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Ungesagt ![]() Ich hasse es, sie zu lieben. Wirklich. Es ist wie eine
gräßliche Strafe. Oder besser: wie eine
Seuche. Natürlich. Für sie bin ich
unzweifelhaft die Pest auf Beinen. Offiziell jedenfalls. Aber irgendetwas ist da auch
bei ihr. Ich weiß es, ich kann es
spüren. Aber ich hasse es, sie zu
lieben. Was habe ich nur getan, daß
ich so etwas durchmachen muß? Es ist schrecklich. Nein, „schrecklich“ ist eine
hoffnungslose Untertreibung. Kann man das noch steigern? Furchterregend. Katastrophal. Schauderhaft. Entsetzlich. Horrend. Alles zu lasch. Ich brauche ein
Fremdwörterbuch, um es beim Namen zu nennen. Der Chip war ja noch nicht
genug. Oh, neeeeeeein! Aber gewiß nicht... Darf`s ein bißchen mehr sein? Setzen wir doch noch eins
drauf, Spikey! Verflucht! Jetzt muß ich auch noch die
Jägerin lieben. Die Jääääägerin! Das muß man sich mal
vorstellen. Ich schüttle den Kopf. Beißgehemmter Vampir liebt
Jägerin. Könnte der Titel des
neuesten Woody-Allen-Films sein. Was für eine Groteske würde
das abgeben. Eine herrliche Posse. Jede Nacht lande ich hier. Genau hier, unter ihrem
Fenster, im Schatten dieses verdammten Baumes. Egal, was ich vorhabe, immer
führen mich meine Schritte hierher. Als ob ich nicht mehr Herr
über meinen Körper wäre. Von meinen Sinnen ganz zu
schweigen... Meine Füße finden den Weg
blind. Sie führen mich einfach
hierher. Zu ihr. Oder, naja, in ihre *Nähe*. Und nun stehe ich hier wie
ein Idiot und starre auf dieses dunkle Fenster da. Wie ein liebeskranker Kater
könnte ich jaulen. Warum tue ich das eigentlich
nicht? Weil sie mich fortjagen
würde. Und dann hätte ich Vollidiot
keinen Platz mehr, sie anzuhimmeln. Whisky ist mein einziger
Freund. Ist er das wirklich? Die Flasche ist fast leer,
aber ich genehmige mir noch einen kräftigen Schluck. Und wieder wandert mein
Blick hinauf zu ihrem Fenster. Ein Sklave der Liebe bin
ich, abhängig wie ein Junkie. Es scheint, als hätte ich
über hundert verfluchte Jahre lang darauf trainiert, mir selbst das Leben zur
Hölle zu machen. Übung macht den Meister... Wäre ich nicht ein Opfer
meiner Gefühle, hätte ich längst meine Siebensachen zusammengesucht und mich
aus dem Staub gemacht... Ich wünschte, ich hätte die
Kraft dazu. Oder daß dieser Pappkamerad
einen *richtigen* Pflock in mein Herz gestoßen hätte. Dann hätte ich jetzt meine
Ruhe und würde nicht immer auf dieses Fenster da starren müssen. Aber, nein, ein lächerliches
Ding aus Plastik hat er mir ins Herz gerammt. Verdammt – sogar *damit* hat
er mich verarscht! Ich könnte den Kerl töten. Wochenlang. Und mich Trottel hat`s fast
umgehauen. Vor lauter Schreck, mein
verfluchtes Unleben zu verlieren. Ich belüge mich selbst. Und
das mit wachsendem Erfolg. Anscheinend hängt wohl jede
Kreatur an ihrem Leben, egal, wie tief sie gesunken ist. Sogar ein Untoter in der
Sklaverei. Bei dem Gedanken seufze ich. Jetzt stecke ich mir eine
Zigarette an und ziehe genüßlich den Rauch in meine tote Lunge ein. Im Schein des Feuerzeuges
nehme ich über mir eine Bewegung wahr. Wahrscheinlich wieder dieser
Kauz, der jede verdammte Nacht hier auf Beute lauert. Irgendwie sind wir uns
ähnlich. Fast gegen meinen Willen muß
ich grinsen. Zwei komische Käuze auf der
Lauer. Der eine ist auf Mäuse aus,
der andere auf Liebe. Obwohl – gegen Mäuse hätte
ich auch nichts einzuwenden... Bin ziemlich knapp bei Kasse
in letzter Zeit. Das Käuzchen ruft einmal
kurz seine so typische Tonfolge. Ein ziemlich dürftiges
Repertoire, das du da hast, Kumpel. Und ganz schön laut, wenn
man direkt in deiner Nähe ist. Hauptsache, das Vieh kackt
mir nicht auf den Kopf! Dann wäre meine Nacht
gelaufen. Aber das ist sie sowieso
schon – wie jede Nacht. Ich lehne mich an den Baum,
um besser zum Fenster hochsehen zu können und lege meinen Kopf in den Nacken. Den Zigarettenstummel
schnipse ich im hohen Bogen Richtung Straße. Sogar darauf muß ich achten. Keine Kippen im Garten
blablabla. Was bin ich doch für ein
Idiot! Im Glas ihres Fensters
spiegelt sich der Mond. Vollmond. Richtig zum Anheulen. Anbellen, anjaulen, was auch
immer. *Anschreien* könnte ich ihn! Früher haben Drusilla und
ich in den Vollmondnächten richtige „Blutbälle“ veranstaltet. Getanzt bis zur Dämmerung. Im Blutrausch, glücklich wie
kleine Kinder, nur uns wahrnehmend. Huuuuuuuuuuh! Ich spüre, wie die
Erinnerung mich zu erregen beginnt. Mein Dämon leidet fast mehr
als ich. Wenn das überhaupt möglich
ist... Aber es ist besser, wenn ich
nicht mehr an Drusilla denke. Wenn sie mich nicht
verlassen hätte, stünde ich jetzt nicht hier. Oder doch? Sie hat´s gewußt, noch bevor
es mir überhaupt in den Sinn kam. Seufzend senke ich meinen
Kopf. Ich taste nach meinen
Zigaretten und ziehe das zerknüllte Päckchen aus der Manteltasche. Verflucht – keine Lunten
mehr. Ich seufze. Wieder. Seufzen erleichtert, wenn
auch nur für den Moment. Wenn`s danach ginge, käme
ich aus dem Seufzen nicht mehr heraus. Aber ich weiß, was mich noch
mehr befriedigen würde... Ich stelle sie mir vor, wie
sie sich vor mir rekelt, klein und zart und zerbrechlich. Und stark. Nackt natürlich. Auf einem riesigen Bett,
ihre seidigen Haare auf den Kissen ausgebreitet. Und in ihren Augen sehe ich
Verlangen. Großes, grünbraunes
Verlangen. Ja – da ist etwas zwischen
uns, ich weiß es genau – ihre Augen sagen es mir. Jedesmal, wenn wir uns
begegnen. Ich weiß es einfach. Langsam auf sie zugehend,
wende ich meine Augen keinen Moment von ihr ab. Laß mich deine Superwaffe
sein, Jägerin! Sie lächelt jetzt und
streckt ihre Hand nach mir aus... Ein Käuzchenruf holt mich
aus meinem Wachtraum, noch ehe ich richtig loslegen kann. Ich drehe mich um und schaue
hinauf. Da sitzt er, genau über mir. In vollendeter Haltung,
Würde ausstrahlend. Seine großen Kulleraugen
sehen mich ernst an, und einmal blinzelt er kurz. Vorwurfsvoll. Als wollte er mir etwas
sagen. Vielleicht sollte auch ich
mehr Würde zeigen? Dann sollte ich jetzt gehen. „Hey, Kumpel, mach`s gut.
Man sieht sich.“, sage ich, und er wackelt mit dem Kopf. Ich grinse. Fehlt bloß noch, daß er
anfängt zu sprechen. Dann weiß ich, daß ich
endgültig verloren bin. Ich stoße mich vom Baum ab
und wende mich der Straße zu. Wird Zeit, daß ich
verschwinde. Hätte gar nicht erst
herkommen sollen. Unter der Laterne drehe ich
mich noch einmal um und blicke ein letztes Mal hinauf zu ihrem Fenster. Hat sich da etwas bewegt? Oder bilde ich mir das nur
ein? Wahrscheinlich werde ich
jetzt langsam verrückt. Wenn ich`s nicht schon bin. Ein Lächeln stiehlt sich auf
mein Gesicht. Wenigstens kann ich noch
über mich selbst lachen... Bevor ich lostrotte, winke
ich dem dunklen Fenster kurz zu. Ich könnte wetten, dieses
Miststück steht da oben hinter der Gardine. Und feixt sich eins. Hast du dich gut amüsiert? Gern geschehen, Jägerin! Ich hasse es, sie zu lieben. ![]() Ich hasse es, wie er da
steht. In seinem erbeuteten Mantel,
seinen Blick kaum von meinem Fenster abwendend. Sein platinblondes Haar
leuchtet selbst im Schatten des Baumes da. Jede Nacht versuche ich, ihn
nicht zu beachten, gehe einfach ins Bett... ... um dann wieder fröstelnd
hier hinter der Gardine zu stehen und hinunterzustarren. Stundenlang. Meine nackten Füße werden
langsam kalt. Ich reibe sie abwechselnd an
meinen Waden, aber es hilft nicht viel. Und ich fühle, wie ich vom
starren Stehen steif werde. Aber ich kann mich nicht vom
Fleck rühren. Jetzt nimmt er einen Schluck
aus seiner Whiskyflasche. Er ist widerlich. Seine Augen kann ich nur
schwach erkennen, aber ich weiß genau, *wie* sie heraufblicken. Sehnsüchtig. Verzweifelt. Traurig. Und fordernd. Zwei blaue
Herausforderungen. Wieder denke ich daran, wie
er mich angekettet hat, um es mir zu sagen. Ich schaudere. Muß ich wirklich angekettet
werden, damit man mir sagen kann, daß man mich liebt? Um mit mir über Gefühle zu
sprechen? Ich seufze. Vielleicht bin ja *ich* die
Tote von uns beiden? Bin ich wirklich schon so...
gleichgültig? Gefühllos? Hatte ich es wirklich nicht
bemerkt? Was nicht sein darf, *kann*
auch nicht sein, nicht wahr, Buffy Anne Summers? Ich schüttle meinen Kopf. Im Mich-selbst-belügen bin
ich wirklich großartig. Wie oft habe ich meine Augen
schon vor der Wahrheit verschlossen? Ich seufze wieder. Er steckt sich eine
Zigarette an, und im Schein der kleinen Flamme kann ich seine langen, dunklen
Wimpern erkennen, die schlanken Finger mit den schwarzlackierten Nägeln. Seinen Mund, die gerade Nase
und seine wohlgeformten Wangenknochen. All das ist so vertraut. Mich fröstelt. Ich sollte jetzt wirklich
ins Bett gehen. Aber ich bleibe stehen,
starre weiter dort hinunter. Alle haben sie mich
verlassen. Alle. Und *er* ist wie eine
Klette. Die ich will, kann ich nicht
halten, und die ich kriegen könnte... Will ich nicht? Ich weiß es nicht. Ein Käuzchen ruft. Es muß genau gegenüber in
dem Baum sitzen. Genau über *ihm*. Wie jede Nacht. Könnte ich nicht dieser Kauz
da sein? Jetzt lehnt er sich an den
Baum, legt seinen Kopf in den Nacken. Und starrt direkt in mich
hinein. Aber, nein, er kann mich ja
nicht sehen. Oder doch? Nein, bestimmt nicht. Ich sollte jetzt aber
wirklich schlafengehen. Morgen wird ein
anstrengender Tag. Ich kreuze meine Arme und
reibe mit meinen Händen an meinen Schultern entlang. Als ob ich mich selbst
umarmte. Naja – wenn`s kein anderer
tut... Seine Zigarette fliegt in
hohem Bogen zur Straße hin. Gut erzogen, der Junge. Ein Grinsen kann ich mir
nicht verbeißen, als ich das sehe. Er hat gesagt, da wäre
etwas. Zwischen uns. Daß er das spürte. Er hat es immer gespürt. Alles, was zwischen uns ist
– und zwischen... mir und Angel. Selbst hier im Dunkeln werde
ich rot. Wie oft ich an diesen Tag
denke, als er uns im alten Zauberladen gesagt hat, was Sache ist. Einen richtigen kleinen
Vortrag hat er uns gehalten. In seiner arroganten und
selbstbewußten Art. „Ihr seid keine Freunde...“ Die Worte haben sich in mein
Hirn eingebrannt. Oh, Gott! Wie recht er damals hatte. Hat er das jetzt auch? Er kann Gefühle lesen wie ein
aufgeschlagenes Buch. Und er kann sie in Worte
fassen – was ich nie konnte. Noch nicht einmal meine
eigenen. Ist da wirklich etwas
zwischen uns? Ich schüttle den Kopf. Über mich selbst. Würde ich sonst hier stehen? Mitten in der Nacht? Meine Gedanken schweifen ab. Zu einer anderen Nacht. Im Bronze. Er hat ganz einfach erzählt. Nur berichtet. Ich habe ihm zugehört. Und bin immer wütender
geworden. Auf diesen „Job“. Auf mein Schicksal. Auf das Böse. Auf die ganze Welt. Und er war dann gerade da,
als ich es abgeladen habe. All meine Wut, meinen ganzen
Zorn... ... habe ich über ihm
ausgeschüttet. „... weit unter mir.“,
flüstere ich jetzt kaum hörbar. Oh, Gott, wie konnte ich
nur. Wieder seufze ich. Und dann, später, in
derselben Nacht, kommt er. Setzt sich neben mich. Ist einfach nur da. Ohne groß zu fragen, ohne
irgendwelche Höflichkeitsfloskeln. War der einzige... „Mensch“, kam mir gerade in
den Sinn. Das einzige Wesen, das *da*
war. In dieser furchtbaren Nacht. Ich habe mich nie
entschuldigt. Bei einem Vampir
entschuldigt man sich nicht! Und schon gar nicht bei
einem so arroganten, englischen und selbstgerechten wie diesem dort. Ich bin schließlich die
Jägerin! Ich schüttle mich. Trotzig. Fast stampfe ich mit dem Fuß
auf. Aber nur fast. Weil ich weiß, daß auch
Trotz mir nicht hilft. Wieder ruft das Käuzchen. Jetzt schaut er hinauf in
den Baum. Er sagt etwas. Ich kann es nicht hören. Aber jetzt wendet er sich
ab. Dreht sich zur Straße um. Als das Mondlicht sein
Gesicht streift, kann ich sehen, wie er grinst. Sein typisches
Spike-Grinsen. Ich seufze. Endlich geht er und ich kann
ins Bett. Oh, Gott. Als würde ich seine
Erlaubnis dazu brauchen. Ich versuche, ein Lächeln zu
unterdrücken. Aber es gelingt mir nicht. Wir sind schon ein
Horrorpaar! Kopfschüttelnd sehe ich ihm
hinterher, wie er über den Rasen schlendert. An der Straße bleibt er
stehen. Noch ein letztes Mal blickt
er zurück. Wie jede Nacht. Und jetzt, unter der
Laterne, erscheint ein Lächeln auf seinem Gesicht. Kein Grinsen, nein, ein
richtiges Lächeln. Warm und traurig. Ich weiß, daß er über sich
selbst lächelt. Dann tut er etwas
Unerwartetes. Er hebt den Arm und winkt
kurz in meine Richtung. Jetzt dreht er sich um, und
kurze Zeit später verschwindet er hinter der Ecke. Überrascht stehe ich immer
noch da und starre ihm hinterher. Er hat gewinkt. Oh, Gott, er weiß es... Auf einmal werde ich wütend. Ich drehe mich um, stapfe
auf mein Bett zu und lege mich hin. Ziehe die Decke hinauf bis
unter mein Kinn. Dieser arrogante Mistkerl! Selbstzufriedener Affe! Bringt mich um meinen
wohlverdienten Schlaf! Ich sollte ihn einfach
fortjagen. Ja! Morgen nacht werde ich
die Treppe hinuntergehen und ihn davonjagen! Ein für alle Mal! Aber meine Wut ist schon
wieder verflogen, als ich diesen Gedanken zu Ende bringe. Ich weiß, daß ich ihn nicht
fortjagen werde. Meine Augen schließend,
seufze ich wieder einmal. Ich kann ihn nicht
davonjagen. Weil ich nicht weiß, was
schwerer zu ertragen wäre. Daß er dort unten steht. Oder daß er *nicht* dort
unten steht. ![]() Bin ja gespannt, wie lange
die beiden meine Jagd noch behindern. Solange dieser Untote immer
da unten steht und seine Jägerin anschmachtet, bin ich echt angeschmiert. Steht da unten, raucht und
trinkt und starrt zu diesem Fenster hinauf. Macht Geräusche und verjagt
mir meine ganzen Mäuse. Seufzt und seufzt. Der Kerl hat wirklich
Ausdauer. Ich könnte ja von einem
anderen Baum aus zur Jagd ansitzen. Aber *ich* war zuerst hier! Das ist *mein* Baum! Außerdem... hmmm... ist so
eine Liebesschmonzette auch mal eine Abwechslung. Zumal, wenn man nur zusieht. Der Vampir kann nicht sehen,
was ich von hier oben aus sehen kann. Daß seine Angebetete dort
steht. Die ganze Zeit. Bis er dann geht. Sie hat dieselbe Ausdauer
wie er. Heute hat er sich sogar von
mir verabschiedet. „Hey, Kumpel, mach`s gut.
Man sieht sich.“, hat er gesagt. Na, *der* hätte vielleicht
Augen gemacht, wenn ich ihm geantwortet hätte! Aber den Teufel werde ich
tun! Mich einfach „Kumpel“ zu
nennen, ist eine bodenlose Frechheit! Ich hatte schon angefangen
zu überlegen, ob ich ihm verrate, daß sie immer da steht. Heimlich. Fast unsichtbar. Hinter der Gardine. Aber das hat er sich mit
seinem „Kumpel“ verscherzt. Ich höre ein Geräusch. Ja, eindeutig, da raschelt
etwas im Gras. Ich strecke mich und breite
meine Flügel aus. Jetzt habe ich dich! ~*~ Ende ~*~ |