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Lindsey verschläft nahezu den ganzen Tag. Wie wunderbar das für ihn sein muss, er ist so ruhig, so entspannt, so schön in seiner Unbekümmertheit. Und dennoch kommt mir sein Verhalten eigenartig vor. Ist ihm denn egal, was mit ihm passiert? Was ich ihm antun könnte? Nein, wahrscheinlich ist es einfach nur unüberwindbare, menschliche Müdigkeit. Dennoch, unüberwindbar oder nicht, er hat ja nicht mal versucht, wachzubleiben. Er ist in meinen Armen eingeschlafen, als wäre es selbstverständlich für ihn. Ich könnte das nicht - in Gegenwart meines Feindes. Denn dazu gehört Vertrauen. Ja, er benimmt sich, als würde er mir vertrauen. Seltsam. Aber wahrscheinlich auch nicht seltsamer, als mich zu verführen, mir sein Blut anzubieten, sich mir hinzugeben. Doch da war es Verzweiflung, die ihn gelenkt hat. Und Panik, kalt zu sein, unfähig zu fühlen, zu empfinden. Kein Wunder. Wenn man für W&H arbeitet, muss die Menschlichkeit ja unweigerlich auf der Strecke bleiben. Siehe Holland Manners. Aber Lindsey ist anders. Auch wenn ich es vorher nicht begriffen habe, nicht begreifen wollte, so doch letzte Nacht – und jetzt, wo er hier neben mir liegt. Er ist noch immer dazu fähig, zu hoffen und zu vertrauen. Vielleicht braucht er nur jemanden, er an ihn glaubt, um wieder an sich selbst glauben zu können. Mein fragender Blick wandert zu seinem Gesicht, als würde ich dort die Antwort finden. Und es ist so. Plötzlich kann ich es sehen – das hier ist der wahre Lindsey McDonald, der der mit mir die letzte Nacht verbracht hat, und nun den Tag, schlafend, und mir damit zeigt, dass wir keine Feinde sind, sondern W&H uns dazu gemacht hat. Der Lindsey McDonald, der mir Nähe und Trost geschenkt hat, und was noch viel wichtiger ist, der mir meine Einsamkeit genommen hat. Und er tut es noch. *Wie gelingt ihm das bloß?*, frage ich mich, während ich meinen Blick erneut über seine reglose Gestalt wandern lasse. Nur sein Brustkorb hebt und senkt sich mit jedem seiner gleichmäßigen Atemzüge, die es im Laufe des Tages mehr als einmal geschafft haben, dass ich eingedöst bin. Und beim Aufwachen lag meine Hand immer auf seiner warmen Haut, als hätte ich unbewusst Sehen durch Fühlen ersetzt, um ihn keinen Moment zu missen. Mittlerweile kann ich den Wunsch hierzubleiben, bei ihm, kaum noch unterdrücken. Kein Wunder. Ich bin viel zu lange hier. Die Sonne geht fast schon wieder unter, aber mir ist dennoch unklar, wo die Zeit geblieben ist. Wahrscheinlich könnte ich ihm ewig beim Schlafen zusehen, ohne mich jemals sattzusehen, ohne dass mir je langweilig würde. Ich würde es tun, wenn mir nur nicht meine Vernunft zuflüstern würde, dass ich endlich aufstehen soll, um Abstand zwischen uns zu bringen, wenn auch nur körperlichen, für den Anfang – bevor es zu spät ist. Aber ich will nicht. Und ich kann es nicht. Zuerst hindert mich meine gänzlich versiegte Willenskraft daran, und dann, völlig unerwartet, Lindsey. Er dreht sich zu mir um und drängt sich gegen mich, sodass ich - nur zu gern - nachgebe, mich auf den Rücken rolle und ihn willkommenheiße. Sobald ich meine Arme um ihn schlinge, und ihn halte, kuschelt er sich an mich. Und sein wohliges Seufzen verrät mir, dass er noch immer schläft - sein Kopf auf meiner Schulter, seine Hand auf meiner Brust, ein Bein zwischen meinen, sein entspannter Körper halb auf mir, sein Atem auf meiner Haut. Fast kann ich mir vorstellen, dass es von jetzt an immer so sein wird – er so nah bei mir, jeden Tag, jede Nacht. Und für dieses Gefühl danke ich ihm, indem ich ihn streichle – sein Rückgrat entlang, bis zu seinem Nacken, über seinen Kopf, und wieder zurück. Und mit meiner anderen Hand über seinen Arm, seine Schulter, einfach über jede Stelle, die ich ohne viel Bewegung erreichen kann. Aber nur ganz sanft, um ihn nicht zu wecken. Ich bin wirklich froh darüber, nicht auf meine Vernunft gehört zu haben, nicht aufgestanden zu sein, sodass ich ihn noch ein wenig länger genießen kann, ihn spüren. Und ganz bewusst wahrnehmen, wie wunderbar es ist, mit ihm zusammen zu sein. Im Stillen danke ich ihm dafür, dass er mich Erinnerungen sammeln lässt - für später, für ‘danach’, wenn mir nichts weiter bleibt als das. Plus meine selbstgewählte Einsamkeit.
* * * * * *
Jetzt habe ich sie wieder, meine Einsamkeit. Es ist die Nacht nach DER Nacht, ich bin zurück im Hyperion, das kalt, still und leer ist, wie erwartet. Doch entgegen meinen Befürchtungen heiße ich die Ruhe um mich herum willkommen, empfinde sie als tröstlich. Es wird keine Störung geben. Mein Hotel ist der perfekte Ort, um mich zurückzuziehen. Vor der Welt. Und vor ihm. Wenigstens so lange, bis ich meiner Gefühle wieder Herr bin. Wut. Enttäuschung. Verwirrung. Ich werde systematisch vorgehen müssen, um wieder klar denken zu können. Routine ist alles. Also gehe als erstes ich in die Küche, um meinen Hunger zu stillen, wie ich es immer zu tun pflege, wenn ich nach Hause komme. Doch schon während ich das Blut in eine Tasse schütte und der Geruch in meine Nase steigt, wird mir klar, dass ich es nicht werde trinken können. Mir ist schlecht. Mein Magen ein einziger Krampf. Vor Wut. Bis jetzt habe ich mich zusammengerissen, meine Emotionen kontrolliert. Dazu besteht nun allerdings kein Grund mehr. Ich schleudere die Tasse quer durch den Raum, sodass sie an der gegenüberliegenden Wand zerschellt, Keramiksplitter und Blut regnend, Scherben am Boden und einen großen, roten Fleck auf der Tapete hinterlassend. Es ist mir egal. In mir ist nur noch Wut. Rasende Wut, die der Dämon in mir durch Morden kompensieren will. Und ich würde diesem Instinkt nur zu gern folgen. Ich könnte ein paar Vampire pfählen, Dämonen töten, Anwälte foltern - vorzugsweise McDonald. Nein. Stattdessen gehe ich in den Keller, um mich am Sandsack abzureagieren. Und bei jedem Schlag, jedem Kick, den ich lande, stelle ich mir vor, ER wäre es, den ich treffe. Denn zusammen mit der freigesetzten Wut kommen auch die Erinnerungen zurück. An das Gespräch. Nach seinem Erwachen. Oh Mann, ich bin so sauer. Er kann wirklich von Glück reden, dass ich nicht auf der Stelle zu ihm zurückgehe, und ihm an den Hals springe. Naja, wäre nichts neues für ihn, hat er ja vorher selbst gewollt. Aber dieses Mal würde es ihn nicht anmachen. Ich sage nur, je fester ein Vampir saugt, desto schmerzhafter wird es für sein Opfer. Und genau DAS wäre er - mein Opfer. Ich würde es genießen, ihn schreien zu hören. Und er würde es nicht überleben. Das Problem bei der Sache ist nur, ich könnte es nicht. Ich konnte es vorhin schon nicht, als ich die Gelegenheit dazu hatte, und ich kann es jetzt nicht. Und trotz allem, was er mir an den Kopf geknallt hat, will ich es auch gar nicht. Irgendetwas hält mich zurück. Wie jedesmal, und doch... anders. Es geht nicht darum, dass es Unrecht wäre, weil er ein Mensch ist. Mal vom Töten abgesehen, geschlagen habe ich ihn immerhin schon. Aber selbst das könnte ich nicht... mehr. Ich kann es nicht erklären. Es wäre einfach falsch. Ein Gefühl, gegen das ich nicht ankämpfen kann oder will. Nicht das übliche Ziehen meiner Seele. Der Impuls hat seinen Ursprung viel tiefer in mir, hat sogar meine Wut zum Verrauchen gebracht. Ich verstehe es nicht. Okay, der Sex mit ihm war... mein Wortschatz ist nicht groß genug, also SO gut. Für ‘beide’ Seiten, verdammt! Und es war noch mehr als das. Ich konnte fühlen, wie dicht ich am Abgrund gestanden habe, wie kurz vor dem ‘Moment höchsten Glücks’ ich war. Wie kann er da behaupten, es war doch NUR Sex, Befriedigung, bedeutungslos? Und die Tatsache, dass er mich von sich hat trinken lassen, hat er mit einem Schulterzucken und den Worten ‘Erfahrungen sammeln’ abgetan. Wie kann er es wagen, so leidenschaftlich, so wunderbar zu sein, und sich anschließend so verhalten! Okay, ich bin zu ihm gegangen. Aber... aber... doch nur, weil ich nicht ich selbst war, weil ich mich blind und taub für das Leid um mich herum gemacht habe, um nicht von meinem Ziel - Darla töten - abgelenkt zu werden. So lange, bis ich keine Reue, keine Buße, keinen Schmerz mehr spüren konnte. Bis mir die Konsequenzen meines Handelns egal waren. Und genau DAS hat er schamlos ausgenutzt, um mich rumzukriegen. Und hinterher hat er es Rache genannt. Wo liegt denn da der Sinn? Ich meine, Rache hat zwar oftmals merkwürdige Gesichter. Und dass Lindseys Pläne meist nach hinten losgehen, ist auch bekannt. Aber die Nacht war alles andere als schrecklich für mich. Ebenso wie der Tag... bis er allmählich zu sich gekommen ist, zufrieden seufzend, sich offensichtlich wohlfühlend, sich von mir hat auf den Rücken drehen und wachküssen lassen. Keine Ahnung, wie es dazu kam, dass die Worte, die ich mir geschworen hatte... *Vielleicht lag es an seiner Hingabe, die ich mit jedem Zentimeter seiner hitzigen Haut auf meiner spüren konnte - und mit jeder Faser meines Seins?* ...niemals wieder auszusprechen, oder sie auch nur zu denken, zu empfinden... *Vielleicht lag es an der Art und Weise wie er sich an mich schmiegte, wie die Hügel und Täler seines Körpers unter mir mit meinen verschmolzen - perfekt zueinanderpassten?* ...so unerwartet ihren Weg in meinen Verstand finden konnten... *Vielleicht lag es an seinem glücklichen Lächeln, als Reaktion auf meins - ich glaube, ich habe noch nie in einen Kuss gelächelt.* ...und wann sie mir entschlüpften, unbemerkt, und doch gewollt, leise zwar, halb in seinen Mund gewispert, beim ersten Mal... *Vielleicht, ja, vielleicht lag es auch an seiner Hand in meiner, an unseren Fingern, die miteinander verwoben waren, eins wurden.* ...und dann noch einmal, als ich eine Spur über seine Wange in Richtung seines Ohrs geküsst hatte, und es so ‘meinte’. „Ich liebe Dich, Linsy.“ Genau DAS war der Moment, in dem er mich von sich geschoben hat. Das tat weh! Und alles, was noch folgte, umso mehr. Plötzlich gab es statt Kuscheln Distanz, sein Lächeln gefror allmählich zu Eis, und seine Augen begannen triumphierend zu leuchten, noch bevor ich richtig begriff, dass er jedes Wort ernst meinte, das er voller Genugtuung aussprach. Ich kann mich nicht an die komplette Unterhaltung erinnern, oder vielleicht weigere ich mich auch nur, daran zu denken, aber ich weiß, je schockierter ich war, je emotionaler, hin- und hergerissen zwischen Wut und Enttäuschung, desto breiter wurde sein Grinsen. „Wenn letzte Nacht für Dich so besonders war, dann solltest Du lesen, was Du vorher so alles verpasst hast.“ Mit diesen Worten reichte Lindsey mir eine Akte, und rollte über mein Nichtverstehen die Augen. „Es war nicht das erste Mal. Du kannst Dich nicht erinnern, weil ich es nicht wollte. Das Beste hebt man sich schließlich immer bis zum Schluss auf. Richtig?“ Meiner Verwirrung darüber, wie das sein konnte, wirkte er mit einem einzigen Wort entgegen – Magie. Und trotzdem glaubte ich ihm nicht. Doch je verzweifelter ich seine weiteren Erklärungen infrage stellte, desto gelangweilter antwortete er mir. „Lies, da steht alles drin. Aber nicht hier, ich habe zu tun.“ Und genau DAS schmerzte am meisten. Dass er so plötzlich jegliches Interesse an mir verloren zu haben schien. Dass nicht mal mehr Hass übrig war. Dass ich ihm egal war. Ich frage mich zwar, warum, es besteht schließlich absolut kein Grund dazu, aber mittlerweile glaube ich ihm nicht mehr. Ich nehme ihm sein Desinteresse einfach nicht ab. Wahrscheinlich ist es nur so ein Gefühl, und möglicherweise liege ich damit völlig falsch. Schließlich hat sein Motiv - Rache - ja am Ende doch noch Sinn ergeben. Und vielleicht mache ich selbige jetzt komplett, indem ich die Akte lese, die er mir gegeben hat. Oder ich komme endlich dahinter, wer Lindsey McDonald wirklich ist - der Böse, der Leidenschaftliche, der Lügner, der Desinteressierte, der Rachsüchtige. Scheint so, als ob der Kerl zu meiner Lebensaufgabe geworden wäre, ohne dass ich es bemerkt hätte.
* * * * * *
Nach einer ausgiebigen Dusche, in frischen Klamotten und gestärkt mit zwei Tassen Blut, fühle ich mich endlich wieder wie ein normaler... uhm... beseelter Vampir und mache es mir nun in meinem Lieblingssessel bequem, um dem Mysterium Lindsey McDonald auf den Grund zu gehen. Ich öffne die Akte und betrachte deren Inhalt - zwei Stapel Papier, beide von einer Büroklammer zusammengehalten, mit einer Eins, beziehungsweise einer Drei markiert, sowie eine CD, deren Hülle eine Zwei ziert. Zwei, Drei und den Aktendeckel lege ich wieder weg, löse die Klammer von Eins, schiebe das Deckblatt unter den Stapel und überfliege die erste Seite. Weißes Papier, klare, geschwungene Handschrift. Wirkt insgesamt wie ein persönlicher Tagebucheintrag, nicht wie ein Bericht. Kein Datum, nur eine Überschrift. Ich beginne zu lesen.
First Time: All for me
Warum bin ich zurückgegangen? Warum, verdammt? Es bestand doch überhaupt keine Notwendigkeit dazu. Ich bin wohl doch noch nicht soweit, W&H zu verlassen. Dabei hatte ich gedacht, das war es jetzt endgültig, als ich die Sache mit Vanessa Brewer und den Kindern herausgefunden hatte. Ich war mir meiner Entscheidung so sicher gewesen, dass ich sogar zu meinem Feind übergelaufen bin, um ihn um Hilfe zu bitten. Wegen der Kinder... und wegen mir. Gott, ich war so überzeugt, dass es mich nicht mal Überwindung gekostet hat. Tja, und trotz allen Spottes, den Angel für mich übrig hatte, hat er die Sache mit mir durchgezogen.
Aha, die „Geschichte“ spielt also - angeblich -, nachdem ich die Blinde erledigt hatte. Eins muss ich Lindsey ja lassen... er ist ein cleveres Kerlchen, seinen Lügenbericht, seine neueste Racheidee, oder was auch immer das hier ist, so auf der Wahrheit aufzubauen. Respekt.
Er hat sein Leben ...uhm... Unleben riskiert. Nicht für mich, aber darum ging es ja auch nicht. Für die Informationen, die ich nicht allein hätte beschaffen können. Die Disketten. Und was mache ich? Trage sie wieder zu W&H zurück, sage meinem Boss, die Kopien sind meine Lebensversicherung.
Ob das wirklich so war? Naja, irgendwie muss es ja dazu gekommen sein, dass er seine Meinung geändert hat, und anstatt auszusteigen, die Beförderung angenommen hat.
War ich naiv! Ich kann nur den Kopf über mich selbst schütteln. Als ob in dieser Firma wirklich jemals irgendetwas passieren würde, das ‘nicht’ geplant wäre. Nach meinem kleinen Vortrag lächelte Manners mich in dieser ‘Daddy-verzeiht-seinem-Sohn-auch-wenn-es-dumm-von-ihm-war’-Art an, die ich über alles hasse, und fragte mich gespielt erstaunt, ob ich nur deshalb zurückgekommen wäre. Verdammt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich wirklich daran geglaubt, genau deswegen dort zu sein. Und ‘nur’ deswegen. Während ich noch herauszufinden versuchte, was mich sonst dazu bewogen haben könnte, möglichst ohne mir etwas anmerken zu lassen, lässig die Disketten auf seinen Schreibtisch legend, fing er mit seiner Interpretation der Dinge an. Ich könnte mir nicht sicher sein, W&H den Rücken zu kehren. Wenn ich es wirklich wollte, wäre ich nicht hier.
Wo Holland recht hat, hat er recht.
Er brachte mich innerhalb eines Wimpernschlags ins Schwanken. Vielleicht hatte er Recht... Nein! Ich hatte mich entschieden und würde dabei bleiben. Ende. Das Problem war nur, dass mir in diesem Moment auffiel, dass Manners packte. Ich wurde lediglich für den Bruchteil einer Sekunde darauf aufmerksam und tat es auch sofort wieder als belanglos ab. Was interessierte mich das schließlich noch? Ich zuckte die Schulter. Für mich, um diesen Gedanken abzustreifen, und für Manners, um ihm zu verdeutlichen, wie wenig seine Rede mich beeindruckt hatte oder tangierte.
Also ‘ich’ habe immer gewusst, wann Lindsey geschauspielert hat. Naja, gut, okay, zugegeben, mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Als ich mich ohne ein weiteres Wort umdrehte, um in Richtung Tür zu gehen, meiner Entscheidung treubleibend, den Job zu quittieren, gab mir Manners Auskunft über den Grund seines Packens. Dabei wollte ich es doch nicht wissen. Warum habe ich auch zugehört? Verdammt! So stur in der Verfolgung meiner Ziele wie Manners ein paar Stunden zuvor noch behauptet hatte, war ich wohl doch nicht. Denn ich blieb wie angewurzelt stehen, als er mir sein Büro und den Job des Junior-Partners der Kanzlei offerierte. Ich konnte ihn nur fassungslos anstarren.
Ich kann mich erinnern, wie fassungslos ich gewesen bin, als Cordy mir den Zeitungsartikel präsentiert hat. Wie sauer ich auf Lindsey war... und auf mich. Weil ich mir wirklich Sorgen um ihn gemacht hatte. Immerhin war er nach der Rettungsaktion der Kinder verschwunden. Als er dann in aller Herrgottsfrühe doch noch bei mir aufgetaucht war, war ich wirklich noch naiv genug gewesen, zu glauben, er hätte den Absprung geschafft und wollte meine Hilfe. Ich Idiot! Stattdessen hat er ‘seine’ Disketten - die in Wahrheit ‘meine’ Kopien und längst in Sicherheit waren -, zurückverlangt. Klar. Damit ich nichts gegen ‘seine’ Firma in der Hand hätte. Ich habe sie ihm natürlich nicht gegeben.
Ich hatte die Firma hintergangen und er bot mir eine Beförderung an? Wieso zur Hölle konnte er mich nicht einfach aufgeben? Mir eine Kugel in den Kopf jagen wie Lee Mercer?
Wer ist das denn? Sollte ich mal nachforschen. Heftige Maßnahme jedenfalls, aber exakt W&H, wie man sie kennt - und hasst.
Ich war zum schwarzen Schaf der Firma geworden - eindeutig - und dennoch hielt er an mir fest. Weshalb? Das Gleiche konnte ich mich fragen. Immerhin war ich noch dort.
Ja, Lindsey. Warum? Süchtig? Hörig? Denn dumm bist Du nicht – wohl eher krankhaft ehrgeizig.
„Ich glaube an Sie.“, sagte Manners und klang dabei aufrichtig. Konnte er nun auch noch meine Gedanken lesen? Nein, dazu hatte er ja seine Leute. Wie für alles... Seine Bewunderung hatte mich schon vorher verwirrt. Beziehungsweise misstrauisch gemacht. Seine Ruhe. Und die Ehrlichkeit in seiner Stimme. In Anbetracht dessen, dass letzteres nicht zu ihm passte, oder passt, suchte ich nach einer Spur Ironie, nach Spott, probierte, zwischen den Zeilen zu lesen. Leider musste ich entdecken, dass er es verdammt ernst meinte, als er mir mitteilte, er hätte einen speziellen Job für mich, für den ich perfekt geeignet wäre. Daher wehte also der Wind. Er hatte die Karten ausgespielt, die er durch mein Verhalten in die Hand bekommen hatte, und selbstverständlich sofort einen Weg gefunden, einen Nutzen für W&H zu erzielen.
Na, da bin ich ja gespannt...
Und auch wenn er es nicht aussprach, war die Aussage doch offensichtlich. Payback, weil ich die Disketten gestohlen, die Firma hintergangen... ‘ihn’ hintergangen hatte. „Beiß’ nicht die Hand, die Dich füttert, Linsy.“, sagte er und ich konnte ihn nur anstarren. Wieso war er immer noch davon überzeugt, dass ich letzteres überhaupt noch wollte? Verdammt. War ich wirklich die Marionette, als die ich mich in diesem Moment fühlte? Yes Sir, yes. Oder käuflich? Sollte ich nicht ‘mir’ treu sein?
Solltest Du. - Aber was ich mich frage: Waren das tatsächlich seine Gedanken zu dem Zeitpunkt? Oder gehört das alles zur glaubhaften Untermauerung seiner Geschichte für mich? Hm. Er klingt so... ehrlich.
Als ich ihn misstrauisch ansah, um nach Antworten auf meine Fragen zu forschen, erklärte er mir, dass er nur das Beste für mich im Sinn hätte und mir helfen wolle, meine Loyalität der Firma gegenüber von neuem unter Beweis zu stellen. Dabei klopfte er mir ‘väterlich’ auf die Schulter, wie er es immer zu tun pflegt, wenn er mir klarmachen will, wem ich alles zu verdanken hatte... habe. Und im nächsten Augenblick drückte er kurz zu, um die Worte ‘letzte Chance’, die unausgesprochen in der Luft hingen, extra deutlich zu betonen. Das sah ihm ähnlich. Warnung. Kompliment. Drohung. In seinen Gesten, seiner Mimik, zwischen den Zeilen. Ohne es tatsächlich zu sagen... oder sagen zu müssen. Ich verstand auch so. Nur zu gut... und schluckte hart. Doch er lächelte mich an und teilte mir mit, dass ich nichts zu befürchten hätte. Schließlich hätte ich meine kleine Versicherung. Es wäre also meine Wahl, die Firma zu verlassen oder sein Angebot anzunehmen. *Bedingungen? Haken?*, fragten meine Augen und er antwortete umgehend, dass ich den Junior-Partner-Posten nur zusammen mit dem Job bekommen würde, der drangeknüpft war. Ich muss sehr unentschlossen gewirkt haben, denn er begann umgehend, mich darüber aufzuklären, was es damit auf sich hatte.
Uhm... fehlt hier nicht irgendwas? Hallo? Wo ist denn die Jobbeschreibung? Verdammt! Okay, logisch denken! Wenn Lindsey es für sich aufgeschrieben hat, braucht er nicht soweit auszuholen, denn er weiß ja, um welchen Job es sich handelte. Aber da er es doch für mich aufgeschrieben - erdacht - hat... Hm. Will er die Spannung steigern?
Ich bin immer noch fassungslos über die Art, wie er sich ausgedrückt hat. So, als ob er mir diese... diese... ‘Mission’ schmackhaft machen wollte.
Mission? Sehr kryptisch. Argh.
Als ob er eine Menge Überzeugungsarbeit leisten müsste, weil er damit rechnete, dass ich mich sträuben oder weigern würde. Was ich auch tat. Und wie. Was mir jedoch wirklich Angst machte - jedenfalls zu diesem Zeitpunkt -, war die Tatsache, dass er gleichzeitig so wirkte, als ob er mehr über mich wüsste, als ich selbst.
Da ist Holland nicht der einzige gewesen. Ich hatte auch immer diesen Eindruck. So gut Lindsey als Anwalt Leute einschätzen kann - ausgenommen mich, klar -, so wenig gelingt ihm das bei sich selbst.
Holland überredete mich mit keinem einzigen Wort, lächelte mich nur an, so in der Art von ‘Ich weiß, dass Du es tun wirst’, und stellte dieses Fläschchen auf den Schreibtisch. Nachdem er mir die genaue Handhabung des Inhalts erklärt und mir präzise Anweisungen gegeben hatte, wann ich es benutzen sollte, nahm er die Kiste mit seinen persönlichen Dingen und lief zur Tür. „Ihre Entscheidung“, sagte er abschließend und ließ mich allein.
Wenn Lindsey seine Plädoyers auch so schlampig verfasst, verstehe ich nicht, wie er auch nur einen einzigen Fall gewinnen konnte. Was für ein Fläschchen, verdammt? Die Magie, die er angeblich an mir angewandt hat, um mich vergessen zu machen? Argh.
Ich sah ihm nach, als er über den Flur davonging und sich kein einziges Mal umdrehte, bis er um die nächste Ecke verschwand. Dann schloss ich die Türen meines eventuell zukünftigen Büros und widmete mich meinen Überlegungen... und meinem Schock über den ‘Job’. Keine Ahnung, wie lange ich in Manners ehemaligem Sessel saß und über die nächtlichen Lichter LAs blickte, als ob die mir bei meiner Entscheidung hätten helfen können. Der Sessel fühlte sich gut an, genau wie das große Büro. Ganz im Gegensatz zu dem Gefühl in meinem Magen, wenn ich an den ‘Job’ dachte. Nein, es kam einfach nicht in Frage, ihn anzunehmen. Abgeneigter hätte ich einer Sache gar nicht gegenüberstehen können, also verabschiedete ich mich ein für allemal von meiner Karriere.
Ja klar. Ob er das wirklich glaubt, wenn er solche Gedanken hat? Ich meine, okay, seine ersten Worte waren, als er mein Büro betreten hat, dass ich ihm helfen soll - wegen der Blinden -, und dass er aussteigen will. Aber hat er das ‘gemeint’, oder nur gesagt, weil ich ihm sonst gar nicht erst zugehört hätte? Oder ganz anders: Hat das bereits zu seinem merkwürdigen Plan gegen mich gehört, dessen Sinn mir noch immer völlig unklar ist?
Genau wie von dem Raum und dem Gebäude, das ich ganz gegen meine Gewohnheiten durch den Hauptausgang verließ, um mich zu Fuß auf den Heimweg zu machen. Auf den Firmenmercedes hatte ich ja keinen Anspruch mehr, wenn ich W&H den Rücken kehrte. Den Schlüssel gab ich am Empfangsschalter ab, der Wagen blieb in der Tiefgarage.
Jaja, blabla, wers glaubt...
Meine Gedanken kreisten unaufhörlich um meine nun plötzlich ungewisse Zukunft, hervorgerufen durch meine Entscheidung, nicht länger für W&H arbeiten zu wollen. Und darum, was ich stattdessen tun sollte. LA verlassen? Nach Frisco gehen, um mein Glück zu versuchen, wo ich studiert hatte? Oder zurück nach Oklahoma? Niemals! Ich war immer davon ausgegangen, hierher zu gehören. Nach LA. In die Kanzlei. Und nun stand ich vor dem Nichts.
Drückt er jetzt auf die Tränendrüse? Oh armer Lindsey, was hat er es doch so schwer. Pfff. Er MACHT es sich schwer, hört ausnahmslos auf die falschen Leute (und auf seinen kranken Ehrgeiz), und begreift absolut nichts. Bis zum heutigen Tag!
Leise Zweifel keimten in mir... und Ärger auf mich selbst. Und ehe ich’s mich versah, stand ich vor den Türen von Angel Investigations.
Ah! Jetzt wird es interessant. Mal sehen, was er sich so ausgedacht hat...
Im ersten Moment schockiert darüber, hier gelandet zu sein, trat ich rasch zurück und eilte um die nächste Ecke, versteckte mich in den Schatten, damit mich niemand sehen konnte, ich aber einen guten Blick auf den Eingang hatte, der mit jeder Minute, die verstrich, verlockender wirkte. Es wäre so einfach, hineinzugehen, um - nun ja - zu tun, was meine Zukunft retten würde. Und als sich meine Füße wie von selbst in Bewegung setzten, gab ich nach. Ich lief über die Straße, mit jedem Schritt langsamer werdend, kaum noch Luft bekommend, und versuchte mich innerlich zu wappnen. Mir Mut zu machen.
Will er mir jetzt weismachen, er hätte Angst vor mir? Ich konnte noch nie welche an ihm riechen. Ha! Beim Lügen ertappt, Lindsey. So einfach kannst Du mich nicht an der Nase herumführen.
Ich verstand mich selbst nicht. War ich wirklich zum Spielball von W&H geworden? Offensichtlich. Hatte Manners tatsächlich gewusst, dass ich sein Angebot akzeptieren würde? In meinem Kopf blitzten die Worte ‘letzte Chance’ wieder auf. Wie viele hatte ich schon gehabt? Verdammt, wie viele brauchte ich noch? Schließlich sprach alles gegen diese Firma.
Ich wundere mich darüber, wie jemand, der so sehr mit W&H verstrickt ist, so sehr hinter deren Machenschaften steht, so sehr damit verwachsen ist, sich in die Lage von jemandem hineinversetzen kann, der aussteigen will. Wieviele Gesichter hat er noch? War er wirklich so hin- und hergerissen? Ist er so unsicher? Nein! Verdammt, ich rede hier von Lindsey McDonald. Okay, anfangs hatte ich angenommen, er versucht verzweifelt, böse zu sein, um W&H zu entsprechen, und ist es eigentlich gar nicht. Aber im Laufe der Zeit... seufz. Ich verstehe ihn einfach nicht, und trotzdem versuche ich noch immer, seine guten Seiten zu sehen. Wieso eigentlich? *Weil Du in ihn verliebt bist*, flüstert mir eine leise Stimme zu. Arrrgh! Vielen Dank auch.
Und dennoch fuhr ich mir durch meine Haare, um sie notdürftig zu richten, zog meine Krawatte aus und öffnete den obersten Hemdknopf. Mechanisch. Während immer mehr Panik in mir aufstieg und ich mich fragte, wieso Manners ausgerechnet mich für diesen Job ausgesucht hatte. Wieso nicht Lilah? Ich kam mir so lächerlich vor, und ich zweifelte daran, dafür geeignet zu sein. Was weiß ich schon über Verführung? Nicht viel. Zumindest nicht, wenn es um Männer geht. Oder um Vampire. Männliche Vampire. Noch dazu speziell um einen, der mich verhöhnte, wann immer sich ihm die Gelegenheit dazu bot. Und der mir nicht über den Weg traute.
Ah, verstehe. Jetzt legt er es so aus, als ob Holland ihn dazu gezwungen hat, es mit mir zu treiben. Lachhaft. Soweit würde er nicht... doch, Holland schon. Aber Lindsey hätte doch nicht eingewilligt. Oder? Verflucht, ich habe keine Ahnung. Ich dachte immer, ich könnte ihn einschätzen, ich wüsste wie er tickt, reagiert. Und dann hat er jedesmal das genaue Gegenteil gemacht. Demzufolge hätte er es also getan. Hm. Ob es mir wohl was genutzt hätte, wenn ich auf diese Erkenntnis schon früher gestoßen wäre?
Welche Chancen hätte ich da wohl? Keine, da machte ich mir nichts vor.
So würde ich das nicht sehen. Er unterschätzt sich. Es wäre mir sicher schwer gefallen, ihm zu widerstehen. Wenn er es wirklich versucht hätte... Das macht mich jetzt stutzig. Er HAT es ja versucht – letzte Nacht. Gehörte das etwa auch zu seinem Racheplan? Die ganze Verführung? Hat er nur deswegen mit mir geschlafen? Nein, das wäre krank. Zu krank. Selbst für ihn. Dann glaube ich lieber an ‘nur Sex’. Und alles andere war Zufall.
Aber ich konnte improvisieren, redete ich mir ein. Und möglicherweise hatte ich Glück, und er hatte seine Meinung über mich inzwischen geändert, weil ich mit ihm zusammengearbeitet hatte. Außerdem wusste er, dass ich die Firma verlassen wollte. Das könnte ein Pluspunkt für mich sein. Immerhin hatte ich ihn um seine Hilfe gebeten – und das ist schließlich sein Job.
Ja klar. Hilfe. Das beinhaltet aber weder meinen Schwanz noch den eventuellen Verlust meiner Seele. Und schon gar nicht, dass er ‘mich’ dazu missbraucht, damit ‘er’ bei W&H gut dasteht.
Auch wenn ich nicht seinem normalen Klientel entspreche.
Nein, sicher nicht.
Aber es gab ja auch Sonderfälle in seiner Laufbahn. Faith zum Beispiel.
Hm. Wohl wahr.
Sie hat den Engländer gefoltert und Angel töten wollen, und trotzdem hat er ihr beigestanden.
Aber... argh. Okay, das ist ein Argument – für einen Außenstehenden.
Das soll verstehen wer will...
Ist doch ganz einfach: Sie ist vom richtigen Weg abgekommen, und fand nicht mehr zurück. Alle waren automatisch gegen sie, ist ja logisch, und irgendwie hat sie dann einfach so gehandelt, wie es alle von ihr, nun, erwartet haben. Uhm... hat Lindsey dasselbe Problem? Und wieso fallen mir die Parallelen zwischen den beiden erst jetzt auf?
Wer auch immer. Es war belanglos. Allein die Tatsache zählte, dass er es getan hatte. Basta. Und dass ich es eventuell zu meinen Gunsten nutzen konnte, damit mein Plan klappen würde. Ich sah auf meine Hände, die nervös die Krawatte kneteten, runzelte wütend über mich selbst die Stirn und stopfte das Stück Stoff in meine Hosentasche, wobei ich das kleine Fläschchen entdeckte, das mir Manners vorhin gegeben hatte. Ich atmete erleichtert auf und erstickte sofort all die verwirrenden Gedanken im Keim, die Zweifel in mir säen wollten. Was hätte es schließlich über mich ausgesagt, dass das Fläschchen sich hier in meiner Tasche befand und nicht auf Manners Schreibtisch? Dass ich irgendwo tief in mir schon vor dem Verlassen des Büros gewusst hatte, dass ich entgegen meiner Entscheidung letztendlich doch hier landen würde? Nein, Überlegungen, die meinen Glauben an mich selbst ins Wanken gebracht hätten, konnte ich zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall gebrauchen.
Was soll eigentlich diese breitgetretene Unsicherheit? Ich meine, hey, ist doch sowieso alles gelogen. Wenn es wirklich so gelaufen wäre, dann hätte er sich so verhalten, wie ich ihn kenne: Stur in der Verfolgung seines Plans – und nicht zögernd. Pfff. Da hätte er sich aber wirklich mehr Mühe geben können... müssen, um mich zu überzeugen. Sehr schwache Leistung.
Ich lenkte meine Aufmerksamkeit zurück auf das Fläschchen, indem ich es für einen Moment fest in einer Hand hielt, bevor ich es zurück in meine Hosentasche gleiten ließ und sorgfältig zwischen den Falten meiner Krawatte verstaute, um es davor zu bewahren, kaputtzugehen. Immerhin stellte es meine einzige Versicherung dar, die mir, nun ja, zumindest den Spott ersparen würde, sollte etwas schiefgehen... und da war ich mir ziemlich sicher.
Und wie soll das funktioniert haben? K.o.-Tropfen für mich, um ungehindert flüchten zu können? Gift für sich, falls sich meine Seele verabschiedet? Ach nee, Magie. Grrr.
Dennoch atmete ich ein letztes Mal tief durch, stieß die Türen auf und betrat das Gebäude. Allerdings hegte ich die vage Hoffnung, dass kein Licht mehr brennen würde und ich den Job auf den nächsten Tag verschieben könnte, was völlig unsinnig war. Vor allem in Anbetracht dessen, dass sich Angels Wohnung im Keller befindet, was jede Ausrede hätte lächerlich erscheinen lassen... selbst vor mir. Als dann der Gang tatsächlich im Dunkeln vor mir lag, schluckte ich schwer und versuchte mich mit dem Gedanken anzufreunden, ihm in seiner Wohnung begegnen zu müssen.
Jetzt wird’s aber lächerlich. Als ob ich ihn in meine Wohnung lassen würde!
Ich streckte meine Hand nach dem Türgriff aus und drehte ihn. Offen. Zögernd betrat ich die Räumlichkeiten und ging leise zur Treppe, als ich sah, dass der Lift abgeschaltet war.
Eben! Genau für DEN Fall nämlich.
Die Stufen hinabzusteigen schien mir nicht möglich, ich blieb oben stehen und hielt mich krampfhaft am Geländer fest. Und der Knoten in meinem Magen verhärtete sich soweit, bis er wehtat.
Also mir wäre es peinlich, zuzugeben, dass ich sooo weich bin. Und wenn er schon lügt, warum stellt er sich dann nicht so dar, wie er wirklich ist... kalt - naja, halbkalt? Oder stimmt es etwa doch? Nein, dann hätte er es doch erst recht beschönigt. Oder? ODER? Argh. Das passt doch alles nicht zusammen.
Mir fiel plötzlich ein, dass ich noch nie in seinem Apartment gewesen war... und der größte Teil von mir wollte es auch so belassen. Aber da gab es leider noch diesen anderen Teil in mir, der mich überraschte, weil er neugierig war, zu erfahren, wie ein 250 Jahre alter Vampir wohl lebte.
Wundert mich, dass W&H darüber nichts in ihren Akten vermerkt haben. Oder hat Lindsey einfach nur schlampig recherchiert?
Gleichzeitig stieg Panik in mir auf. Der Gedanke, dass es dort unten so anders sein würde als in seinem Büro... nun ja... gefiel mir einfach nicht.
Was denkt der denn von mir? Dass ich da unten einen Folterkeller hatte? Oder zumindest die geeigneten Utensilien dazu? Nun ja, Ketten hat es natürlich gegeben. Und ein gefesselter Lindsey hätte durchaus seinen Reiz gehabt. Um ihn zu verhören – sonst nichts.
Schreibtisch und Bücherregale, Faxgerät, Telefon und Computer würden sicher dafür sorgen, dass ich die Angelegenheit auch noch als ‘geschäftlich’ ansehen konnte, wenn... Wohingegen die Vorstellung seines Wohnzimmers - oder schlimmer noch: seines Schlafzimmers -, die ganze Sache um so vieles ‘privater’ machen würde.
Ach so meint er das.
Nicht zu vergessen, dass ich mich in die Höhle des Löwen begeben würde.
Aber für eine Verführung wäre das doch wohl der passendere Ort gewesen als mein Büro. Oder? Das klingt alles so unlogisch, so an den Haaren herbeigezogen... dieser ganze Bericht. Lügen, nichts als Lügen. Und dafür verschwendet er seine Zeit, anstatt... sein Leben in die Hand zu nehmen. Unglaublich.
Ich wäre gefangen und meine einzige Fluchtmöglichkeit wäre die Treppe, die er mit Leichtigkeit versperren könnte. Und mit Sicherheit gab es keine Fenster...
Ich muss grinsen. Endlich mal ein plausibler Gedanke von ihm.
Okay. *Vergessen wir das.*, dachte ich und drehte mich hastig um, froh darüber, doch eine Ausrede gefunden zu haben... und erschrak so sehr, dass mein Herz drei Schläge lang aussetzte. Angel stand plötzlich vor mir, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf schiefgelegt und mich abwartend musternd. „Na, hast Du was vergessen?“
Okay, das klingt nach mir. Ruhig, trocken, ganz Herr der Lage.
Ich brachte keinen Ton heraus.
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