![]() Weihnachtsflüchtlinge „Es ist ungewiß, wo uns der Tod erwartet. Erwarten wir ihn überall!“
Montaigne
Prolog
Zärtlich strich sie ihrem neuen Kind das buntgefärbte, strähnige Haar aus dem Gesicht und wartete geduldig, bis es aufwachen würde. Dieses Mal würde sie ihre Puppe nicht verhungern oder verdursten lassen, das nahm sie sich fest vor. Sie summte vor sich hin, ihren Oberkörper leicht wiegend, während sie ihre Gedanken schweifen ließ, weit weg von diesem Ort und dieser lästigen, schmutzigen Stadt, die sie nie gemocht hatte, nicht einmal, als sie noch ein junges und aufstrebendes Städtchen gewesen war. In eine andere Zeit, die längst unwiderruflich vergangen war, in der es nicht so laut und voll gewesen war, in der die Bösen noch böse und die Guten noch gut gewesen waren, in der die Sterne noch richtig geleuchtet hatten und nicht nur, wenn ihnen danach war. Die Menschen waren zu Ameisen geworden, zu Tausendfüßlern, die die Erde beschmutzten, alles niedertrampelten und zunichte machten, die lärmten und die Welt mit ihrem Unrat füllten, daß man nirgendwo mehr hinfliehen konnte – lästige Biester, die nur noch herumwimmelten –, kaum, daß es an einem Ort davon nicht überflüssig viele gab, und sie dachte mit Grauen daran, daß diese Welt nun auch von Jägerinnen überquoll – statt der einen, die das Schicksal für ihre Art vorgesehen hatte, gab es Jägerinnen wie Sand am Meer. Buffy, dachte sie, Buffy war an allem schuld. Unbewußt stieß sie einen wütenden Zischlaut aus, und die Leiche neben ihr rührte sich ein wenig. „Scht. Du wirst noch früh genug erwachen, mein Kindchen. Und du wirst noch früh genug von der Ungerechtigkeit erfahren, die die Dämonenwelt auszulöschen droht. Du wirst noch früh genug davon erfahren, daß du allein das Gleichgewicht wiederherstellen kannst, mein Püppchen.“, flüsterte sie. Ja, sie würde ihr Kind ganz langsam auf seine Aufgabe vorbereiten, ihm schonend von Buffy erzählen, von ihrem geliebten Spike, den die Jägerin zerstört, vernichtet und kaputtgemacht hatte, lange bevor er wirklich zu Asche zerfallen war. Sie würde ihr alles beibringen, um eine Armee zu führen, eine Armee gegen die Macht der Jägerinnen, eine Armee mit Über-Superkräften, und sie würde sich für all das Ungemach rächen, das ihrer Spezies widerfahren war. Es erforderte zwar ein gewisses Maß an Disziplin, das zu tun, aber sie war sich sicher, diese aufbringen zu können. Sie würde die Spezies Mensch auf ein überschaubares Maß reduzieren, gerade groß genug, um ihre eigene Spezies ausreichend zu ernähren und ihr zu dienen. Drusilla lächelte in Vorfreude. Die Leiche neben ihr füllte sich langsam mit Leben. Mit Unleben, dachte sie zufrieden. Eine Jägerin, die als Vampir erwachte, stärker als alle anderen Vampire, stärker sowieso als jede Jägerin. Es war nicht leicht gewesen, eine zu finden, derer sie habhaft werden konnte, aber sie hatte Glück gehabt. Die unerfahrene Kleine war nicht aufmerksam genug gewesen, hatte sich von ein paar Bemerkungen ablenken lassen – das mußte sie ihr zuallererst austreiben! – und dann hatte Drusilla zugepackt, unerbittlich, ihr Ziel vor Augen, und sie hatte noch immer den überirdischen Geschmack des Jägerinnenblutes auf ihrer Zunge. Es war schwer gewesen, sich von ihr loszureißen und sie von sich selbst trinken zu lassen, aber sie hatte es geschafft. Der erste Schritt war getan, und sie setzte alle Hoffnungen auf dieses Kind, das gerade erwachte. Sie nahm Cindys Hand und lächelte sie an, als diese die braunen Augen aufschlug und verwirrt um sich blickte. „Was...?“, fragte sie, als sie Drusilla neben sich entdeckte. „Du bist jetzt meine Puppe, mein Kindchen. Du gehörst mir, mein Liebes, und ich werde dir eine ganz neue Welt offenbaren. Du wirst viel lernen müssen, aber keine Angst, das funkelnde Firmament wird uns helfen. Ich weiß es genau!“, säuselte die alte Vampirin, und ihre Miene erhellte sich in einem dämonischen Lächeln. „Lernen? Ich hasse die Schule, habe sie immer gehaßt. Ich habe Hunger und will nicht lernen, du verrottete Gruftschlampe! Laß mich in Ruhe!“, blaffte die gerade erwachte Vampirin, und Drusilla lachte auf. Diese Unartigkeiten würde sie ihr schon noch austreiben. Die Kleine stieß ihren – nun nicht mehr belustigten – Sire mit einem kräftigen Tritt von sich, daß dieser an die gegenüberliegende Wand flog und benommen liegenblieb, erstickt vor sich hinwimmernd. Dann stand das „Kind“ stampfend auf und verließ polternd und knurrend das Zimmer, während Drusilla noch immer dalag und unterdrückt jammerte, leise und stet, bis das Jammern zum Singsang wurde, sie mit einem Schleier des Vergessens tröstend, der immer undurchsichtiger wurde, je länger der Singsang anhielt. Als ihr einfiel, daß es keinen Spike mehr gab, der sie aufheben, trösten und auf Händen tragen würde, der ihre Wünsche erfüllte, noch bevor sie ausgesprochen waren, endete der so tröstliche Singsang abrupt. Drusilla hob den Kopf und lauschte angestrengt, ob sich etwas in ihrem Innern meldete. Aber keine der vertrauten Stimmen sprach zu ihr. Sie schüttelte entschlossen den Kopf. Nein, sie brauchte niemanden, und die schmerzlichen Erinnerungen mußte sie in die hintersten Gefilde ihres Bewußtseins verbannen, solange sie ein Kind auszubilden hatte. Das hier würde sie ganz allein schaffen, und nun hatte sie auch die Nerven, um die Wut auf ihr Kind hochkochen zu lassen. Einen Augenblick lang dachte sie daran, einen Pflock zu nehmen und sich ihres Kindes zu entledigen – die Kleine war genau ein Spiegel ihrer Zeit: grob, ungebildet, ohne jeden Stil, ohne Interessen oder gar Träume – und vor allem ohne Respekt. Sie würde wohl eine neue Jägerin für ihre Pläne finden müssen. Aber dann überlegte sie es sich anders und verließ den Raum, um ihr Kind suchen und bestrafen zu gehen. Ja, Schmerzen waren gute Lektionen für ungehorsame Kinder! Hätte sie gewußt, was ihr Kind tun würde, hätte sie nicht gezögert, es in Asche zu verwandeln. Aber der Mond und die klugen Sternenfreunde wurden in dieser Nacht von bösen Wolken verschlungen, die ihre Visionen in unheilvolle Schatten hüllten und dann einfach in den dunklen Nebeln ihres Bewußtseins versinken ließen.
1. Weihnachtsblues
Warum mußte es eigentlich immer das „After Midnight“ sein? Bloß weil dort neutraler Boden war? Blödsinn, dachte er, ist doch egal, wo man als Dämon oder als Mensch hinging, die Menschen waren sowieso zu doof, Dämonen auseinanderzuhalten, und Jägerinnen gab es selbst auf neutralem Boden – davon konnte er ein Lied singen. Außerdem störte es niemanden, wenn man sich „vermischte“, weder Dämonen noch Menschen, die an Dämonen gewöhnt waren – oder dämonophil. Gab’s sowas überhaupt? Er überlegte nur kurz. Klar – für alles fanden sich Süchtige... Die anderen kriegten das ohnehin alles nicht mit. Und die Polizei kümmerte es sowieso nicht, wo Dämonen waren – solange niemand Anzeige erstattete. Und hatte jemals ein Dämon einen Dämonen angezeigt? Ha! Der Tag, an dem *das* geschehen würde, war der Tag, an dem die Welt *wirklich* untergehen würde. Darauf würde er jede Wette eingehen. Trotzdem wunderte er sich immer wieder über sich selbst, daß ihn seine Schritte hierherlenkten, wenn ihm nach einem ungestörten Drink zumute war. Naja – *ein* Drink... Seit dem Abend waren’s wohl mehr als einer gewesen, und nun war es bereits Morgen, und er saß hier immer noch. Fest. Scheiß-Sonne. Aber immerhin war das hier der einzige Ort in ganz LA, an dem ihm keine kitschige Weihnachtsdekoration in die Augen stach und seine empfindlichen Ohren mit schrecklichen Schnulzen betäubt wurden. Mit Grausen dachte er an Harmony und ihren Weihnachtsbaum, aber den Gedanken daran schüttelte er lieber schnell ab. Seit sie diese Meute von Weltuntergangsreptilien aufgemischt hatten – gab’s da eigentlich eine besondere Spezies? –, war das Leben – oder besser das Unleben – längst nicht mehr so aufregend, dachte er. Es plätscherte einfach so dahin – hier mal ein Dämonennest, das ausgeräuchert werden mußte, dort mal eine Vampirversammlung, die böse Pläne schmiedete, die aufgedeckt und verhindert werden mußten oder auch mal eine vermißte Person, die gefunden werden mußte, aber alles in allem war es gleichbleibend ruhig. Und noch schlimmer als die Ruhe – Spike nannte es einfach Langeweile – war, daß sie nicht mehr den Etat von Wolfram & Hart nutzen konnten. Sie hatten keinen Fuhrpark, keinen Jet und keine Archive für Recherche mehr, sondern „residierten“ in diesem uralten Hotel – er hätte es „vermodern“ genannt, wenn Angel nicht so eigen mit diesem alten Kasten gewesen wäre –, das inzwischen schon so baufällig war, daß Angel den Nordflügel hatte sperren lassen. Argh. Und Lorne fehlte ihm auch, obwohl der ihm früher immer auf den Keks gegangen war. Aber der grüne Dämon mit den lustigen Hörnchen auf der Stirn hatte sie immer wieder aufgemuntert, wenn sie unten gewesen waren. Jetzt blieb ihm nur noch Sex mit Harmony oder die Sauftour. Okay, beides hatte seine Reize, aber er trauerte trotzdem den *besseren* Zeiten nach – zumindest dann, wenn ihm danach war. Und jetzt war ihm gerade danach. Der Barhocker wurde mit der Zeit ein wenig unbequem, und so griff sich Spike sein Glas und setzte sich an einen der polierten Holztische, die auch schon bessere Tage gesehen hatten. Naja, die gesamte Einrichtung der Bar hatte das wohl, mitsamt deren – um diese Zeit an einer Hand abzählbaren – Besuchern. Aber er mochte den Charme des alten, abgegriffenen Inventars, das zeigte, daß hier schon viele Generationen von Dämonen und Unterweltgestalten verkehrt und sich vergnügt hatten – jede auf ihre eigene Weise. Er hätte gerne eine eigene Bar im „Hyperion“ aufgemacht, aber Angel meinte, das würde nur ungeliebte Besucher und mit ihnen Ärger anlocken. Spike rollte mit den Augen. Wer wollte schon geliebte Besucher in seiner Bar, wenn man ungeliebte haben konnte und jede Nacht eine deftige Prügelei? Angel natürlich. Der Kerl hatte keine Ahnung, aber ihm gehörte das Hotel. Basta. Langsam gingen ihm die Argumente für seinen Verbleib in LA und bei Angel aus. Es war einfach nur noch die Gewohnheit. Okay, er hätte sich nach dem verhinderten Weltuntergang – dem wievielten eigentlich? – auch einfach verpissen können. Wahrscheinlich würde er das ja auch noch tun, später, aber zuerst einmal wollte er sich überlegen, was er mit seinem Unleben noch anderes anfangen könnte als das, was er gerade tat. Wenn er denn was tat. Vor allem – und das war wichtig! – mußte er wohl irgendwann möglichst weit weg von hier – oder besser von Angel –, um in dessen Dunstkreis nicht ganz zu versauern. Spike seufzte hörbar – aber glücklicherweise war die Bar ja so gut wie leer und niemand nahm Anstoß daran. Joe, der Barmann mit dem riesigen Schnurrbart, grinste, als sich ihre Blicke begegneten, aber wie immer sagte er nichts. Wenn wenigstens Illyria heute hier wäre, aber auf dieses blaue Ding konnte man sich nie verlassen. Immerhin war sie wesentlich unterhaltsamer als Angel – und vor allem hatte sie einen hervorragenden Sinn für Gewalttätigkeiten. Und sie war nie langweilig. Aber Blue hatte heute – ach nein, das war ja gestern gewesen! – keine Meinung gehabt, als er vorgeschlagen hatte, in die Bar zu gehen. Sie hatte irgendwas von Weihnachten gesagt und daß es kein guter Zeitpunkt sei, aber je länger er darüber nachdachte, desto unsicherer wurde er sich deswegen – das paßte so überhaupt nicht zu ihr. Als ob irgendeiner von ihnen sich jemals was aus Weihnachten gemacht hätte. Darum ging’s ja wohl nicht, oder? Hier ging’s um Freizeitgestaltung. Oder waren das als Weihnachtsferien getarnte Auszeiten? Hm. Hätte bloß noch gefehlt, daß Blue jetzt mit Harm gemeinsame Sache machte und vielleicht noch eine Weihnachtsparty ausrichtete. Das wäre endgültig ein Grund für ihn, die Zelte hier abzubrechen. Wahrscheinlich wäre es sowieso besser, sich vor dem neuen Jahr nicht mehr im Hyperion blicken zu lassen. Nur vorsichtshalber. Und natürlich wegen der wohlverdienten Weihnachtsferien. „Hattest du hier schon mal Weihnachtsferien?“, wandte sich Spike unvermittelt an Joe, der ihm einen weiteren Whisky auf den Tresen stellte, von dem der blonde Vampir ihn sich zu seinem Tisch holte. Joe verzog das Gesicht, als dächte er nach, die runden, schwarzen Augen auf die Decke gerichtet. Viele Worte waren ihm sowieso nicht zu entlocken, kaum daß er irgendeinem Gast mal die Frage danach stellte, was dieser wünsche – er wartete immer ab, bis die Bestellung von selbst kam. Jetzt, wo Joe so vor ihm stand, konnte sich Spike kaum an dessen Stimme erinnern. „Nicht seit 1926.“, sagte der Barmann mit knarziger Stimme und drehte sich zu seinem Schnapsregal um. Das Gespräch war beendet. Wieder seufzte Spike – so genau hatte er’s nun auch wieder nicht wissen wollen... Mit einer Unterhaltung würde es wohl nichts werden. Nicht mehr heute, und immerhin hatte er einen ganzen Tag zu überbrücken, bis er das „After Midnight“ wieder verlassen konnte. Wenn er nicht die Kanalisation nehmen wollte – und ihm war heute überhaupt nicht nach Gestank und Feuchtigkeit. Okay, dann blieb nur eins: Trübsal blasen. Viel Auswahl an Gefährten gab es für ihn sowieso nicht mehr. Schmerzlich vermißte er Wesley, der am Ende als tapferer Trauerkloß gestorben war – seine Klugheit und die Art, wie er Fälle anging, fehlten ihm – und sein Einfallsreichtum, wenn es um Fallen und Waffen für bestimmte Dämonen ging –, und er vermißte Gunn, der immer so selbstverständlich dagewesen war, daß Spike seine Abwesenheit erst bemerkt hatte, als er begann, ihn für nützlich zu halten. Der Kerl war so wunderbar direkt gewesen, und er hatte eine eigene Meinung gehabt – sehr lobenswert bei einem Menschen. Und er hatte Mut besessen. Schade, daß er es am Ende nicht geschafft hatte. Blieb nur noch Harmony, aber die war, außer im Bett, zu nichts zu gebrauchen. Er fragte sich sowieso, warum die Frau zurückgekommen war, immerhin hatte sie Angel belogen und betrogen, aber er vermutete, daß sie einfach unfähig war, ihr Unleben zu führen, ohne daß ihr jemand sagte, wo’s langgeht. Und Angel schien genau der Richtige dafür zu sein, das zu tun. Als sich die Außentür öffnete, hob Spike den Kopf. Und staunte nicht schlecht, als ein Weihnachtsmann hereintrat. Na wunderbar – jetzt ließen sich schon Dämonen darauf ein, für Menschen den Weihnachtsmann zu spielen. Wie tief würde diese Welt noch sinken? Fyarls als Rentiere? Vampire als Elfen und Feen? Höllengötter als Rauschegoldengel? Er schüttelte den Kopf und bestellte noch einen Whisky, als er erstaunt feststellte, daß sich die wandelnde Weihnachtsdekoration an seinen Tisch setzte – natürlich ohne ihn zu fragen! „He – die ganze verdammte Kneipe ist leer! Wieso suchst du dir nicht einen eigenen Tisch, Santa!“, protestierte der blonde Vampir, der gerade erst Gefallen daran gefunden hatte, sich ausgiebig seinem Weihnachtsblues zu widmen – und zwar allein! –, aber der Mann im roten Mantel brummte ein unbeeindrucktes „Der Drink von Blondie hier geht auf mich – und ein Glas Milch, bitte“ und grinste ihn breit an, woraufhin sich Spikes Zornesfalten wieder glätteten. „Du kannst Klaus zu mir sagen.“, fügte der Mann hinzu. weiter Geschichten |