Voll das Unleben!

 

Seit Tagen hatte eine Hitzewelle Sunnydale heimgesucht, und noch nicht einmal die Nächte hatten den hitzegeplagten Menschen – und Dämonen – Abkühlung verschafft.

An diesem Tage hatte es nun endlich das langersehnte Gewitter gegeben, und ein heftiger Regen hatte die aufgeheizte Erde abgekühlt, daß man es fast zischen hatte hören können, als die ersten Tropfen gefallen waren.

Jetzt war es wieder ruhig, der Regen hatte aufgehört, und die Donner waren verhallt.

Diese Nacht heute war erfreulich kühl, endlich, und Buffy genoß den leichten Wind, der angenehm über ihre Haut strich. Die Patrouille ging langsam ihrem Ende zu, und sie bedauerte es fast, denn die Luft hier auf dem Friedhof war wie Seide, es duftete nach feuchter Erde und die Temperaturen waren seit Tagen endlich mal wieder zum Aushalten.

Zusammen mit Spike schlenderte sie langsam dem Ausgang des Friedhofes zu, als wollte sie das Ende der Patrouille hinauszögern.

Sie war wirklich froh, daß die Hitze vorüber war. Die letzten Tage – und Nächte – hatten sie wirklich genervt, denn die Hitze hatte die Dämonen aggressiver als sonst werden lassen.

Einzig der Vampir neben ihr nervte noch, wie immer, aber insgeheim fühlte sie sich besser – mit ihm zusammen – nicht ganz so allein, seit er sie auf ihren nächtlichen Patrouillen begleitete, auch wenn dieser blonde Dämon ihr manchmal zuviel quatschte.

Wie jetzt.

„... am liebsten wäre mir ja Null Positiv, aber das ist ja im Moment nicht drin, verflucht! Die ganzen Katzen und das Schweineblut schmecken auf Dauer richtig widerlich, wobei beim Schweineblut wenigstens keine Katzenhaare stören...“, plapperte er vor sich her.

Anscheinend hatte er vergessen, *wem* er das alles erzählte, denn er schreckte auf, als Buffy ein: „Du bist ein Schwein, Spike!“, hervorstieß und kopfschüttelnd stehenblieb.

Ihre grünbraunen Augen funkelten ihn vorwurfsvoll an, und auf ihrer Stirn erschien eine Zornesfalte.

„Mußt du ausgerechnet *mir* so einen Müll erzählen? Mir wäre lieber, du hieltest deine Klappe, wenn du schon unbedingt mit auf die Patrouille mußt – und das mache ich schließlich alles nur dir zuliebe – und weil Giles irgendwie Gefallen daran findet, wenn ich dich mitschleppe! Warum auch immer... Erst dieser Roboter – igitt – und dann dieses Geplappere über Blut und Katzenhaare! Du bist ein widerliches Schwein!“, fauchte sie.

Spike sah sie mit gespieltem Erstaunen an.

„Ach ja? Bin ich jetzt befördert worden?“, fragte er.

Buffy blickte ihn fragend an.

„Befördert? Weil du mit auf Patrouille darfst? Bloß, weil du Glory nichts verraten hast, heißt das nicht, daß du dir alles erlauben kannst! Du spinnst, Spike!“

Kopfschüttelnd antwortete er:

„Nein – ich meine, sonst war ich entweder *widerlich* oder ein *Schwein* - jetzt habe ich es schon zu einem *widerlichen Schwein* gebracht. Das ist doch ein Riesenfortschritt, oder, Jägerin?“

Seine Lippen kräuselten sich zu einem Grinsen, und seine blauen Augen sahen sie treuherzig an, als er in ihr Gesicht blickte und bemerkte, wie konfus er sie damit gemacht hatte.

Sein Grinsen wurde immer breiter, und er neigte den Kopf zur Seite.

Im Moment wußte sie nicht, was sie antworten sollte.

Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Der Kerl brachte es doch jedes Mal wieder fertig, sie sprachlos zu machen...

Dann wurde sie wütend.

‚Soweit kommt es noch, daß ich mich von einem impotenten Vampir durch den Kakao ziehen lasse!’, dachte sie genervt, und sie wurde immer zorniger.

„Zur Hölle, Spike! Laß΄ diese blöden Bemerkungen und halte endlich deine Klappe, wenn du nicht scharf auf eine blutige Nase bist!“, stieß sie mit vor Zorn zitternder Stimme hervor und sah ihn drohend an.

„‚Zur Hölle!’ ist mein Text, Jägerin.“, erwiderte Spike breit grinsend.

„Hast du deine gute Erziehung vergessen – oder ist das der schlechte Einfluß, den ein bestimmter Vampir auf unsere Jägerin ausübt?“, fügte er hinzu.

Er hatte vorher gewußt, daß eine solche Bemerkung das Faß zum Überlaufen bringen würde – aber er hatte der Versuchung nicht widerstehen können.

Rrrrrrrumms!

Buffys Faust landete mitten in seinem Grinsen, und der blonde Vampir flog in hohem Bogen rückwärts, landete unglücklich mit der rechten Schulter auf der oberen Kante eines hohen Grabsteines und rutschte an dem marmornen Ungetüm hinunter, bis er benommen auf dem feuchten Gras sitzenblieb.

Buffy stand noch immer, rot vor Zorn, auf dem Weg zum Friedhofsausgang und blickte ihm hinterher, als er seine Luftnummer abzog.

Das war fast zirkusreif, dachte sie flüchtig.

Und ein Grinsen stahl sich nun auf ihr Gesicht.

Schließlich war sie die Jägerin!

Vor ihr hatte man Respekt zu haben, wenn man ein Vampir war – und da spielte es keine Rolle, ob man sich kannte oder nicht!

Oder sich hatte für sie foltern lassen...

Als sie beobachtete, wie er sein Gesicht schmerzvoll verzog, sich mühsam und laut stöhnend am Stein hochhievte und dann etwas unsicher vor dem Grabmal stand und sich die Schulter hielt, tat es ihr fast leid, daß sie mit voller Wucht zugeschlagen hatte.

„Zum Teufel! Ich glaube, ich habe mir was gebrochen...“, fluchte Spike, während er langsam auf sie zuging und sich den rechten Arm hielt.

„Naja – vielleicht solltest du überlegen, *bevor* du sprichst, Spike. Aber das kann man ja von so einem Blödmann wie dir nicht erwarten...“, antwortete Buffy und zuckte die Achseln, bevor sie sich abwandte und betont gleichgültig in Richtung Ausgang weiterschlenderte.

Gerade wollte der blonde Vampir etwas erwidern, als er plötzlich von hinten herumgerissen wurde, eine klobige Faust in seinem Gesicht landete und er von dem Schlag nach hinten taumelte, sich nur mit Mühe auf den Beinen haltend.

Stöhnend hielt er sich die Nase, als er entdeckte, wer ihn da beim Wickel hatte.

Ein riesiger Vampir in Rockerkluft kam auf ihn zu, seine zotteligen Haare wehten um seinen Kopf, und die gelben Augen blickten böse auf Spike herab.

„Du Verräter! Was tust du hier mit der Jägerin!“, brüllte der Zwei-Meter-Dämon, während er erneut nach Spike griff, ihn hochhob und von sich wegschleuderte, daß der blonde Vampir krachend an den nächsten Grabstein knallte.

Durch den Krach aufmerksam geworden, hatte Buffy sich umgedreht und war, als sie die Situation überblickte, zurückgelaufen.

Nun stürzte sie sich mit einem gezielten Fußtritt auf den Rücken des großen Frischlings, der davon nur leicht nach vorne taumelte.

Sofort wandte sich der Vampir um und ging zum Angriff über.

Die Reichweite seiner Arme war wesentlich länger als die der Jägerin, und er traf sie mit einem Fausthieb im Gesicht, so daß nun Buffy taumelte und Mühe hatte, nicht hinzufallen.

Sie fing sich schnell und nahm Anlauf, landete im Sprung auf einem Bein, während sie das andere in seinen Bauch stieß, sich auf ihrem Standbein herumdrehte und noch einmal mit dem Fuß zutrat.

Der Kerl taumelte zwar, aber er blieb stehen, obwohl sie mit aller Kraft zugetreten hatte.

Erneut sprang sie auf ihn zu, stieß sich mit beiden Beinen von seinem Brustkorb ab und machte einen Salto, um wieder sicher auf ihren beiden Beinen zu landen.

Aber sie hatte nicht damit gerechnet, daß dieser wuchtige Kerl so schnell reagieren würde, denn mitten in ihrem Salto hielt er sie plötzlich am Kragen fest – und sie baumelte hilflos in der Luft wie ein Katzenkind im Maul seiner Mutter.

„Du kleines Ding willst die Jägerin sein?“, lachte der vierschrötige Kerl nun und schüttelte Buffy, die verzweifelt versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, kräftig hin und her, genüßlich seine augenblickliche Überlegenheit auskostend.

Plötzlich ließ er Buffy fallen – und drehte sich nach hinten.

Spike hatte sich wieder aufgerappelt und jetzt mit einem kräftigen Fußtritt den Koloß zum Wanken gebracht. Er stand vor dem verblüfften Vampir und grinste ihn an.

„Wer auch immer dich zum Vampir gemacht hat, muß ΄ne Leiter dazu benutzt haben, Kleiner. Aber wichtiger wäre eine Dusche für dich speckigen Stinker gewesen...“, stellte Spike fest und grinste zu seinem Widersacher hinauf.

Buffy hatte sich im Fallen umgedreht und zog jetzt einen Pflock aus ihrer Jackentasche.

„Ich werde dir gleich zeigen, was für ein ‚kleines Ding’ ich bin!“, rief sie und schoß auf den mit dem Rücken zu ihr stehenden, riesigen Vampir zu, den Pflock hocherhoben mit der Spitze zu ihm hin.

Aber der zottelhaarige Vampir wirbelte überraschend flink zu ihr herum und schlug ihr den Pflock aus der Hand.

„Du kannst ja noch nicht einmal deine Waffe benutzen, Kleine. Ist ja mitleiderregend – vielleicht  sollte ich dich verschonen!“, erwiderte er höhnisch und lachte heiser.

Buffy stand erstaunt da und sah ihrem Pflock hinterher, der irgendwo im Dunkel des Friedhofes landete.

Dann besann sie sich:

„Für dich brauche ich keine Waffe, du Riesenbaby!“, stieß sie hervor und hob ihre Fäuste.

Jetzt trat Spike von hinten an den Frischling heran und rammte ihm seinen linken Ellenbogen in die Hüfte, daß der sich laut aufstöhnend zusammenkrümmte – und sich von vorne Buffys gutgezielte Faustschläge einfing.

Zurücktaumelnd richtete sich der Riese wieder auf, ergriff den blonden Vampir beim Ausschnitt seines schwarzen T-Shirts und wirbelte ihn durch die Luft. Die Beine des zur Schleuder umfunktionierten blonden Vampirs trafen Buffy in die Seite, und sie taumelte von der Wucht zurück, während ihr Widersacher Spike über seinem Kopf herumschleuderte wie ein Lasso und ihn mittendrin losließ, so daß der – erneut eine Luftnummer abziehend – in einem hohen Bogen davonflog und mit dem Rücken an einen Baum krachte.

Lachend sah ihm der Riese hinterher – und beobachtete, wie Spike zu Asche zerfiel, als ein Ast sich in sein Herz bohrte.

Aber das sah Buffy alles nicht, denn jetzt wurde sie richtig sauer.

„Wer nicht hören will, muß fühlen!“, zischte sie wütend.

Schnell nahm sie Anlauf, rannte, während sie ihren Ersatzpflock aus der Tasche zog, auf den großen Vampir zu und stieß im Lauf den Pflock in das Herz des noch immer lachend dastehenden Vampirs, der mit einem Pfffffffft zu Staub zerfiel, ehe ihm sein Lachen im Halse steckenblieb.

„Habe ich es nicht gesagt? Jetzt hast du΄s gelernt, Cowboy!“, stieß sie atemlos hervor und sah grimmig auf das Aschehäufchen herab, das einmal ein großer, böser Vampir gewesen war.

Dann blickte sie sich nach Spike um.

Aber da war niemand.

„Spike?“, fragte sie unsicher.

Sie rief noch einmal seinen Namen, bekam aber keine Antwort.

„He, wenn du nicht sprechen kannst, dann stöhne wenigstens – das kannst du doch so gut!“

Sie horchte in die Nacht, aber da war nicht der geringste Laut, nicht die leiseste Bewegung.

Sich noch einmal den Kampf ins Gedächtnis zurückrufend, sah sie sich jetzt um. Ihr Blick blieb an dem Baum hängen, der nicht weit entfernt von ihr stand.

Da lag irgendetwas Glänzendes im Gras.

Buffy ging zögernd darauf zu, bückte sich und hob den Gegenstand auf.

Spikes Feuerzeug lag schwer in ihrer Hand. Es mußte ihm im Flug aus der Hosentasche gefallen sein – der Riese hatte ihn ja wie eine Bolakugel abgefeuert -,  und vor dem Baum war ein Häufchen grauer Asche, das vom leichten Wind langsam davongetragen wurde...

In halber Höhe des Baumstammes sah sie einen abgebrochenen Ast, der genau in ihre Richtung zeigte.

Buffy erstarrte.

Spike.

Nein, das konnte nicht sein.

Nicht auf diese Art, nicht als...

Unfall.

Ihr Herz tat einen Aussetzer, und der Schrecken schnürte ihr den Hals zu. Buffy versuchte zu schlucken, aber ihre auf einmal trockene Kehle schmerzte nur, als sie sich zusammenzog.

Ein dicker Kloß schien in ihrem Hals zu stecken, und sie spürte, wie Tränen in ihre Augen traten und begannen, ungehindert ihre Wangen hinunterzulaufen.

Sie versuchte gar nicht erst, die aufsteigenden Schluchzer zu unterdrücken. Mit gesenktem Kopf stand sie nur da, sah zu, wie dieses Aschehäufchen langsam immer kleiner wurde.

Der farblose Staub wirbelte leicht herum, kleine, durchscheinende Wölkchen in Spiralenform stoben auseinander, wenn ein Windstoß hineinfuhr, und die winzigen Staubpartikel lösten sich in Luft auf, verflüchtigten sich zu einem Nichts.

Langsam und stetig.

Noch immer hielt sie das Feuerzeug in ihrer geöffneten Hand, und als eine Träne darauffiel, schüttelte sie ein Schluchzer, der sich ihrer Kehle entrang.

„Spike.“, flüsterte sie kaum hörbar, und sie konnte sich noch immer nicht rühren.

Tausend Gedanken stürmten durch ihren Kopf, tausend Gefühle ließen sie erbeben.

Sie war wie gelähmt – und gleichzeitig maßlos erstaunt über ihre Reaktion, über diese Erstarrung, dieses grenzenlose Entsetzen, diese... Trauer, die sie ergriffen hatte und derer sie nicht mehr Herr zu werden schien.

Trauer? Um Spike?

Wie oft hatte sie ihm den Tod gewünscht, wie oft hatte sie ihn verflucht, ihm die Pest an den Hals gewünscht, hätte ihn und seine große Klappe zum Teufel gejagt, wenn es möglich gewesen wäre...

Und dort waren sie jetzt wahrscheinlich auch, die beiden.

Spike und seine große Klappe.

In der Hölle.

Aber nicht, weil sie es gewollt hatte...

Sie schluckte.

Ja, es war Trauer, was sie empfand, Verlust, ein undefinierbares Gefühl der Leere, das sie ganz und gar erfaßte, eine Leere, die mit nichts auszufüllen war.

Er war fort.

Einfach so. Ohne Abschied, ohne ein Wort, einfach nur weg – für immer.

Und sie stand hier, allein, fassungslos, traurig und... erstaunt.

Über sich selbst, über all die Gedanken, die ihr jetzt durch den Kopf wirbelten, über dieses unsägliche Gefühl des Verlustes, das sie empfand.

Wie von ferne, als wäre sie außerhalb ihres eigenen Körpers, sah sie sich selbst hier stehen. Sah die Tränen über ihr Gesicht laufen, sah, wie sie der davonwehenden Asche hinterherblickte, wie Schluchzer ihren Körper erbeben ließen, sah, wie sie mit hängenden Schultern hier stand, das schimmernde Feuerzeug in ihrer Hand, sie, Buffy, allein in der Dunkelheit.

Allein.

Plötzlich war sie allein.

Langsam hob sie den Kopf.

Dann drehte sie sich um und ging mechanisch zum Friedhofsausgang, noch immer das Feuerzeug in ihrer jetzt geschlossenen Hand haltend.

Sich nicht umblickend, betrat sie die Straße und schlug automatisch die Richtung zu Giles` Wohnung ein.

 

~*~*~*~*~*~*~*~*~

 

Da war ein harter Steinfußboden, kalt und glatt, auf dem er gerade schmerzhaft aufgeschlagen war. Seine Schulter tat noch immer höllisch weh – wahrscheinlich hatte er sich durch Buffys Katapultschlag sein Schlüsselbein gebrochen -, und er stöhnte auf, als er sich kurz bewegte.

Verdammt!

Dieses Riesenbaby von einem Frischling war wirklich ein harter Brocken!

Benommen schüttelte er den Kopf.

Und stutzte.

Irgendwie war es auf einmal zu ruhig, und plötzlich durchfuhr ihn ein Schreck.

Buffy!

Sofort flogen seine Augen auf – aber er schloß sie augenblicklich wieder, weil die Helligkeit um ihn herum schier unerträglich für seine empfindlichen Vampiraugen war.

Das war definitiv *nicht* der Friedhof!

Vorsichtig öffnete er nun erst ein Auge, blinzelte, um dann das andere zu öffnen, und mit schmalen Schlitzen sah er sich um.

Dies hier war eine Halle. Um ihn herum, unter ihm, über ihm war alles weiß gekachelt wie in einer altmodischen Badeanstalt. Nirgendwo war ein Fenster zu sehen, auch keine Tür – auch nicht hinter ihm, stellte er verwundert fest, als er den Kopf drehte.

Er lag in einem Raum ohne Zugang, in einem runden, hohen, hallenartigen Raum, in kaltes Weiß getaucht, mit glänzenden Fliesen an den Wänden, dem Fußboden, der fast nicht sichtbaren hohen Decke. Ein Licht kam von irgendwoher, das diesen Raum noch heller erscheinen ließ als er ohnehin schon war, und Spike lag hier mitten auf diesem Fußboden wie ein Fremdkörper in der steril wirkenden Umgebung.

Unter Stöhnen richtete er sich langsam auf.

„Buffy?“, fragte er in den leeren Raum hinein, schon im voraus wissend, daß er keine Antwort erhalten würde.

Seine Stimme hallte laut wider, und seine Ohren dröhnten fast vom Klang seiner Worte.

Wieder zuckte er zusammen.

Wo war er? Und wie, zum Teufel, war er hierhergelangt?

Und wo, verflucht nochmal, war Buffy?

Seufzend erhob er sich, und plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden.

Blitzschnell wirbelte er herum – und da stand auch jemand.

Der mickrige Kerl trug ein schwarzes T-Shirt, dunkelgraue Jeans, hatte platinblondes Haar und sah ihn ziemlich böse an.

Spike hob die linke Faust – sein rechter Arm hing nutzlos herunter – und drohte der Gestalt:

„He, du Spanner, wo kommst du denn auf einmal her!“, sagte seine hallende Stimme in den Raum hinein, und auch sein Gegenüber hatte die Faust erhoben und sah ihn drohend an, während seine Lippen sich bewegten.

Na, das war ja lustig!

Wollte dieser Kerl ihn etwa veräppeln? Das konnte er, Spike, doch viel besser!

„Du wasserstoffblondes Männchen willst *mir* drohen? Das wird dir schnell vergehen, Saftsack!“, stieß er mit drohender Stimme hervor und ging langsam auf den Kerl zu.

Und – eine Frechheit! – dieser Kerl kam jetzt auch auf ihn zu, noch immer die zur Faust geballte Hand erhoben und mit drohend zusammengezogenen Brauen.

Und da ging ihm ein Licht auf.

Oh, Mann, zur Hölle – dies da war... sein Spiegelbild!

Abrupt blieb Spike mitten in der Bewegung stehen – und, ja, auch der Kerl dort verharrte.

Und jetzt sah er auch diesen in die Kacheln integrierten Spiegel, der die Wand an dieser Seite bedeckte; die gewölbte Spiegelfläche ersetzte in diesem Teil des Raumes die Wand.

Ja, das Ding dort im Spiegel äffte all seine Bewegungen nach, als er jetzt – soweit das mit seiner Verletzung möglich war – die komischsten Verrenkungen vollführte.

Synchron und ohne die geringste Verzögerung zappelte dieser Kerl da vor ihm herum.

Als er genug von seiner Zappelei hatte, ging Spike nahe an den Spiegel heran und betrachtete eingehend sein Gesicht.

War *er* das?

So sah er also aus.

Kurzes, streng nach hinten gestrichenes, anliegendes blondes Haar, das so hell schimmerte, daß es fast schmerzte.

Blaue, wirklich blaue Augen, die ihn forschend anblickten, und als er jetzt lächelte, funkelten sie ihn schelmisch an. Sein Mund verzog sich, und er mußte plötzlich laut herauslachen, als er sah, wie sich seine Lippen komisch kräuselten.

Dann betrachtete er eingehend seine weißen, gleichmäßigen Zähne – und fuhr seine Vampirmaske aus.

Fast erschreckte ihn das, was er jetzt sah. Seine eben noch glatte Stirn war nun unförmig vorgewölbt, seine gerade Nase hatte einen Wulst, als würde sie an ihrer Wurzel zusammengezogen, und seine Zähne wuchsen aus dem Mund heraus, wurden zu spitzen, wirklich gefährlich aussehenden Reißzähnen.

Aber die überraschendste Wandlung hatten seine Augen vollzogen. Tief in ihren Höhlen liegend, blickten sie ihn eiskalt an, gelb und böse, ohne jede Regung.

Das leuchtende Blau seiner Augen war einem Monsterblick gewichen.

‚Wow!’, dachte er. ‚Das ist also William der Blutige!’, und stolz reckte er seinen Oberkörper und stellte sich mit durchgedrücktem Rücken in Pose.

Er ließ sein menschliches Antlitz wieder erscheinen, reckte sein Kinn nach oben und betrachtete mit Wohlgefallen – und unter höllischen Schmerzen – seine Gestalt.

Schlank und muskulös war er, nicht gerade eben ein Riese, aber auch kein Winzling – wie er im ersten Moment den Eindruck gehabt hatte, als er noch nicht gewußt hatte, wer da vor ihm stand. Er hob seinen linken – gesunden – Arm und betrachtete eingehend seinen angespannten Bizeps. Ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Nein, wirklich – er war ein gutaussehender Typ!

„Du bist ja ΄n heißer Feger, schöner Spike!“, entfuhr es ihm begeistert.

„Ja - schön blöd!“, antwortete ihm eine heisere Stimme.

Spike fuhr herum – über seinem Spiegelbild hatte er alles um sich herum vergessen gehabt – und hielt mitten in der Bewegung inne.

Da stand ein merkwürdig behaartes, dunkles Wesen, gebeugt und mit langen Armen, die ihm an den Seiten herunterhingen, als wären sie aus Gummi.

Der Kopf war riesig im Vergleich zu dem verkümmerten, buckligen Körper, und sein gesamter Leib war mit langen, gekräuselten Haaren bedeckt, durch die die ledrige, schrumpelige Haut  hindurchschimmerte. Seine gekrümmten Beine liefen in Hufen aus, und ein langer Schwanz mit einer dicken Quaste am Ende hing hinten bis auf den Boden herunter. An seiner Stirn waren Hörner, klein und nach hinten gebogen, und die rotglühenden Augen ohne jegliche Spur von Weiß sahen ihn böse an.

Sein vorgewölbtes Maul mit den gelbbraunen Reißzähnen wurde von einem Grinsen verzerrt, und seine Nase – wenn man es denn so nennen wollte – war schrumpelig und bestand nur aus zwei großen, feuchten Höhlen.

In seiner rechten, ebenfalls behaarten Kralle, hielt das Ding eine  kurze Peitsche, die es ungeduldig auf und abwippen ließ. Und es stank fürchterlich nach irgendwelcher Chemie.

Spike riß erstaunt die Augen auf.

Der Kerl war im Spiegel nicht zu sehen gewesen – und er drehte sich kurz herum, um es noch einmal zu überprüfen. Nein – nur er selbst war dort zu sehen.

‚Komisches Gefühl.’, dachte er flüchtig.

Alles umgekehrt...

„Wo kommst du häßliches Monster auf einmal her?“, fragte er laut und blitzte die Gestalt zornig an. Dieses Vieh hatte ihn in einem sehr privaten Moment überrascht, und irgendwie fühlte er sich ertappt und unwohl deswegen.

„Das tut nichts zur Sache, mein Schöner! Du fährst ab jetzt besser, wenn du dein vorlautes, eingebildetes Maul hältst!“, erwiderte das behaarte Ding mit vor Sarkasmus triefender Stimme, während es sich nach vorne beugte und Spike lauernd von unten her ansah.

„Ach ja? Du könntest mir ja wenigstens sagen, wo ich bin, Quasimodo. Und, nebenbei gesagt, der Trick mit dem Spiegel zieht bei mir nicht! Bin selbst über ein Jahrhundert lang spiegelbildlos gewesen als Untoter...“, erwiderte Spike hämisch grinsend.

Ratsch!

Ein Peitschenhieb fuhr auf den vorlauten Vampir nieder – und der war nicht von schlechten Eltern, wie Spike unter Schmerzen festellen mußte.

Sein Grinsen war ihm schnell vergangen.

Erstaunt blickte er auf seinen Brustkorb hinunter und stellte fest, daß sein T-Shirt einen Riß hatte, aus dem dickes Blut hervorquoll.

„He, was soll das? Warum kommt deine breiärschige Chefin nicht selbst, um mich zu foltern, Quasi? Aber es hat keinen Sinn – ich  werde nichts sagen!“, fauchte Spike wütend und ging auf das Wesen zu.

„Du hast es immer noch nicht geschnallt, William, oder?“, lachte jetzt dröhnend der Peitschentyp und richtete sich auf.

„Was geschnallt? Daß dein glorreiches Sahnetörtchen mich mit irgendeiner billigen Magie entführt hat? Oder daß du so häßlich bist, daß Quasimodo gegen dich jeden Schönheitswettbewerb gewinnen würde?“

Der blonde Vampir war jetzt direkt vor seinem Widersacher stehengeblieben und sah ihn herausfordernd an.

Der lachte immer noch, und sein gesamter Körper wackelte und bebte dabei.

„Oh, nein... nur, daß du tot bist!“, antwortete er außer Atem und kicherte weiter, sichtlich um Fassung ringend und sehr vergnügt.

„Das sagte ich bereits, Quasi. Na, das ist ja `ne Neuigkeit – seit fast hundertdreißig Jahren habe ich nicht bemerkt, daß ich tot bin – zur Hölle – was mache ich jetzt bloß?“, erwiderte Spike mit geheucheltem Entsetzen und hielt sich theatralisch die Hand an die Wange.

Kopfschüttelnd und noch immer grinsend erhob jetzt sein Gegenüber die Arme, hielt sie seitlich von sich ab, als hielte er etwas darin, und zwischen seinen Krallen erschien eine Art Projektion.

Spike konnte den Friedhof sehen, auf dem er gerade eben noch mit dem Frischling gekämpft hatte, und er konnte sich selbst sehen und wie ihn der Zwei-Meter-Kerl hochhob, herumschleuderte und losließ. Er konnte sehen, wie er gegen den Baum prallte – und wie sein Körper sich plötzlich in unzählige Staubpartikel auflöste.

Stille trat ein.

Die Projektion verschwand, und das Wesen ließ die Arme sinken und sah neugierig in das Gesicht des Vampirs, in dem sich sämtliche Gefühle widerspiegelten – von Entsetzen über Erstaunen und Unglauben bis hin zu Schmerz und Verlust.

Zur Hölle, das war so schnell passiert, daß er es gar nicht mitbekommen hatte! Er, Spike, William der Blutige, war bei einem Unfall seines Unlebens verlustig gegangen...

Nein, das konnte nicht sein!

Er schüttelte den Kopf.

Vielleicht war das wieder nur so eine Foltermethode dieser blöden Göttin. Aber da hatte dieses miese Styling-Opfer sich gewaltig geirrt – er würde nichts sagen, niemals, egal, was passierte!

„He, Quasi – und wieso bin ich nicht in der Hölle? Das hier ist definitiv nicht Lucifers Reich, eindeutig! Und wieso empfinde ich noch Schmerzen? Du kannst mir nichts vormachen!“

Wieder knallte die Peitsche auf Spike herab und traf dieses Mal sein Kinn.

Der Vampir zuckte vor Schmerzen zusammen und faßte sich an die getroffene Stelle, um festzustellen, daß dort ein tiefer Schnitt war, aus dem Blut hervortrat.

„Das hier ist die Zwischenwelt. Hier kommen die Toten hin, deren Verbleib nicht eindeutig geklärt ist! Und nenne mich gefälligst Bodo!“, ließ sein Gegenüber verlauten, dieses Mal sehr ungeduldig.

Spike stand nur da und rührte sich nicht. Er zeigte auch keine Reaktion auf das Gesagte, sondern stand nur unbeweglich mit gerunzelter Stirn da.

Was denn – sein  „Verbleib“ war nicht geklärt?

Das wurde ihm langsam zu bunt hier. Was sollte das alles?

Er war ein Vampir – und Vampire kommen in die Hölle! Mußte man sich jetzt auch noch bewerben, um dorthin zu gelangen?

Unmerklich schüttelte er den Kopf.

War er wirklich tot? Richtig tot? Nicht nur untot?

Tot, töter, am tötesten...

Er schluckte, und plötzlich fiel ihm sein letztes Gespräch mit Buffy wieder ein. Er hatte keine Zeit mehr gehabt, sich zu verabschieden, hatte ihr nichts mehr sagen können.

Aber was auch hätte er ihr sagen können?

Daß er sie liebte?

Das wußte sie – und  sie haßte ihn nur noch mehr dafür.

Tief in Gedanken versunken, hob er seinen rechten Arm und strich sich übers Haar, um sogleich vor Schmerzen zusammenzuzucken. Er hatte vergessen, daß sein Schlüsselbein gebrochen war...

Aber wie konnte es sein, daß er noch immer seinen Körper hatte, seine Verletzungen spürte, sein...

Oh.

Er hatte sein Spiegelbild sehen können.

Wieder schluckte er.

Oh, Mann – er  hoffte inständig, schnell aus diesem Alptraum aufzuwachen, aber als er jetzt den Kopf hob, blickte er in die rotglühenden Augen dieses Höllenwesens, das ihn jetzt hämisch angrinste.

Verdammt – hoffentlich hatte Buffy diesen Frischling zur Hölle geschickt...

Spike holte tief Luft.

„Und welche Rolle spielst du, BODO?“, fragte er, den Namen seines Gegenübers grotesk betonend.

„Oh – wie ich sehe, bist du ja schnell von Begriff, mein schöner Vampir. Ich bringe dich zu deiner Verhandlung im Vorzimmer zur Hölle. Und nun mach` schon!“

Bodo hob seinen Arm, und plötzlich wurde es dunkel, und Spike konnte spüren, wie er emporgehoben wurde – und  dann unsanft landete.

 

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