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![]() Zu viel Zeit Xander lässt seine
Reisetasche neben sich fallen, als er sich mit dem Rücken an die Tür lehnt. Das
Auge geschlossen hört er durch das schwere Holz und die dick gemauerten Wände
nur noch gedämpfte Geräusche aus dem Flur und dem Wohnzimmer. Das Dröhnen des Fluges und des Flughafens, das beständige Geschnatter der vier neuen Jägerinnen, die er bis hierher begleitet hat, ja sogar der eigentlich so willkommene Willow-Monolog, der begonnen hat, als sie sich hinter dem Zoll in die Arme schlossen und erst vor wenigen Momenten endete, all das ebbt langsam ab und hinterlässt in seinem Kopf ein nicht unangenehmes Gefühl der Betäubung. Er riecht, dass Willow ihm frische Blumen auf den Schreibtisch gestellt hat, kann aber nicht sagen, welche genau. Er spürt den leisen Luftzug des angelehnten Fensters und bildet sich ein, sogar das leichte Flattern der dünnen Vorhänge hören zu können. Draußen zirpen Grillen. Als Xander sich zwingt, die
Lider wieder zu öffnen, ist er dankbar, dass das warme Licht ihn nicht blinzeln
lässt. Dennoch tränt sein rechtes Auge von der Anstrengung des Tages und um
sein Glasauge beginnt es, unangenehm zu brennen. Drei Schritte bis zur Couch,
schätzt er automatisch. Er greift also nach seiner
Tasche, stellt sie auf das lederne Sofa in der Mitte des Raumes und öffnet den
Reißverschluss. Wie immer liegen die Sachen oben, an die er erst in letzter
Minute noch gedacht hat. Die dunkelblaue Krawatte für
seinen neuen braunen Anzug, weil er den schwarzen nicht mehr sehen kann. Der warme Schal, den Buffy
ihm für Wills in die Hand gedrückt hat, ‚weil orange und rosé einfach totale
Willow-Farben sind und es in Irland doch eh immer schweinekalt ist’. Oh, Andrew hatte ihm wohl
noch Wollsocken eingepackt. Und eine Seven of Nine Action Figur und den neuen
Jim Butcher. Xander schiebt die Sachen
auf die Suche nach seiner Kulturtasche beiseite, wird fündig und macht die paar
Schritte zum Bad. Mit inzwischen beiläufiger
Gewohnheit packt er die Kleinigkeiten aus, die er nicht ohnehin hier hat, und
stellt zuletzt das kleine Kästchen auf das Sims vor dem Spiegel. Er sieht nach oben an die
Badezimmerdecke - kein Stuck hier, wie in den großen Wohnräumen, sondern nur
schlicht dunkelgrün gestrichen mit einer ovalen Lampe in der Mitte, deren Kabel
er auch sauberer hätte verkleiden können. Mit dem Daumen schiebt er sein linkes
Unterlid soweit nach unten, dass er mit dem Zeigefinger unter die Prothese
fassen und sie herausnehmen kann. Sein gesundes Auge sieht nun seinen Händen
dabei zu, wie sie die glatte Oberfläche unter lauwarmem Wasser reinigen und das
asymmetrische Glas in das kleine Kästchen gleiten lassen. Er dreht den Hahn auf
kalt und hält sich dann ein nasses Tuch kühlend über die geschwollenen Lider,
bevor er zur Augenklappe greift. Er schließt das Fenster im
Schlafzimmer und verbannt damit den Luftzug und die Grillen aus dem Raum, bevor
er mit dem Auspacken beginnt. Der Jim Butcher landet in
dem kleinen Schränkchen neben dem Sofa, und als Xander die einzige Schublade
öffnet, wundert es ihn kaum, dass Spike wieder seine Cadburys Schokolade
aufgegessen und nur das violette Papier zurückgelassen hat. Er wusste von
Anfang an, dass nicht nur der Großbildschirmfernseher ausschlaggebend dafür
gewesen ist, dass der blonde Vampir Xanders Zimmer zum Übernachten nutzt, jedes
Mal, wenn er bei Willow zu Besuch ist. Xander schüttelt also nur den Kopf,
wirft das Papier weg und legt neue, gerade im Duty Free gekaufte Tafeln in die
Lade. Ein Bild von Anya steht oben
auf dem glattpolierten Holz, und wie jedes Mal, greift er danach und lässt sich
auf das Sofa fallen. Mit dem Zeigefinger zeichnet
er ihre Züge nach - die scharfen, fast maskulin geschnittenen Wangen und das
Kinn, ihre vollen Lippen mit dem spitzbübischen Lächeln, die kleinen Grübchen
um ihre Nase und die eine, kaum merklich nach oben gezogene Braue. Er berührt
ihre kastanienfarbenen Haare, fährt wieder über die widerspenstige Strähne, die
nicht hinter ihrem Ohr bleiben will, und streicht sie für sie weg, bevor er zu
ihren Augen zurückkehrt. „Wusstest du,“, sagt er,
„dass es einen Whisky gibt, der genau die Farbe deiner Augen hat?“ Er legt sich
seitwärts auf das Sofa und schmunzelt. „Talisker heißt er und ist
aus den Highlands. Schmeckt nach Honig und Sherry – aber ich schätze, man lebt
nicht 1142 Jahre, ohne auch jeden schottischen Whisky probiert zu haben, oder?
Ich bleibe bei gutem amerikanischem Bier, wenn ich die Wahl habe, aber Wesley
hatte die Flasche ohnehin offen, also konnte ich genauso gut probieren, nicht
wahr?“ Er reibt sich das rechte Auge und gähnt. „Gott, ich bin so müde. Man
sollte meinen, dass man als Mitglied der Scoobies Anrecht auf geregelte
Arbeitszeit hat, aber irgendwer musste ja die Mädels babysitten, wo Andy mit
der Verrückten voll und ganz beschäftigt ist. Und vorher...“ Einen Moment lang sieht er
sie nur schweigend an, dann spricht er, um einen leichten Tonfall bemüht,
weiter: „Wills war in Asien wegen dieser Ratszweigstelle und Giles hatte sich
hinter Büchern verschanzt, um die Sorge der Woche des Hexenzirkels in Westbury
zu lösen. Dawnie hat noch Schule und Buffy war gerade auf dem Weg, Faith im
Schwarzwald mit ihrem Trollproblem beizustehen. Alle waren wirklich
beschäftigt, weißt du.“ Er presst die Lippen
zusammen und sieht sie nicht mehr an, als er fortfährt: „Wir sind alle zu
beschäftigt, um zu den Beerdigungen unserer Freunde zu gehen.“ Er atmet einmal tief ein und
steht dann wieder auf. Ihr Bild auf die Kommode zurückstellend, packt er weiter
seine Sachen aus. Sorgfältig hängt er den neuen Anzug auf und legt die Krawatte
mit über den Bügel. Er streicht zwei Hosen glatt und schüttelt erneut den Kopf,
als er sie in den Schrank legen will. Spike hat seine wie immer
komplett schwarze Reisegarderobe wieder in das Fach gelegt, an das man am
bequemsten herankommt. Xander will sie gerade eine Etage höher packen, besinnt
sich dann aber seiner paar Zentimeter mehr an Körpergröße und legt also seine
eigenen Sachen nach oben. „Die Flughäfen in Afrika
sind echt das letzte.“, sagt er im Plauderton, ohne sich wieder zu der Kommode
umzudrehen. „Ich wette 100 Dollar darauf, dass Ethan Rayne seine Finger da im
Spiel hat. Das Chaos nimmt da Ausmaße an, die kein normaler Mensch für möglich
halten würde. Ich könnte schwören, dass Andy mein Ticket verhext hat, denn ich
bin weder abgestürzt, noch verschollen und mein Flug hatte sogar kaum
Verspätung – und damit hätte ich echt nicht gerechnet, als als allererstes so’n
Typ vor mir in der Schlange fast den Zollbeamten erwürgt hätte, weil der ihm
seinen Leguan wegnehmen wollte. Ich weiß nicht mal, ob das wirklich eine
Eidechse war, kann auch eine kleine Dämonenart gewesen sein... Wie auch immer,“
er räumt weitere Sachen aus der Tasche. „Ich bin pünktlich in L.A.
gelandet, und du wirst es nicht glauben, Spike hat mich vom Flughafen abgeholt
und sogar zum Hotel eskortiert. Er meinte, er habe von Angel die Nachtschicht
übernommen, damit der - - -. L.A. hat nicht so viele
Friedhöfe wie Sunnydale, schätze ich, obwohl die Stadt doch so viel größer ist.
Und trotzdem kennt man die dreiundvierzig irgendwann so gut wie das Espresso
Pump und besser als den Unicampus. Wie den eigenen Vorgarten. Nur ohne die
Bierflaschen von Onkel Rory. – Ein schöner Friedhof, den Angel ausgewählt hat,
mit Rosenbüschen und breiten hellen Kieswegen und alten Bäumen. Die blonde
Nervensäge hat mich tatsächlich auch bis zum Tor gebracht, muss irgend so ein
Beschützerinstinkt von beseelten Großstadtvampiren sein, der ihn antreibt. Ich gehe also die letzten
Schritte alleine, und das erste Mal seit sieben Jahren ist plötzlich der
Friedhof nicht mehr unser Arbeitsplatz, sondern wieder eine Begräbnisstätte bei
Nacht. Ich hatte das Gefühl, dass mein Anzug schlecht sitzt, so wie in der
Kirche am Sonntag, als ich klein war, und meine Blumen kamen mir so schäbig
vor, dass ich sie fast in die nächste Hecke geworfen hätte. Und du warst nicht
da, um mir die Krawatte zurecht zu rücken und an dem Strauß herumzuzupfen. Und dann am Grab in der
Abenddämmerung nur Angels Leute und Cordys Eltern und ich als Botschafter aus
Sunnydale.“ Er nimmt Bücher und DVDs aus
seiner Tasche, beginnt, Spikes Ordnung um den Fernseher herum wieder in die
seine zu verwandeln und erzählt dabei weiter: „Ich hatte befürchtet, dass Angel
sich wie ein Platzhirsch aufführen würde, du weißt schon, wegen Buffys
Misstrauensvotum und weil dann ausgerechnet auch noch ich dort hinkomme. Aber ich glaube, Angel hat
überhaupt nicht mitbekommen, dass irgendjemand da war. Er stand nur völlig
bewegungslos vor ihrem Grab während der ganzen Zeremonie und auch danach. An
seiner Seite standen Wesley und Gunn wie zwei erste Offiziere in schwarzen
Anzügen und Mänteln, Wes hatte Fred im Arm und ein bisschen im Abseits wartete
auch dieser grüne Dämon, der für Angel arbeitet. Ein ganz familiärer Kreis
also. Als der Priester von
Opfermut und Heldentum gesprochen hat, hätte ich ihn fast umgebracht. Als wäre er in ‚Star Ship Troopers’. - Das
war doch nicht Cordy.“ Er lässt die letzten DVDs
vorerst ungeordnet liegen, um sich wieder auf das Sofa, zu dem Bild zu setzen. „Weißt du noch, als wir sie
und Wes besucht haben, als sie gerade mit Gunn zusammen ihr eigenes Büro aufgemacht
hatten? Cordy hat uns mit einer Schimpftirade empfangen, die Roseanne hätte
ehrfurchtsvoll staunen lassen. Weshalb ich mich nie melden würde, warum sie
keine Rundbriefe aus Sunnydale kriegte, wie ich mich mit so einem hässlichen
Hemd in ihre Stadt trauen würde, und wieso wir überhaupt da wären. Und als du
geantwortet hast, dass ich Bücher für Giles borgen und du Schuhe kaufen
wolltest, hat sie von einer Sekunde auf die nächste gestrahlt, sich bei dir
eingehakt und mich stundenlang mit dem Ex-Wächter alleingelassen. Und als du
abends Wesley unter den Tisch getrunken hattest, hat sie uns nebenbei vor zwei
Möchtegern-Draculas gerettet mit ihrer Handtaschenaxt. Das war Cordy. Oder?“ Die Stille, die eintritt,
wenn er nicht mehr spricht, plötzlich nicht mehr ertragend, steht Xander auf
und holt Spikes Jim Beam Flasche aus dem Schreibtisch. Nachdem er sich ein Glas
eingegossen hat, öffnet er das Fenster wieder und starrt in die Nacht. Die
große Eiche, die unmittelbar vor seinem Zimmer wächst, hebt sich mit ihrer
Krone wie ein schwarzer Scherenschnitt vom graublauen Himmel ab. Xander
versucht, die verschiedenen Stimmen der Grillen unterscheiden zu können und
zählt sieben. „Ich glaube,“, sagt er dann
schließlich, „er hat Cordy geliebt.“ Er nimmt einen weiteren Schluck Whisky. „Nicht, dass man ihm das
hätte anmerken können, wo er doch nur den einen Gesichtsausdruck hat und der
sieht eh tagtäglich aus wie auf einer Beerdigung -“ Erneut versucht er, die
Bitterkeit aus seiner Stimme mit dem herben Alkoholgeschmack wegzuspülen.
Obwohl das Glas gar kein Eis enthält, drückt er sich automatisch das glatte
Gefäß an die Stirn. „Gott, es war schrecklich.“,
sagt er dann leise. „Ich bin auf der Beerdigung meiner ersten Freundin,
zusammen mit ihren weinenden Eltern und den Leuten, mit denen sie die letzten
fünf Jahre zusammen gelebt hat und ich spüre kein Mitgefühl für die Chases oder
Angel, obwohl der aussieht, als habe er seine gesamte Familie verloren.“ Er lässt den Whisky im Glas
rollen und massiert seine Schläfe mit zwei Fingern, bis er feststellt , dass
die plötzlichen Kopfschmerzen daher kommen, dass er die Zähne so fest
aufeinander gepresst hat. Er dreht sich halb um, besinnt sich eines besseren
und spricht weiter mit der Dunkelheit, statt mit einem leeren Raum: „Trauer und Mitgefühl, das
ist doch das, was man bei so einem Anlass empfindet, richtig? Aber nein, nicht
Xander Harris. Weißt du, was ich gedacht habe, als ich da an Cordys Grab stand? Ich war neidisch, dass Angel
und seine Leute sie fünf Jahre länger hatten als ich, und ich kann nicht
fassen, dass ich so dumm war, sie nicht wenigstens zwischendurch anzurufen und
mich von ihr beleidigen zu lassen. Ich war neidisch, dass sie
sich an den Gedanken, dass sie sterben würde, gewöhnen durften und hatte keine
Ahnung, wieso ich sie kein einziges Mal besucht habe in dieser Zeit. Ich war neidisch, dass sie
trauern konnten, ohne sich so plötzlich bewusst zu werden, soviel verpasst und
nicht getan zu haben. Ich war neidisch, dass sie
Cordy überhaupt beerdigen konnten. Auf einem Friedhof mit Rosensträuchern und
kalifornischer Sonne und mit einem Grabstein mit ihrem Namen darauf und einem
Gedicht, das Angel ausgesucht hat, während du - - -.“ Die Nachtluft erscheint ihm
plötzlich beißend kalt in seinem Gesicht und zwingt scharfe Tränen aus seinem
Auge. Sein Hals brennt von dem rauen Whiskygeschmack und schmerzt bei jedem der
tiefen Atemzüge, die er jetzt macht, die ihn doch eigentlich beruhigen sollten.
Er räuspert sich, noch
einmal, und zwinkert mehrfach ohne Erfolg, dann schüttet er den Rest der
goldenen Flüssigkeit auf den Rasen und schließt das Fenster. Schweigend zieht er sich
aus, faltet die Hose, das T-Shirt, den Pullover sorgfältig zusammen, schließt
die Lider und atmet tief durch, wirft seine Wäsche in den geflochtenen
Wäschekorb im Schrank, legt die Augenklappe auf den Schreibtisch. Die Fliesen im Badezimmer
sind kalt unter seinen nackten Füßen und er verbrüht sich fast an dem Strahl
heißen Wassers, der aus dem Duschkopf kommt, bevor er die Temperatur regulieren
kann. Er stemmt beide Hände an die
gekachelte Wand und lässt sich das Wasser über Kopf und Rücken strömen, leise
seufzend über die Entspannung, die die Wärme seinen verkrampften Schultern
bringt und froh darum, nicht zu wissen, wie viele Tränen vom Wasser weggespült
werden. Bei dem erneuten Versuch,
tief durchzuatmen, schluckt er Wasser und muss husten, um es wieder aus seiner
Lunge herauszubekommen. Er wäscht sich die Haare und
greift statt zur Seife zu Spikes Duschgel, das jetzt pur nach Old Spice riecht,
ohne mit Tabak- und Vampirgeruch vermischt zu sein. Um kein Shampoo ins Auge zu
bekommen, legt er den Kopf weit in den Nacken und lässt das Wasser die Seife
aus seinem Haar spülen. Er bleibt so stehen – um sich nicht bewegen zu müssen,
nichts zu sehen, nichts zu hören, außer dem Rauschen in seinen Ohren, nichts
denken zu müssen. Als das Wasser jäh kälter
wird, will er sich eigentlich immer noch nicht von der Stelle rühren, bis seine
Schläfen von dem eisigen Strom stechend schmerzen und er am ganzen Körper
zittert. Also schüttelt er notdürftig
die gröbste Nässe aus seinen sich lockenden Haaren und tropft den
Badezimmerfußboden voll. Die Arme fröstelnd um sich
geschlungen, sieht er sich nach seinem Bademantel um, den er schließlich an der
Tür ortet. Er legt ihn um seine
Schultern und rubbelt sich mit einem Tuch das Haar trocken, während er den Mann
im Spiegel betrachtet, der wegen der fehlenden Dreidimensionalität so real
aussieht, wie sein Doppelgänger damals, nur dass ihm das falsche Auge fehlt. Als er zurück in sein
Schlafzimmer geht, entdeckt er in den Taschen seines Bademantels ein Päckchen
Zigaretten, und unwillkürlich verzieht sich sein Mund zu einem halb
spöttischen, halb nachsichtigen Schmunzeln, als er sich Spike in seinem zu
großen Morgenmantel vorstellt. Er kämmt sich die Haare und
als er nach seiner Augenklappe greift, bemerkt er, dass in der Zwischenzeit
jemand auf seinem Mobiltelefon angerufen hat. Während er sich ein paar frische
Boxershorts, Hosen und Wollsocken anzieht, hört er seine Mailbox ab. „Hi Xan, hier ist Dawn. Ich
wollte nur nachfragen, ob ihr gut gelandet seid und dich die Mädels in einem
Stück gelassen haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Jägerinnen ziemliche
Miststücke sein können. Hm, schade, dass ich dich nicht erreiche, ich wollte
dir erzählen, wie super mein Referat in Geschichte gelaufen ist und außerdem
habe ich den neuen ... Film gesehen. Den musst du dir unbedingt angucken! –
Jaaaa, Buffy, ich weiß, Handytelefonate sind teuer. – Blablabla, sie ist
schlimmer als Mom, oder? Oh, ja, Buffy ist heil zurück aus Deutschland, hat
sich bei der Trollpatrouille nur die dunkelgrüne Lederhose ruiniert und jammert
darüber seit Tagen. – Was? Ja. Ja, ich komme sofort. – Mein persönlicher Duce
ruft zum Essen und lässt dir Grüße ausrichten, ich muss Schluss machen.
Übrigens, ich habe eine irre tolle Wohnung für dich gesehen und sogar Buffy
kann sich mittlerweile auf Italienisch verständigen ohne ständig nur Pizza zu
bestellen. Grüß Willow, und wenn’s sein muss auch Kenn. Ruf mich an, hab dich
lieb, ciao!“ Als sei er es gewesen, der
so schnell gesprochen hat, dass keine Zeit zum Atmen blieb, holt er tief Luft
und lächelt einen Moment lang das winzige Telefon an. Er greift sich ein schwarzes
T-Shirt aus dem mittleren Schrankfach und streift sich seine Augenklappe über.
Er sortiert die letzten Sachen weg, hängt den Bademantel zurück an die Tür,
beschließt, Seven of Nine auf das Kaminsims zu stellen. Und bleibt mit der kleinen
Plastikfigur in der erhobenen Hand davor stehen. Zwischen den zwei kleinen
Lederbänden und dem mattsilbernen Kerzenständer steht ein Bilderrahmen. In
schlichtes Holz gefasst sehen ihn Anya und Cordy lächelnd an. ‚Wir hätten Schwestern
werden sollen, An.’ – ‚Hm, ja, die Männer hätten keine Chance gehabt. - Aber meinen
Schmuck hätte ich dir nicht geliehen.’ Cordy hatte vor Lachen Tränen in den
Augen gehabt und nur noch lauter gekichert, als Anya vernünftig einlenkte ‚Na
gut, aber er sähe eh besser aus an mir.’ Wesley hatte Xander ein
Schuljungengrinsen zugeworfen und auf den Auslöser von Cordys Fotoapparat
gedrückt. Lange, dunkle Locken wellen
sich um Cordelias Züge und sie hat die im Augenblick blonde Anya mit einem Arm
um die Hüfte an sich gezogen. Beide tragen schwarze Kleider, von denen Wes und
Xander sich erst hatten erklären lassen müssen, wieso sie ganz und gar nicht
identisch sind, und sehen schon ein bisschen beschwipst aus. Anyas Augen sagen
deutlich wie immer, dass sie etwas im Schilde führt, während Cordy ihren Kopf
ein wenig in den Nacken geworfen hat und nur einen Hauch subtiler in die Kamera
schaut. Xanders nicht mehr ganz
klarer Blick fällt auf den kleinen Zettel neben der Fotographie. ‚Hoffe, dir
gefällt der Rahmen.’ steht mit etwas altmodisch geschwungenen Buchstaben
darauf. Es klopft, abwesend und mechanisch
brummt Xander so etwas wie „Ja.“, ohne sich vom Kaminsims abzuwenden. Leise, vom Teppich gedämpfte
Schritte und Willows schlanker Arm gleitet von hinten um Xanders Schulter. Ihre
zierlichen Finger streicheln über sein Schulterblatt, und sie sagt leise: „Er hat Angel beim Ausräumen
geholfen und es dabei gefunden. Ich wusste nicht, dass er es für dich
mitgenommen hat.“ Xander nickt unbestimmt und
stumm. „Es tut mir leid, dass ich
nicht mitkommen konnte.“, meint sie sanft. „Ist sie – hat es – wie war es?“,
stottert sie, plötzlich wieder das unsichere Mädchen. Er dreht sich zu ihr um,
öffnet den Mund, schließt ihn wieder und zuckt mit den Schultern. Er versucht
ein Lächeln: „Wir verbringen alle viel zu viel Zeit auf Friedhöfen, findest du
nicht?“ Ihre Augen weiten sich, bis
sie ganz rund sind, sie legt den Kopf ein bisschen auf die Seite und imitiert
seine hilflose Geste, dann umarmt sie ihn. „Ja, wir sollten das bleiben
lassen, in Zukunft.“, sagt sie mit der gleichen um Humor ringenden Tapferkeit
und etwas atemloser Stimme, weil er sich so fest an sich drückt. Als er sie schließlich
loslässt, sagt er ruhig: „Ich mag diese altmodischen Holzrahmen, weißt du? Ich
glaube, ich mache ein paar davon für unsere Fotos, was meinst du?“ Sie lächelt ihn an: „Es ist
so praktisch, einen Handwerker in der Familie zu haben. – Komm, lass uns den
virtuellen Bilder-Schuhkarton rausholen.“ Willows Hand ergreifend,
wirft Xander noch einen Blick auf das Bild über dem Kamin und verlässt mit
ihr den Raum. Wissend, dass ihm zwei lächelnde Augenpaare folgen. ~*~Ende~*~ |