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Caro: Schlaflos in New York
![]() Braune
Augen mit dunklen Augenringen starren Spike an und ihr Besitzer grunzt nur
einmal, aber Spike hat es satt, dass Angels Gesprächsbeitrag sich in letzter
Zeit auf tierische Laute reduziert hat. Er legt die Zeitung auf den Tisch,
faltet seine Hände darüber und beugt sich vor. Mit dem freundlich-vorsichtigen Tonfall
eines Psychiaters, wenn auch dem Lächeln eines Psychopathen, fragt er: „Nicht gut
geschlafen, Schätzchen?“ Diesmal
antwortet Angel mit einem Knurren und Spike fragt sich, ob der Übergang von
Schweinelauten zu Hundegeräuschen als Fortschritt anzusehen ist. Er rollt die
Augen und seine Stimme birgt wieder den üblichen Sarkasmus, als er ein zweites
Mal nachhakt: „Du siehst
noch beschissener aus als sonst, seit wir in dieser Stadt sind. Und ich weiß,
dass das nicht von irgendeiner Prügelei mit noblem Hintergrund kommt, weil wir
dieses Drecksloch so gut wie nie verlassen. Ranziges Blut getrunken?
Feuchtigkeitscreme alle?“ Angel
knurrt erneut, verschränkt die Arme vor seiner Brust und der Blick, mit dem er
Spike fixiert, ist soeben noch ein wenig schärfer geworden. Spike ignoriert
mögliche Konsequenzen, die Seinen-Grand-Sire-Anpissen haben kann, nun ist er neugierig geworden. „Leidet
dein Ego darunter, nicht jede Nacht eine Jungfrau in Not zu retten?“, rät er
weiter und fügt mit einem süffisanten Grinsen hinzu: „Ich halte es ohnehin für
schwer, in dieser Stadt sonderlich viele Jungfrauen zu finden…“ „Darla.“,
brummt Angel endlich und Spike sieht ihn verdattert an. „Darla?“,
fragt er ungläubig zurück, „Darla ist keine Jungfrau und das wissen wir beide.
Außerdem ist sie nicht in Not. Sie ist eher tot.“ Angel blinzelt einmal und
Spike wiederholt zur Sicherheit etwas lauter: „Tot! Asche. Vom Winde verweht.
Puff, weg.“ „Was zum
Teufel redest du da?“ Spike hebt
eine Augenbraue. „Du hast gesagt, du wolltest Darlas Jungfräulichkeit retten.
Wer redet hier wohl Unsinn?“ >„Nein, du
Idiot“, sagt Angel und Spike ist auch nach 130 Jahren darüber verwundert, dass
Angel die Worte ‚du Idiot’ so verwenden kann, als seien sie Spikes Name, „Ich
habe gesagt ‚Darla’, weil sie der Grund ist, aus dem ich nicht schlafen kann.“ Spike rollt
mit den Augen und Angel antwortet mit einem ärgerlichen Brummen, erklärt dann
aber doch, was er meint, während er sich neuen Kaffee einschenkt. „Ich habe
praktisch keine Nacht geschlafen, seit wir hier sind“, sagt Angel ernst, als
verkünde er Spike gerade, dass er eine unheilbare Krankheit habe. „Und das war
schon mal so ähnlich. Vor ein paar Jahren, als Wolfram und Hart Darla
zurückgebracht haben.“ Angel macht
eine rhetorische Pause, aber Spike nickt nur, denn er kennt die Geschichte
bereits. Angel kürzt also das Drumherum und kommt direkt zum Punkt: „Ich hab’
die ganze Zeit von ihr geträumt“, ein erneuter böser Blick, weil Spike sein
Grinsen nicht zurückhalten kann, dann fährt Angel fort, „dachte ich jedenfalls.
Irgendwie haben Wolfram und Hart sie in meine Träume geschleust und so versucht
– “ „Dich durch
konstante feuchte Träume vom Weltretten abzuhalten?“ “Mich zu
zermürben“, knurrt Angel. Spike schüttelt den Kopf, weil er nicht so recht
weiß, was ihm dieser Rückblick sagen soll, aber Angel kommt offenbar erst
richtig in Fahrt. „Dann war
da noch der Vorfall, bei dem Lilah veranlasst hat, dass Cordy falsche Visionen
bekommen hat, die sie fast umgebracht hätten. Und dann…“ ![]() Es ist
Samstag, irgendwann weit nach Sonnenaufgang und es klopft. Eigentlich ist es
mehr das Pochen eines Spechtes als ein vernünftiges Klopfen, und ehrlich gesagt
braucht Spike einen Moment, um das Geräusch überhaupt mit der Tür in Verbindung
zu bringen. Es ist nicht so, dass Angel und er häufig Besuch bekämen und die
hiesigen Schlachter da dummer Weise keinen Bringdienst für Blut anbieten – und
die Tage des Pizzaboten-Essens vorbei sind – klopft eigentlich nie jemand an
ihre Tür. Spike
rutscht also seufzend von der Couch, da die Chance, dass Angel öffnet, so gut
wie nicht vorhanden ist. Angel ist in seinem Schlafzimmer und starrt an die
Decke. Nicht, dass Spike heute nachgesehen hätte, aber Angel tut das schon seit
Wochen. Fixiert die weiße Decke, als könne er durch seinen hypnotischen Blick
die Geister, die sich tagsüber dahinter zu verstecken scheinen, herauszwingen,
um sie zum Duell zu fordern. Die kommen aber natürlich nicht raus, welche
Überraschung. Auf dem Weg
zur Tür atmet Spike einmal tief ein und neben dem Geruch von kaltem
Zigarettenrauch und Angels Lieblingsweichspüler kann er bereits wittern, wer
auf der Schwelle wartet. Dawn. Und… Spike atmet
erneut ein, während er die Türklinke herunterdrückt, aber seine Augen sind
schneller als seine Nase und so guckt er doch etwas überrascht, als vor ihm
Dawn und Xander stehen. Das heißt, Dawn steht nicht sehr lange, einen Moment
lang grinst sie ihn an, dann springt sie ihm um den Hals und wirft ihn beinahe
um. Überrascht umarmt er die sommersonnenwarme Summers-Schwester und sieht Xander die Arme vor der Brust verschränken und ihn
aus seinem gesunden Auge skeptisch anfunkeln. „Hey,
Krümel“, sagt Spike, als Dawn ihn wieder loslässt, „was zur Hölle machst du
denn hier?“ „Sehr gute
Frage“, brummt Xander, aber Dawn ignoriert seinen sarkastischen Kommentar. Sich
an Spike vorbeidrängend, gibt sie zur Antwort: “Ich
dachte, bei euch spukt’s.“ „Äh“, Spike
kratzt sich am Kopf und nach einem absichtlichen Moment des Zögerns lässt er
auch Xander ins Haus, „und du bist Hui Buh oder was?“ Dawn rollt
mit den Augen: „Stehen wir etwa auf der Seite der Fieslinge?“ Spike
grinst und legt für einen Moment sein Vampirgesicht auf und Xander kommentiert
das mit einem Augenrollen und einem „Wollte ich gerade sagen. Das ist so, als
wenn du Charles Manson fragst, ob er manchmal schlecht drauf ist…“ „Oder dich,
ob du immer so viel Mist redest“, ergänzt Spike fröhlich mit Blick auf Xander
und erntet dafür ein weiteres Augenrollen. Zufrieden damit wendet sich der
Vampir Dawn zu. „Ihr seid
also hier als Pseudo-Ghostbuster.“ „Pseudo-Wer?“
Angel,
offenbar doch von dem Klopfen an der Tür aus dem Bett gebracht, steht im Rahmen
der Tür zu seinem Schlafzimmer und guckt verwirrt. Diese Verwirrung steigert
sich zu nahezu angsterfüllter Konfusion, als Xander die Melodie des Titelsongs
von „Ghostbusters“ summt und Spike und Dawn synchron an der passenden Stelle
„Ghostbusters!“ rufen. „Äh“, macht
Angel wenig eloquent und Spike hat Mitleid mit seinem Grand Sire. „Popkulturanspielung,
Peaches“, erklärt er, „hauptberufliche Geisterjäger, die jedes Haus spukfrei
kriegen.“ „Du hast
Dawn und Xander davon erzählt?“, fragt Angel mit einer Entrüstung in der
Stimme, als habe Spike soeben das Schweizer Bankengeheimnis gelüftet. „Du hast
nicht gesagt, dass ich es nicht weitererzählen soll“, gibt der blonde Vampir
schulterzuckend zurück. „Als
hättest du es dann nicht gerade erzählt…“, murmelt Xander und Dawn kichert.
Angel scheint immer noch nicht ganz zufrieden. Er kratzt sich am Kopf und
mustert die jüngere Summers-Schwester mit
Skepsis, Xander mit leichter Abneigung im Gesicht. „O-kay“,
sagt er langsam, „wieso seid ihr dann hier und nicht Rupert oder Willow?“ „Ist er
nicht ein Ausbund an Subtilität und Höflichkeit?“, säuselt Spike gekünstelt,
aber Dawn scheint Angel die Direktheit nicht übel zu nehmen. „Ich hab’
viel drüber gelesen“, erläutert sie und beeilt sich hinzuzufügen, „und hab auch
schon eine ganze Reihe Häuser geisterfrei gekriegt. Ich weiß, was ich zu tun
habe.“ Nach dieser
Zusicherung drehen die beiden Vampire ihre Köpfe zu Xander und heben beide eine
Braue. Xander zuckt mit den Schultern. „Ich bin
nur hier, weil irgendjemand ja aufpassen muss. Sonst wird Dawn noch versehentlich
zum Punkt“, er sieht Spike an, „oder zum Obergrufti“, ein Blick zu Angel,
„während sie eure Hütte reinigt.“ „Willkommen
in New York, einäugiger Ritter“, gibt Spike mit sarkastischer Herzlichkeit
zurück und Angel, offensichtlich zu müde für Widerworte, bietet den beiden
Besuchern die freistehenden Schlafzimmer an.
**** „Was’n das
für’n Zeug?“ >Spike
rümpft die empfindliche Vampirnase und sieht Dawn mit Ekel im Gesicht an. „Das riecht
ja schlimmer als Angels alte Socken.“ „Hey!“, protestiert
der ältere Vampir, sich ebenfalls von dem unangenehm muffigen Geruch des
Krautes in Dawns rechter Hand abwendend. „_Meine_ Socken sind immer frisch
gewaschen, was man von deinen nicht behaupten kann. Du bist sowieso eine
einzige Kleidungskatastrophe, du trägst ja nicht mal Unterwäsche.“ Angel läuft
rot an, als ihn sowohl Buffys kleine Schwester als auch Xander mit Verblüffung
ansehen. Xander schüttelt mit dem Kopf. „Ich möchte
überhaupt nicht wissen, woher du das weißt.“ „Ich –“ „Lalala,
ich kann dich nicht hören.“ „Was Angel
sagen will –“, versucht Spike es mit einem mehr als hinterhältigen Kichern und
Xander, Böses ahnend, hält sich die Hände
über die Ohren und kneift sein Auge zu. Dawn stößt ihn recht unsanft mit ihrem
Ellenbogen in die Seite. Als er seine Hände wieder herunter nimmt, sagt sie: „Wenn ihr Mimosen dann mal fertig seid, können wir vielleicht
anfangen?“ Die drei
Herren in der Runde sehen einander an, zucken mit den Schultern und nicken dann
einstimmig. „Also gut.“
Dawn streckt die Hand mit dem merkwürdig riechenden Kraut aus und Angel und
Spike rümpfen, diesmal allerdings stumm, erneut die Nasen. „Das ist Muuf-Kraut.
Ich habe es von einer Hexe aus Taiwan, die Willow bei einem ziemlich
komplizierten Exorzismus bei einer neuen Jägerin geholfen hat…“ „Lebt diese
Jägerin noch?“, fragt Spike dazwischen und diesmal ist er es, der einen
Ellenbogen in die Rippen bekommt. „Jedenfalls“,
fährt Dawn unbeirrt fort, „ist das Zeug echt klasse. Alles, was wir tun müssen,
ist, das Kraut anzuzünden, uns dann nackt auszuziehen und dann ‚Dämon byebye!’
zu brüllen.“ Angels
Kinnlade klappt herunter. Spikes
Augen werden riesengroß. Xander
schüttelt verzweifelt den Kopf. Und Dawn
hält dieses Bild ganze fünf Sekunden durch, bevor sie sich vor Lachen krümmt. Sie
braucht einen Moment, bevor sie ihr hicksendes Kichern wieder unter Kontrolle
hat und die Tränen aufhören, über ihre Wangen zu kullern. „Jetzt mal
im Ernst –“ Dawn
erklärt den verblüffend einfach klingenden Zauber und Xander und Spike setzen
sich wie geheißen, während Angel als der Größte von ihnen mitten im Raum stehen
bleibt und sich das Kraut über den Kopf hält wie einen Mistelzweig an
Weihnachten. Die Summers-Schwester umkreist den dunkelhaarigen Vampir drei Mal und murmelt dabei
Worte, die Spike für Taiwanesisch hält und nicht versteht. Anders als Willow
bei solchen Aufgaben scheint Dawn völlig gelassen. Sie hat sich die langen
braunen Haare hinter die Ohren gestrichen und ihre dunklen Augen blitzen vor
Konzentration. Hin und wieder benetzt sie ihre Lippen, als flössen dann die
unbekannten Worte leichter über sie, um dann Angel wie mit feinsten
Spinnenweben zu umgarnen. Spikes
Blick trifft Angels und der blonde Vampir sieht das leise Unwohlsein in den
Augen seines Grand Sires. Auch Angelus stand Magie immer skeptisch gegenüber
und Spike kann in den braunen Augen von Angel lesen, dass auch der Vampir mit
Seele nicht ganz glücklich ist mit der Situation. Erst als
Spike aus den Augenwinkeln sieht, dass Xander ihn verwundert ansieht, wird ihm
bewusst, dass sein Mund sich bewegt, tonlos seinem Grand Sire zusprechend. Er
presst seine Lippen fest zusammen und runzelt die Stirn, um diesen Ausrutscher
seines Unterbewusstseins wieder wett zu machen. Dennoch sieht er etwas in
Angels Augen aufscheinen, das die Unruhe ersetzt. „Ich rufe
euch“, sagt Dawn plötzlich laut und wieder in ihrer Muttersprache, „ihr Geister
dieses Hauses! Ich rufe euch!“ Spike hört
Xander scharf einatmen und spürt förmlich, wie sich jeder Muskel in Angels
Körper anspannt, als die Wände zu beben scheinen. „Ich rufe
euch!“, wiederholt Dawn und mit ihren Worten scheint ein Sog von dem Kraut in
Angels Händen auszugehen. Das Beben
hört auf, nun scheint es, als seien die Wände aus Silikon. Anonyme Gesichter
pressen sich dagegen, drehen und wenden sich hinter der plötzlich elastischen
Tapete. Ein leises Rauschen, wie schlechter Radioempfang, bei dem man fast
Worte verstehen kann, verlässt die Wände des Hauses und Spike meint, die
Geräusche beinahe sehen zu können. Sie winden sich Angels Körper hinauf wie
unsichtbarer Efeu, den Pfaden, die Dawns Worte gelegt haben, folgend. Als sich
die Geräusche um Angels erhobenen Arm versammelt haben, eng gewickelt wie
Zuckerwatte aus der Hölle, stellt Dawn sich vor den großen Vampir. Breitbeinig
stehend schaut sie an ihm herauf und stemmt die Hände in ihre Seite. „Weichet!“,
ruft sie laut und in einer so buffygleichen Stimme, dass für einen Moment
Spikes und Angels Augen nach der Jägerin suchen wollen. „Weichet
aus diesem Haus, ihr Geister der Vergangenheit, ihr seid hier nicht länger
erwünscht!“ Angels Arm
zittert, ein Beben, das durch seinen ganzen Körper läuft wie Starkstrom. Angels
menschliches Gesicht verwandelt sich in sein Vampirantlitz und er brüllt,
Angelus’ Wutausbrüche ein Kirchenlied gegenüber diesem Laut. Spike
springt auf, ebenfalls mit gelben Augen und scharfen Zähnen, um einzugreifen,
irgendetwas zu tun, aber Xanders überraschend harter Griff um seinen Arm hält
ihn zurück. Der blonde Vampir fährt herum und knurrt den Menschen wütend an,
aber dieser zeigt sich unbeeindruckt. Ärgerlich befreit Spike seinen Arm und
schnellt herum, um endlich seinem Grand Sire zu Hilfe zu kommen. Er sieht
gerade noch, wie die weißen Geister die grüne Farbe des Krautes annehmen und
mit diesem zu verschmelzen scheinen. Angel brüllt erneut, Dawn schreit ein
chinesisches Wort dagegen und es ist vorbei. Spike blinzelt und auch
in Angels Gesicht steht die Verwunderung über dieses abrupte Ende geschrieben.
Der ältere Vampir nimmt langsam seinen Arm herunter, öffnet seine nun leere
Hand und dreht und wendet sie ungläubig. Spike wechselt wieder in sein
menschliches Gesicht, dennoch beobachtet er seinen Grand Sire mit Vorsicht. „Das
war’s“, bestätigt Dawn, lächelt und lehnt sich gegen eine der nun wieder
soliden Wände, „alles, was sich hier an zwischenweltlichem Sondermüll
rumgetrieben hat, ist jetzt da, wo es hingehört. Nämlich anderswo.“ Angel nimmt
seinen Blick von seiner Hand und sieht zuerst zu Dawn, deren Lächeln so an
Buffy erinnert, dann dreht er den Kopf und sieht Spike an. Und der blonde
Vampir kann nicht anders, als auf die Hoffnung in den Augen seines Grand Sires
mit einem Lächeln zu antworten. „Bestens“,
sagt Xander mit professioneller Langeweile und wischt sich die Hand, mit der er
Spike angefasst hat, demonstrativ an der Hose ab. „Können wir jetzt wieder nach
Hause?“ Angel
brüllt. Spike ist auf den Füßen und in vollem Vampirmodus, bevor der Schrei
ganz verhallt ist. Spike reibt
sich die gelben Augen und leckt über seine Fänge, bevor er sich auf die Bettkante
setzt, die Ellenbogen auf die Knie stützt und wartet. Angel
brüllt erneut, lauter als bei jeder Folter, die er oder Angelus hat über sich
ergehen lassen. Spike könnte schwören, dass die Wände vibrieren von der
Intensität dieses Schreis, so tief, so rau
so schmerzhaft ist er. Aber was Spike knurren lässt in hilfloser Verzweiflung
ist das leise Geräusch, das dem Schrei folgt. Ein leises Wimmern, so leise, dass Spike es nur dank seiner Vampirsinne
hören kann, und auch wenn Spike sich die Ohren zuhält, hört er es noch in
seinem Schädel, verflucht, in seinem ganzen Körper widerhallen. Am
schlimmsten ist es in der ersten Nacht gewesen. Spike ist an Angels Tür
gewesen, hat die Tür beinahe aus ihren Angeln geschlagen und blieb im Türrahmen
stehen. Sein Grand Sire saß in der Mitte seines Bettes und starrte ihn mit
angstgeweiteten Augen an. Am schlimmsten war es, weil Spike in der Nacht die
Hoffnung, die er in Angels Augen gesehen hatte, ebenso verschwinden sah, wie er
es bei Dawns Zauberkraut erlebt hatte. Spike steht
auf, zieht seine Pyjamahose, die ihm etwas zu weit ist, wieder über seine
Hüftknochen und durchquert das Haus bis zu Angels Raum. Einen Moment lang denkt
er tatsächlich darüber nach zu klopfen, rollt dann über sich selbst die Augen
und stößt die Zimmertür auf. Angel steht mit dem Rücken zu ihm am Fenster und
Spike kann an seinen ungewöhnlich ungestylten Haaren sehen, dass er gerade noch
im Bett gelegen haben muss. Sein Grand Sire zuckt im ersten Moment zusammen,
dann scheint sein Verstand einzusetzen und ihm zu sagen, dass er nicht mehr
schläft, dann sagt ihm seine Nase, dass es Spike ist, der hinter ihm steht.
Seine angespannten Nackenmuskeln sacken wieder in sich zusammen in übermüdeter
Entspannung, aber er dreht sich nicht um. „Alles
okay?“, fragt Spike, um einen leichten Tonfall bemüht. Wenn Angel trotzdem die
schlecht versteckte Besorgnis in seinen zwei Worten hören kann, so lässt er
sich nichts anmerken. „Hm“, sagt
er und Spike weiß, dass das das Ausmaß an Informationen ist, die er im
Augenblick bekommen kann. Angel überrascht ihn jedoch, indem er – immer noch
zum Fenster gewandt – hinzufügt: „Sie sind
wieder da. Der Zauber hat nichts geholfen.“ Spike
schüttelt den Kopf und fährt sich durch die ebenfalls ungekämmten Haare. Er würde
sich über Angel lustig machen. Würde sogar ernsthaft die Existenz von Geistern
anzweifeln, besonders nach Dawns Besuch. Würde, würde, würde. Wenn er nicht den
Geruch seines Grand Sires kennen würde. Und jetzt riecht er falsch. Er riecht
nach Furcht, weit über jede Art von Selbstmitleid hinaus – er stinkt nach
Resignation und Aufgabe. Spike
schüttelt erneut den Kopf und wartet noch einen Moment darauf, dass Angel noch
etwas tun würde, irgendetwas. Aber als Angel nur am Fenster stehen bleibt, zu
erschöpft um ein leichtes Zittern seiner überanstrengten Muskeln zu verhindern,
seufzt Spike nur unhörbar und schließt die Tür hinter sich. Wissend,
dass keiner von ihnen in dieser Nacht noch Schlaf finden wird. Angel ist
‚ausgeflogen’ unmittelbar nach der Geisterbeschwörung, als Spike die
Fernbedienung in die Hand genommen hat. Der blonde Vampir weiß genau, dass der
Grund seines Grand Sires, Spikes Fernsehprogramm nicht aushalten zu können, nur
ein Vorwand ist. Er kann sich nur zu gut vorstellen, wie erleichtert sich Angel
fühlen muss, dass das Haus nun dämonen- und geisterfrei ist und – Angel-Logik –
dass diese Freude erstmal wieder kompensiert werden will. Und wodurch geht das
besser als durch eine zünftige Bar-Schlägerei oder (wie Angel es wahrscheinlich
nennt) ‚unschuldige Seelen in den düsteren Straßen von New York retten’. Bei allem
Verständnis ist es Spike allerdings gar nicht recht gewesen, auf den beiden
Besuchsmenschen sitzen zu bleiben. Dawn alleine hätte ihm nichts ausgemacht,
sicherlich, denn insgeheim vermisst er es, sie in seiner Bleibe vorzufinden wie
damals in dem Sommer, in dem Buffy nicht da war. Aber Xander hätte Angel ruhig
mitnehmen können – und Spike hätte auch nichts gesagt, wenn der blöde
Bauarbeiter dabei versehentlich von einem gefressen worden wäre. Im Gegenteil, er hätte Angel sogar
einen Kuchen dafür gebacken. Aber Angel
ist natürlich alleine auf seine Weltrettungs-Tournee gegangen und Spike und
Xander haben sich ein paar Minuten lang beleidigt, bis es beiden langweilig
wurde und Dawn mit Popcorn aus der Küche gekommen ist und den Ton des
Fernsehers lauter gemacht hat. Sie hat darauf bestanden „10 Dinge, die ich an
dir hasse“ anzusehen und zuerst haben Spike und Xander sich versehentlich
gemeinsam über den Film lustig zu machen. Mittlerweile
ist ihnen allerdings ihr einziges Publikum, nämlich Dawn selbst, eingeschlafen.
Xander ist verstummt und während der Werbepause fragt Spike sich amüsiert, ob
dem Menschen wohl aufgegangen ist, dass die Beleidigungen, die sie beide
austauschen, denen im Film ähneln (zumindest befindet sich nach Spikes
Auffassung Xanders Humor auf dem Level von Teeny Komödien) und dass die beiden
Streithähne im Film als schnulziges Liebespärchen enden. Jedenfalls guckt
Xander ihn hin und wieder schräg von der Seite an… In der
Werbepause schaltet Spike versuchsweise auf einen Sportkanal um und ein braunes
und zwei blaue Augen sehen vorsichtig zu Dawn herüber. Erst, als kein Protest
aus dem Sessel kommt, grinsen sich die beiden Wachen an, lehnen sich zurück und
gucken Baseball, beide mit einem Bier in der Hand. Spike
erinnert sich – er verdrängt das normaler Weise und hat für solche Erinnerungen
eine klitzekleine Kiste in seinem Schädel, die mehrfach abschließbar ist… -
daran, dass Xander und er sich nirgends einig sind außer beim Fernsehprogramm,
dass sie aber beide immer den Sunnydale-Frauen unterlegen
gewesen sind, wenn es um den Kampf um die Fernbedienung gegangen ist. Sport zu
gucken mit jemandem, der sich nicht vornehmlich für die Schuhbekleidung oder
die Hinterteile der Beteiligten interessiert oder den Sinn des Spiels
grundsätzlich in Frage stellt (Spike hasst es, mit Angel fernzusehen), Sport
mit Xander zu gucken ist unerwartet… nett. Spike
runzelt die Stirn über diesen Gedanken und sieht erneut zu Xander herüber, der,
die Bierflasche an den Lippen, angestrengt auf den Bildschirm starrt und leise
jubelt, als sein Team in Führung geht. Werbepause,
schon wieder. „Das mit
Anya tut mir Leid“, sagt Spike, während im TV Orangenkekse angepriesen werden. Spike kann riechen,
dass Xander kurz davor ist sehr wütend zu werden, weil er Spikes unvermuteten
Satz für Sarkasmus hält. Einen Moment ist Spike selbst verdutzt, ausgerechnet
diesen Teil seines inneren Monologes laut ausgesprochen zu haben und überlegt,
einen Scherz zu machen – selbst wenn das zu einer kleinen Wohnzimmerschlägerei
führen würde. Aber wenn er darüber nachdenkt, dann tut es ihm wirklich Leid. Und so sehr
ihn seine eigene Überlegung überrascht, erstaunt ihn Xanders Reaktion noch
mehr. Nach einem kurzen Moment nickt dieser nämlich nur und sagt: „Ich weiß.“ „Hm“,
brummt Spike, unfreiwillig wieder mit den Gedanken beim Höllenschlund, „war
nicht so toll, die Welt zu retten, so im Nachhinein.“ „Apokalypse
Nummer 4, and counting“, stimmt Xander zu und mit Ironie in der Stimme fügt er
hinzu: „Ich sollte dem Teufel meine Psychiaterrechnungen schicken…“ Spike
verschluckt sich fast an seinem Bier, weil er lachen muss, und Xander hebt eine
Augenbraue. „Ich gehe
nicht wirklich zum Psychiater, nur damit das klar ist.“ „Ja,
sicher“, erwidert der Vampir ironisch, „und das hier ist meine Naturhaarfarbe.“ Xander
verdreht sein gesundes Auge und starrt für einen Moment wieder auf den
Fernseher – Toilettenreiniger und Budweiser. „Im
Gegensatz zu all den gelangweilten Hausfrauen hätten wir dem Onkel Doktor ja
mal wirklich was zu erzählen…“, sagt er dann schmunzelnd. „Und würden
prompt in die Klapse geschickt“, führt Spike den Satz zu Ende. „Nein,
danke. Da ist es mir lieber jede zweite Nacht von Anya zu träumen.“ Spike hat
einen Scherz über ‚feuchte Träume’ bereits auf den Lippen, schluckt ihn aber
herunter. Einen Moment lang scheint Xander von einer auf die nächste Sekunde in
einem solchen Traum zu verschwinden und Spike kann an seinem Gesicht sehen,
dass diese Träume nie gut enden. „Beschissen,
nicht zu wissen, wie sie gestorben ist“, sagt Xander dann, „für so eine
Leerstelle hat mein Unterbewusstsein viel zu viel Fantasie.“ >„Beschissen“,
sagt Spike und reicht Xander ein weiteres Bier, um den Albtraum wegzuspülen,
„dass sie überhaupt gestorben ist.“ „Hm“,
stimmt Xander zu und starrt wieder auf den Bildschirm. Spike liest
Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, mit dem Rücken an das Kopfbrett seines
Bettes gelehnt. Es ist ein bisschen wie die etwas anspruchsvollere Version von
„Passions“, und mittlerweile will er schon wissen, wie wer wen am Schluss doch
noch kriegt. Trotzdem nimmt er sich vor, Angel zumindest die nächsten fünfzig
Jahre damit aufzuziehen, dass er Jane Austen in seinem Nachschränkchen gefunden
hat. Natürlich könnte Spike auch ein vernünftiges Buch holen oder – noch
besser, den Fernseher rübertragen. Würde sich wahrscheinlich sogar lohnen, denn
es ist Vormittag und da läuft Jerry Springer und zu sehen, wie dämlich der
größte Teil der Menschheit ist, ist ein guter Zeitvertreib, wenn man Spike
fragt. Aber erstens müsste er dafür aufstehen und zweitens würde das
menschliche Rumgekreische wahrscheinlich Angel wecken. Spike
blättert also die nächste Seite um und sieht an seinem Buch vorbei hinunter auf
Angel. Sein Grand Sire liegt auf der Seite und Spike kann sein rechtes Bein
nicht bewegen, weil Angel es festhält wie er es immer schon mit seinem
Kopfkissen getan hat. Er ist fast völlig bewegungslos, nur wenn Spike genau
hinschaut, sieht er, wie sich seine Schultern heben und senken bei jedem
unnötigen Atemzug. Angels Wange ist warm auf seinem nackten Oberschenkel und
Angels Kopf ist schwerer, als er aussieht, aber Spike lässt sich im Augenblick
gern als Kopfkissen missbrauchen. Solange
Angel nur schläft. Spike nimmt
nicht gerne Ratschläge an – im Gegenteil, er handelt sogar wissentlich gegen
sie und nimmt riesige Schwierigkeiten in Kauf, wenn er dafür nur sagen kann. ‚Scheiß
auf deine guten Ratschläge!’. Und auch wenn in einer Dekade Jane Austen
vergessen ist, wird Spike es Angel immer noch vorhalten, dass er seinetwegen
einen Ratschlag ausgerechnet von Xander annehmen musste. Aber er hat
es einfach satt gehabt, jede Nacht aufwachen zu müssen, weil Angel wieder
eingenickt ist und schreiend auffährt. Er hat es einfach satt gehabt, selbst
nicht wieder einschlafen zu können, weil das Wimmern im Nachbarzimmer ihm nicht
aus dem Kopf geht wie ein Albtraum. Er hat es einfach satt gehabt – das heißt,
das hier hat nichts, absolut gar nichts, mit Angel zu tun. Der
dunkelhaarige Vampir dreht sich im Schlaf um wie eine riesige Raubkatze, ohne
jedoch Spikes Bein loszulassen. Spike kann nun das Gesicht seines Grand Sires
sehen und wieder überrascht es ihn, dass Angel – ebenso wie Angelus damals – im
Schlaf so anders aussieht. Während von Angelus’ Gesicht die Berechnung und die
Grausamkeit wich, verschwindet von Angels die konstante Sorge und die
Grübelfalte. In beiden Fällen sieht er erst im Schlaf wirklich aus wie der
Engel, nach dem er sich benannt hat. Scheiße,
Spike hat zu viel Jane Austen gelesen. Er klingt schon wie sie… Aber der
entspannte Gesichtsausdruck seines Grand Sires, seine ruhigen Atemzüge sind es
wert. Sind es wert, dass er auf Xander hören
musste. Sind es
wert, dass Angel drei, vier gezielte und recht unangenehme Schläge loswerden
konnte, bevor Spike die Oberhand über den übermüdeten Vampir gewonnen hat. Sind es
wert, dass Angel ihn verflucht hat, als er nicht mehr zuschlagen konnte, weil
Spike ihn gegen eine Wand gedrückt hat und wiederholte, dass es in diesem Haus
keine Geister gäbe, die Angel jagten. Angel hätte
jeden anderen mit seiner Starrsinnigkeit zur Aufgabe getrieben. Aber sein Grand
Childe ist noch sturer, auch wenn es Spike Stunden gekostet hat, bis Angel
angefangen hat zu reden. Immer noch mit dem Gesicht zur Wand und Spikes Körper
hinter ihm ihn gefangen haltend, hat er von den Träumen gesprochen. Von Fred. Von Wesley. Von Gunn. Von
Cordelia. Er drehte
den Kopf zur Seite, aber Spike konnte die salzigen Tränen trotzdem riechen.
Erneut hat sein Grand Sire versucht, von ihm loszukommen, aber Spike hat ihn
nicht gehen lassen. Nicht, bis nicht die aggressive Anspannung aus Angels
Muskeln gewichen ist und er nur noch todmüde war. Dann erst hat er ihn schlafen
lassen. Natürlich
ist er trotzdem immer wieder aufgewacht, zitternd und schwitzend und mit weit
aufgerissenen Augen, manchmal auch mit seinem Vampirgesicht. Aber er hat nicht
geschrieen. Und sein Blick fiel immer sofort auf Spike neben ihm. Und er hat
die Augen wieder geschlossen. Jetzt
beginnen seine Augenlider zu flattern und Spike weiß, dass er kurz davor ist
aufzuwachen. Nicht mit einem Schrei, sondern höchstwahrscheinlich aus Hunger. Wenn Angel
allerdings denkt, dass Spike ihm eine Tasse Blut holt als Frühstück im Bett,
dann hat er sich aber geschnitten. ~*~Ende~*~ |