Rückkehr

 

Es war die Kälte des Metalls, die ihn zusammenfahren ließ. So kalt an seiner Haut, daß es sich anfühlte, als würde sich die froststarre Hand eines Toten um seinen Hals schließen.

Und dann das knirschende Geräusch, als die Klinge in seine Kehle glitt, heißer Schmerz und Grabeskälte, und im selben Moment spürte er, wie sein Blut siedendheiß aus der Wunde quoll, wie sich sein Griff um Connor löste, wie Justine ihm das Kind entriß, während noch immer die Klinge ihre mörderische Arbeit verrichtete, wie...

Das Telefon klingelte.

Er hörte das Keuchen seiner Mörderin, die mit aller Kraft zugestoßen hatte, und seine Knie gaben nach, als sie von ihm abließ, und alles, was er sah, war Connor in ihren Armen, das kleine, im Dunkel der Nacht so helle Bündel mit dem Baby, das immer undeutlicher wurde und langsam vor seinen Augen verschwamm. Wesley streckte den Arm danach aus, und seine Lippen versuchten, unhörbare Worte zu formen, während er fiel und fiel.

Von ferne nahm er den Schmerz wahr, und er wußte, daß das Blut ungehindert aus der Wunde sprudelte... und daß er dem Tod näher war als dem Leben, aber seine Gedanken ließen den Tod nicht herein, sie drehten sich ununterbrochen um Connor, um Connor... Connor...

Da waren hastige Schritte auf hartem Pflaster, das Geräusch der zufallenden Autotüren. Und dann sprang der Motor seines Wagens an, und er spürte, wie sein Körper dumpf aufschlug.

Und wieder hörte er, wie das Telefon klingelte.

Seine Hand, die sich um die Wunde gelegt hatte, als könne sie dadurch die Blutung aufhalten, verkrampfte sich, und die Finger fühlten sich klebrig und schmierig an. Ekel kroch in ihm hoch, als ihm der metallische Geruch seines eigenen Blutes in die Nase stieg, und der Würgereiz war unerträglich.

Mit jedem rasselnden Atemzug ging ein Eissturm durch seine Kehle, erbarmungslos frostig, gnadenlos in seinem schmerzenden Vorbeirauschen.

Aber schlimmer als das waren die Zweifel, die ihn heimsuchten, das Gefühl der Schuld, die auf ihm lastete... und die Vorstellung, wie Angel auf den Verlust seines Sohnes reagieren würde. Der Schmerz über sein eigenes Versagen, über den Sinn dieser Tat, die ihm noch vor Minuten – oder waren es Stunden? Tage? – so plausibel erschienen und mit einem einzigen Schnitt zunichte gemacht worden war.

Er riß die Augen weit auf, aber sie konnten nichts mehr sehen – nur die Schwärze, die ihn umschloß und in ihn einzudringen versuchte, die ihre Krallen nach ihm ausstreckte... kalte, steife Totenhände...

Da war das langsam verebbende Geräusch des abfahrenden Autos...

Und dann die Stille.

Stille.

Weißes Licht, kalt, aber wenigstens hell, das die Schwärze vertrieb.

Über sich sah er Angels Gesicht, nur sehr undeutlich, aber er hörte seine Stimme und was sie sagte...

Auch die Stimme war kalt. Aber sie war vertraut... und klang fast beruhigend.

Angel. Da war Angel!

Erleichtert stellte er fest, daß der Vampir ihn ruhig anblickte. So ruhig, daß es emotionslos wirkte und... dieser Blick ihn plötzlich frösteln ließ. Je länger er in diese braunen Augen starrte, desto bedrohlicher wirkten sie auf ihn – und die anfängliche Erleichterung verwandelte sich in Schrecken.

Und wieder das Klingeln des Telefons...

Er spürte, wie sein Kopf nach hinten fiel, als das Kissen brutal darunter hervorgezogen wurde. Die Wut in Angels Blick, der doch eben noch so ruhig und kühl gewesen war... Und die sich überschlagende Stimme, die ihm wehtat.

Verzweifelt rang er nach Luft, und seine Arme ruderten wie wild, um sich von dieser Stimme zu befreien, von dieser unbändigen Wut darin, diesem mörderischen Tremolo, das ihn zu ersticken drohte.

Er fühlte sich so schwach, und er hatte seine eigene Stimme verloren, konnte Angel nichts entgegnen, nichts... Da war nichts mehr...

... nur das Klingeln des Telefons, das so schrill in seinen Ohren nachhallte, und Wesley öffnete widerwillig die Augen.

Es war still und dunkel.

Da waren nur das Klopfen seines aufgeregten Herzens und sein eigenes, hastiges Atmen. Er starrte zur Schlafzimmerdecke empor, fassungslos über den Traum, den er nun schon so oft geträumt hatte, der ihn wieder und wieder heimsuchte, ihn marterte und schweißgebadet aufwachen ließ.

Wieder klingelte das Telefon, und er zuckte bei dem nervenden Geräusch zusammen.

Reflexartig griff seine Hand zum Hörer.

„Pryce.“, meldete er sich und wunderte sich noch immer über die rauhe Stimme, die seine eigene war. Widerwillig machte er Licht und blickte auf seine Uhr.

„Hallo?“, fragte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Wesley konnte Gläserklirren hören, Stimmengewirr und Stühlerücken, und die tiefe Stimme meldete sich wieder... unangenehm munter.

„Hey – sind Sie der Dämonenjäger, der hier am Schwarzen Brett einen ‚Vampir zur Unterstützung für Monsterjagd blablabla’ sucht? Ich bin genau richtig für Sie, und ich bin gerade in der Stadt. Sie haben wirklich Glück!“

Wesley zog die Brauen hoch.

Glück?

Der Anrufer hatte einen ausgeprägten Süd-Londoner Akzent, und er klang, als hätte er schon ein paar Gläser zu viel getrunken. Andererseits... hing die Anzeige bereits seit Wochen in dieser Dämonenbar, und er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben gehabt.

„Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?“, fragte Wesley müde.

„Öhm... Joe, ja, du – Barkeeper – wie spät haben wir’s eigentlich?“, fragte der Anrufer und schwieg dann einen Moment lang, und Wesley konnte hören, wie jemand etwas rief.

„Kurz nach drei.“, wiederholte die Stimme am anderen Ende.

Wesley verdrehte die Augen.

„Ich wollte von Ihnen nicht die Zeit wissen...“, begann er, wurde aber unterbrochen.

„Ach – habe ich Sie in Ihrer Dämonenjäger-Mittagspause gestört? Das tut mir aber leid. Ich bin davon ausgegangen, daß jetzt Arbeitszeit ist... Bekommen Sie jetzt Ärger mit der Gewerkschaft?“, flachste der nächtliche Anrufer, und in seiner Stimme schwang mehr als Ironie mit.

„Schon gut. Bleiben Sie dort, wo Sie sind, ich bin in einer halben Stunde bei Ihnen.“, erwiderte Wesley kurzentschlossen und erhob sich vom Bett.

 

~*~*~*~*~*~*~*~

 

Die Bar war nicht sehr gut besucht, aber in Vollmondnächten wie dieser trieben sich die Leute wohl lieber anderswo herum als in einer Dämonenbar.

Oder blieben besser gleich im Bett.

Nur drei der Tische, die am Gang zur Tür standen, waren besetzt, und Spike lehnte unschlüssig an der Bar und nippte an seinem Bier. Die Stimme am Telefon hatte rauh und verärgert geklungen, aber schließlich hatte der Kerl zugesagt, herzukommen.

Dem blonden Vampir war sofort der englische Upperclass-Akzent aufgefallen, und er war sich nicht mehr sicher, ob es richtig gewesen war, sich auf diese Anzeige hin zu melden... aber nach ein paar Bieren hatte er sich nun doch das Telefon vom Barkeeper herüberreichen lassen.

Trotzdem kamen ihm Zweifel.

Vielleicht wäre es besser, die Bar einfach zu verlassen, solange der Kerl noch unterwegs war? Aber er brauchte das Geld, um weiterzukommen – der Rest seines Notgroschens war für die Rückreise aus Afrika draufgegangen, und irgendwie mußte er überleben – auch, wenn ihm das jetzt fast sinnloser vorkam als vor seiner Reise.

Naja, er konnte ja immer noch so tun, als hätte nicht er angerufen, sondern jemand anders, wenn ihm der Kerl nicht zusagte, oder?

Neugierig blickte er zur Tür, als diese jetzt aufschwang und ein Mann eintrat, groß und schlank, mit einer abgewetzten braunen Lederjacke bekleidet, unrasiert, aber nicht ungepflegt.

Das „After Midnight“ war mehr eine Kneipe als eine Bar, und es lag in einer der Hintergassen im Hafenviertel. Wer die Bar nicht kannte, hätte hinter der brettervernagelten Eingangstür kaum so etwas vermutet – aber das war gewollt, denn das Publikum, das hier verkehrte, war gemischt und liebte die Dunkelheit und den neutralen Boden, den ein Hinweis am Eingang versprach.

Als Wesley die Bar betrat, war kaum Publikum zu sehen, und der Dämonenjäger blieb an der Tür stehen und blickte sich im Raum um. An den dunklen Holztischen vor ihm saßen nur ein paar betrunkene Fyarls und ein einsamer, abgerissener Vampir, der nur kurz aufblickte, als die Tür hinter Wesley zuschlug. Der sah auf keinen Fall so aus, als wäre er interessiert.

Blieb nur der Mann, der an der Bar lehnte.

Der sah nicht gerade wie ein starker Vampir aus, schlank und nicht sehr groß mit herausgewachsenen, blonden Haaren, deren Locken sich über den ganzen Kopf ringelten. Seine Kleidung war schlicht und nichtssagend – schwarze Jeans, ein dunkles T-Shirt und eine schwarze, abgewetzte Jeansjacke.

Er war ernst, und sein Blick war herausfordernd selbstbewußt, aber da war kein Anzeichen für Erkennen oder dafür, daß er derjenige war, der ihn hier erwartete. 

War das eine Falle gewesen? Wollte man ihn hierherlocken...?

Mißtrauisch blickte sich Wesley um, aber niemand nahm Notiz von ihm. Zögernd ging er nun auf die Bar zu und blieb vor dem Mann stehen.

Ja, das war ein Vampir, denn da war einzig Wesleys Reflektion, die ihn aus dem schmalen Spiegelstreifen, der hinter der Bar an der Wand entlanglief, anblickte.

Schweigend musterte er den Mann, der vor ihm am Tresen lehnte.

Aber der Blondgelockte rührte sich nicht, sondern blickte nur interessiert zu ihm auf. In seinen blauen Augen war etwas, was Wesleys Aufmerksamkeit erregte, ein heller Schimmer, der ungewöhnlich für die sonst so kalten Augen eines Untoten war.

Wesley nickte ihm jetzt zu.

„Sie suchen also einen Job?“, kam er sofort zur Sache.

Spike sah in das Gesicht seines Gegenübers, und er bemerkte den traurigen... nein, den resignierten Zug um den Mund des Mannes, und aus den Augen blickte ihn Hoffnungslosigkeit an.

Ein hoffnungsloser Dämonenjäger? Widersprach sich das nicht?

Da war eine frische Narbe an seinem Hals, und Spike wurde neugierig.

„Ja. Obwohl diese Spelunke ja nicht gerade wie ein Arbeitsamt aussieht, oder? Fehlt bloß noch Meckie Messer, und wir könnten bei Bertolt als Statisten mitmachen...“, antwortete Spike mit einem flüchtigen Grinsen.

Wesley reagierte nicht auf das Gesagte.

„Sie sind ein Vampir. Wieso wollen Sie bei der Dämonenjagd helfen?“, fragte er.

Spike schüttelte den Kopf.

Wollte der Kerl noch einen Lebenslauf und eine Begründung?

„Vielleicht habe ich Freude an der Dämonenjagd. Und da stand ja auch nichts von Dämonen, sondern von einem Monster. Vielleicht ist es ja eines meiner Lieblingshobbies – und ich will den Spaß mit dem Nützlichen verbinden, indem ich damit Geld verdiene?“, fragte er zurück und nahm einen großen Schluck aus seinem Bierglas.

„Wollen Sie auch eins?“, fragte er dann etwas versöhnlicher und drehte sich, ohne auf die Antwort zu warten, zum Barmann um. Mit einer Geste bestellte er zwei Bier, und dann musterte er auffällig die Narbe an Wesleys Hals.

Sie war noch frisch und sah ziemlich tödlich aus, aber nicht wie eine durch einen Vampirbiß verursachte, sondern wie ein Schnitt. Ein ziemlich tiefer Schnitt, denn die Ränder der Narbe waren noch immer rohe Wülste, die die Tiefe der Wunde erahnen ließen.

Der Mann hatte Glück gehabt, das zu überleben, aber er sah nicht glücklich aus.

Seine Augen waren erfüllt von Traurigkeit, und durch ihr Blau zog sich eine Spur Einsamkeit. Spike hätte nicht sagen können, was ihn das denken ließ – und wie sah eine Spur Einsamkeit überhaupt aus? -, denn der Mann hatte sich hinter der perfekten Maske kühler Distanz verschanzt.

Aber der blonde Vampir hatte schon immer die Fähigkeit gehabt, hinter Fassaden zu blicken, und so konnte Wesley seine inneren Narben und Verletzungen nicht vor ihm verbergen.

Deswegen fragte er auch nicht, woher der Mann die Narbe hatte. Zumindest nicht jetzt und hier.

Der Barmann stellte das Bierglas vor Wesley hin, der in Gedanken danach griff und es an die Lippen hob. Nur nebenbei bemerkte er, daß das Zeug bitter schmeckte und eiskalt war, aber im Moment kümmerte es ihn nicht.

Der Vampir hatte immer noch diesen herausfordernden Blick, der ihn an eines dieser Unterwäsche-Models von diesen riesigen Werbeplakaten erinnerte. Nur, daß der Vampir wohl blasser war als diese gutaussehenden, braungebrannten Kalifornien-Sommer-Sonne-Typen.

„Ich brauche Sie nur für einen bestimmten Job, und dann nicht mehr. Und ich kann Ihnen nicht allzu viel zahlen.“, sagte Wesley jetzt und wunderte sich über sich selbst, daß er nicht mehr Fragen an den Vampir richtete.

Eine Eingebung sagte ihm, daß der Kerl in Ordnung war, trotz des Mißtrauens, das mahnend in seinem Bauch grummelte, trotzdem er ein Vampir war... und offensichtlich ein älterer.

„Okay. Ich bin sowieso bloß auf der Durchreise.“, erwiderte Spike und hob lächelnd sein Glas.

„Sind wir das nicht alle?“, erwiderte der Ex-Wächter mit hochgezogenen Brauen, aber dann stellte er sich höflich vor: „Wesley Wyndam-Pryce.“

„Echt? Ich dachte, Vincent Price wäre längst in die ewigen Horrorfilmhallen eingegangen...“, scherzte Spike, als hätte er sich verhört.

Gegen seinen Willen mußte der Ex-Wächter lächeln.

„Sie sind der erste schwerhörige Vampir, dem ich je begegnet bin.“

Spike lachte leise.

„Ich heiße Spike. Nur fürs Protokoll.“

Jetzt wurde Wesley hellhörig.

Spike? Spike?

Da war irgendetwas in seinem Kopf, das ihn bei diesem Namen aufhorchen ließ. Spike...

Wesley blickte seinem Gegenüber in die Augen, während er sich seitlich an den Tresen lehnte, den linken Ellenbogen auf den Bartisch gestützt, und der Lockenkopf erwiderte seinen forschenden Blick ohne zu blinzeln.

Er hatte nicht einmal nach dem Monster gefragt oder nach der Aufgabe, die er dabei zu spielen hatte. Der Vampir hatte keine Bedingungen gestellt...

Wesleys Gehirn arbeitete auf Hochtouren.

Wo hatte er diesen Namen schon einmal gehört? Und warum ließ sich ein Vampir auf ein zweifelhaftes Geschäft mit einem Dämonenjäger ein?

Spike!

Ja! Auf sein Gedächtnis war Verlaß.

William der Blutige. Nein, das konnte nicht sein...

Warum sollte ein Meistervampir auf diese Art Geld verdienen wollen? Was hinderte ihn daran, sich einfach zu nehmen, was er wollte... wie er es immer getan hatte?

Und – wer sagte ihm, daß der Kerl nicht von Wolfram & Hart geschickt worden war, um ihn zu töten? Oder um ihn anzuheuern?

Wesley stellte abrupt das Glas auf den Tresen.

„Wie haben *die* Sie dazu gebracht, das hier zu machen?“, fragte er drohend.

Spike zog eine Braue hoch.

Erstaunt nahm er die Veränderung an Wesley wahr, und er fragte sich, was den Mann so plötzlich wieder so mißtrauisch hatte werden lassen.

„Wer soll mich zu was gebracht haben?“, fragte Spike zurück.

„Wolfram und Hart. Erst schicken sie Lilah, dann einen Meistervampir.“, antwortete Wesley und griff erneut nach dem Glas.

Spikes Blick fiel auf Wesleys Hand, die das Bierglas umschloß. Eine schmale, gepflegte Hand, deren feingliedrige, sehr lange Finger kraftvoll aussahen, wohlgeformt waren und... von Willensstärke zeugten. Und Spike stellte fest, daß er mehr über den Besitzer dieser Hand wissen wollte.

„Wer soll denn dieser Wolfram sein? Ein ganz Harter? Lilah klingt da schon interessanter.“, sagte Spike mit einem Grinsen und hob den Kopf, um seinem Gegenüber in die Augen blicken zu können.

Verblüfft stellte Wesley fest, daß der Vampir wirklich keine Ahnung hatte, wer oder was Wolfram & Hart waren. Er holte tief Luft, bevor er weitersprach.

Und er verkniff sich ein Grinsen.

„Ist nicht wichtig. Irgendwie glaube ich Ihnen... Sie sind William der Blutige, nicht wahr?“, fragte er rundheraus, und er beobachtete genau die Reaktion des blondgelockten Vampirs, der bei dem Wort „William“ fast zusammengezuckt war.

Spike war überrascht – auch über sich selbst. Es war gar nicht lange her, da hätte er sich geschmeichelt gefühlt, wenn ihn jemand erkannt hätte – nur vom Namen her. Aber in diesem Moment – und das war das erste Mal, daß ihm das passierte – hätte er wohl lieber den unbekannten Vampir gegeben, den Namenlosen, der nur mal kurz vorbeikam und dann ebenso unerkannt wieder verschwand.

Spike seufzte.

„Das war ich mal... oder ich bin’s noch. Manchmal weiß ich selbst nicht mehr, wer ich bin oder ob das nur eine Legende ist... Woher kennen Sie mich?“, fragte er leise.

Jetzt seufzte Wesley.

„Ich war Wächter. Und über Sie habe ich eine Menge gelesen. Sie sind ein Paradebeispiel für angehende Wächter. In direkter Linie vom Orden des Aurelius abstammend, Drusilla hat Sie umgewandelt. Sie haben zwei Jägerinnen getötet – eine während des Boxeraufstandes, eine 1977 in New York, und Sie waren über ein Jahrhundert lang mit Drusilla zusammen auf der Jagd...“

„Auf der Jagd? Steht das in Ihren verdammten Lehrbüchern? Mann – ich habe sie *geliebt*, sie beschützt, ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen! Auf der Jagd... Klingt wie Hemingways Lebenserinnerungen. Oder haben Sie Brehms Tierleben studiert? Oh, Mann...“, unterbrach Spike ihn ärgerlich und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Naja, für Wächter sind Vampire nicht gerade Lichtgestalten, die vor Liebe erglühen.“, sagte Wesley ruhig, und ein kaum merkliches Lächeln glitt über sein Gesicht.

Er dachte daran, wie er wohl auf diese Begegnung reagiert hätte – damals auf der Wächterakademie in Southern Hampshire.

Mit einem Kreuz in der Hand und einem Pflock in der anderen hätte er nichts von dem wahrgenommen, was er jetzt sah, sondern nur ein Monster, das es zu vernichten galt. Er hätte weder hinter diese selbstbewußte Fassade blicken können, hätte sich auch nicht für die Beweggründe dieses Vampirs interessiert, noch für dessen Ansichten oder Gedanken. Einzig die Spezies wäre ausschlaggebend gewesen für sein Urteil.

Vampir. Böse. Basta.

Er hätte nicht wahrgenommen, daß es etwas an diesem Vampir gab, das es wert war, es genauer zu betrachten, hätte nicht die Wärme hinter diesen blauen Augen erkannt oder daß dieses zur Schau gestellte Selbstbewußtsein eine Art Selbstschutz war, noch, daß da ein Geheimnis war, das ihn von anderen „Monstern“ unterschied.

Und er hätte kein Gespräch mit ihm geführt – oder jemals auch nur daran gedacht, mit einer Kreatur der Nacht zusammenzuarbeiten.

Aber die Zeiten hatten sich geändert.

„Jetzt weiß ich auch, warum mir Ihr verschnörkelter Name so bekannt vorkommt – Sie waren mal Buffys Wächter, nicht wahr? Sie hat mal sowas erwähnt... aber ich denke, Sie wollen lieber nicht hören, wie Sie über Ihren... naja... Wächerstil gesprochen hat, oder?“, erwiderte Spike, und auch er mußte lächeln, als er daran dachte, welchen Eindruck Wesley in Sunnydale hinterlassen hatte. Auch wenn er nicht die ganze Geschichte kannte, so konnte er sich einiges zusammenreimen.

Aber der Mann, der jetzt vor ihm stand und bitter auflachte, war wohl kaum mehr derselbe, der das in Sunnydale vergeigt hatte – zumindest war er kein Wächter mehr, und er hatte sicher aus seinen Fehlern gelernt.

Die klugen Augen dieses Ex-Wächters sahen sorgenvoll aus, aber nicht wie die eines Mannes, der sich ewig an lächerliche Regeln hielt. Und das war gut.

Wesley schüttelte verwundert den Kopf.

Wie klein die Welt doch war! Und wie seltsam es war, daß die Vergangenheit einen immer wieder einholte...

„Buffy...“, sagte Wesley, und es war mehr ein Aufseufzen als ein Wort, und nur flüchtig wunderte er sich darüber, daß Spike Buffy kannte, und zwar so gut, um sich mit ihr zu unterhalten. Aber dieser Gedanke wurde sofort verdrängt von seinen Erinnerungen.

Er nahm wahr, wie in das Gesicht des Vampirs ein sehnsuchtsvoller und verletzter Ausdruck trat, aber nur für einen kurzen Moment, bevor die Selbstsicherheit wieder die Herrschaft über dessen Miene ergriff.

„Damals dachte ich noch, die Welt wäre aus Richtlinien gemacht, aus Gesetzen und Handbuchparagraphen. Aber ich habe nicht beachtet, daß selbst diese Regeln von fehlbaren Menschen – wenn auch in guter Absicht – aufgestellt worden waren. Und daß es immer auch eine andere Möglichkeit gibt, ein Problem zu lösen.“, sagte Wesley leise.

„Und jetzt wissen Sie das?“, fragte Spike.

Wesley schloß kurz die Augen, bevor er antwortete.

„Wer weiß das schon? Ich weiß nur, ich kann nichts mehr ungeschehen machen, egal, wie sehr ich es mir wünsche.“, und Bitterkeit schwang in seiner Stimme mit.

Wieder kroch die Erinnerung an diese schicksalhafte Nacht in ihm hoch, an diese verzweifelte Tat, die Recherchen, die eigenen Zweifel... die Pein, die niemals nachzulassen schien.

Und immer wieder Angels sich überschlagende Stimme beim Versuch, ihn zu ersticken... und es gab Augenblicke, in denen er sich wünschte, dem Vampir wäre es gelungen.

Wesley schluckte, und der ziehende Schmerz in seiner Kehle erinnerte ihn nur noch mehr daran. Wieder fühlte er die kalte Einsamkeit, die ihn seitdem gefangenhielt und sein Leben bestimmte.

Der Ex-Wächter hob den Blick, und seine Augen begegneten den wissenden Augen seines Gesprächspartners. Der Vampir konnte unmöglich ahnen, was passiert war, aber Wesley hatte das Gefühl, daß hier jemand war, der ihn verstand.

Es war eigenartig, und es verwirrte ihn, daß ausgerechnet ein Massenmörder ihm dieses Gefühl gab, zum ersten Mal seit Monaten...

„Nein, rückgängig machen können Sie nichts. Aber Sie leben! Und das ist doch auch schon mal was, oder?“, erwiderte Spike.

Die Situation hatte etwas Abgehobenes – wieso hatte er das Gefühl, er tröstete diesen Ex-Wächter? Und wieso war ihm das nicht einmal unangenehm?

Aber es war auch gut, sich überhaupt mal mit jemandem zu unterhalten – die Reise im Laderaum dieses versifften, rattenverseuchten Frachters hatte länger gedauert, als er gedacht hatte, und er war die ganze Zeit über allein gewesen... und fast verrückt geworden mit all den Stimmen in seinem Kopf.

Schreie, Wimmern, Brüllen, Winseln, Betteln... so laut, so lästig, so... sinnlos... und so lange verhallt.

Wollte diese Seele ihn vernichten?

Was war das überhaupt für ein Ding? Man konnte es nicht berühren, nicht riechen oder schmecken... War das nur eine Gedächtnisauffrischung, war diese Seele nur eine Art Heilung seiner Vergeßlichkeit? Eine Art Gewissensnachhilfe?

Spike wußte nur, daß er etwas anderes erwartet hatte... oder nicht erwartet, nein, erhofft hatte. Naja, wenigstens waren sie ruhig, während er sich unterhielt...

„Ich habe meine Familie verraten...“, flüsterte Wesley jetzt.

Spike schüttelte den Kopf.

„Ich habe meine ganze Art verraten, alles was ich bin – und was ich gerne war, was ich geliebt habe – einfach alles, woran mir was lag... Der Preis gehört mir, Ex-Wächter.“, erwiderte er, und Wesley blickte den Vampir so erstaunt an, als ob er erst jetzt wahrgenommen hätte, mit wem er da sprach – und über welches Thema.

„Was ist es, was uns veranlaßt, uns Fremden anzuvertrauen, Fremden unsere Geheimnisse zu verraten... Geheimnisse, die wir nicht einmal uns selbst eingestehen würden?“, fragte Wesley nachdenklich. „Wieso stehe ich hier mit Ihnen in dieser dreckigen Bar und erzähle von meinem... Versagen?“, fügte er hinzu und schloß seufzend die Augen.

„Weil ein Fremder wie ein unbeschriebenes Blatt ist – und nur das, was man diesem Typen erzählt, wird darauf verzeichnet werden – sonst nichts. Während bei Vertrauten das Blatt bereits beschrieben ist – und man sich davor fürchtet, daß derjenige unschöne Streichungen machen müßte, die die Ansicht verschandeln könnten. Weil man verletzlicher wird, je vertrauter man sich ist. Weil man die Verachtung eines Fremden besser ertragen kann als die desjenigen, den man liebt. Weil man sich von einem Fremden eher eine objektive Meinung erhofft – und vielleicht sogar, daß einem die Augen geöffnet werden.“, antwortete der Vampir, und seine Stimme war immer leiser geworden, während er gesprochen hatte.

Spike lächelte, als er hinzufügte:

„Und weil wir zwei trübe Tassen sind, die wohl zu lange allein waren und jetzt mal was ablassen müssen.“

Der Ex-Wächter lachte leise.

Und dieses Mal war keine Bitterkeit in seinem Lachen. Wieder hob er sein Bierglas an die Lippen und hätte sich fast vor Ekel geschüttelt, als das Gebräu seine Kehle hinunterrann. Angewidert verzog er das Gesicht.

„Wie können Sie dieses Gesöff bloß trinken?“, fragte er.

„Ich kann ja auch Blut trinken.“, erwiderte Spike gelassen.

Wesley nickte.

„Ja, stimmt. Hätte ich beinahe vergessen.“

Er stellte sein halbausgetrunkenes Glas auf den Tresen. Was war anders an diesem Vampir, daß der imstande war, ihn zu interessieren – und er nicht das Gefühl hatte, vor einem Monster zu stehen? Wieso hatte er sich auf dieses Gespräch eingelassen? Und warum hatte sich dieser Vampir überhaupt für diesen Job interessiert?

„Hey, Leute – Schankschluß für heute! In einer Stunde ist Sonnenaufgang! Macht euch auf die Socken!“, ließ jetzt der Barkeeper seine grobe Stimme ertönen, und wie auf Kommando standen jetzt die verbliebenen Fyarls und der versackte Vampir von ihren Stühlen auf und verließen folgsam und grußlos das Lokal.

„Das gilt auch für euch zwei Hübschen.“, fügte der Barkeeper hinzu, als er jetzt vor die beiden ins Gespräch vertieften Besucher trat.

„Wir sind schon unterwegs. Alles klar, Joe – oder wie immer du heißt.“, erwiderte Spike und stieß sich vom Tresen ab.

„Wie auch immer ich heiße...“, grinste der Barkeeper und wischte mit einem Lappen über den Tresen.

Kaum, daß sie durch die Tür nach draußen getreten waren, rasselten die Jalousien hinter ihnen hinunter, und schon gab es das „After Midnight“ nicht mehr.

Vom Meer wehte eine frische Morgenbrise herüber, die die von der Hitze des vergangenen Tages aufgeladene, stickige Luft der Großstadt fast ganz vertrieben hatte, und es war bereits zu spüren, daß die Nacht sich ihrem Ende zuneigte.

Einen Moment lang standen sie unschlüssig vor der geschlossenen Bar. Der Vampir hob den Kopf, aber der Himmel über L. A. war sternenlos und nicht einmal richtig dunkel bei all den Lichtern, die diese häßliche Stadt aussandte, und er fühlte sich einmal mehr um den Anblick des glitzernden Firmaments betrogen.

Spike holte seine Zigaretten hervor und steckte sich eine davon zwischen die Lippen.

„Na, dann... wir treffen uns morgen abend am besten wieder hier. Ist Ihnen das recht?“, fragte Wesley.

Spike nickte.

„Ist mir recht. Gleich nach Sonnenuntergang? Soll ich was mitbringen... für diese Monsterjagd?“

Wesley schüttelte den Kopf. Irgendwie kam ihm auf einmal alles absurd vor, und Verlegenheit machte sich in ihm breit.

„Bis morgen dann...“, sagte er, drehte sich um und ging in die Richtung, in der er seinen Wagen abgestellt hatte. An der Hausecke blieb er stehen und sah sich noch einmal um.

Da stand der Vampir, eine stille Gestalt im Schummerlicht dieser Gasse, die von nur einer einzigen Laterne beleuchtet wurde. Wesley sah die Glut der Zigarette, die er in seiner Hand hielt, der Rest der Gestalt war im Dunkel. Eine unbewegliche Silhouette mit hellem Schopf, und er hätte nicht sagen können, was ihn jetzt dazu veranlaßte, einen Schritt zurückzumachen.

„Spike.“, rief er leise ins Dunkel, und er sah, wie der Vampir zusammenfuhr wie jemand, der tief in Gedanken ist.

Spike drehte sich zu ihm um.

„Ja?“, fragte er.

„Hast du eine Bleibe... hier in L. A.?“, fragte Wesley und bemerkte erstaunt, wie er ins vertrauliche „Du“ gefallen war.

„Naja, ein Keller oder eine Gruft kann man immer finden...“, antwortete der Vampir erstaunt. Warum interessierte das diesen Ex-Wächter?

Wesley zögerte einen Moment lang. Aber er hatte plötzlich das Gefühl, jetzt einfach nicht allein nach Hause fahren zu können, in seine leere, kalte Wohnung, die ihm auf einmal so zuwider erschien. Und er konnte den Gedanken nicht ertragen, nicht jetzt, nicht in dieser Nacht... oder dem Rest davon, allein zu sein.

„Du könntest auf meiner Couch schlafen, wenn du willst.“, schlug er vor, selbst überrascht von dem Angebot, das er dem fremden Vampir machte.

Hastig, als ob er seinen Entschluß begründen müßte, fügte er hinzu:

„Dann könnten wir auch unsere Zusammenarbeit für morgen nacht besprechen.“

Spike lächelte.

Er hatte durchaus begriffen, daß dieses Angebot nicht ihm galt oder gemacht wurde, weil Wesley sich Sorgen machte, daß er den Tag in irgendeinem Dreckloch verbringen müßte – er kannte die *wahren* Beweggründe dieses Mannes, der nicht allein sein wollte.

Okay, sollte er haben – und er hätte eine Bleibe für den Tag. Und ebenfalls Gesellschaft, die ihm vielleicht die lästigen Stimmen aus seinem Kopf vertreiben würde... Zumindest für eine Weile.

„Einverstanden – wenn es dir nichts ausmacht, daß ich manchmal knurre?“

Lächelnd schüttelte Wesley den Kopf.

 

~*~*~*~*~*~*~*~

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