Trauminsel

 

 

Die Geräusche paßten nicht so recht zum traumlosen Schlaf, aber sie wunderte sich nur ganz nebenbei über das auf- und abschwellende Rauschen einer Brandung, wieso Wind über ihr Gesicht strich und warum hinter ihr – oder war’s über ihr? – Blätter zu rascheln schienen. Was sie eher irritierte, war der Geruch, der ihr in die Nase stieg. Der war salzig und frisch und roch nach Urlaub am Meer und nicht nach... ihrem Zimmer.

Hm. Na gut, manchmal gibt’s Träume, die so real sind, daß man beim Aufwachen überlegt, ob der Traum Wirklichkeit ist oder das, was man danach vorfindet. Natürlich war es immer die Wirklichkeit nach dem Aufwachen, die sie begrüßte – sie war ja schließlich nicht verrückt! Zumindest nicht sehr...

In letzter Zeit wachte sie oft widerwillig auf, aber eigentlich mochte sie ihr Leben. Oder hatte es zumindest gemocht, bis sie zum ersten Mal dieses Münsterianum – ein Name zum Augenrollen! – betreten hatte und die Alpträume begonnen hatten. Aber daran wollte sie jetzt nicht denken, denn jetzt lag sie in ihrem Bett und wollte einfach nur abschalten, sich einmummeln und ins Traumland verkrümeln. Und zwar dalli!

Jemand drückte ihr einen kratzigen, aber sehr intensiven Schmatzer auf den Mund, weiche Lippen zwischen Stoppelfeldern, die sie streiften. Es kribbelte sofort angenehm in ihrem Bauch, und der erste Schreck löste sich in wohliges, unbekümmertes Schnurren auf.

„Ich glaube, sie wacht auf.“, sagte der Jemand dicht an ihrem Ohr. Breiter Südstaatenakzent mit einem amüsierten Unterton, der sie das Grinsen förmlich sehen ließ. Ein Grinsen mit Grübchen. Sexy Grübchen.

Sie schlug die Augen auf und blickte in dieses Grübchengrinsen, in blaue Augen, die sie regelrecht anleuchteten, während sich kleine Vertiefungen in einen Stoppelbartdschungel gruben und Lippen sich zu einem ausgewachsenen Lächeln breitzogen, das dieses Grinsen ablöste.

Überrascht schloß sie sofort wieder die Augen, um sie einen Moment später erneut zu öffnen... und wieder in genau dieses Gesicht zu blicken.

Sawyer. Ah. Sawyer. Lohnte sich also doch, ab und zu Lostfolgen zu gucken, selbst wenn man dafür so gar keine Zeit mehr zu haben schien. Oder keine so rechte Lust.

Ein  braungebrannter Arm schob den Redneck unwirsch beiseite, und ein anderes Gesicht erschien über ihr und verdeckte den blauen Himmel. Blauen Himmel? Warte mal… Seit wann gab’s nachts blauen Himmel? Egal, denn dieses Gesicht war ihr auch nicht unbekannt – umrahmt von schwarzgelocktem Haar –, und die Augen, die sie anlächelten, waren sehr dunkel, tief und groß und sahen trotzdem halbgeschlossen unter den schweren Lidern aus. Und vertraut.

Sayid. Ah... Hmmm.

Der Iraker schob sanft eine Strähne ihres schwarzen Haars aus ihrem Gesicht und gab ihr einen federleichten Punktkuß mitten auf den Mund, auf dem sie noch immer Sawyers Lippen spüren konnte... Sie schüttelte den Kopf und verzog ungläubig das Gesicht. Das konnte nicht sein. Das war ein Traum, oder? Aber wieso fühlte sich das alles so „echt“ an? Warum brannte ihr Gesicht noch immer von Sawyers Bartstoppeln? Und wieso war Sayids Bart so viel weicher? – Äh. Die letzte Frage bitte streichen, das gehört nicht zur Situationsanalyse. – Aber warum spürte sie das Kribbeln in ihrem Bauch so intensiv, warum fühlte sich der Wind, der ihr übers Gesicht strich, so… windig an? Warum…

„Siehste, vor dir muß man sich ja einfach fürchten, Ali!“, knurrte Sawyer und schob den Iraker, der dazu die Augen verdrehte, unwillig beiseite.

„Na? Haste schön geträumt, Pyjamamädchen?“, fragte er dann mit seinem unwiderstehlichen Southern Drawl, und wieder konnte sie nur fasziniert auf die Grübchen starren, die sich bildeten, als er sie durch die Fransen seines Blondhaares hindurch breit angrinste. Diese Fransen waren viel zu nah, um *nicht* wahr zu sein... und fast konnte sie spüren, wie sie ihre Wange kitzelten, aber sie widerstand dem Drang, mit ihrer Hand hineinzufahren und darin herumzuwühlen... oder die Nase hineinzustecken, um daran zu schnuppern.

Ja, sie konnte ein standhaftes Mädchen sein, nicht wahr?

„Was?“, fragte sie leise, als hätte sie Angst, eine Seifenblase zum Platzen zu bringen, wenn sie lauter spräche, und im selben Moment ärgerte sie sich über diese dämlichste aller Fragen. Zumindest kam sie ihr so vor, aber sie hatte plötzlich keine Lust mehr, irgendetwas hier infragezustellen. Nein, sie wollte ihren Traum auskosten, wenn sie schon momentan Schwierigkeiten damit hatte, die Wirklichkeit zu genießen! Oder wenn es denn schon ein Traum sein mußte, der ihr Spaß machte… nur ein Traum. Ach was, Träume waren keine Schäume, Träume waren das einzig Wahre! Zumindest in schlechten Zeiten…

Sie hob den Kopf, um sich umzusehen. Das war Sawyerland. Eindeutig. Sie lag – im Schlafanzug – auf Sitzpolstern aus dem Flugzeug – natürlich den Sitzen aus der ersten Klasse –, und rechts neben ihr im Sand kniete der Mann aus Tennessee, links der „Iraker“, der eigentlich ein Inder war, und sie stellte fest, daß beide ihr ihre volle Aufmerksamkeit schenkten. Ein Paar blauer Augen und ein Paar brauner Augen blickten sie erwartungsvoll an.

„Prinzessin Caro – möchtest du, daß wir dir was antun oder lieber uns gegenseitig?“, fragte Sawyer und gluckste in sich hinein. Der Kerl war gut informiert...

Hörte sich klasse an. Ja, doch. Jetzt breitete sich auch auf ihrem Gesicht ein Grinsen aus.

„Hat der Unterricht schon angefangen?“, fragte eine rauhe Stimme mit dickaufgetragenem Sheffield-Akzent von hinten, und Caro setzte sich erschrocken auf, wobei sie mit ihrem Kopf beinahe Sawyers Schädel gerammt hätte. Ins Sawyerland stapfte ein blonder, grünäugiger guter, alter Bekannter und grinste sie unverschämt an, als sie sich zu ihm umdrehte, während sie ihre nackten Füße zu beiden Seiten ihrer „Liege“ im Sand vergrub. Äh. Was machte denn Lady Bean hier? Der war definitiv am falschen Platz. Oder im falschen Film. Oder in der falschen Serie? Hm. Aber wohl im richtigen Traum…

Sean drückte Caro einen fetten Schmatzer auf den Mund, als würden sie sich jeden Tag sehen, und die drei Männer gackerten vergnügt, als die Augenbrauen der jungen Lehrerin ihren Haaransatz berührten.

Unterricht? Aber...

Als hätte Sayid ihre Gedanken gelesen, sagte er:

„Mädel, hast du dich nicht vorbereitet? Wir sind deine neue Klasse. Kati sagt, du mußt unbedingt mal die Schule wechseln. Zwar sind wir noch nicht vollzählig, aber immerhin bist du ja auch gerade erst aufgewacht, Frau Lehrerin. – Übrigens sehr originelle Dienstkleidung.“, fügte er hinzu und wies mit einem schelmischen Augenaufschlag auf ihren Schlafanzug. Und sah dabei sagenhaft charmant aus. Und sexy.

Oh. Dieses ironische Lächeln kam ihr sehr bekannt vor. Hier waren hoffentlich keine Wildschweine in der Nähe…

Sean lachte laut und scheppernd und ließ sich neben Sawyer, dem er dabei auf die Schulter klopfte, in den Sand fallen.

„Jajaja – Kati ruft und wir springen. Aber – nicht weitersagen, Süße! – wir machen das nur, weil wir dich so gut leiden können. Pah – als ob’ne Frau mir was sagen könnte!“, sprudelte Spike los, der gerade um die Ecke bog und seinen aufgespannten Regen-Sonnen-Schirm über der Zeltplane aufhängte.

„Wird ja Zeit, Lahmarsch. Wieso müssen Vampire immer zu spät kommen? Weil sie nur auf diese billige Art ihre großen Auftritte inszenieren können oder was?“, fragte Sawyer und runzelte die Stirn.

„Weil – zumindest die anwesenden – Vampire geheimnisvolle, gefährliche und vor allem erotische Nachtwesen sind, im Gegensatz zu langweiligen Rednecks, die nur’n großes Maul haben. Und geheimnisvolle, erotische Wesen sind nie pünktlich, du Arsch. Als König der Hochstapler müßtest du über solche Feinheiten informiert sein.“, fügte der Vampir nach einer kurzen Pause hinzu und ließ sich neben Sayid nieder. Der Blick, den Sawyer ihm zuwarf, wurde geflissentlich ignoriert, während sich Spike zu Caro herunterbeugte, ihr Gesicht mit beiden Händen umfaßte – sehr kühlen Händen, wie sie nebenbei feststellte – und ihr einen innigen, wohldosierten Vampirkuß gab, der genau so lange dauerte, daß die kleine Lehrerin nicht in Atemnot geriet.

Oi! Hier liefen so einige Fandome quer... Äh. Wie war eigentlich die Mehrzahl von Fandom? Ach, egal, jetzt nicht, Caro, jetzt nicht!

„Ach ja – geheimnisvoll? Das sagt ausgerechnet jemand, der der Jägerin wie’n Schoßhund gefolgt ist, daß man schon immer wußte, wo sich ein gewisser Vampir aufhielt, wenn die Frau nur entfernt in der Nähe war – oder in einer Woche da sein wollte. Pah!“, blaffte Sawyer, immer noch gekränkt.

Spike lachte.

„Klar – und das sagt ausgerechnet jemand, der nie in seinem Leben geliebt hat, du kalte Flunder. Was hast’n du schon bis jetzt gemacht – außer Alicia Silverstone in so’nem doofen Videoclip den Rucksack zu klauen? Aerosmith. Ha! Ich hatte eine hundertjährige Liebe...“

Sawyer fuhr dazwischen, als Spike gerade ausholen wollte.

„Blablabla! – Hundertjährige Liebe zu’ner Bekloppten. Daß ich nicht lache – an meinen Zehn-Sekunden-Auftritt mit Alicia können sich die Frauen noch nach über zehn Jahren erinnern! Meine Grübchen sind Legende, du Vampirarsch!“

„Ha, Grübchen! Wenigstens habe ich einen Arsch in der Hose... Ohne Grübchen! Da hat der Kerl einmal in seinem Leben ’ne Rolle, in der er auffällt, und gleich wird er frech. Pah! Tom Sawyer – wo ist denn deine liebe Tante Polly...“

Sayid hob kopfschüttelnd die Hände.

„He – Jungs! Ist ja gut – vergeßt nicht, wo ihr seid... und wozu!“, rief er dazwischen, als Spike gerade aufstehen wollte, um Sawyer eine zu langen.

Der Vampir blieb widerwillig sitzen, warf aber einen warnenden Blick auf Sawyer, der diesen mit einem breiten Grinsen erwiderte. Und mit Grübchen, die Caro auf einmal wie Nahkampfwaffen vorkamen. Sehr gefährlich.

Sie saß schweigend in der Mitte ihrer Lieben, aber es war weder ein ängstliches Schweigen noch ein Alpdruck – sie war atemlos vor Spannung. Oder Erwartung. Und Überraschung.

Und überhaupt. Das versprach, interessant zu werden.

Ebenfalls erwartungsvoll richteten sich die braunen, blauen und grünen Augen der Anwesenden auf den braunäugigen Mittelpunkt dieser Versammlung.

„Äh... seid ihr jetzt vollzählig?“, fragte Caro, weil sie das Gefühl hatte, auch mal etwas sagen zu müssen, und sie zwang sich, ernst zu bleiben, wie es sich für eine Lehrerin gehörte, doch ihre Augen leuchteten verräterisch.

„Jetzt schon!“, rief jemand von der Seite, und Paris, Hektor und Commodore Norrington traten ein, gefolgt von ihrem Freund Viggo, der eher desinteressiert hinterhertrottete. Bis er Caro sah und ein erfreuter Ausdruck in sein Gesicht trat.

Grinsend drängte er sich durch die Gruppe seiner Freunde, um zuerst bei ihr zu sein, dann beugte er sich herunter und gab Caro einen schmatzenden Kuß auf die Wange, bevor er sich neben ihr niederließ, den grummelnden Sawyer zur Seite schiebend.

„He – das ist meine Bude, hier kann ich sitzen, wo ich will!“, protestierte der Südstaatler.

Viggo schüttelte ungerührt den Kopf.

„Nicht, wenn ich hier bin, Junge, schließlich bin ich der König.“, erwiderte er und zwinkerte Caro zu.

Sawyer rollte die Augen.

„König? Klar, König der Hobbits. Zwergenboss. So’n Quatsch, der spielt einmal ’nen König – und tut gleich so, als wäre er einer... du bist genauso blöd wie die Fans, die ’nen Schauspieler mit seiner Rolle verwechseln.“, blaffte er, ließ jedoch Viggo unbehelligt neben sich sitzen.

Weder Viggos Zwinkern, noch Sawyers wenig nachdrücklichen Protest hatte Caro wirklich mitbekommen, denn die war gerade damit beschäftigt, die anderen zu empfangen – und wie ein Empfang kam ihr das wirklich vor… nein, eine ausgewachsene Audienz, dachte sie – oder besser ihre Begrüßungsküsse einzusammeln. Norringtons Kuß war eher zurückhaltend – na gut, der Kerl war eben wohlerzogen und wußte um Etikette –, aber dafür war Hektors Kuß stürmisch und berauschend, und sie hätte gerne mehr davon gehabt. Oder länger. Aber da schob Paris seinen Bruder schon zur Seite und drängte sich dazwischen. Er gab ihr einen dieser feuchten Jungenküsse, an die sie sich noch sehr deutlich aus ihrer Schulzeit erinnern konnte. Na gut, Paris mußte wohl noch ein paar Jahre auf die Weide.

Dafür schenkte der hübsche Junge ihr ein umwerfendes Lächeln. Okay, auch nicht übel.

„Du kannst Orlando zu mir sagen.“, flüsterte er ihr laut genug ins Ohr, so daß die anderen es auch hören konnten – und sich augenrollende Blicke zuwarfen. Grüne Jungs, immer dasselbe!

Norrington ließ sich elegant am Kopfende der „Liege“ in den Sand gleiten.

„Übrigens läßt sich Sparrow entschuldigen, Miss Caro. Irgendeines von den gerade... äh... gelieferten Rumfäßchen soll leck sein, und er will’s nur eben retten und umfüllen.“, sagte er in seinem gepflegten, altmodischen Englisch.

„Captain Sparrow, Captain!“, verbesserte ihn Caro, und die beiden grinsten sich verschwörerisch an.

Spike schüttelte den Kopf.

„Klar, und wir alle wissen, wohin der ‚Captain’ das Zeug umfüllt. – Übrigens, da wir gerade bei Entschuldigungszetteln sind – Jayne läßt ausrichten, er kommt später, weil da noch irgendwas im Frachtraum...“

„Apropos Umfüllen – gibt’s hier eigentlich was zu trinken?“, fragte Lady Bean erwartungsvoll, leckte sich die Lippen und holte hörbar Luft.

Caro schüttelte den Kopf.

„Keine Ahnung, aber wenn das hier schon eine Schule sein soll, dann gibt’s nur in den Pausen was zu trinken.“, sagte sie bestimmt, sich wieder an ihre „Rolle“ erinnernd.

„Wann ist denn Pause?“, fragte Sawyer neugierig.

„Dann, wenn Caro sagt, daß Pause ist.“, antwortete Sayid für die kleine Lehrerin und grinste sein Gegenüber an. Neben ihm hatten die beiden Helden aus der Antike Platz genommen.

„Streber!“, murmelte Sawyer und warf dem Iraker einen genervten Blick zu.

Caros Blick hingegen wanderte lächelnd von einem zum andern – zuerst war da zu ihrer Rechten Lady Bean, daneben Viggo, dann Sawyer, zu ihren Füßen saß Paris, daneben Hektor – beide in ihrer Dientsbekleidung als antike Sagengestalten –, dann links von ihr Sayid und Spike. Eine wirklich angenehme Schulklasse, was?

Sie lächelte zufrieden, bis sie die erwartungsvollen Blicke auf sich spürte und sich fragte, was sie denen denn noch beibringen sollte. Naja... Vielleicht sollte man mit ein paar Lektionen anfangen, wie man frustrierte Lehrerinnen tröstete? Oder „Fangirls-zum-Kochen-bringen für Fortgeschrittene“? Oder…

„Können wir vielleicht mit französischen Übersetzungen anfangen? Ich hätte da etwas, was ich gerne wissen würde...“, fragte Sayid, wurde aber von Sawyer unterbrochen.

„Du bist ’n Superstreber, Captain Falafel! Warum hast du dir nicht vorher den Lehrplan geben lassen?“, grummelte er, bevor er sich an Caro wandte:

„Wie wär’s mit ’ner Lektion über Häschen, Schneewittchen?“, fragte er und wedelte mit seinem abgegriffenen „Unten am Fluß“-Taschenbuch.

Sayid rollte mit den Augen.

„Und der Bücherwurm nennt mich Streber! Verstehst du das Buch nicht, ohne daß dir jemand erklärt, worum es darin geht? Das ist ein Kinderbuch…“, sagte er gelangweilt.

Sean grinste Sawyer von der Seite her an und tätschelte sein Knie – über Viggos Schoß hinweg.

„Da muß ich ihm zustimmen: Deine grauen Zellen müssen beim Flugzeugabsturz gleich mit abgestürzt sein... Wenigstens ein bißchen.“

Jetzt schien es Sawyer zu reichen. Er boxte Lady Bean in die Seite, seinen Arm hinter Viggos Rücken entlangschlängelnd, so daß der Hieb nicht viel Wirkung zeigte, denn Sean ließ nur ein gutmütiges Lachen hören, schüttelte den Kopf und beachtete ihn nicht weiter.

„Das Lachen wird dir schon noch vergehen, Lady Mellors. Wenn ich’s recht bedenke, ist es ein Wunder, daß du überhaupt noch lachen kannst, wo du doch so häufig eins in die Schnauze und sonstwohin gekriegt hast, daß dein Verstand zusammen mit Sharpe & Co. bei Waterloo geblieben sein muß, alter Haudegen. Na gut, ich bin ja ’n Mensch und toleriere Behinderte.“, gab Sawyer zum besten und schob ein hämisches Grunzen hinterher, als Sean aufstehen wollte, aber von Viggo daran gehindert wurde.

„Laß gut sein, mein Lieber, der Junge weiß nicht, wovon er redet. Und außerdem wartet unsere hübsche, kleine Lehrerin hier auf ihren Einsatz.“, sagte er beruhigend, legte seine Hand auf Seans Unterarm und deutete mit einem Kopfnicken auf Caro, die mitten unter ihnen zunehmend in Panik zu geraten schien.

Dankbar seufzend nickte sie zurück und lächelte.

„Stimmt, Jungs, wo waren wir?“

„Stundenplan. Wie wär’s mit Mythologie, Kleines? Das magst du doch so gerne...“, schlug Spike vor.

Paris nickte Hektor zu. Oder Orlando Eric, wie auch immer. Aber die beiden paßten sehr gut zu diesem Stoff. Ja! Hm... Paris.

Ihr Blick fiel auf einen Apfel, den Viggo gerade in der Hand hielt. Oh. Was für ein Zufall aber auch…

Und komischerweise sprach dann Sean den Gedanken aus.

„Ein kleiner Wettbewerb, Jungs? Wir...“

„Wissensteste sind langweilig, denn ich gewinne ja sowieso immer.“, bemerkte Norrington in seiner vornehm-eingebildeten Art, wurde aber von den anderen ignoriert, höchstens ein verstecktes Kichern und ein angedeutetes Augenrollen zeugten davon, wie die anderen das sahen.

Sean sprach weiter, als wäre er nie unterbrochen worden:

„Wir geben Caro den Apfel und machen Werbung. Der beste von uns kriegt den Apfel und die kleine Lehrerin dazu – ich wäre übrigens auch mit der Lehrerin ohne Apfel zufrieden, wenn ihr mich fragt –, und die anderen verpissen sich...“

„Ja! Ein richtiges Caro-Urteil!“, rief Orlando begeistert und stieß Eric in die Seite.

Spike winkte ab.

„Das ist genauso langweilig, denn es ist ja wohl klar, wer hier gewinnt, Jungs. Das ist immer der bestaussehendste Kerl.“, und ein siegessicheres Lächeln erhellte das Gesicht des blonden Vampirs.

Caro gewann zunehmend den Eindruck, daß ihre Autorität als Lehrerin hier gerade untergraben wurde. Na gut, ein Caro-Urteil hörte sich wirklich interessant an, aber wieso sollte sie überhaupt wählen? Und seit wann war sie ein Siegerpreis? Warum konnte sie nicht wenigstens alle möglichen Slashpaare für sich haben? Und wieso...? Äh... Klar!

Sie hob die Hände.

„Jungs, ich hab’s – wieso vertragt ihr euch nicht einfach und laßt euch was einfallen, was *mir* am besten gefallen würde. Das beste Pärchen oder Trio oder was auch immer... Wie wär’s mit dem, was *ich* am meisten mag... das müßtet ihr doch wissen.“

Die „Jungs“ blickten sich fragend an.

„Jetzt geht *das* schon wieder los...“, murmelte Eric in seinen Bart, blickte aber Orlando verstohlen von der Seite an und lächelte ihm zu, als sich ihre Augen trafen.

Viggo rollte mit denselben.

„Warum wollen die Mädels uns bloß immer zu Schwulen machen, wo wir doch viel lieber für die Frauen da wären? Argh...“, sagte er kopfschüttelnd, und Sean nickte ihm zustimmend zu.

Caro protestierte.

„Das hat mit Schwulsein überhaupt nichts zu tun, wir Fangirls geben uns eben nur nicht gerne mit *einem* Mann unserer Wünsche zufrieden, den wir dann auch noch mit ’ner anderen Frau teilen sollen, zumal mit einer sehr attraktiven. Das ist doch nicht so schwer zu verstehen – wir wollen nur die Männer ohne die Frauen dazu…“

Sawyer beugte sich vor und legte dabei seine Hand auf Caros Knie.

„Erklär’s uns, Süße – wen würdest du denn zu mir ins Bettchen schicken?“, fragte er und blickte Caro tief in die Augen.

Sie schluckte. Dieser Blick war magnetisch, und sie hätte sich auch freiwillig gemeldet, um in sein Bettchen zu kommen... Sie seufzte leise. Okay, okay, sie hatte schließlich eine ganze Fanzunft zu vertreten, nicht wahr? Also nichts für sich selbst, sondern für alle...

„Sayid, wenn’s auf dieser Insel sein muß.“, sagte sie einfach und lächelte bei dem Gedanken. Dann fiel ihr etwas ein.

„Oder Spike, wenn Kati ihn mal herschicken würde...“

Sawyer verzog den Mund.

„Mohammed? Ist das dein Ernst? Igitt... Und ein blutrünstiger Vampir klingt nicht gerade gesund für meine Ohren...“

„He – paß auf, was du sagst!“, entfuhr es Sayid, der wütend aufsprang und nur mit Mühe von Eric und Spike zurückgehalten wurde.

„Blutrünstig sollte dich doch nicht stören, du bist doch sowieso lebensmüde.“, grinste Spike und blickte Sawyer dabei von unten her kokett an.

„Du hast Glück, daß eine Frau hier ist, sonst hätte ich dir längst deine Vampirfresse poliert... und diese Terroristenfresse da gleich mit...“, blaffte Sawyer, wurde aber von Norrington unterbrochen, der auch aufgestanden war.

„Meine Herren! Ich muß doch bitten! Es geht hier doch lediglich um Spekulationen! Wie soll denn das enden?“

„Im Bett.“, flüsterte Caro so leise, daß niemand es verstand.

„Na wie schon – in einer herrlichen Keilerei. Hatte ich lange nicht.“, grinste Sean und zwinkerte Viggo zu, der zurückgrinste.

„Ja! So ’ne richtige Kneipenschlägerei hatte ich schon lange nicht mehr!“, stimmte er zu.

„Spekulationen? Ha! Hast du schon mal ins Internet geguckt, Commodore? Da hört sich’s auf mit Spekulationen, das sind ausgewachsene Pornos, die die Mädels sich da gegenseitig schreiben, da würde selbst die abgebrühteste Puffmutter rotwerden!“, rief Spike dazwischen. Die Empörung in seiner Stimme war nicht sehr überzeugend, was nicht überraschend für die kleine Lehrerin war, die noch immer in der Mitte dieser jetzt lauten Meute saß und atemlos zusah, was passierte.

Klar, Caro ahnte, warum der Vampir nicht wirklich sauer war, sondern eher geschmeichelt, denn schließlich war gerade er einer der beliebtesten – im wahrsten Sinne des Wortes „beliebtesten“ – Charaktere, um die’s ging.

Ihre Blicke begegneten einander, und Spike nickte ihr bestätigend zu, während seine Brauen kurz nach oben hüpften, bevor seine Miene wieder empört wurde. Für ihn war’s okay, benutzt zu werden, das wußte sie, aber er mußte eben in dieser männlichen Runde den Schein wahren, nicht wahr?

Mittlerweile waren alle aufgestanden, und Caro kam sich etwas merkwürdig vor, als einzige zu sitzen, zumal mittendrin, aber sie hatte schlicht keinen Platz, um ebenfalls aufzustehen. Die Männer standen sich gegenüber, und nur sie war dazwischen auf ihrer Liege aus Flugzeugsitzen. Oder die Liege mit ihr darauf. Hm. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Oder vielleicht doch?

„Ach ja? Puffmütter, die rotwerden, wenn kleine Mädchen ihre Fantasien ausleben? Wäre mir neu. Seit wann interessiert dich was anderes als Blut?“, murmelte Sean und blickte den Vampir erstaunt an, der verärgert die Brauen hochzog.

„Ich interessiere mich für Dinge, von denen ihr alle nicht mal wißt, daß sie überhaupt existieren!“, antwortete er, holte aus und landete seine Faust auf Seans überraschter Nase.

Das war der Anfang einer Folge von hin- und hergehenden Schlägen und Tritten, die Caro am Ende nicht mehr auseinanderzuhalten vermochte. Sie blickte atemlos von einem zum andern, auf die Arme, die austeilten, die Fäuste, die über ihr flogen, auf die Beine, die Tritte verteilten.

Nein, so hatte sie sich das nun wirklich nicht vorgestellt.

Und dann nutzte Sawyer seine Chance. Er kniete sich als einziger wieder hin. Die Hand auf Caros Knie abstützend, beugte er sich zu ihrem Kopf hin und zog die junge Frau mit der anderen zu sich heran.

„Laß die anderen sich prügeln, Engelchen, wir haben was besseres zu tun, nicht wahr? Bei dir würde ich zu gerne mal nachsitzen…“, flüsterte er ihr ins Ohr, ehe er seine Lippen auf ihren Mund drückte und seine sehr eigenwillige Zunge in ihren überrascht geöffneten Mund gleiten ließ. Sofort war wieder dieses Kribbeln in ihrem Bauch, und die wütenden Stimmen, die klatschenden Schläge und dumpfen Tritte um sie her wurden leiser und leiser, als Sawyer seinen Kuß vertiefte.

„Was verstehst du schon von den Frauen! Du hast sie doch immer nur für deine Zwecke benutzt!“, rief Spike Sawyer zu, sah ihn aber nicht mehr in der Menge, bis er seinen Blick nach unten gleiten ließ.

Das, was er sah, gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Jungs! Wir werden alle betrogen – der Kerl hat das alles angezettelt, um Privatstunden zu nehmen!“, rief er und zeigte auf die Szene, die sich inmitten des Kampfgetümmels abspielte. Als hätte jemand einen Film angehalten, wurde es still, und die Kämpfenden hielten mitten in der Bewegung inne… um dann wieder aktiv zu werden. Oder zumindest einer von ihnen.

Mit einem gezielten Faustschlag hieb Spike nach Sawyer… der sofort geschickt auswich und sich instinktiv wegduckte, was Caro mit Bedauern feststellte, als der kribbelnde, so aufregende Kuß abrupt endete… und dafür der Fausthieb, der für Sawyer bestimmt gewesen war, in ihrem Gesicht landete.

Die kleine Lehrerin riß erstaunt die Augen auf und blickte in eine Runde ebenso erstaunter Augen, und das letzte, was sie sah, war Jack Sparrow, der gerade um die Ecke bog, ein Holzfäßchen vor sich herrollend, und mit einem blitzenden Grinsen verkündete:

„Hab’s doch noch geschafft, Leute – und uns einen guten Tropfen mitgebracht!“

Dann wurde alles schwarz.

 

~*~*~*~*~*~*~*~

 

Die Kopfschmerzen waren nicht neu für sie, so etwas war sie gewohnt – wenn man sich denn je an sowas Nervtötendes gewöhnen konnte! –, aber sie waren anders dieses Mal, einseitiger irgendwie, ohne daß sie hätte sagen können, warum das so war.

Stöhnend faßte sie sich ans Jochbein, und ihre Hand zuckte sofort zurück. Das tat richtig weh! Die Augen immer noch geschlossen, versuchte sie, sich an ihren Traum zu erinnern.

Der Strand, die Brandung, im Wind raschelnde Palmwedel über ihr, Sawyer und… die anderen. Trotz der Schmerzen huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

Ahhhhh. Warum konnte sowas nicht einfach mal Wirklichkeit werden? Hm. Aber es hatte sich zumindest sehr wirklich angefühlt, intensiv, und sie spürte wieder das Brennen auf ihren Wangen, das Sawyers Bartstoppeln hinterlassen hatte.

Und das Kribbeln im Bauch, als sie an seinen begehrlichen Blick dachte, an die Hand auf ihrem Knie und die andere, die in ihren Haaren gespielt hatte, und der Anflug eines schlechten Gewissens kroch in ihr hoch. Aber sie brauchte den Traum ihrem Freund ja nicht zu erzählen, oder? Träume sind Schäume…

Zögernd öffnete sie die Augen. Es begann bereits zu dämmern, aber sie brauchte heute nicht früh aufzustehen, denn heute war Sonntag. Ostersonntag. Ferien! Und so lag sie noch einen Moment lang und blickte an die Decke, bis sich ihre Blase meldete.

Okay, einmal ins Bad, dann wieder einkuscheln, dachte sie.

Wieder entfuhr ihr ein Stöhnen, als sie sich aufrichtete. Wie so oft wünschte sie sich, man könnte Kopfschmerzen einfach abstellen wie man Licht an- und ausknipste.

Mit den Füßen tastete sie nach ihren Hauspantoletten, fuhr hinein und stand auf. Auf dem Weg zurück in ihr Zimmer fiel ihr Blick in den alten Spiegel mit dem geschnitzten Holzrahmen, der auf dem Flur hing, und sie konnte nicht glauben, was ihr daraus entgegenblickte.

Nein, das konnte nicht sein. Sie schüttelte den Kopf, wurde aber dadurch nur noch mehr an ihre Kopfschmerzen erinnert. Schnell, fast wie auf der Flucht, fand sie den Weg zurück in ihr warmes Bett, zog die Decke bis hinauf unters Kinn und schloß die Augen.

Das konnte nicht sein… Das war ein Traum gewesen, wenn auch, wie sie zugeben mußte, ein sehr intensiver, aber ein Traum. Definitiv!

Aber war das Veilchen in ihrem Gesicht auch ein Traum oder Wirklichkeit?

Sie seufzte hörbar, und die Frage, ob das vorhin ein Wunschtraum oder ein Alptraum gewesen war, tauchte entfernt in ihrem Gehirn auf. Aber sie versuchte erst gar nicht, eine Antwort darauf zu finden.

Aber da war das Veilchen…

Ach, das war gar nicht wahr! Der frühe Morgen und die Müdigkeit – außerdem dröhnende Kopfschmerzen, die ihren Kopf schier zum Zerbersten quälten, trübten ihr die Sinne.

Sie lachte befreit auf.

Etwas Kantiges drückte sie ins Schulterblatt. Sie hatte gestern abend das Buch, das sie im Bett gelesen hatte, nicht mehr weggelegt. Wie so oft, aber da Bücher ein nicht geringer Teil ihres Lebens waren, war sie es gewohnt, mit ihnen im Rücken aufzuwachen. Mit einem Handgriff holte sie das Buch unter ihrer Schulter hervor und wollte es schon achtlos beiseitelegen, als ihr Blick auf den Einband fiel.

Ihre Augen wurden groß, und der Schlaf war endgültig gewichen, als sie das Buch mit angehaltenem Atem anglotzte. Ja, anglotzte – und merkwürdigerweise dachte sie genau dieses Wort, während sie auf das Häschen blickte, das die sehr zerlesene und zerfledderte Ausgabe zierte.

„Watership Down“

 

~*~ Ende ~*~

 

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