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Eigentlich hatte ich den dritten Teil von Lindseys Bericht ja gleich im Anschluss an den zweiten lesen wollen. Je schneller ich damit durch bin, desto eher weiß ich schließlich, was ich danach machen werde. Oder umso früher kenne ich alle Einzelheiten, Lindseys Beweggründe. Doch ich war einfach zu müde gewesen. Okay, zugegeben, technisch gesehen ‘hatte’ ich geschlafen. Als ich diesen merkwürdigen Traum gehabt hatte. Aber Spikes unerwartete Anwesenheit dort, meine sich überschlagenden Gedanken, I’m-too-beautiful-for-you-Lindsey, und alles andere Verrückte, was noch passiert war, hatte nicht gerade für das gesorgt, was man als erholsamen Schlaf bezeichnen könnte. Die aktuelle Datumsanzeige in meinem PC hatte mir dann zu allem Überfluss auch noch verdeutlicht, dass ich mittlerweile tatsächlich schon seit über drei Tagen ununterbrochen auf den Beinen war. Nichtsdestotrotz war ich hellwach gewesen, gutgelaunt, weil Lindsey zugegeben hatte, dass ich ihn schwach mache. Und dementsprechend scharf war ich auf den dritten Teil. Bis, ja, bis ich mein Bett gesehen hatte. Während ich mich auszog, hatte ich mir noch eingeredet, dass ich mich nur hinlegen wollte, um es mir nach dem stundenlangen Sitzen vor meinem Schreibtisch endlich bequem zu machen. Sobald ich jedoch genau das getan hatte, mich zudeckte und mein Kopf das Kissen berührte, war ich plötzlich nicht mehr dazu fähig gewesen, meine Augen offenzuhalten. Der Griff nach Lindseys Bericht hatte also mit dem automatischen Ausschalten der Nachttischlampe und einem tiefen Seufzen geendet. Gleichzeitig entspannte sich mein Körper und ließ mir keine Zeit, mich darüber zu ärgern, dass ich zu müde zum Weiterlesen war. Denn die Welt um mich herum begann sich bereits in Wohlgefallen aufzulösen. Und ich mich mit ihr.
* * * * * *
Oh herrlicher Schlaf. Spikefrei. Total erholsam. Wunderbarer Traum. Feuchtes Erwachen. Yuck. Dringende Dusche. Nötiger Bettlakenwechsel. Schnelles Frühstück. Kühlschrankkalt. Direkt aus dem Plastikbeutel. Zwei Tassen Kaffee. Heiß. Schwarz. Langsame Rückkehr meiner Denkfähigkeit. Erinnerungsfetzen, die sich allmählich zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Ich lächle als ich realisiere, dass mich die Idee, Lindsey bei passender Gelegenheit seine eigenen Berichte vorzulesen, beziehungsweise vorzuspielen, um ihm vor Augen zu führen, was er sich sturerweise nicht eingestehen kann, nämlich dass er mich will, offensichtlich doch mehr als einen flüchtigen Moment lang beschäftigt hat. Auch wenn es zugegebenermaßen weniger die Idee selbst war, die meine Fantasie beflügelt hat, sondern vielmehr das, was nötig wäre, um Lindsey zum Zuhören zu bringen. Der Gedanke ist jetzt noch präsent, genau wie die Stimme, die ihn ausgesprochen hat, die freudig erregt war, die sich angefühlt hat, als würde sie herumspringen wie ein Gummiball, auf, ab, auf, ab, und dabei immer wieder dieses eine Wort gerufen hat. Fesseln. Fesseln. Fesseln. So wie mein Schwanz gerade ‘hüpft’, kann nur ‘er’ diese Stimme gewesen sein – und die Regie des Traums übernommen haben. Die Vorstellung eines gefesselten Lindseys (und was man so alles mit ihm anfangen könnte, während er sich in diesem Zustand befindet) ist aber auch zu verlockend... und könnte mich glatt dazu verführen, die Vorstellung in die Tat umzusetzen. Vorher sollte ich allerdings noch den dritten Teil lesen, den Lindsey übrigens wieder per Hand zu Papier gebracht hat. Sehr schön. Seine Schrift ist es allerdings weniger. Im Gegenteil, sie ist krakelig, schwer zu entziffern, fast so, als hätte er gerade erst gelernt, zu schreiben, oder als würde er mit links anstatt... oh Shit. Okay. Mein schlechtes Gewissen hat mich soeben erreicht (wohl der gerechte Ausgleich für meine ausschweifende Fantasie). Seufz. Es kann also losgehen.
Third: All for nothing
Klingt ja nicht gerade vielversprechend. Was ist denn da bloß schiefgelaufen? Sind meine Verführungskünste etwa diesmal gescheitert? Hm. Ich kann mir kaum vorstellen, dass er mir widerstanden hat. Oder war es umgekehrt? Habe ich ihn abgewiesen? Noch unwahrscheinlicher. Vielleicht deute ich den Titel aber auch ganz falsch, und er bezieht sich gar nicht auf den Sex. Allerdings war es bei den anderen beiden Teilen so. Heißt das jetzt, dass ich hier nicht darauf hoffen kann, mit Lindsey geschlafen zu haben? Wie enttäuschend. Da stellt sich mir glatt die Frage, ob ich überhaupt weiterlesen will. Will ich? Tja, ja, denn es könnte immerhin sein, dass ich mit meiner Interpretation danebenliege. Und außerdem geht es ja mehr darum, Lindsey besser kennenzulernen, Hinweise darauf zu finden, dass er mich will, zwischen den Zeilen oder Schwarz auf Weiß, die ich ihm unter die Nase reiben kann. Hm. Ob ich einen Textmarker holen sollte? Nah, kann ich zur Not immer noch machen. Jetzt liege ich gerade so gut. Im Bett. Und wenn ich Glück habe, ist es ja doch die richtige Lektüre dafür. Die, die man sich einhändig zu Gemüte führt. Mal sehen...
Wenn ich an diesem Abend nicht so lange gearbeitet hätte, wäre das alles sicher nie... Wenn ich noch vor Sonnenuntergang das Büro verlassen hätte, hätte ich die letzten Sonnenstrahlen genießen können, anstatt... Wenn ich mich nicht entschlossen hätte zu laufen, um meinen Kopf freizubekommen, wäre es mir gelungen, meine Erinnerungen zu verbannen... denke ich.
Er kann mich nicht vergessen. Das ist guuut. Ich lächle. Breit. Okay, ich grinse. Hey, ich bin zufrieden. Immerhin weiß ich jetzt, dass es Lindsey auch nicht besser geht als mir. Ist doch eindeutig ein Grund zur Freude. ‘Nur Sex’ könnte er schließlich vergessen. Da bin ich mir ganz sicher.
Stattdessen machte ich mich erst nach Einbruch der Dunkelheit auf den Nachhauseweg, um mich kurze Zeit später von ihm überwältigt wiederzufinden... machtlos, im Kofferraum seines Cabrios... gefesselt, dann über seiner Schulter hängend durch ein baufälliges Treppenhaus getragen... wehrlos, und schließlich angekettet, linkes Handgelenk, rechter Knöchel... wütend.
Ich habe ihn entführt? Interessant. Ich habe ja tatsächlich mit diesem Gedanken gespielt. Ich meine damals, als ich endlich darauf aufmerksam geworden war, dass Cordelia und Wesley entweder ihre Köpfe vor mir einzogen oder mich wie ein rohes Ei behandelten. Und zu guter Letzt schloss sich Gunn den beiden an, verhielt sich zurückhaltend. Das hatte mich endgültig stutzig gemacht. Bei genauerer Betrachtung stellte ich fest, dass ich dauermüde und total überreizt war und ständig neben mir stand – unerklärlicherweise. Was mich zu dem Schluss brachte, dass W&H damit zu tun haben mussten. In meinem vernebelten Zustand war ich auf die Idee gekommen, Lindsey zu entführen, dachte aber später, ich hätte den Gedanken wieder verworfen, weil ich davon geträumt hatte und nichts dabei herausgekommen war. Zumindest keine Informationen. Ich hatte mich kaum an Einzelheiten erinnern, sondern nur von feuchten Laken auf den Inhalt des Traums schließen können. Moment mal. Dann war es wohl gar kein Traum. Argh. Ich hatte also schon gefesselten Lindsey und kann mich nicht mehr daran erinnern. Das ist so unfair!
Ich stand mitten in einem Raum, der nur eine Tür besaß, die ins Nebenzimmer führte, dafür aber kein einziges Fenster, und nur spärlich von ein paar Kerzen erhellt wurde... Angel gegenüber. Im ersten Moment dachte ich, er würde lediglich durch das flackernde Licht so müde wirken. Doch bei näherer Betrachtung erkannte ich, dass er tatsächlich müde war... seinen Augen fehlte jegliches Feuer, und dunkle Ränder zeugten von schlechtem Schlaf, quälenden Träumen... Darla. Sie hatte in den letzten Wochen Macht über ihn erlangt, wusste ich aus ihren Erzählungen. Sehr zu meinem Leidwesen, war sie doch anfangs die perfekte Ablenkung... von ihm, das Gegenmittel für meine dauernd wiederkehrenden Erinnerungen... an ihn. Der Schuss musste nach hinten losgehen, aber sie war so hilflos und verwirrt... zerbrechlich, weckte den Beschützerinstinkt in mir... Balsam für meine Seele. Bis sie anfing, ihn in seinen Träumen zu besuchen, ihn zu manipulieren, seine Vergangenheit zu wecken... und mir davon in allen Einzelheiten zu berichten, von seiner Veränderung, seiner rapide wachsenden Schwäche für sie, dem allmählichen Verlust seines Bezugs zur Realität und seinem immer tieferen Abdriften in die Vision, die sie für ihn erschaffen hatte. Und nun konnte ich mich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie sehr sie ihn aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Sein normaler Tagesablauf schien gar nicht mehr zu existieren... dunkle Bartschatten ließen seine Haut noch blasser wirken als sonst. Äußerlichkeiten kümmerten ihn offensichtlich überhaupt nicht mehr. Er trug einfach irgendetwas... knöchelhohe Docs, die nicht zu der zerknitterten Stoffhose passten, und ein verwaschenes, fast schon zerschlissenes Hemd, das vor langer Zeit einmal schwarz gewesen sein mochte. Seine Haltung, nicht mehr stolz, überlegen... nicht mehr Angel. Sie hatte ihm sehr effektiv all seine Macht genommen, systematisch die Fäden aus seinen Händen gerissen, und er war zu ihrem Spielball geworden, was mich - zumindest im Namen von W&H - hätte freuen sollen, mich aber tatsächlich auf einer ganz anderen Ebene traf... verdammt!
Sehr tröstlich. Heuchler! Hat ihn schließlich nicht daran gehindert, mich wieder mit Magie zu manipulieren. Er, dann Darla, dann wieder er. Kein Wunder, dass ich mich beschissen gefühlt habe. Und äußerst verwunderlich, dass ich mich trotzdem noch gefragt habe, warum ich in meinem Spielzimmer zu mir gekommen war und nicht in meinem Schlafzimmer, anstatt es einfach hinzunehmen wie so vieles in dem besagten Zeitraum.
Dem Reflex folgend, den Angel in mir hervorgerufen hatte, machte ich einen Schritt auf ihn zu. Ich weiß nicht mal, zu welchem Zweck... und will es auch nicht wissen. Seine Unsicherheit hatte mich soweit getrieben, doch die Ketten hielten mich glücklicherweise auf und brachten mich wieder zur Besinnung.
Ich halte inne und taste auf meinem Nachttisch nach dem Textmarker. Bis mir einfällt, dass ich hier gar keinen habe. Was soll ich auch in meinem Schlafzimmer damit? Jedenfalls normalerweise. Jetzt wäre ich dankbar dafür. Denn auf die eben gelesene Stelle würde ich Lindsey bei unserer nächsten Begegnung ganz gerne hinweisen. Speziell. Andererseits... vielleicht bleibt es die einzige halbwegs deutliche ich-empfinde-etwas-für-Angel-Aussage. Dafür lohnt es sich wohl kaum, extra nach unten ins Büro zu gehen, um einen Textmarker zu holen. Den Satz kann ich mir auch so merken.
„Dir ist klar, dass Entführung strafbar ist?“ Ich funkelte ihn wütend an, auf seine Antwort wartend, obwohl er mich ansah, als würde er mich nicht verstehen... seinem Blinzeln nach zu urteilen und der Verwirrung in seinen Augen. Nur für einige Sekunden, dann ging eine Veränderung in ihm vor. Ich hatte das Gefühl, er würde erwachen. Vielleicht war es so. Wer weiß? Ich kann nicht in ihn hineinsehen. „Verklag’ mich doch.“ Gleichgültige Stimme, gelangweiltes Schulterzucken, Überheblichkeit. Angel war zurückgekehrt. Dachte ich jedenfalls, bis ich seinen Blick wahrnahm... dieses nicht Weiterwissen, als ob er zwar die Entführung geplant hätte, allerdings nicht, was genau danach folgen sollte. Und das bei seiner Vergangenheit... wow!
Wie bitteschön hätte ich rational denken sollen, wenn ich mit Magie vollgepumpt war? Argh!
Mit Angel zu dealen ist nicht einfach, Berechenbarkeit hat schließlich nie zu seinen Charakterzügen gehört. Doch bis vor Kurzem hatte ich mich immerhin auf ‘mein’ Verhalten verlassen können... als die Grenzen noch klar definiert gewesen waren. Lange her. Jetzt musste ich mich bereits zusammenreißen, um wenigstens den Anschein zu erwecken, in ihm zu sehen, was ich sehen sollte... meinen Feind.
Shit. Schon die nächste Stelle. Kann mir mal irgendjemand einen Textmarker bringen?
Vielleicht würde es helfen, mir noch einmal klar zu machen, dass ich es ihm zu verdanken hatte, meine Hand verloren zu haben. Nein... mir völlig unverständlich, aber nicht zu ändern. So sehr ich auch versuchte, meine Wut zu schüren, es funktionierte nicht... aus eigener Kraft. Den Auslöser für meinen Haß (oder das Aufflackern desselben) lieferte mir schließlich Angel mit seiner Erwiderung auf meine Frage: „Was willst Du überhaupt von mir?“ „Aufklärung.“ Seine Stimme klang fest, doch ein leiser Unterton (Verzweiflung?) schwang mit, der zu mir durchdringen wollte, um mich zu berühren. Ich ließ es nicht zu... oder mir nicht anmerken, sah ihn skeptisch an und hakte mit einem ungläubigen Lachen nach: „Bist Du dafür nicht schon etwas zu alt?“ Er reagierte nicht, also seufzte ich und fragte gespielt genervt: „Worüber?“ Auch wenn mir die Antwort klar war.
Ich kann es nicht glauben. Er hasst mich mehr dafür, dass ich etwas in ihm berühre als dafür, dass ich ihm seine Hand genommen habe. Mal ehrlich, habe ich wirklich gedacht, ich könnte jemals aus ihm schlau werden? Seufz.
„Ich will wissen, was mit mir los ist. Was geschieht mit mir?“ Seine Worte, zuerst verlegen, dann wütend, trafen mich nicht halb so sehr wie sein Blick, dieser Gesichtsausdruck... der Hauch Hoffnung, der in seinen dunklen Augen glomm, kaum zu erkennen hinter einem Schleier aus Hilflosigkeit und der Überzeugtheit, dass ich ihm nicht helfen könnte... würde. Eine tiefe Längsfurche auf seiner Stirn zeigte mir seine aufkeimende Angst... oder stumme Panik. Sein Mund wirkte verkniffen, schmallippig... tatsächlich verzweifelt. Alles zusammen weckte mein Mitgefühl...leid, oder etwas in der Art, das meinen Magen zusammenzog und mich wütend machte, wegen dieser verfluchten Schwäche.
Und was soll ich sagen? Er hat mir so viele Erinnerungen genommen und mich (mit Hilfe von Darla) in die Verzweiflung getrieben, in die Machtlosigkeit, Gott, sogar in die Hilflosigkeit! Damals. Und wenn ich es jetzt lese, gerade nochmal von neuem. Verdammt, ich bin sauer auf ihn. Maßlos wütend. Immerhin ist ER dafür verantwortlich, dass es soweit kommen konnte, dass ich ihm leid tat. Argh. Zum Teufel damit! Ich will sein Mitleid nicht. Und trotzdem ändert es nicht im geringsten etwas daran, dass ich ‘ihn’ will. Wie Lindsey DAS wohl bezeichnen würde? Noch als Schwäche oder schon als Wahnsinn?
„Bin ich Hellseher oder was? Du solltest im Caritas singen, wenn Du so scharf auf die Antworten bist.“, blaffte ich ihn an, gereizt, ihm vormachend, nicht Bescheid zu wissen... und ruinierte diesen Eindruck auf der Stelle, indem ich trotzig anfügte: „Von mir erfährst Du jedenfalls nichts.“ Shit! Grober Fehler. Sein Blick verriet mir, dass ich nichts hätte sagen können, um ihn davon zu überzeugen, dass W&H (oder ich) nichts damit zu tun hatte. Egal. Sollte er doch wissen, dass ich es wusste. Seine zu schmalen Schlitzen verengten Augen ließen mich innerlich wachsen, gaben mir Genugtuung, auf die ich so lange gewartet hatte... Triumph, trotz meiner Fesseln. Was für ein Gefühl!
Lindsey mir überlegen? Ich hoffe, er hat es genossen, das war nämlich das erste und letzte Mal und wird garantiert nicht mehr vorkommen! Weder unter dem Einfluss von Magie (und wenn ich ein Gegenmittel finden muss, das mich vor solchen Angriffen schützt), und schon gar nicht ohne. Basta! Die skeptische Stimme in meinem Kopf ignoriere ich geflissentlich. Ich kann sie überhaupt nicht hören. Ehrlich. Sie fragt mich nicht, ob ich mir wirklich sicher bin, dass dies das einzige Mal war, dass Lindsey mir überlegen war. Und sie hat auch keine Argumente auf Lager, wie beispielsweise: Im Gegensatz zu Dir ist er danach wieder zu seinem normalen Leben zurückgekehrt – oder zu W&H, was ja auf dasselbe hinausläuft. Und nach dem letzten Mal hat er Dich sogar rausgeschmissen. Er IST Dir überlegen. Arrrghgrrrr. Ist er nicht! Und er hat mich nicht vor die Tür gesetzt, sondern ich bin gegangen. Weil ICH es so wollte, verdammt. Um ihm Zeit zu geben, zu realisieren, wie sehr ich ihm fehle. Alles Taktik. Denn ich habe mich unter Kontrolle. Und mein Wille ist stärker als seiner. Jawohl!
Plötzlich kam Leben in Angel. „Du wirst reden.“, grollte er... und es klang nicht wie eine Drohung, sondern wie ein Versprechen.
Sag ich doch. DAS bin ich. Die Überlegenheit in Person. Yeah!
Dann lief er ins Nebenzimmer und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich hörte eine Weile lang nur hektisches, ärgerliches Schubladen- oder Türengeklapper. Als er zurückkam, lächelte er teuflisch, was sich bis in seine funkelnden Augen fortsetzte. Ich blieb ruhig, auch als er auf einem Tisch in meiner Nähe ausbreitete, was er mitgebracht hatte. Folterwerkzeug... Skalpelle, Dolche, Nägel, Zangen, aber auch Dinge, die weniger dazu geeignet schienen, mich zu quälen oder zum Reden zu bringen... Kerzen, die ich eher in die Kategorie Sexspielzeug einordnen würde...
Klar. Denn für romantische Stimmung hatte ich wohl kaum sorgen wollen. Eher für Panik, schließlich wollte ich Antworten.
...und Klebeband, dessen Zweck mir völlig verschlossen blieb. Als er fertig war, betrachtete er die Utensilien nachdenklich, unschlüssig mit dem Zeigefinger an sein Kinn tippend, bevor er wählte... ein Messer, das er mehrmals von einer Hand in die andere warf, es bedächtig abwog und auf seine Griffigkeit hin überprüfte.
Ich wollte ihm bestimmt nur Angst einjagen, versuche ich mir einzureden. Ohne Erfolg. Die panische Stimme in meinem Hinterkopf ist einfach zu laut. Ich habe ihn doch nicht wirklich gefoltert? Ich meine, es ist eine Sache, Lindsey trocken zu vögeln, schließlich habe ich es danach ja wieder gutgemacht. Ob ich mir verzeihe, dass ich es genossen habe, währenddessen und später, als ich den Bericht gehört habe, weiß ich bis dato noch nicht. Selbst unter dem Aspekt, dass er mir (denke ich) verziehen hat. Aber es ist etwas völlig anderes, jemanden zu foltern. Sollte ich das getan haben, sollte ich Lindsey tatsächlich verletzt haben, und er nicht selbst von dem Vergessenspulver genommen, sondern sich mit diesem Wissen ein viertes Mal auf mich eingelassen haben, werde ich ihn schnappen und in die Geschlossene einweisen. Denn dann braucht er ernsthaft Hilfe. Und bei Gott, ich werde mit ihm dortbleiben, sollte es mich angemacht haben oder jetzt beim Lesen erregen. Oh bittebitte nicht!
Schließlich drehte er sich zufrieden nickend zu mir um und sah langsam an mir auf und ab, als ob er Schwierigkeiten damit hätte, sich zu entscheiden, wo er beginnen sollte. Alles so offensichtlich Show, dass ich lediglich gleichgültig seinem kalten, entschlossenen Blick begegnete, aber keinen Millimeter von der Stelle wich, oder auch nur mit der Wimper zuckte. Das erste Anzeichen seines Erstaunens über meine Lässigkeit war seine in die Höhe gezogene Braue... flüchtig, ungläubig darüber, dass ich nicht die gewünschte (erwartete) Reaktion zeigte... oder zumindest irgendeine Reaktion. Auch nicht, während er meine Krawatte durchschnitt und anschließend die obersten drei Knöpfe meines Hemdes abtrennte. Die Klinge glitt dabei leicht über meine Haut... stählern, kühl, unaufdringlich, bis hinauf zu meinem Hals, wo sie verweilte, um Angels alles sagendes Schweigen zu unterstreichen.
Oh bitte, lass es nur eine etwas andere - perversere - Art des Vorspiels gewesen sein!
Ich hätte ihn treten oder ihn mit meinem rechten, ungefesselten Arm abwehren können... oder ihm einfach erzählen, was ich wusste. Aber ich tat nichts davon. Ich stand nur reglos da und sah ihn an... und plötzlich spürte ich die Stille, die zwischen uns herrschte, deutlicher als das Metall, das sich gegen meinen Hals drückte.
Und ich spüre, wie ich mich mehr und mehr verkrampfe, weil ich noch immer nicht weiß, was ich ihm angetan habe... oder ob. Wie auch immer, wenn ich atmen müsste, würde ich jetzt vor Spannung - oder Panik - die Luft anhalten.
Ich registrierte jede seiner Bewegungen... das leichte Zittern seiner Nasenflügel etwa, als ich hörte, wie er mehrmals tief inhalierte... meinen Geruch aufnehmend, bevor die Überraschung aus seiner Miene verschwand und für die Erkenntnis Platz schuf, dass ich nicht spielte, sondern tatsächlich keine Angst vor ihm hatte. Er wich einen Schritt zurück... fast erschrocken, sodass er seinen Arm ausstrecken musste, um die Klinge weiterhin an Ort und Stelle zu halten, und blickte mich so intensiv an, als ob er in mich hineinzusehen versuchte, mein Innerstes ergründen wollte. Merkwürdigerweise machte mir auch das keine Angst... nicht einmal reflexartig.
Okay. Dies ist der richtige Moment, um einen Textmarker zu holen. Ich schaffe es exakt so lange, mir das einzureden, wie ich zeitlich dafür brauche, um nach unten in mein Büro zu gehen, den Stift zu suchen und mitsamt dem wieder zurück in mein Bett zu gelangen. Ungefähr zwanzig Minuten. Jajaja, so lange hätte ich eigentlich nicht gebraucht, aber alles in mir weigert sich, weiterzulesen. Also blättere ich stattdessen in Lindseys Bericht zurück bis zur ersten ich-empfinde-was-für-Angel-Stelle, und kennzeichne sie. Sehr gewissenhaft. Und sehr langsam. Aber auch das dauert leider nicht ewig, weshalb ich froh bin, mich noch an eine zweite Passage zu erinnern, die natürlich erst einmal gesucht und gefunden werden muss. Klar. Pink gekennzeichnet, gefällt mir der Satz noch besser. Und für eine Weile starre ich ihn einfach nur an, während ich überlege, ob es nicht Sinn machen würde, mir den ersten Teil noch einmal zur Hand zu nehmen, um dort gleichermaßen vorzugehen. Bleibt nur eine Frage übrig: Wie soll ich das beim zweiten Teil machen? Die CD kann ich ja schlecht markieren. Ich könnte höchstens aufschreiben, was Lindsey erzählt hat und anschließend... Verlockender Gedanke, schön zeitaufwendig, führt mir allerdings auch vor Augen, wie sehr ich mich dagegen sträube, weiterzulesen. Wie lange soll das noch so gehen? Ich meine, ‘ich’ werde zwar nicht älter, aber Lindsey. Trotzdem. Ich kann einfach nicht. Das ist so ähnlich wie bei Büchern, wo man so sehr damit beschäftigt ist, auf des Rätsels Lösung zu kommen, dass man sich nicht mehr auf die Handlung konzentrieren kann, bevor man nicht das Ende gelesen hat. Zuerst. Nicht dass mir der Schluss ‘dieser’ Geschichte nicht längst klar ist. Vergessenspulver. Erinnerung ade. Aber das ist in diesem Fall ja auch nicht die Frage, sondern: Habe ich Lindsey gefol... ihm wehgetan? Und... hat es mir... Spaß gemacht? Oh Gott, ich kann an nichts anderes mehr denken – und nichts anderes tun, als zögernd ein bisschen weiterzublättern, den Inhalt zu überfliegen, Ausschau nach dem zu halten, was ich nicht sehen will und hier und da ein paar Satzfetzen aufzuschnappen.
...meine wachsende Erregung...
Zugegebenermaßen mindert das etwas die Spannung an der Lektüre.
...seine Zunge auf mir...
Aber es nimmt mir auch gleichzeitig die Panik. Und darum geht es schließlich.
...fühlte sich unbeschreiblich gut an...
Und es beruhigt mich ungemein. Denn das klingt nicht so, als hätte ich Lindsey verletzt. Hat eher den Anschein, als hätte ich ihn glücklich gemacht, was mein Gewissen eigentlich zum Schweigen bringen sollte. Stattdessen wird es laut. Argh. Stichwort Folter. Oder die Notwendigkeit derselben. Es meint, ich hätte Lindsey Schlimmeres angetan als er mir. Also wäre wohl ich die erste Wahl für den Folterkandidaten. Wohl wahr, gebe ich zu, lege aber trotzdem keinen Wert darauf. Doch Lindsey hätte es verdient, sich an mir auszutoben, fair ist fair, stichelt mein Gewissen weiter. Jajaja. Wenn wir allerdings bei fair sind, was ist dann mit Lindsey? Immerhin hat er mich um all die schönen Erinnerungen - die ihn beinhalten - betrogen. Ha! Hat er dafür nicht auch eine Strafe verdient? Wenigstens eine kleine? So übers Knie legen oder so? Mhmmm, meldet sich eine andere Stimme schnurrend zu Wort. Mein Schwanz? Lindsey nackt auf meinem Schoß ausgestreckt, sein fester Hintern, zwei perfekte Rundungen, die vor mir in die Luft ragen und quasi nach einer Spanking-Session schreien. Yummy. Ja, eindeutig mein Schwanz. Und mein Gewissen schweigt. Merkwürdig. Andererseits... die Vorstellung hat ja nicht wirklich was mit Strafe zu tun, beruhige ich mich selbst. Und schon gar nichts mit Folter. Eher im Gegenteil. Die ganz besondere Art des Vorspiels eben, gekrönt von mir, der Lindsey anschließend vögelt. Von hinten. Klar. Jeder Stoß eine erneute Erinnerung. Für mich, weil ich die durch meine Hand verursachte Hitze seines Hinterns an meinem Becken fühlen kann und sie genieße, vom rosigen Anblick ganz abgesehen. Und für ihn, weil jede Berührung das Kribbeln und Brennen auf seiner Haut intensiviert wie ein weiterer Schlag von mir. Also wäre es doch eine Strafe, schreit mein Gewissen. Okay, vielleicht, gebe ich zu. Aber eine sehr delikate, äußerst erregende, meint mein Schwanz, und spekuliert schamlos darauf, die Fantasie zu vertiefen. Nein, verdammt! Schluss damit, weiter im Text.
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