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Kapitel 1 – Shock (Schock)
Massaker. Blutbad. Massenhysterie. Schreiende Menschen. Anwälte... Brechende Knochen. Meist Hälse. Dazwischen Darlas schallendes Gelächter und Drusillas irres Gekicher. Fauchen. Knurren. Stille. Das endlich rüttelte Lindsey aus seiner Teilnahmslosigkeit, die ihn befallen hatte, nachdem ‘das hier’ begonnen hatte. Dennoch musste er sich zwingen, den Blick von einem seiner Kollegen abzuwenden, der mit unnatürlich verdrehtem Bein und zur Seite gerutschtem Kopf schief an die Wand gelehnt auf dem Boden saß und ihn aus toten Augen anklagend anzustarren schien. *Ex-Kollege...* Der Gedanke, zynisch und klar, zog flüchtig durch sein Gehirn, in dem völlige Leere herrschte. Nicht einmal sein Name fiel ihm ein. Jones oder so ähnlich. Lindsey fühlte nichts. Er hatte diesen Mann - wie auch immer er geheißen haben mochte - leiden können. Na ja, das war vielleicht übertrieben. ‘Nicht gehasst’ traf es sicherlich besser. „Darla. Ich kann die Sterne nicht sehen...“, hörte er in diesem Moment Drusilla in ihrer hellen, melodiösen, kindlichen Art vorwurfsvoll flüstern. Vielleicht sprach sie auch in normaler Lautstärke und sein Hirn nahm es nur nicht deutlicher wahr. Wahrscheinlich. Er konzentrierte sich ein bisschen mehr auf die Vampire und hörte Darlas Antwort schon klarer. „Dru, Liebes. Dann sollten wir rasch gehen, wir sind hier schließlich fertig.“ Lindseys Blick klebte noch immer an dem Toten und er musste ein paar Mal blinzeln, bevor er seine Augen abwenden konnte und stattdessen in die Richtung sah, aus der Darlas Stimme kam. „Aber Darla, was ist mit denen?“ Drusilla zeigte mit dem Finger auf ihn und seine Kollegin und Rivalin Lilah Morgan. Darla drehte den Kopf und sah ihn direkt an. Lindsey erwiderte den Blick völlig apathisch. Sie hob eine Braue und ein kurzer Ausdruck... irgendeine undefinierbare Emotion, huschte über ihr Gesicht, bevor sie eine wegwerfende Geste mit ihrer Hand machte, während sie sich abwandte und in Richtung der von Angel verschlossenen Türen schritt. „Aber Darla...“, nörgelte Drusilla und blieb stehen, wo sie war. Mitten im Raum, zwischen all den blutleeren Leichen, die so überdeutlich das Werk von lediglich zwei Vampiren an einem einzigen Abend darstellten. „Vielleicht brauchen wir sie noch...“, meinte Darla und trat die Tür ein. „Komm, meine Liebe. Die Nacht dauert nicht ewig an.“ Sie streckte eine Hand aus und Drusilla eilte lächelnd zu ihr. Kaum waren sie außer Reichweite, sprang Lilah auf, blieb aber auf der Stelle stehen, als ihr Fuß die nächste Leiche streifte. Sie sah auf den Boden vor sich und all die toten Kollegen und zückte, nachdem eine kurze Unsicherheit über ihr Gesicht gehuscht war, mit gleichgültigem Blick ihr Handy. „Na Gott sei Dank habe ich Empfang in diesem Bunker!“, rief sie aus, als ob nur das zählte. Und nicht etwa die Tatsache, dass hier heute Nacht viele Menschen ihr vorzeitiges Ende gefunden hatten. Sie wählte eine eingespeicherte Nummer und wartete, ungeduldig mit der Fußspitze tippend und die freie Hand in die Seite gestemmt. Lindsey beobachtete sie fassungslos und schüttelte den Kopf über soviel Kälte. Nicht, dass er selbst viel gefühlt hätte in diesem Moment, aber ‘das’...?! „Na endlich! Wieso hat das so lange gedauert? Haben Sie sich wieder am Süßigkeiten-Automaten eingedeckt?“, schnauzte Lilah in den Hörer und wartete nicht erst auf eine Antwort, bevor sie die Lage kurz und völlig nüchtern beschrieb. *Security.*, erkannte Lindsey und hörte ihr nicht länger zu. Er saß in einem Sessel – seit Beginn dieses Horrors unverändert –, tief in die Polster gesunken und fixierte die offene Tür. Eine leise Stimme in seinem Kopf flüsterte ihm zu, er solle aufstehen und hinausgehen. Aber es dauerte einige Minuten, bis er das realisierte. Und noch ein bisschen länger, bis sein Gehirn den Befehl an die dafür notwendigen Körperteile weiter geleitet hatte. Und wiederum einige Momente, bis er sich tatsächlich erhob. Nun stand er - seine Waden berührten noch immer den Sessel - und kam nicht von der Stelle. Er war wie gelähmt. Lilah hatte ihr Gespräch längst beendet und anscheinend irgendetwas zu ihm gesagt, er konnte sich nicht erinnern, dann war sie aus dem Raum gestöckelt und weiter die Treppen nach oben. *Wahrscheinlich wartet sie dort, um die Securities in Empfang zu nehmen.*, schlussfolgerte Lindsey. *Als ob sie den Weinkeller von Manners nicht allein finden würden... Sie brauchen doch nur dem Geruch von Blut und Tod zu folgen.* Das rüttelte ihn wach. Erschrocken lief er los - *Nur raus hier!* - und stieß prompt an... einen Arm? Ein Bein? *Etwas Totes.* Er warf einen kurzen Blick nach unten und erkannte ein Bein, das in einer schwarzen Anzughose steckte. Schnell stieg er darüber hinweg und fixierte wieder die Tür. „Lindsey...“, hörte er hinter sich eine Stimme, er hatte die Treppe fast schon erreicht - *Damnit!* -, und drehte sich automatisch um. Hatte er sich verhört? Nein. Da war es wieder. Leise, halb erstickt, kaum wahrnehmbar. Zögernd ging er wieder ein paar Schritte zurück in den Raum, sah sich hektisch um. Reglose Körper. Tote Gesichter. Halluzinierte er? Nein. Wieder wurde sein Name geflüstert. Dieses Mal nachdrücklicher. Und dann sah er es. Eine blasse, schwache Hand hob sich, um ihm den Weg zu weisen. Lindsey eilte dorthin, hinter die Couch. Der dritte Überlebende des Massakers lag halb, halb saß er, die Beine weit von sich gestreckt, eine Hand in halber Höhe, die andere wie tot in seinem Schoß. Holland Manners! Lindsey erinnerte sich dunkel, dass Darla ihn zuerst gebissen hatte. *Ist er nicht gestorben?*, fragte er sich und starrte zu seinem Boss hinunter, ohne ihm zu helfen oder sich auch nur zu rühren. „Lindsey. Sei ein guter Junge. Hilf mir auf.“, verlangte Holland mit schwacher Stimme und streckte ihm seine linke Hand hin. Anscheinend mit letzter Kraft, denn sie zitterte stark und wirkte irgendwie verkrampft. Lindsey beugte sich reflexartig vor und griff danach, um ihn auf die Beine zu ziehen. Manners kam schwankend zum Stehen und taumelte sofort rückwärts. Er schien sehr geschwächt zu sein. *Kein Wunder, bei dem Blutverlust...*, dachte Lindsey und hielt ihn weiterhin fest, stützte ihn mit dem handlosen rechten Arm an der Seite ab und schob ihn umständlich zurück, damit er sich gegen die Couch lehnen konnte. Manners atmete sichtlich schwer und klammerte sich noch immer an seine Hand. Lindsey versuchte sie zu befreien, um ihn besser stützen zu können, was ihm jedoch nicht gelang. Widerwillig fragte er: „Geht es Ihnen gut? Soll ich Hilfe rufen?“ „Das wird bald nicht mehr nötig sein...“, bekam er zur Antwort und das konnte nur eins bedeuten: Er spürte seinen nahenden Tod. *Warum sollte ich ihm dann aufhelfen?* „Sie werden nicht sterben. Ich hole einen Arzt und im Handumdrehen...“ Der Rest des Satzes verlor sich im Nichts, als er in Hollands Gesicht sah. Seine Augen hatten plötzlich wieder einen sehr lebendigen Glanz und seine Lippen umspielte ein Lächeln, das man fast als hinterlistig, aber auf jeden Fall als vorfreudig bezeichnen konnte. Lindsey blickte verständnislos auf die geheimnisvoll zuckenden Brauen seines Bosses und als nächstes spürte er einen Stich in der Innenfläche seiner Hand. Er versuchte ganz automatisch, sie weg zu ziehen, doch Hollands Griff war wie eine Schraubzwinge. *Man sollte nicht meinen, dass er kurz davor ist, den Löffel abzugeben.*, hatte er noch Zeit, zu denken, bevor helle Blitze vor seinen Augen explodierten. Dann senkte sich bleierne Dunkelheit über ihn. Als nächstes wurde endlich seine Hand los gelassen und er kippte um. Rutschte wie in Zeitlupe an der Couch hinunter zu Boden. Seine Augen hatte er noch geschlossen, er fühlte sich schwach und ausgelaugt. Gott, so mies hatte er sich lange nicht gefühlt. Und er nahm dumpfe Schmerzen wahr. Vor allem an seinem Hals. Und ebenso in seinem linken Arm. Er glaubte, damit auf irgendeine Kante geknallt zu sein und konnte auch eine harte, ebene Fläche aus Holz unter seinem Unterarm spüren. Lindsey blinzelte kurz in die Richtung, um seinen Verdacht zu bestätigen. Ja, sein Arm lag auf einem niedrigen Beistelltisch. Er hatte aber keine Kraft, ihn zu heben. Also ließ er ihn einfach liegen. Irgendein Gefühl, das nicht wirklich Sinn machte, drang zu ihm durch. Seine rechte Hand tat weh. Genauer gesagt, die Fingerknöchel. Möglicherweise war er damit auch irgendwo dagegen gestoßen... *Moment. Ich habe keine rechte Hand!*, fiel Lindsey ein, aber er versuchte dennoch, impulsiv genau ‘die’ zu bewegen. Es funktionierte. Er hob sie hoch und öffnete endlich die Augen. Sah verwirrt, fassungslos und glücklich auf die Hand, die dort nicht sein sollte. Über sich hörte er jemanden lachen. „Ja. Erfreuen Sie sich noch ein wenig daran, bevor Sie sterben.“ Lindsey blickte hinauf, die Stimme hörte sich nicht wirklich wie Hollands an. Die Stimmlage passte nicht ganz. Sein Kopf fiel nach hinten, die Hand wie tot auf den Boden, seine Augen flogen weit auf und er sah fassungslos in das selbstgefällig grinsende Gesicht von... sich selbst. ‘Sich selbst.’ SICH SELBST! Das konnte doch nicht...? Wie sollte das...? „Aber... das... ist doch nicht... möglich...“, keuchte er und seine - oder vielmehr Hollands - Stimme brach kraftlos ab, als er versuchte, auf die Füße zu kommen. Doch er war so geschwächt, dass er bald erschöpft zurück sank und nur noch röchelte. Eiskalter Schweiß stand auf seiner Stirn, die nicht seine war, seine Brust zog sich immer enger zusammen, er konnte nicht einmal mehr eine Hand heben. Dieser Körper war dem Tode geweiht und er steckte darin fest, realisierte er und war darüber mehr als geschockt. Auch wenn er vor ein paar Stunden seinem Tod noch völlig gleichgültig gegenüber gestanden hatte, ‘so’ wollte er auf keinen Fall sterben. Durch Darlas Hand oder vielmehr Mund, durch Angel vielleicht, erschossen oder erstochen, ermordet durch einen Gegner im Gericht. Alles kein Problem. *Damit kann ich leben.* Schlechte Wortwahl erkannte er und hätte fast über die Ironie gelacht, die darin lag. Wenn er nicht so verdammt wütend gewesen wäre. Dies war nicht sein Tod! *Wie konnte es Manners nur wagen...?!* Hey! Er dachte hier über seinen Boss nach. Der konnte alles. Das hatte er schließlich oft genug bewiesen. *Aber wie?* „Hätten Sie die Akten über Angel genauer studiert, wüssten Sie es.“ Holland hatte offensichtlich seinen fragenden Blick bemerkt. Lindsey hätte gerne nachgehakt, aber er brachte kein einziges Wort heraus, war kaum fähig, sich auch nur zu räuspern, geschweige denn, mit der Zunge über die trockenen Lippen zu lecken, die nicht seine eigenen waren. „Aber es würde Ihnen ohnehin jetzt nichts mehr nutzen. Sehen Sie sich nur an. Sie sind mehr tot als lebendig...“ In diesem Moment drang eine Stimme von der Kellertreppe zu ihnen herüber. „McDonald, kommen Sie endlich. Ich könnte wirklich Ihre Hilfe gebrauchen!“ *Lilahs Stimme.*, erkannte Lindsey und wollte schreien. Auch wenn Lilah unter normalen Umständen die Letzte war, von der er sich retten lassen wollte. Das zählte jetzt nicht. Hier galt es, einen Tod zu verhindern, der nicht für ihn bestimmt war. Nicht seiner sein sollte. „Ich komme gleich.“, erwiderte Holland lässig und wandte sich wieder Lindsey zu. „Würde gerne noch mit Ihnen plaudern. Aber die Pflicht ruft. Sterben Sie wohl...“ Er lachte über seinen eigenen Witz, bevor er weiter sprach. „Also dann. Viel Spaß in der Hölle, Linsy.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand aus seinem Blickfeld. Lindsey starrte eine Weile auf die Stelle, wo sein ‚Körper’ eben noch gestanden hatte. Seine Augen weit aufgerissen. Die Fassungslosigkeit verlor sich in seinem Geist und schuf Platz für... Nichts. Keine einzige Emotion konnte sich manifestieren. Lindsey dachte völlig nüchtern darüber nach. Wut oder Hass erschienen ihm sehr passend. Aber er spürte weder das eine noch das andere. Angst. Auch keine schlechte Idee in dieser Situation - den Tod so nah vor Augen. Schließlich war er bei Weitem kein Engel gewesen und würde sicher auf direktem Weg in der Hölle landen. Und nach allem, was er aus den Akten über Angel wusste, war dies kein besonders angenehmer Ort. Panik. Dieser Körper hier war schließlich gerade damit beschäftigt, zu sterben. Beinahe war er schon tot. Er konnte keinen Finger rühren, so geschwächt war er bereits. Ja. Panik erschien ihm am sinnvollsten. Es gab keine Schmerzen mehr. Das war wirklich ein ‘sehr’ sicheres Zeichen dafür, dass es zu Ende ging mit ihm. Beziehungsweise mit Hollands Körper. Doch von all dem war er weit, weit entfernt. Stattdessen spürte er, dass er ... ja ... ‘gebraucht’ wurde. Eine innere Genugtuung, dass er zu etwas nützlich war, breitete sich in ihm aus. Ihm völlig unerklärlich. Genau wie der Schmerz, der sich ganz langsam in seinem linken Arm aufbaute. Als ob er bereits die ganze Zeit da gewesen wäre und er ihn nur nicht wahrgenommen hatte. Doch jetzt drang er immer heftiger in seinen Verstand. Aber es tat nicht wirklich weh... Es war mehr so... fast als ob... eigentlich genauso wie... Lindsey war nur einmal von einem Vampir gebissen worden. Und das war noch nicht lange her. Genau genommen noch keine zwei Stunden. Darla hatte ihre Zähne in seinen Hals geschlagen, weil sie nicht glauben konnte, dass es ihm so egal war, ob er sterben oder leben würde. Sie hatte von seinem Blut gekostet und mit fast beeindrucktem Gesichtsausdruck - wenn er das in ihrer Vampirfratze richtig gedeutet hatte - nach kurzer Zeit wieder von ihm abgelassen. Das hatte darauf schließen lassen, dass sie überzeugt gewesen war. Und dieses Gefühl in seinem Arm war exakt das gleiche. Lindsey versuchte, seinen Kopf zu drehen, was ihm nicht gelang, er konnte nur aus den Augenwinkeln erspähen, dass jetzt kein Vampir an seinem Arm saugte, der noch immer auf diesem Beistelltisch lag. Aber er spürte es dennoch ganz deutlich. *Wie kann das sein?* Während er noch über diese Frage nachdachte, ohne zu einer Antwort zu gelangen, formte sich bereits ein neuer Gedanke in seinem Hirn und drang mit einer Vehemenz an die Oberfläche, explodierte förmlich, dass er ihn einfach aussprechen musste. „Härter!“ Es kam als heiseres Krächzen heraus, klang aber dennoch wie ein Befehl. Und es machte überhaupt keinen Sinn. Einen Wimpernschlag später verspürte er den plötzlichen Drang, nach vorne zu sehen und gab ihm nach. Da standen in einer Tür, die bis eben noch nicht dort gewesen war - *Oder habe ich sie nur nicht gesehen?* -, zwei Personen. Ein Mann und eine Frau. Beide jung, wie es schien. Er war sehr blass, was seine weißblond gefärbten Haare nur noch deutlicher hervorhoben. Schwarz gekleidet, angefangen von den klobigen Schuhen, über Hose, Hemd, Ledermantel. Seine Lippen umspielte ein triumphierendes Lächeln. Nein, mehr ein Grinsen. Sein ganzes Gesicht drückte die pure Gehässigkeit aus, bis zu seinen Augen, die überliefen vor... Lindsey konnte es nicht genauer deuten, hatte keine Zeit dazu, denn er musste nun die Frau ansehen. Sie war kleiner als der Mann und ebenfalls blond. Zierlich, aber durchtrainiert. Und er wusste instinktiv, dass sie stark war. Sehr stark. Auch wenn sie in diesem Moment verletzlich wirkte. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte Fassungslosigkeit und Unglauben wider. Und Lindsey presste sich schmerzhaft die Brust zusammen. Er fühlte sich ertappt bei etwas sehr Schlimmem, und Entsetzen breitete sich in ihm aus. Überschwemmte ihn förmlich, zog ihn in seinen Bann und ließ ihn nicht mehr los. Er konnte den Blick nicht von dieser Frau losreißen, deren Augen feucht zu glänzen begannen. Ihre Lippen bewegten sich und formten ein Wort. Oder versuchten es. Einmal, zweimal. Lindsey konnte sie nicht verstehen und sah wieder zu seinem Arm hinunter. Direkt auf einen dunkelbraunen Haarschopf. *Was geht hier vor?*, fragte er sich verwirrt und schaute zurück. In diesem Moment wandte die Frau sich ab und verschwand durch die Tür hinter ihr. Der Mann blieb stehen, immer noch grinsend und auch sein Mund bewegte sich. Lindsey konnte ihn ebenfalls nicht verstehen. Dann drehte auch er sich um, schwungvoll. Seine Mantelschöße wehten von der hastigen Bewegung hinter ihm her. Zurück blieb die halb offene Tür. Und... Panik. Wut. Angst. Hass. Schock. Jetzt brach alles gleichzeitig über Lindsey zusammen. Allerdings es fühlte sich nicht so an, als ob es seine eigenen Emotionen wären. Dennoch gab er diesem inneren Drang nach, der Frau zu folgen. Er sprang auf die Füße und ging in Richtung Tür. Flog förmlich darauf zu. Und konnte sich gerade noch stoppen, als sie verschwand. Die Tür war plötzlich weg! Er starrte einen Moment auf die Wand, die dahinter zum Vorschein kam, und das deckenhohe Regal, in dem etliche Flaschen der edelsten und teuersten Weine aus Manners Sammlung lagerten. Blinzelnd wandte er schließlich den Blick ab, als die Tür auch nach mehreren Momenten nicht wieder erschien und drehte sich in alle Richtungen, bis seine Augen an der Stelle hängen blieben, wo er bis eben noch gelegen hatte. Hollands Körper lag noch immer dort. *Das kann nur bedeuten...* Er wagte nicht, den Gedanken weiter zu verfolgen und sah stattdessen an sich hinunter. Das war wieder sein eigener Körper. Oder? Er hob beide Arme, tastete in seinem Gesicht herum, strich sich durch die Haare. Ja. Eindeutig. ‘Sein’ Körper. *Gott sei Dank! Nur ein schlechter Traum.* Er atmete erleichtert auf. Einen Spiegel erblickend, eilte er darauf zu und sah... Nichts. *Verdammt! Bin ich noch immer in dem Traum?* Ihm fiel etwas anderes auf, was diese Theorie bestätigte: Seine rechte Hand war auch wieder - beziehungsweise noch immer - da. *Okay, Lindsey. Wach auf!* Er kniff sich in den Arm, spürte nichts und wiederholte es noch einmal. Fester. Nichts. Nach dem vierten Versuch gab er auf und machte eine wegwerfende Geste mit der Hand, die da nicht sein durfte. Sie verschwand vor seinen Augen. *Dann bin ich jetzt wohl wieder wach.*, schlussfolgerte er und im nächsten Moment nahm er neben sich Lilah und drei Männer vom Security-Team von W&H wahr. „Hey Lilah. Alles im Griff?“, fragte er betont lässig und sie reagierte nicht. *Klar. Sie ist wahrscheinlich sauer, weil sie alles allein bewältigen musste und ich immer noch hier unten dumm herum stehe.*, dachte er, Manners in seinem Körper vergessend, und startete einen zweiten Versuch. Dieses Mal mit seiner versöhnlichen, einschmeichelnden Stimme, die er normalerweise für Angel aufbewahrte, wenn er einen Gefallen von ihm wollte. „Sorry, Lilah, dass Du alles allein machen musstest. War wohl der Schock. Jetzt bin ich aber wieder voll da. Kann ich...“ Er brach ab, als einer der Wachmänner durch ihn hindurch ging. Durch ihn hindurch! *Das kann doch nicht sein...* Lindsey blockte jeden weiteren Gedanken ab, der in diese Richtung ging, lief stattdessen zu Lilah und stellte sich genau vor sie. Sodass sie ihn einfach sehen musste und nicht länger ignorieren konnte. Aber genau das tat sie. Er fuchtelte mit seinen Armen herum, schrie sie an, beleidigte sie. Es half nichts. Entweder sie war verdammt sauer, was nichts Neues bei ihr wäre, oder... Lindsey streckte seinen Arm aus, um sie an der Schulter zu packen und zu schütteln. Seine Hand glitt durch sie hindurch, als ob ihr Körper aus nichts als Luft bestünde. Als ob sie nicht stofflich wäre. Oder... Er selbst. *Oh no!* Das Ganze war also doch kein schlechter Traum. Hollands Körper war gestorben, ohne dass er es bemerkt hatte und nun war er... *Tot...?!* Aber es fühlte sich nicht so an. Nicht, dass er wirklich wusste wie es war, tot zu sein, aber ‘so’ definitiv nicht. Alles war normal, bis auf die Tatsache, dass er keine Materie besaß wie ein... *Geist...?!* Lindsey war sich nicht sicher, lief hin und her und schlug sich mit der linken Faust in die rechte Hand. Und stutzte. Starrte ungläubig auf die Hand, die einfach wieder da war. Er kam sich reichlich veralbert vor. Was galten denn nun für Regeln? Er grub in seinem Gedächtnis nach irgendwelchen Filmen, in denen Geister vorgekommen waren. Caspar kam ihm als erstes in den Sinn, aber das war wohl ein selten schlechtes Beispiel. Der war schließlich gezeichnet gewesen und hatte außerdem ausgesehen wie ein Betttuch mit Augen und Mund. Lindsey überlegte weiter. An verstümmelte Geister konnte er sich jedenfalls nicht erinnern, so sehr er sich auch anstrengte. Na ja, von diesem toten Ehepaar - Baldwin und Davis - in ‘Beetlejuice’ einmal abgesehen... *Aber hey! Die haben ihr Aussehen selbst beeinflussen können.*, fiel ihm ein und er hob seine Hand und stierte sie an. Zwang sie durch pure Willenskraft, zu verschwinden. Es funktionierte nicht. Er versuchte, sich zu erinnern, warum sie sich vorhin aufgelöst hatte. *Ah!* Weil er der Meinung gewesen war, sie dürfte dort nicht sein. Sie verblasste, wurde durchsichtig und war schließlich ganz weg. *Wow!*, dachte Lindsey und konzentrierte sich darauf, davon überzeugt zu sein, sie müsste da sein. Sie erschien auf der Stelle. *Okay. So weit, so gut. Damit wäre ja nun endgültig geklärt, dass ich ein Geist bin.* Einen Moment grinste er, froh über diese neue Erkenntnis. Dann jedoch kehrte seine ernste Miene zurück, als er an die sich daraus ergebenden Konsequenzen erkannte. Die allerdings noch immer auf sich warten ließen. *Wenn ich wirklich ein Geist bin, wieso fahre ich dann nicht in den Himmel hinauf? Oder...*, was ihm sehr viel realistischer erschien, *...in die Hölle hinab?* Dieser letzte Gedanke ließ ihn hart schlucken. Bis er sich klar machte, dass das doch sicher längst passiert wäre. *Vielleicht haben sie mich aber auch vergessen... Oder sie sind verwirrt, weil ich noch nicht dran bin.* Völliger Quatsch, entschied er und wandte sich wieder Lilah zu, die aber weiterhin durch ihn hindurch sah. Sie redete auf die Security-Männer ein, gestikulierte dabei mit einem Arm und wedelte mit der Hand, um ihre Anweisungen zu unterstreichen. Dreimal mitten durch ihn hindurch! Ihre Hand befand sich quasi ‘in’ seinem Brustkorb. *Argh!* Er konnte ihre Kälte spüren und schüttelte sich angewidert. Und trat eiligst zwei Schritte zurück. *So hat das keinen Sinn!* Er drehte sich zu den Securities, überlegte, welchem er sich zuwenden sollte und entschied sich für den Kleinsten. Lindsey wusste selbst nicht, aus welchem Grund. Vielleicht hielt er ihn für sensibler als die großen, breitschultrigen, Muskel bepackten Typen. Die konnten zwar mit Sicherheit eine mitteldicke Tischplatte mit einem einzigen Faustschlag locker in zwei Teile brechen, aber für seine Zwecke waren sie gänzlich ungeeignet. Aber seine ‘erste Wahl’ reagierte nicht. Nein. Stattdessen schritt auch er einfach durch ihn hindurch. Ein wütender Gedanke, der offensichtlich von dem Kerl stammte, blitzte für die Dauer dieses kurzen Momentes in seinem Kopf auf. *Die Schlampe gehört mal ordentlich verprügelt. Hält sich wohl für was Besseres.* Lindsey gab ihm grinsend Recht. Die Überlegung hätte von ihm selbst stammen können. Aber das war jetzt Nebensache. Viel wichtiger war, dass ihn endlich jemand wahrnahm. Die Riesenkerle zeigten auch keine Reaktion. Es sei denn, man zählte ein Kratzen am Hinterkopf als solche. Aber wenn ja, so war sie jedenfalls in keinster Weise befriedigend für Lindsey und brachte ihn überhaupt nicht weiter. *Es hat einfach keinen Sinn. Das hier ist ja schlimmer, als einen Prozess zu verlieren.* Entnervt gab er auf. Und schwebte prompt nach oben. Panik machte sich in ihm breit und er ruderte wild mit Armen und Beinen, als er der Decke immer näher kam. Aber er flog durch sie hindurch, als ob sie... *Nein. ICH bin Luft.*, machte er sich klar und befand sich bereits im nächsten Moment auf Höhe der Straße, schwebte aber langsam weiter aufwärts. *Der Bunker befindet sich wohl nicht unter dem Haus.*, schlussfolgerte Lindsey, als er Manners Haus links von sich erkannte. Als er ein paar Autos vorbeifahren und in einiger Entfernung Menschen laufen sah, manifestierte sich ein neuer Gedanke in seinem Kopf. *Vielleicht können ‘die’ mich ja sehen...* Ein Hoffnungsschimmer am Horizont sozusagen, der zur Folge hatte, dass sein Flug sofort stoppte und er zurück auf die Erde sank. Lindsey rannte den Leuten entgegen, stellte sich ihnen mitten auf dem Bürgersteig in den Weg und wartete aufgeregt, bis sie die letzten Meter hinter sich gebracht hatten und fast bei ihm waren. Beinahe wäre ihm heraus gerutscht: „Hi. Könnt ‘ihr’ mich vielleicht sehen?“ Aber im letzten Moment fiel ihm auf, wie dämlich es wäre, so etwas zu fragen - sollten sie ihn ‘tatsächlich’ sehen können. Also entschied er sich stattdessen für die üblichste aller Fragen: „Entschuldigung. Wie spät ist es?“ Lindsey hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, als er auch schon - anhand ihres unverminderten Tempos - erahnen konnte, dass seine Chancen äußerst schlecht standen. Und richtig. Auch diese Leute glitten durch ihn hindurch. Er drehte sich um, sah ihnen enttäuscht hinterher und verfluchte Gott und die Welt und diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, die er Manners zu verdanken hatte. Niemand nahm Lindsey wahr. Weder konnte ihn irgendjemand sehen noch hören. Oder auch nur seine Anwesenheit spüren. Weder all die Menschen auf der Straße, die ihm auf seinem Weg zum W&H-Gebäude begegneten, noch die Gedankenleser dort, und auch nicht der Vampire witternde Dämon, der für die Security arbeitete. Nicht Lorne, der ihm in seiner verzweifelten Lage direkt als nächstes eingefallen war. Und auch nicht all die Dämonen und anderen Kreaturen, die Nacht für Nacht das Caritas bevölkerten. Nun stand Lindsey in einem kleinen Park in der Nähe der Karaokebar und starrte eine Bank an. Er konnte sich nicht setzen, jedes Mal, wenn er es versuchte, rutschte er quasi durch. Über das Stadium der Wut war er allerdings längst hinaus. Auch die Verzweiflung hatte mittlerweile nachgelassen. Nun näherte er sich der Gleichgültigkeit. *Keiner hört mich. Sieht mich. Nimmt mich wahr. Ich kann niemanden anfassen. Ich kann mich ja nicht einmal setzen.* Er lachte bitter auf. *Was hat es für einen Sinn, dass ich noch hier bin? Haben die mich wirklich übersehen? Vergessen? Was soll das? Ich habe keinen Körper, ich bin also tot. Das ist schlimmer als die Hölle. Ich will hier nicht länger bleiben...*, dachte er und erhob sich abrupt vom Boden.
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