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Mein Gott, wie sehr mein Leben in den letzten vier Tagen durcheinandergeraten ist. Jetzt, wo ich das ganze Ausmaß dessen begreife, kann ich es gar nicht fassen. Nie hätte ich gedacht, dass das möglich ist. Nicht in so kurzer Zeit. Und nicht aufgrund einer einzigen Person — Lindsey. Zuerst verführt er mich, überwältigt mich mit diesem Gefühl, alles für ihn zu sein, nur um mir dann zu sagen, dass dieses Alles für ihn bloß Sex war... wie die Male zuvor, und wirft mich raus. Aber nicht, bevor er mir zum Beweis die Berichte gibt, an deren Wahrheit ich zweifle. Ich lese den ersten, glaube daran, dass er seine Art von Rache ist, alles bloß ein schlechter Witz, auf den ich mir einen runterholen kann, um direkt im Anschluss daran schockiert feststellen zu müssen, dass dem nicht so ist. Der Zorn auf ihn, den ich bei der Erkenntnis verspüre, dass er mich mit Magie manipuliert hat, steigt und fällt, verwandelt sich während des nächsten Berichts in Wut auf mich, als ich erfahre, dass ich ihn vergewaltigt habe, und wird noch durch Spikes Erscheinung in meinem Traum geschürt, bringt mich zur Überlegung, ob ich meinen Hintern für Lindsey opfern soll, um es wieder gutzumachen, und zu einigen anderen, abstrusen Ideen, die ich genauso schnell entwickle wie verwerfe. Die ‘Erleuchtung’, Lindsey mittels der Berichte besser kennenzulernen, endet für mich mit dem berauschenden Endergebnis, dass er mich will, diese Tatsache mit jedem Satz, den er geschrieben hat, mehr und mehr bestätigend, und mir damit die absolute Sicherheit gibt, dass er es auch zugeben wird, wenn ich nur ein wenig Druck auf ihn ausübe. Das war der Plan. Doch nachdem ich bei W&H angerufen und erfahren habe, dass Mister McDonald zuerst noch nicht anwesend, dann in einer Besprechung und schließlich nicht mehr für die Kanzlei tätig sei, was ich nach und nach von seiner (Ex-)Sekretärin erfahren musste, und das alles innerhalb eines Tages, ohne dass ich auch nur ein einziges Mal die Chance gehabt hätte, mit ihm persönlich zu reden, weiß ich überhaupt nichts mehr. Gedanken kommen und gehen, hauptsächlich Fragen, auf die ich keine Antworten finden kann. In meinem Kopf herrscht Chaos. Genau wie in meinem Büro. Und es wird mit jedem vergeblichen Versuch, Lindsey auf seinem privaten Anschluss oder Mobiltelefon zu erreichen, schlimmer. Überall um mich herum - auf meinem Schreibtisch, auf dem Boden - liegen Blätter über Blätter mit Skizzen von Lindsey verstreut. Mit Wes’ Augen betrachtet, würde ich sagen, mein geistiger Zustand ist kritisch, irgendwo zwischen Besessenheit und Wahnsinn. Nicht dass ich Bedenken hätte, aus diesem Bereich wieder herauszufinden. Nein. Ist mir ja bei Darla auch gelungen. Was mir wirklich Sorgen macht, ist die Tatsache, dass mir die Neuigkeit so schwer im Magen liegt, anstatt mein Herz zum Hüpfen zu bringen (oder etwas in der Art). Wo seine Kündigung doch die Beseitigung des letzten Steins symbolisiert, der sich noch zwischen Lindsey und mir befunden hat. Zwischen dem Uns, das doch mein Ziel war. Warum also kann ich mich nicht freuen? Bin ich nicht längst bei ihm, um ihn in meine Arme zu schließen? Zeichne stattdessen weiterhin ein Bild nach dem anderen von ihm, achte dabei akribisch genau auf jede Einzelheit — auf sanfte Schattierungen, um das Leuchten seiner Augen zu unterstreichen, auf den perfekten Schwung, um die Üppigkeit seiner Lippen zur Geltung zu bringen. Weshalb? Es steht schließlich nichts mehr dem entgegen, Lindsey in natura zu genießen, live zu erleben, was keine Skizze jemals wiedergeben kann, ganz egal wie gut sie auch sein mag. Ich könnte genau in diesem Moment bereits wohlige Schauer und Seufzer in Lindsey auslösen — und er in mir. Wir könnten zur Feier seiner getroffenen Entscheidung ein sehr intimes Zusammensein zelebrieren, das endlos andauern würde — mindestens. Denn der einzige Anlass, nicht für immer im Bett zu bleiben, wären Hunger und Durst. Schätze, das ist es, was mich hier festhält und daran hindert, zu ihm zu gehen. Es besteht kein Grund mehr dazu, es ‘nicht’ zu tun. Und damit meine ich nicht, dass die Beute ihren Reiz verloren hat oder ich darauf warten will, dass er zu mir kommt, damit ich meinen Triumph über seine Kapitulation voll auskosten kann. Ich denke, dass ich den Drang, Lindsey mit allen Mitteln vor Augen zu führen, was er will, nur entwickelt und ihm nachgegeben habe, weil ich nie daran geglaubt habe, dass er sich für mich entscheiden könnte... würde. Klingt vielleicht verrückt oder unlogisch, aber es ergibt trotzdem irgendwie Sinn... in gewisser Weise... oder im Umkehrschluss. Was sonst könnte mich noch zurückhalten, wenn nicht die Bedeutung und Schwere von Lindseys Wahl? Immerhin ist sie ‘gegen’ W&H und somit ‘für’ mich ausgefallen. Die Klarheit, nein, viel eher die daraus resultierende Finalität, erfüllt mich mit Panik. Denn das Wissen, dass ich irgendwann den Punkt erreichen werde, an dem ich Konsequenzen ziehen muss, ist nun keine weit entfernte, vage Ahnung mehr, sondern zum Greifen nahe Realität — bittere Unausweichlichkeit. Nun bleibt mir keine Chance mehr, mich noch weiterhin vor der Wahrheit zu verschließen. Keine Möglichkeit, die einzige Reaktion auf Lindseys und mein Verhalten, die folgen muss, noch länger vor mir herzuschieben. Die letzte Ausrede vor mir selbst ist nichtig. Die Zeit abgelaufen. Das Ende erreicht. Das Aus für das Uns, das nie existiert hat, gekommen. All die versteckten und offensichtlichen Hinweise darauf, was Lindsey wirklich für mich empfindet, nach denen ich so methodisch in seinen Berichten, zwischen den Zeilen und im Klang seiner Stimme gesucht habe, jede Interpretation, sämtliche Überlegungen und Erkenntnisse, zu denen ich in den letzten fünf Tagen gelangt bin, sind nun hinfällig. Oder haben letztlich ihre Bestätigung gefunden. Schade. Wegen der noch immer offenen Fragen, die nun wahrscheinlich nie mehr beantwortet werden. Wieso beispielsweise hat Lindsey mich wirklich von sich trinken lassen? Für ausführliche Spekulationen ist es zu spät, aber seine Erklärung nehme ich ihm trotzdem nicht ab. Für Neugier hat er es einfach zu sehr gewollt. Oder mich. Und weshalb hat er nach dem letzten Mal mit seinen Gewohnheiten gebrochen und mich rausgeworfen, anstatt mir wie zuvor das Vergessenspulver zu verabreichen? Weist diese Tatsache darauf hin, dass er endlich angefangen hat, über sein Handeln nachzudenken? Und wenn dem so ist, sage ich, Gott sei Dank hat er erst in diesem Moment damit angefangen! Denn andernfalls hätte er doch viel früher (wahrscheinlich schon nach dem ersten Mal) selbst von dem Zeug genommen, wie er es vorgehabt hatte, sodass es gar nicht zu mehr - inklusive seiner Berichte - gekommen wäre. Daran, dass es ihm darum gegangen ist, mich loszuwerden, glaube ich nicht. Das passt schließlich nicht zum Fakt, dass er W&H letztlich den Rücken gekehrt hat. Was wiederum darauf hindeutet, dass er um das Halten meiner Seele gefürchtet hat. Wobei... scheinbar bereitet ihm DAS ja plötzlich keine Sorgen mehr. Argh! Ist es nicht ironisch, dass ich mich eben noch, oder nachdem ich seinen letzten Bericht zuende gelesen hatte, darüber aufgeregt habe, dass er seinem Verstand folgt, anstatt seinem Gefühl? Und nur ein paar Stunden später habe ich keine andere Wahl, als genau dasselbe zu tun... und mich bei Lindsey über das Gegenteil zu ärgern. Warum bin eigentlich immer ich dazu verdammt, die schmerzhaften Entscheidungen zu treffen? Weil irgendjemand es tun muss. Und Lindsey ist ganz offensichtlich nicht dazu in der Lage. Kein Wunder. Er ist erst Ende zwanzig, verglichen mit meinem Alter also noch ein Baby, schwach (was ich ihm nicht übelnehmen kann), und steht noch ganz am Anfang davon, dagegen anzukämpfen, um eigene Wege zu beschreiten. Verfluchte Lebenserfahrung! Verwandelt schon jetzt jeden einzelnen Muskel in meinem Körper in einen Krampf. Weil ich nur so (wenn überhaupt) ertragen kann, was auf mich zukommt. Lindseys Enttäuschung, sobald ich ihm sage, dass es vorbei ist. Schätze, sie wird so groß sein, dass ich ihm am liebsten alles versprechen möchte, um das Leuchten zurück in seine Augen zu zaubern. Und trotzdem muss ich hart bleiben. Wieder. Wie damals bei Buffy. Egal wie schmerzhaft schwer es mir fallen wird. Ich darf nicht nachgeben. Nicht, bis er begriffen hat, dass das Ende unausweichlich ist. Und dann nur für ein einziges, ein allerletztes Mal. Für ihn. Für mich. Für immer. So lange, bis kein Vergessenspulver mehr wirkt. Bis es vorbei ist. Das war der zweite Plan. Doch auch der ist inzwischen hinfällig geworden. Allerdings ist gerade schon ein dritter in der Entstehungsphase. Vielleicht der vernünftigste. Auf jeden Fall der letzte. Wahrscheinlich. Aber der Reihe nach. Vor dem Verlassen meines Büros wollte ich noch Ordnung schaffen und all die Bilder von Lindsey aufsammeln und sicher vor den Blicken anderer in meinem Schreibtisch verstauen. Oder im Safe. Dort sind sie auch gelandet. Alle. Jede der Skizzen, die ich von ihm angefertigt habe, die ihn zeigen, wie ich ihn von unserer letzten gemeinsamen Nacht in Erinnerung habe — leidenschaftlich und wunderschön. Die reflektieren, wie meine durch seine Erzählungen vom ersten und dritten Mal beflügelte Fantasie ihn sieht — sanft und hingebungsvoll. Und die sogar Szenen aus Lindseys zweitem Bericht wiedergeben, wie sich meine von Scham über mich in Bewunderung für ihn verwandelte Vorstellung von Lindsey darstellt. Zuerst über seinen Sessel gebeugt — begehrlich und wehrlos. Dann vor mir kniend — lustvoll stöhnend und ekstatisch. Und anschließend weit nach hinten gelehnt, Kopf im Nacken, Rücken wie ein Bogen gespannt — anmutig und schön. All diese Zeichnungen befinden sich in meinem Safe. Bis auf eine. Nämlich die, auf der er abgebildet ist, wie ich ihn vorwiegend kenne. Oder kannte. Von früher. Als wir noch Feinde waren. Doch auch dies ist ein ‘Schnappschuss’ vom zweiten Mal. Ich bin überwältigt davon, wie gut ich seine Emotionen eingefangen und zu Papier gebracht habe. Sein Blick aus blitzenden, aufgewühlten Augen ist herausfordernd, sein Lächeln teuflisch, sein Kinn trotzig vorgereckt, seine Körperhaltung selbstsicher und stolz. Jede Einzelheit spricht davon, dass er mich genau da hat, wo er mich haben will. Von seinem Triumph über meinen Ärger. Von seinem Sieg, den ich ihm nicht mehr nehmen kann. Aber da ist mehr. Fast ist es so, als würde das Bild selbst wispern, mir leise Worte zuflüstern. Sündhaft. Verrucht. Diabolisch. Schlecht. Meine Antwort ist simpel. Anziehend. Verführerisch. Feurig. Lindsey. Das ist es allerdings nicht, was mich ins Stocken und den Plan ins Wanken gebracht hat. Sondern die durch das Betrachten dieser speziellen Skizze heraufbeschworene Erinnerung an den alten Lindsey — mit jeder Faser seiner Existenz mein Gegner, betrügerisch und smart, mit allen Wassern gewaschenes Lieblingskind von W&H. Vielleicht ist er all das noch immer. Dann könnte seine Kündigung ein weiterer Trick sein, damit ich mich endgültig auf ihn einlasse und meine Seele einbüße, was ja bekanntes Ziel der Kanzlei ist. Irrsinnigerweise atme ich bei der Aussicht darauf, dass die Überlegung wahr sein könnte, erleichtert auf. Es muss also noch nicht vorbei sein. Und verständlicherweise kehrt meine Wut zurück. Aber eventuell ist es ja nicht so verkehrt, wütend auf ihn zu sein. Dann wäre die Gefahr geringer, mich komplett in ihm zu verlieren... einschließlich meiner Seele. Das ist schließlich das ganze Problem. Meine verdammte, nein, meine ‘verfluchte’ Seele. Mit ihr kann ich Lindsey nicht lieben, jedenfalls nicht ungehemmt, und ohne sie würde ich ihn nicht lieben, sondern höchstwahrscheinlich töten. Ob sich Lindsey darüber je Gedanken gemacht hat? Was mit ihm geschehen wird, nachdem er Angelus befreit hat? Und weshalb bin ich überhaupt besorgt um ihn, wenn der Verlust meiner Seele wirklich sein Ziel ist? Weil ich nicht überzeugt davon bin. Aber ich könnte es sein. Vielleicht war ich es. Für einen Moment. Wesentlich kürzer als der, in dem ich daran glaubte, dass er mich will und liebt... und ich ihn nur dazu bringen muss, es einzugestehen. Und durch jedes Wenn und Aber bin ich nun an dem Punkt angelangt, an dem ich absolut nichts mehr weiß. Was stellt man an, um die Wahrheit herauszufinden? Wenn man mit zwei Varianten davon konfrontiert ist, die gegensätzlicher nicht sein könnten? Von denen jede ganz leicht durch diverse, logische Erklärungen untermauert werden kann, aber ebenso einfach auch die andere zur Lüge macht? Gibt es eigentlich immer nur zwei Alternativen? Ist alles entweder schwarz oder weiß? Gut oder böse? Zwangsläufig? Dann könnte ich sofort damit aufhören, mir den Kopf zu zerbrechen und stattdessen eine Münze werfen, Kopf oder Zahl die Wahl überlassen. Wenn es allerdings noch einen weiteren Bereich gibt, einen dritten, der beides beinhaltet, oder treffender ausgedrückt, die komplette Spanne ‘dazwischen’ darstellt - Grau in sämtlichen Schattierungen -, dann tun sich diverse Möglichkeiten mehr auf, wie ich reagieren kann. Und trotzdem habe ich absolut keine Ahnung, wofür ich mich entscheiden soll. Worauf soll ich vertrauen? Darauf, dass ich die Lösung irgendwo tief in mir finden werde? Das kann Jahre dauern! Soviel Zeit habe ich nicht, beziehungsweise Lindsey. Also bleibt nur eins übrig. Die letzte Chance. Der vernünftige Plan. Die Rettung. Lorne. * * * * * * Dafür dass ich mich in Richtung ‘letzter Chance’ befinde, habe ich es nicht besonders eilig, wird mir gerade klar. Könnte daran liegen, dass ich zu Fuß unterwegs bin, anstatt mit meinem Auto. Ich bin nicht mal auf die Idee gekommen, zu fahren. Nein, ich bin einfach aus dem Hotel gestürmt, völlig kopflos. Und ich kann von Glück reden, dass die Sonne bereits untergegangen war. Andernfalls wäre ich jetzt wohl nicht in dieser kleinen, düsteren Gasse, sondern... ach egal. Wenigstens führt sie direkt zum Caritas. Ich muss nur noch um die nächste Ecke biegen, dann bin ich da. Ich kann sogar schon Musik hören. Ich glaube, es ist Lorne selbst, der gerade ein Lied zum Besten gibt. Das ist gut. Wenn ich mich beeile, komme ich vielleicht gleich im Anschluss dran. Oh Shit! Was soll ich bloß singen? Die Frage trifft mich schon nach wenigen, schnelleren Schritten... und völlig unvorbereitet, sodass ich abrupt stehenbleibe. Wohl genau im richtigen Moment, denn nun kann ich einen Seitenweg einsehen und werde Zeuge von... hm... keine Ahnung von was. Aber meine Neugier ist geweckt (oder meine Detektivinstinkte), und ich schleiche mich etwas näher heran, um der Sache auf den Grund zu gehen. Auf den ersten Blick bietet sich mir eine ganz normale Szene, denke ich. Ein cowboymäßig gekleideter Kerl wühlt auf der Ladefläche eines Pick-ups herum. Irgendetwas kommt mir daran vertraut vor. Hm. Der Typ kann es nicht sein - ich kenne keine Texaner -, und der Truck eigentlich auch nicht, an diese uralte Rostlaube würde ich mich sicher erinnern. Merkwürdig. Ist es inzwischen einfach schon so selbstverständlich für mich, Diebe bei der Arbeit zu beobachten? Selbst Cowboys? In LA? Oder ist es das Kribbeln, das mich gerade überfällt? Beim Gedanken an den bevorstehenden Nervenkitzel, wenn ich den vermeintlichen Dieb stelle? Die Jagd, wenn er flieht? Den Kampf, wenn ich ihn kriege? Fühlt sich aber gar nicht so an. Mehr so wie... ach, ich weiß — Lampenfieber. Weil ich singen muss... will. Logisch. Ich drehe mich also um, denn schließlich ist es wichtiger, endlich Klarheit in diese verzwickte Lindseyangelegenheit zu bringen, als das Hab und Gut eines idiotischen, leichtsinnigen Truckbesitzeres zu schützen. Ist doch sein Problem, wenn er dort parkt. Oder? Hm. Aber vielleicht hat er wertvolle Dinge geladen. Ach, mir doch egal. Und ihm wird es eine Lehre sein. Doch was, wenn er zu früh zurückkommt und den Dieb auf frischer Tat ertappt und dafür büßen muss? Sagen wir, indem er ausgesaugt, aufgefressen oder einfach in der Mitte durchgebrochen wird? Vampire, Dämonen, es treiben sich heutzutage viel zu viele zwielichtige Gestalten in LA herum. Wieso verdammt bin ich auch nicht mit dem Auto gefahren? Dann wäre mir der Texaner erspart geblieben, weil ich nämlich nichts von seiner Existenz gewusst hätte. Argh. Stattdessen muss ich jetzt zurückgehen, um wenigstens festzustellen, was der Typ ist. Menschlich, wenn ich Glück habe, weil ich in dem Fall sein Schicksal getrost dem Halter des Pick-ups überlassen kann. Denke ich. Und wenn nicht, nun, dann ist kurzer Prozess angesagt. Auf die Ankunft des Truckbesitzers warten, um mahnende beziehungsweise dankende Worte auszutauschen, fällt heute allerdings flach. Dafür habe ich nun wirklich keine Zeit. Also schnell zurück zu... Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt hat der Typ den Wagen auch noch aufgebrochen. So sieht es zumindest aus — die Fahrertür steht sperrangelweit offen und der Kerl lehnt mit seinem Oberkörper im Inneren. Von mir abgewandt, mit dem Rücken zu mir. Tja, sein Pech, wenn er zu spät bemerkt, was ihn trifft. Oder seinen Hintern, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Huh? Seit wann merke ich mir Leute anhand ihrer Kehrseiten? Ich stutze, bleibe stehen, und wieder steigt diese merkwürdige Vertrautheit in mir auf. Nein, vielmehr steigt sie mir in die Nase. Ich inhaliere tief, rieche, begreife, oh shit... „Lindsey.“ Das Wort bleibt mir fast im Hals stecken. Leider nur fast. Ausgesprochen (oder vielmehr gekrächzt) schreckt es ihn natürlich auf und er dreht sich prompt zu mir um. Wodurch meine einzige Chance flötengeht, mich einigermaßen seelisch darauf vorzubereiten, was jetzt folgen muss... sollte... könnte... verdammt! Wenigstens scheint er genauso überrascht zu sein wie ich. „Angel... Du... was...“, stottert er und wendet sich schließlich von mir ab. Oder dem Truck wieder zu. Um die Tür ins Schloss zu werfen... und vermutlich, um Zeit zu schinden, sich zu sammeln. Und seine Verlegenheit zu überspielen, wie mir scheint. Denn seine Bewegungen sind ein bisschen zu beherrscht. Gut so. Warum sollte es ihm besser gehen als mir? Als er mich wieder ansieht, hat er sich gefangen. Seine Augen sind nicht länger schock-blau, sondern blicken mich direkt und mit diesem typischen Ausdruck blassblauen Interesses an. Ganz der alte Lindsey. Also — der ganz alte Lindsey. Der, den ich nicht leiden kann, weil er mir grundsätzlich dazwischenfunkt. Der, bei dem es mir nicht schwerfällt, kalt zu bleiben. Der, der mir offenbar gerade eine Frage gestellt hat, die mir entgangen ist, weil... weil... das mit dem Kaltbleiben so eine Sache ist, nachdem ich ihn auch anders kenne. Ganz anders, seufz. „Was machst Du hier?“, hakt er nach oder wiederholt er, keine Ahnung. Und zwar in seinem besten Anwaltstonfall, der meine in sein Bett davongedrifteten Gedanken umgehend in die Wirklichkeit zurückbefördert und den Rest von mir auf gewohnteres Terrain. „Dich suchen, weil ich Dich telefonisch nicht erreichen konnte. Handy kaputt?“, entgegne ich schnippisch und freue mich über meine wiedergefundene Schlagfertigkeit. „Nein, ausgeschaltet. Weil mich die dauernden Anrufe von ehemaligen Klienten genervt haben.“ Wie einfach der Umgang mit ihm doch ist, wenn wir uns auf diesem Niveau begegnen, dem normalen, dem fast schon klassischen zwischen uns. Uh... auch wenn seine Antwort keine übliche ist. Dieses Mal. Ganz untypisch. Als würde er meinen, was er sagt. Er klingt so... hm... verdächtig ehrlich. Oder ehrlich verdächtig? „Soso. Und Dein privater Anschluss?“ „Ist nicht mehr meiner. Ich bin ausgezogen.“ „Aha. Und als nächstes willst Du mir sicher weismachen, Du hättest W&H wirklich verlassen. Richtig?“ „Ja.“ „Und weshalb sollte ich Dir das glauben?“ „Niemand zwingt Dich dazu.“ „Ich würde es aber gerne... wissen.“ „Wissen oder glauben?“ „Wissen... Glauben... Beides...?“ Ich hoffe, das klang nur in meinen eigenen Ohren so unsicher. Verdammt nochmal, muss er mich so aus dem Konzept bringen? Wo ich gerade so schön in Fahrt war. Jetzt ist der Rhythmus raus. Dabei funktionieren diese Gespräche zwischen ihm und mir (und da spreche ich aus reichlich Erfahrung) ‘nur’ so — schnell und spontan. Tja, aber was kann ich anderes erwarten? Nach fünf Tagen, und noch viel wichtiger, nach drei Berichten von Lindsey, während der ich ganz allein war und immer in Ruhe überlegen konnte, wie ich in der jeweiligen Situation gehandelt haben könnte, tatsächlich reagiert hätte, oder... oder... argh! Jedenfalls ist Spontanität jetzt wirklich zuviel verlangt. „Warum denkst Du, habe ich all meine persönlichen Dinge dabei?“, fragt er und deutet dabei auf die Ladefläche des Pick-ups. Ich folge seiner Geste und überfliege den Inhalt. Nur kurz. Ich glaube ihm ja sowieso nicht, richtig? Wozu also die Mühe? Okay, weil ich neugierig bin. Was ist so verdammt wichtig, dass ein teuerbezahlter W&H-Anwalt es in seinem Truck mit sich herumfährt? Apropos. Ich dachte, er hätte einen Mercedes. Sehr suspekt. Genau wie das Zeug, das unter einem groben Ledernetz festgezurrt ist. Zwei prallgefüllte Sporttaschen, ein großer Pappkarton mit Deckel, irgendetwas Zusammengerolltes, vielleicht ein Schlafsack, und ein Gitarrenkoffer. Nicht gerade viel, was er sein eigen nennt. Oder was ihm etwas bedeutet. Moment mal. Er spielt Gitarre? Uh... „Was weiß ich. Sag Du es mir.“ Ich bin irritiert. Ehrlich. „Weil ich...“ „Weil Du mir weismachen willst, Du hättest gekündigt. Ha!“, falle ich ihm ins Wort. Und bin zufrieden, ich kann wieder klar denken. Halleluja! Oder verflucht? Weil ich im selben Moment realisiere, warum ich so unbedingt beweisen will, dass Lindsey lügt. Ich schlucke. Das Gegenteil würde mich dem Ende so erschreckend nahebringen. „Ich HABE gekündigt.“, sagt er. Gepresst, zu leise. Seine Augen funkeln zornig, keine Spur von Gleichgültigkeit mehr zu erkennen. Und er versucht durch pure Willenskraft, jedes Wort in meinen Verstand zu brennen. Einem Impuls folgend, weiche ich ein wenig zurück, nur ein paar Schritte. Das bisschen Abstand ist leider nicht genug. Ich kann ihn noch immer riechen. Seine Wut. Auf mich? Auf sich selbst? Ich meine, ist er verärgert, weil ich ihm nicht glaube oder weil er mich nicht überzeugen kann? Lügt er oder sagt er die Wahrheit? Soll ich möglicherweise wirklich eine Münze werfen? Und will ich das überhaupt? Suche ich Antworten? Oder versuche ich nur verzweifelt, eine Enttäuschung zu vermeiden? Wie... „Klar, genau wie damals, als Du mich angefleht hast, Dir zu helfen, der Kanzlei den Rücken zu kehren, und ich Dir den Weg geebnet habe, nur damit Du anschließend doch die Beförderung angenommen hast.“ „Den Weg geebnet? Pah. Den Alarm hast Du ausgelöst und keinen Gedanken mehr an mich verschwendet!“ Klar. Jetzt bin ich wieder schuld. Wie immer. „Ich weiß gar nicht, was Du hast. Du bist schließlich heil rausgekommen. Und zu mir zurückgekehrt. Hm. Warum eigentlich? Ach ja, wegen der Brewer-Sache. Und habe ich sie nicht mit Dir zuende gebracht? Aber hat es was genutzt? Nein. Alles für die Katz.“ Wahrscheinlich wirft er mir gleich vor, meinetwegen bei W&H geblieben zu sein. Würde mich nicht wundern. Er sieht schon so nachdenklich aus, als würde er sich gerade eine Erklärung zurechtbasteln. Irgendetwas, das vermutlich mit ‘wenn Du nicht gewesen wärst’ beginnt, in der Mitte was von ‘verdammter Vampir’ hat und mit ‘lindseyscher Logik’ endet. „Jetzt behaupte nur noch, Du hättest das bloß für mich getan. Dass ich nicht lache.“ Zugegeben, nicht ganz das, was ich erwartet habe. Aber okay... „Nein. Sicherlich hätte ich die Sache auch ohne Dich durchgezogen.“ Zumal sich das Ergebnis ja hat sehen lassen können — die Blinde eleminiert, die Kinder gerettet, Lindsey... nicht. Argh. Das wurmt mich. Bis heute. Und - nach neuestem Wissensstand - außerdem natürlich seine Frechheit, mich bei seinem zweiten Besuch in jener Nacht für seine Zwecke missbraucht zu haben... oder wenigstens mit diesem Vorsatz zu mir gekommen zu sein. Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen — Jobsicherung und Privatrache. Und beides ist ihm gelungen... irgendwie. Und trotzdem reagiert er sauer auf das Thema. Warum nur? Ah, da kommt mir eine Idee... „Aber mit Dir zusammen war der Abend viel... befriedigender.“ Ich lasse das Wort lange und genüsslich über meine Zunge rollen, koste es - und Lindseys finstere Miene - voll aus, bevor ich fortfahre. „Erst recht, als ich Dich endlich in der Horizontalen hatte.“ „Das nennt man wohl gegenseitiges Ausnutzen.“, ist seine einzige Reaktion. Außer dem leisen Zähneknirschen, das ich hören kann. Strike. „Was denn? Du nimmst mir doch nicht etwa übel, dass ich geschafft habe, wozu Du nicht fähig warst? Damals jedenfalls noch nicht. Hey! Hast Du mal darüber nachgedacht, dass das vielleicht meine Art von Entschuldigung für den versehentlich ausgelösten Alarm gewesen sein könnte?“ Nicht dass es tatsächlich so war. Die Erklärung ist mir gerade erst eingefallen. Yeah, meine Spontanität funktioniert wieder. „Ja, klar. Wohl eher Deine kranke Vorstellung davon, mir zu ‘helfen’.“, wirft er mir vor. Und aufgrund seines zynischen Untertons frage ich mich, was ich eigentlich erreichen will. Ich meine, ernsthaft. Will ich ihn vergraulen? Oder wäre mir das Gegenteil lieber? Lindsey in meinen Armen. Aber bitte lügend. Uh, über sich. Nicht über mich! „Oh bitte. Bleiben wir doch realistisch. Du wolltest meine Hilfe doch gar nicht. Und Du hattest auch nie wirklich vor, die Kanzlei zu verlassen. Die Verlockungen, die sich dort für Dich bieten, sind einfach zu groß, und - sieh es ein, Lindsey - Du bist zu schwach, um ihnen zu widerstehen.“ „Du hast ja keine Ahnung, wovon Du redest, Angel.“ „Ach nein? Hast Du mir nicht selbst erzählt, Du hättest Dir geschworen, nie wieder arm zu sein? Was läge da näher, als bei W&H sein Geld zu verdienen? Weiterhin. Du musst lediglich beide Augen vor deren Machenschaften verschließen, und es ist bequeme Arbeit. Und wenn Du nur oft genug Dein Gewissen überhörst, dann wird Deine Karrieregeilheit auch befriedigt, nicht wahr?“ „Ja. Nein. Verdammt, wenn es immer noch so wäre, hätte ich nicht gerade Hollands Job abgelehnt, beziehungsweise Lilah den Vortritt überlassen.“ „Wie selbstlos von Dir. Oder doch nicht? Ich frage mich, ob Du nicht vielleicht einfach ein besseres Projekt in Aussicht gestellt bekommen hast? Mich, huh? Die haben Dir sicher die Aufstiegschancen schmackhaft gemacht, falls Du es schaffst, dass sich meine Seele auflöst. In Wohlgefallen. Für deren Nutzen.“ „Falls? Sag ruhig ‘wenn’, denn würde ich es darauf anlegen, hättest Du keine Chance. Sieh es ein, Angel, DU bist schwach, denn Du kannst mir nicht widerstehen. Mein Sieg wäre so leicht zu erreichen, dass er gar keinen Reiz für mich hat. Und? Hältst Du Dich jetzt noch immer für so wahnsinnig wichtig?“ Ah, jetzt wird er persönlich. Hat ja lange genug gedauert. Aber greift er mich an, weil er sich selbst angegriffen fühlt? Habe ich einen wunden Punkt bei ihm getroffen? Oder er selbst? Hat er gemerkt, dass ich doch wichtig bin? Ihm? Irgendwie sieht er aus, als wäre ihm gerade ein Licht aufgegangen. Eins, das ihm nicht besonders behagt. Tja, musste ja früher oder später passieren. Ich denke, es ist Zeit, das Tempo aus der Unterhaltung zu nehmen, sie in die richtige Bahn zu lenken. Oder... in eine andere. „Sag Du es mir. DU warst doch derjenige, der mir immer wieder bewiesen hat, dass es so ist. Du wolltest mich schließlich um jeden Preis haben.“, entgegne ich und bemerke zu spät, dass ich nicht mehr vorwurfsvoll klinge, sondern so, wie ich ihn ansehe. Sanft. Seit sich seine Emotionen an die Oberfläche geschlichen haben. „Ich? Nein. W&H. Außerdem wollten sie Angelus, nicht Dich. Und trotzdem kennt Dein Ego keine Grenzen. Fast bewundernswert.“ Der Sarkasmus, der in seiner Stimme mitschwingt, spricht Bände. Genau wie das Feuer, das in seinen Augen brennt. Seine verkrampft-entspannte Haltung. Und die Hitze, die plötzlich von ihm ausgeht. Alle Zeichen so klar wie jedes einzelne Wort, das ich in seinen Berichten und zwischen den Zeilen gelesen habe. Ich habe wirklich Mühe, mir ein zufriedenes Lächeln zu verkneifen. Ich weiß, wie er sich fühlt. Wie er um Beherrschung ringt. Um Kontrolle. Und ich kann seine Anstrengung spüren. Ich erkenne verzweifelte Zurückhaltung, wenn ich sie sehe, weil ich sie am eigenen Leib erfahren habe. Nicht oft, Gott sei Dank, aber dieses unmerkliche Zittern, das den ganzen Körper durchrieselt, kostet soviel Kraft, dass man befürchtet, nicht durchzuhalten, zumindest nicht lange genug.
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