melancholie, die ihn heimgesucht hatte, abschütteln wollen. Aber die Gischt hatte seine Gedanken wieder in ungewollte Bahnen gelenkt.

Spike schüttelte den Kopf, als ihm einfiel, was die Hollywood-Industrie aus diesem so unsagbar romantischen Märchen gemacht hatte.

Ein zuckersüßes Etwas mit Happy End. Singende Krabben, blubbernde Fische, witzige Einlagen, die die Melancholie Andersens vollkommen zerstört hatten.

Wußten die denn nicht, daß unerfüllte Liebe die Menschen so viel mehr faszinierte als zwei, die sich am Ende bekommen? Wer würde sich für Romeo und Julia interessieren, wenn sie sich gekriegt hätten? Wäre „Sturmhöhe“ jemals ein Klassiker geworden, wenn er am Ende die beiden Unglücklichen zusammengebracht hätte? Was war mit Faust und Gretchen?

Bestand nicht gerade die Romantik darin, daß eine unglückliche oder unerfüllte Liebe etwas an sich hatte, was die Fantasie anregte... und die Herzen höher schlagen ließ?

Wenn man denn ein schlagendes Herz sein eigen nannte...

Und wenn es sich nicht ums *richtige* Leben drehte, und schon gar nicht, wenn es um die eigene Existenz ging, um die eigene unerfüllte, unsterbliche Liebe.

War es das, über was Mister Haargel immer grübelte? Dann war er wohl gerade auf dem besten Weg dahin, auch so zu werden...

Er schüttelte sich voller Unbehagen.

Nein, niemals!

Der blonde Vampir streckte sich, seufzte tief und strich sich mit der Hand übers Haar.

Und dabei fiel ihm etwas ein.

Schnell wandte er sich vom eben noch so bewunderten Meer ab, ohne noch einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, und lief zielstrebig in Richtung der Industrieanlagen, die hinter dem Hafenviertel angesiedelt waren.

Seine Schritte führten ihn in eine dunkle Gasse, deren beide Seiten von Lagerhallen, Schuppen und kleineren Bürogebäuden gesäumt war, grauen, zweistöckigen Häusern die schon bessere Tage gesehen hatten, meist leerstehend, manche mit zerbrochenen Scheiben in ihren dunklen Fenstern.

Der Vampir blieb vor einer eisernen Tür stehen, deren bräunliche Farbe in großen Flatschen abblätterte. Das Gebäude selbst war mit rotbraunen Steinplatten verkleidet, die jedoch teilweise bereits abgefallen waren und schmutziggraue Teile eines Puzzles aus Beton und Steinplatten hinterlassen hatten. Selbst bei Tage mußte es ein trostloser Anblick sein, aber bei Nacht boten die Wand mit ihren Wunden, die blinden Fenster und die Kehrichthaufen vor der Tür einen düsteren Anblick.

Die Tür leise öffnend, schlüpfte Spike lautlos in das Gebäude, vorher noch einen verstohlenen Blick hinter sich werfend. Sofort verschloß er die Tür wieder hinter sich und stand nun in einem schmalen, stickigen Korridor, in dem kein Licht anzeigte, wohin er führte. Aber seine Vampirinstinkte brauchten kein Licht, und so schlich er bis zum Ende des Ganges und öffnete eine weitere Tür.

Und stand plötzlich blinzelnd in grellem Neonlicht.

 

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Buffy hatte die ganze Zeit das Gefühl, als wäre da etwas, eine unbekannte Energie, ein Wesen, das immer in ihrer Nähe blieb, seit sie auf Patrouille war, aber die Straßen waren leer gewesen, fast wie ausgestorben, und der Friedhof, über den sie jetzt langsamen Schrittes ging, war ebenfalls ruhig und friedlich, wie es schien.

Trotzdem konnte sie etwas spüren, eine unbestimmte Existenz, und unruhig blickte sie sich um. Aber da waren nur die Grabsteine, die stumm trauernden Engel und die Bäume, die sich leicht im Wind bewegten.

Und nichts war zu hören.

Das Geräusch ihrer leichten Schritte wurde vom nachtfeuchten Gras verschluckt, und ihr Atem war nicht zu hören, so angestrengt lauschte sie in die Nacht hinaus.

Aber da war *nichts*.

Sie seufzte.

Vielleicht bildete sie sich das nur ein?

Fast wünschte sie sich einen Kampf herbei, eine Ablenkung von ihren abschweifenden Gedanken, die wieder und wieder den gestrigen Tag durchgingen, und  dieselbe Frage tauchte jedesmal darin auf, die sie nicht beantworten konnte, nicht beantworten wollte, die bohrend in ihr gährte, die sie am liebsten bekämpfen wollte, als wäre sie ein Monster, das man töten konnte, ausmerzen, tilgen, vernichten – ein für alle Mal.

Aber es war nur eine Frage.

Ein quälender Gedanke, der ihr Zweifel aufnötigte, von denen sie nichts wissen wollte.

Was hatte Tara gesagt? Daß es in Ordnung war?

Daß Spike gute Dinge getan hatte und...

Sie schluckte.

Daß er sie liebte.

Wenn sie es vorher auch bezweifelt hatte, aber gestern hatte sie es gesehen.

Diese Verzweiflung in seinen Augen, dieses traurige Erkennen, das sich in seinem Gesicht ausbreitete, als er begriff, daß sie es wirklich ernstgemeint hatte. Der Schrecken, der sich in seiner Miene abzeichnete, als sie dieses „William“ aussprach, mit dem sie ihren Entschluß besiegelt hatte.

Und sogar noch im Umdrehen hatte sie gesehen, wie eine Träne in seinem Augenwinkel erschienen war, und es hatte ihr fast das Herz gebrochen, als sie ihn da so stehen sah, inmitten der Trümmer seines Heims, einsam... und von ihr erst benutzt und dann verlassen.

Und sie dachte daran zurück, wie sie ihn ein „Ding“ genannt hatte, ein böses, abscheuliches Ding...

Aber das war nicht einmal das Schlimmste.

Es war ihr am wichtigsten gewesen, daß ihre Freunde nichts davon erfuhren. Sie hatte mehr Angst vor ihren Freunden, vor ihren Blicken, wenn sie es erfahren hätten... als sie jemals vor all den Wesen der Nacht gehabt hatte.

Sie hatte sich so geschämt vor Tara, so furchtbar geschämt...

Auf eine eigenartige Weise fühlte sie Erleichterung darüber, daß sie einen Schlußstrich gezogen hatte – all die Heimlichkeiten waren zu Ende, dieses ewige schlechte Gewissen, das sie fast umgebracht hatte – vorbei.

Aber war es das wirklich? Hatte sie jetzt nicht auch ein schlechtes Gewissen – nur aus anderen Gründen? Und... konnte sie denn Spike wirklich nicht lieben?

Sie seufzte wieder.

Verzweifelt schüttelte sie den Kopf, hoffend, daß die Bewegung die unangenehmen Dinge aus ihm herauskatapultieren oder wenigstens an eine andere Stelle rücken würde. Aber natürlich geschah das nicht, und sie seufzte resigniert auf.

Alles drehte sich nur noch um ihn.

Spike, Spike, Spike.

Warum nur war der Kerl je nach Sunnydale gekommen?

Und warum konnte sie ihn jetzt nicht einfach aus ihren Gedanken verbannen?

Noch gestern abend war sie so entschlossen gewesen, so sicher, daß sie das Richtige getan hatte, wenn es ihr auch nicht leichtgefallen war. Und sie war sich noch immer sicher, daß es richtig gewesen war, mit ihm schlußzumachen... wenn auch nicht mehr ganz so fest und entschlossen wie gestern abend.

Sie schluckte, als sie wieder an den Blick aus seinen Augen dachte, der sie bis ins Innerste getroffen hatte – Unglauben, Verzweiflung, leise Hoffnung, daß es nur ein Scherz war... und dann die Erkenntnis, die darin aufgeglommen war, als er erkannte, wie ernst sie es meinte.

Daß Schluß war.

Daß sie nie wieder zu ihm kommen würde, daß sie niemals mehr...

Und... fast war sie enttäuscht gewesen, daß er sie nicht zurückgehalten hatte, als sie dann gegangen war.

Und *wieder* war sie an derselben Stelle angelangt. Sie konnte es nicht glauben!

Wenn das so weiterging...

Sie stampfte mit dem Fuß auf. Spike war ein Vampir, ein Dämon...

Ein Monster! Basta!

Etwas riß sie aus ihren Gedanken.

Sie spürte, wie etwas sie am Handrücken streifte, ganz deutlich, ein Hauch, der nicht vom Wind kam. Wie die sanfte Berührung einer Hand, nur einen Moment lang, und sie blickte sich um.

Aber da war nichts.

Sie war stehengeblieben, und instinktiv hatte sie ihre Verteidigungshaltung eingenommen. Aber gegen was sollte sie sich verteidigen? Gegen den Wind?

Zögernd setzte sie sich wieder in Bewegung, und sie hatte ihre Augen fast überall, als sie jetzt weiterging, ihre Sinne waren angespannt, und ihr ganzer Körper horchte, tastete, roch.

Ein paar Schritte vor ihr bewegten sich die Zweige eines Strauches, und sie konnte sehen, wie sie weggebogen wurden und dann wieder zurückschnellten, als hätte sie jemand im Gehen gestreift.

„He – was soll das? Zeig´ dich, wenn du einen fairen Kampf willst!“, rief sie in die Richtung, in der sie diese unsichtbare Existenz vermutete – es *mußte* einfach etwas sein, denn sie hatte es doch die ganze Zeit gespürt!

Aber die Nacht antwortete nicht.

 

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